Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 72 (9.10.1906)
- Date
- 1906-10-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2429839-2429840-2429912--514-2430632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. B".- --« Nrdaktionr IX/1, Wafagaste 81. Telephon Nr. 14723. Oprechstnnten r ttn Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nattonalzettuftg" Wien, IX|1. 3<*{btt><r4e« wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitte« wir uns dringend. — M»««tiaipte werllen nicht zaräckgttttllt. Postsparkassen-Konto 47037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. »- 4 Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Siseulmn einer Sozietät. — Herausgeber und Cheftedabteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 2. vannekerg, M. vukes Nachfolger, lsaasenstein & Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonqi, N. Schalei in Wien ferner alle klnnoncen.Lxpeditionen im Nuslande. Einzel - Nammer in Wien IS Heller. » . —.- Administration: Telephon AbormemeutS-PretS r Für Wien u. Oesterreich, Ungarn f. Frankozustellung: Ganzjährig. . . . K 12.— Halbjährig . . . . K Vierleljäbrig . . .K 3— Für das gesamte SlnS» - b Ganzjährig . . . K 15.12 b IX/i, Wafagaste 81. * Nr. 14723. Preis der Anzeigen: Die 5mal gespült. Nonpareille« zeile oder deren Raum 12 h. „Etngesendet" die Sspaltig« Nonpareillezeile 50 Heller., Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgasse 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Jfr. 72. Wien, Dienstag den 0. Oktober 1906 (20. Tischri 5667). VM. Jahrgang. Der Ruf nach neue« Männern. I. Kr. Die Wählerlisten für die diesjährigen Kultuswahlen liegen bereits seit dem 3. ds. im Steueramte der Kultusgemeinde zur allgemeinen Einsicht aus. Das ist das erste Läuten . 311. den für den 2. Dezember anberaumten Wahlen der allgemeinen Kurie. Die „Knltusgeineinde" ist also für 3 Monate wieder aktuell geworden, um dann wieder für zwei lange Jahre in ihre Bedeutungslosigkeit zurückgedrängt zu werden. Und dennoch ist die Kultusgemeinde die wichtigste Institution, die wir hellte besitzen. Zunächst wohl deshalb, weil wir sie überhaupt b e - sitze n, weil sie ein Rahmen ist, innerhalb dessen wir nns frei bewegen dürfen und eine Tribüne bildet, von tvelcher die Juden ein offizielles Wort zu verkünden in der Lage sind. Die Kultusgenreinde ist da, währenddie anderen jüdischen. Vertretungskörperschaften noch ersehnt werden, erst geschaffen werden sollen. Schon diese Tatsache allein sollte hinreichen, dem Leben der Kultusgelneinde erhöhtes Interesse entgegeuzubringeu, ihr neues Leben und jugendliche Kraft 31t. verleihen und sie zu einem Machtfaktor auszubilden, der sie heute nur den Juden gegenüber, nicht, aber dem Staate, seiner Regierung und den anderen Völkerschaften, gegenüber ist. Der eben angegebene Gesichtspunkt mochte wohl denjenigen Männern vorgeschwebt haben, die vor fast einem! Jahrzehnt die Parole von der'. „Eroberung der Kultnsgenwinde" ausgegeben hatten. Der Zeitraum, der seit der Prägung dieses scharfklingenden Wortes verstrichen ist, gibt die Berechtigung zur Frage: Weshalb ist die Eroberung der Kultusstube für den jüdischen Nationalismus bis heute — nicht nur in Wien j und nicht nur in Oesterreich — vollkommen mißlungen, obgleich der jüdisch-nationale Gedanke unleugbar große Massen ergriffen hat und auch in die gut bürgerlichen Kreise eingedrungen ist? Warum konnte diese Insel der Greisenhaftigkeit inmitten schäumender, kraftstrotzender Jugend bestehen bleiben? Warum darf gerade diese einzige, legale, die Gesamtheit des Judentums an sich kettende jüdische Machtform den allem Bestehenden gegenüber unerbittlichen Lebens- und Fortentwicklungsgesetzen trotzen? .... Warum? Wir zunächst darum, weil dieser Nächstliegenden* Frage gerade von unseren Jungjuden. nicht jener Ernst und jene leidenschaftsvolle Zähigkeit entgegengestellt werden, welche zur Erreichung eines Zieles unerläßlich sind, und welche für ferner liegende, nicht einmal sicher erreichbare Ziele von eben diesen Jungjuden auch tatsächlich aufgebracht wurden. Zur Zeit der Wahlen lodert noch hier und da ein von oben entfachter Enthusiasmus ans, kaum sind die Wahlen vorüber, kaum ist die Wahlschlacht verloren, ist auch der Enthusiasmus verraucht, ist die Entrüstung Verflogen und bis zur nächsten Wahl hat man nichts gelernt und nichts vergessen. Besonders nichts gelernt! Ich denke hierbei nicht an die Wahltaktik und Wahltechnik, die zu. erlernen wäre, sondern an das Studimn der Frage selbst, an die Kenntnis unserer Gemeindeeinrichtungen, ihrer rechtlichen Stellung, ihres Statuts und all dessen, was die Kultusgemeinde ist und nicht ist, aber sein könnte. Die heutigen Inhaber der Macht in der Kultusgcmeinde haben vollkommen recht, zu behaupten, daß die von zwei zu zwei Jahren auftauchende Wahlopposition keinen Anteil an dieser Macht beanspruchen dürfe, weil sie während der ruhigen zwei Jahre ihr Interesse am Leben der Kultusgemeinde durch nichts kundgibt. Und auch die große Masse der Gemeindemitglieder teilt diese Argumentation. Wer kümmert sich während der ganzen Session um das Budget, das Schul- und Armenwesen? Hat, besonders die zionistische Opposition, es schon versucht, dem Kultusvorstand Anregungen nationalpolitischer oder budgetärer Natur zu geben? Hat sich die Opposition der Mühe unterzogen, die Lage der Beamten zu studieren und ihre soziale und wirtschaftliche Stellung, durch Eingaben, Resolutionen usw. zu fördern? Im. Zionistischen Landeskomitee besteht eine Kulturkommission, was hat sie seit dem Kompromisse mit dem Kultusvorstande getan? Zwei Jahresbudgets und einRechnungsabschluß lagen seit der letzten Wohl vor, nicht einmal von dem Rechte, eine „Erinnerung" an den Vorstand zu richten, hat diese oppositionelle Kommission Gebrauch gemacht. Bon keiner einzigen Anregung, die von dieser Seite gekommen wäre, ist irgend etwas bekannt worden. Jetzt wird sie wieder Feuilleton. Wucher. (Eine Geschichte, den. jüdischen Polen erzählt von einem polnischen Juden.) Wer diese Zeilen, zu Ende liest, wird sich nicht mehr wundern, »nie das Kapitel Wucher, dem seiner volkswirtschaftlichen, sowie ziviluüd strasrechtlichen Beden in na nach in einer Tageszeiitunü ein 'Platz ober den» Strich gebührt, sich unter den Strich verirrt hat. Ich will eben nur eine Geschichte erzählen, in welcher der Wucher so nebenher mitlänft. Also. In eitler Artnen Stadt unseres judenreich-sten Krvlllandes garnisoniert eine Eskadron Ulanen. Dort dient ein innrer Offizier, der eilt flottes Kavalierlebe n führt. Er ist der Träger eines der klangvollsten Ravien des an vornehmen Dpnä-ste nge-schlechterw nicht eben armen Kronlandes Böhmen. Daß so ein flotter Kavalier, er mag mit Geldmitteln noch so reichlich versehen sein, mitunter in kleinen Geldverlegenheiten ist, ist fast selbstverständlich. -Eberl so selbstverständlich ist es lnlit Rücksicht auf die Verhältnisse des Landes/ ivv diese Geschichte spielt, daß sich dieser flotte, vor lieh me, elegante Offizier zur Sanierung seiner Geldlierlegenheiten eines indischen! Vermittlers bedient, lind daß er diesen Juden stets nobel honorierte. Dieser flotte Offizier, dessen Lebensweise in den kleinen Städtchen eine fürstliche genannt wird, erzählt ungefragt seineri Geldgebern, daß er der Sohn eines vielfachen Millionärs ist und selbst ein von. einer Tante ererbtes Vermögen von 300.000 Gulden zur freien Verfügung besitze. Nun denunziert ein ans den jüdischen Vermittler neidischer Bernfsgenosse .anonym der Staatsamvaltschast, daß dieser Kavalier bewuchert werde. Obwohl das Gesetz vorschreibt, daß anonyme Anzeigen mit besonderer Vorsicht >zn behandeln silld, so -wurde dennoch — wie iw Galizien nicht anders möglich — da es sich um Juden handelte, eine gründliche Razzia nach allen' svgenmmlten Winchersällen des eleganten Bewucherten angestellt. Und wiewohl sich während der 'Untersuchung heransstellte, daß dieser noble Kavalier seit Jahren wegen Verschwendung unter Kuratel stehe, was er seinen Geldgebern weislich verschwieg, daß daher sein Gebaren durchaus nicht einwandfrei war, er aber trotzdem erklärte, er fühle sich weder geschädigt noch können die Zinsen, die er zahlte, sein wirtschaftliches Verderben nach sich ziehen, -wurde gegen alle Geldgeber die Wncherklage erhoben. Daß die enmnnis opiniv doetornm in seltener UebereinstimmUng di>e Ansicht vertrat, es fehle in allen Füllen an> dem objektiven und subjektiven Tatbestände des Wuchers, kommt bei einer Strafuntersuchung gegen Juden in Galizien nicht weiter in Betracht. Dort gilt auch die einhellige Ansicht aller Advokaten- und Juristen nichts, wennes sich um Inden handelt. Doch dies alles -wollte' ich ja nicht erzählen, denn derlei Dinge gehören in Galizien zur Tagesordnung, bieten, daher nichts merkwürdiges. WlaS ich erzählen- -will und was sich nicht alle Tage ereignet, kvnnnt nun. Unter den Angezeigten befindet sich, ein alter Mann ans frommer, wohlhabender, jüdischer Familie. Um den alten Vater von i5ic,r Gefahr einer Verurteilung und Verb-üßung einer -Strafe tzn retten, beschließt sein junger Sohn, die Schuld ans -sich zu nehmen. Auch solche Opfer kommen bet den Betennern der Lehre Mosis vor, von welcher der feinsinnige Dichter mtö warmfühlende Jude Kompert sagt, „sie lege das größte Gewicht auf ein gutes Verhalten! zwischen Eltern und Kiltdern"! Dieser gute, jüdische Sohn nnn vereinbarte mit dem Vater, er m-öge sich daher ansreden, -daß er das Geschäft »licht in» eigenen Aar»»e»l, sonder»» für sei»»e»r Sohn und in dessen Ailftrag gemacht hat. Dies geschieht. Der Staatsanwalt nimmt das Opfer an und klagt Vater und Sohr» an. Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 16. Oktober. -W