Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 82 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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RatimlzeitW Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Redaktion: IX/1. Wasagassr 91. Leteph»» 9t*. 14799. ftn Wochentagen von io bi» is Uhr vorm. Postadreffor „Statt»»aliettm»g". «io« TXIU feMtMtöc« wegen verspäteter oder S«.nt»tttfolgter Zu. stellung erbitten wir^un« d^,n»d^^M<m«ftri-1* werde« Postsparkaffenionto »70»?. In da» Abonnement kann man täglich eintreten. Grfchrinl jede« Dienstaß und Freitag Ei-ret,« einer Sqirtöt.—gersttasefrer m»d «tzrstrdattenr: Iflhil Kransj. Inserate übernehmen di» Zirmen: I. vann«d»rg, M. Dato Nachfolger, yaafenstrin 4 Vogler, Rudolf Moffe, M. pmsonfi, A. Schalet in Wien, ferner alle Annoncenexpeditionen jm Ausland». Einzelnummer in Wien 15 Heller. Administration: IX/1, Wafagastv 31. rettptze» M«. 1479«. Kü, »1e««.ve»«nwich. N»g«m ^Eankoinstellnng: »a»d.gifa«te««»Ia«dr . Tanzjährlich . . . K 15.12 | entsprech. Prei» de» «uzei««,: Die »mal grspalt.Ronpareille» -eile oder deren Raum iS d. ,,Ei»g«se»det«^ die »spal. 9. -- tine Ronpareillezeile 60 b. Bei mehrmaligen Aufträgen sprechender Rabatt. «erschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmibt, Men I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Men I., Jakoberg. 7. Pr. 82. Wir«, Freitag de« 2S. November 1906 (6. Kislev 5667). VIII. Jahrgang. Zangmills jüngste Kundgebung. Am 12. d. M. veranstalteten die Territorialisten von Manchester ein Massenmeeting. Der große Saal der „Talmud-Thora" war überfüllt. An diese Versammlung richtete der Führer Jto, Israel Zangwill ein Schreiben, welches wir in deutscher Übersetzung hier wiedergeben. „Seit dem Tode Belishas wende ich mich heute zum erstenmal an die Territorialisten von Manchester. Ich sühle mich daher gedrängt, meinem tiefsten Schmerze Ausdruck zu verleihen über den Verlust, den wir und andere Organisationen durch den Heimgang dieses vortrefflichen und energischen Mannes erlitten haben. Die Lieblinge der Götter sterben in ihrer Jugend, und Belisha hat seinen jugendlichen Eifer, seine jugendliche Arbeitskraft bis an sein Lebensende -sich bewahrt. In" dieser ihm eigen gewesenen ewigen Jugend war auch der Grund gelegen, weshalb wir beide miteinander übereinstimmten. Seine Bemerkungen über ein alljüdisches Parlament im Golus oder über die Erreichung eines Territoriums, dessen autonomen Rechte schon durch das Erscheinen auch nur eines einzigen Juden auf demselben gefestigt erscheinen würden — schon diese Bemerkungen allein waren geeignet, in uns die lebhafteste Zuneigung zu seiner ewig-jugendlichen Denkweise zu erwecken. Es scheint, daß ich in meiner Arbeit um die Entwirrung der jüdischen Frage, dieses infolge Jahrhunderte alten Leides und Jahrhunderte alten Unverständnisses so arg verwickelten Knäuels vor der Zeit alt geworden bin. Und in diesem Sinne alt geworden, kam ich allmählich zu der tiestnnersten Ueberzeugung, daß in der Welt der Tatsachen nur durch ein Wunder — dieses unerwünschte Hilfsmittel — etwas erreicht werden könne, was die Grenzen der realen Wechselwirkung der Kräfte übersteigt. Als unser Konseil mit dem Maßstabe der realen Möglichkeit und nicht mit oratorischen Hilfsmitteln herantrat, so tat er dies vor allem in der Erkenntnis dessen, daß in der Geschichte der Menschheit kein Fall bekannt ist, daß ein Volk ein Territorium auf anderem Wege erreicht habe als durch kriegerische Eroberung oder durch ein ökonomisches Durchdringen. Da wir die erste Methode nicht ins Auge fassen konnten, müssen wir den letztgenannten Weg wandeln. In unserer heutigen Zeit, da die untereinander rivalisierenden, landhungrigen Mächte auch den wertlosesten Streifen auf unserer Erdkugel nicht verschmähen, da bereits in den entlegensten Winkeln die Flagge irgendeiner Macht flattert oder irgendein „Protektorat" sich etabliert hat, da dürsten wir kaum ohne große Anstrengungen eine Nation finden, die uns auch nur das kleinste Stückchen ihres Besitzes leichten Herzens abtreten würde. Selbst das britisch-ostasrikanische Anbot war so verklausuliert, daß es nichts mehr als eine lokale Selbstverwaltung zu bieten vermochte. Eine lokale Selbstverwaltung kann jedoch, wie ich bereits in meiner ersten Proklamation auseinandersetzte, auch auf welchem vorher festzustellenden Territorium immer durch das einfache Ueberwiegen unserer Kolonisten automatisch erreicht werden. „Kann erreicht werden" heißt mit anderen Worten „wird erreicht", und ich kann es schwer begreifen, wie aus dieser Einschaltung in unsere Statuten, durch welche darauf hingewiesen werden soll, daß wir eine Autonomie anstreben, aus der ersten Konferenz der englischen Jto-Föderation der Vorwurf konstruiert werden konnte, daß wir das Prinzip einer Autonomie aufgegeben hätten, und wie die Delegierten von Manchester, an deren Spitze der eben beklagte Belisha aus diesem Anlasse mit einer Spaltung der Partei drohen konnten?! Tatsache ist, daß wir um so größere Chancen haben werden, die Autonomie zu erlangen, je weniger wir von ihr reden werden. Kanada zum Beispiel erklärt kategorisch, daß auf Grund von Stammes- oder religiöser Gemeinschaft verbundene große Massen ihm nicht erwünscht seien. Unter solchen Umständen kann dort eine Organisation, welche auf eine „Autonomie" im eigentlichen Sinne des Wortes abzielt, nicht einen Schritt unternehmen. Aber leider, die Diplomatie kann mit der Demokratie allein nicht auskommen! Ich sage den Territorialisten von Manchester heute, was ich ihren Delegierten auf der ersten Konferenz bereits gesagt habe: ich verspreche nicht, was ich nicht erfüllen kann! Die Zionisten bedienen sich des Einwurfes, daß, wenn der Territorialismus nichts anderes bedeute als die Dirigierung der Emigration nach einem Orte, so könnte sie schon heute dahin geleitet werden. Vollkommen richtig! Die Sache ist nur die, daß die Emigranten sich jetzt nach den verschiedensten Orten wenden. Die Aufgabe unserer Bewegung besteht nicht nur darin, die Emigranten von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich auf einen bestimmten Einwanderungsort zu beschränken, jondern auch darin, den Auswanderern in der Feuilleton. „Lene" Lustspiel in vier Arten von Israel Zangwill. Uebersetzt von Hedwig Raabe. (Zum erstenmal aufgesüyrt am 15. November 1906 im Wiener Bürgertheater.) Die Feder sträubt sich, es niederzuschreiben: sie kriegen sich zum Schluffe! Wieder einmal hat die moderne geometrische Lehre von dem „Dreieck" bei einem Engländer kernen Anklang gesunden, statt ihrer erschien ein ganz harmloses Spielchen auf der Bühne, kam ein Stück, das nichts von dem ostgenannten Explosivstoff enthielt, ein ganz ruhrges, harmloses Schauspiel... Vielleicht sogar zu harmlos. Lene ist ein „Mädchen für alles" im Hause der Mrs. Leadbatter, einer Zimmervermieterin. Jeden Dienst im Hause muß sie verrichten; sie ist die Zielscheibe des Spottealler Bewohner. Denn es wohnen viele Leute bei Mrs. Leadbatter. Auch Herr Lancelot, ein Komponist. Das ist ein junger, schöner, adeliger Künstler. Also genug mit Adjektiven begabt, um auch auf ein kluaeS, hochstehendes Mädchen wirken zu können, nicht nnr auf die Landpomeranze Lene. Sie ist von einer fast wunderbaren Tölpelhaftigkeit. Auf jede Anrede folgt ihr monotones: „Bitt' schön!" Dazu diese eckigen Bewegungen, diese Schüchternheit. Kurz, eine böhmische Landpomeranze ins englische übertragen ... So scheint es anfangs. Das glaubt auch Lancelot. Bis er so nach und nach m dieser unschönen Hülle die schöne Seele erkennt. Und da wird sie ihm plötzlich, so nach und nach, momentan (man weiß ja nie genau, wie es zugeht in solchen Fällen) lieb, schön, gut. Nun ist er verliebt. Lene wird so ungefähr in gleichem Tempo eine andere. Jm zweiten Akte haben sie die Absicht, sich in das literaturbekannte „kleine Häuschen im Grünen" zurückzuziehen und nur für sich zu lebe». Jm dritten Akte erbt Lene eine Million . . . Jetzt wird's traurig . . . Denn im Lustspiele werden die erheiterndsten Möglichkeiten zu tragischen Konflikten gestaltet. Mt der Million erwacht in Lancelot der Adelige. Jetzt ist Lene kein Dienstmädchen mehr, sie ist eine Lady. Das ist Laneelot noch etwas zu wenig. Und sie scheiden, um sich sechs Jahre später unter heutigentags nicht ungewöhnlichen Umständen wiederzufinden. Sie tritt Lancelot als Madelaine, nicht als Lene entgegen. Er ist ein berühmter Komponist geworden. In der graziösen Szene des letzten Aktes kriegen sie sich . . . Wirklich! . . . Das ist der ganze Inhalt des Lustspiels, wenn man bloß an die Personen denken will. Und der eigentlichste Grund, warum wir so wenig darin enthalten glauben, ist eigentlich der: das moderne deutsche Lustspiel existiert nur mehr in den Köpfen einiger patriotischer Literaturhistoriker; es gibt heute höchstens nur die Poffe, den Schwank. Das moderne Lustspiel importierte man aus Frankreich und gewöhnte das Publikum an ein bestimmtes Genre. Der geistreiche Dialog bestrickte, die Handlung gefiel, so oft das erotische Element überwog. Es überwog immer. Das ftanzösische Lustspiel suchte seinen Erfolg in der unpersönlichen Plauderei, das englische in der Charakteristik seiner Personen. Und das ist auch bei „Lene" der. Fall . . . Der schwache Erfolg kann nicht wundernehmen. Ein weit besseres Stück des geistvollen Engländers Barrie, „Quality Street", fiel im Burgtheater bei glänzender Darstellung stark ab, einfach deshalb, weil die Trockenheit, die Besonderheit des englischen Humors nicht von jedem verstanden werden kann. Israel Zangwill bringt in „Lene" Typen, die in ihrer detaillierten Charakteristik, in der Selbstverständlichkeit ihres Humors an den unvergleichlichen Charles Dickens erinnern. Und wie er, verflicht er in die alltäglichste Geschichte die Blume reinster Poesie. Durch die lange Geschichte Dickens' „Dombey und Sohn" klagt das traurige „Tick-Tack" der alten Wanduhr, die in ihrer grenzenlosen Gleichmäßigkeit -M" Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 27. November.