Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1906-09-28 · Heft 70 (28.9.1906) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 70 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2429839-2429840-2429910--501-2430617
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite b Nationalzeitung Nr. /0 Massakers ums Leben .gekommen ist und deren Mutter infolge >dcs Progromes irrsinnig geworden, rverden für Rechnung der,>Allianz" tu etuer mährischen iStaidt unter Leitung einer bewährten Lehrerin erzogen. Einzelne, bereits im vorigen Jahre nach Wien gekommene Waisen 'wurden von der „Allianz" separat versorgt. Tie schlechte und gesetzwidrige Behandlung der jüdischen Schüler in den Wiener Schulen ist wohl eine leider zu sehr bekannte Sache, aber man war bisher gewohnt, daß die Schulleiter diese Ausnahmsgesetze gegen jüdische Schulen in Abrede stellen. Nun wird auch dieses Schamgefühl beiseite gelegt. In einer Versammlung der „freien Schule" machte ein Vater die Mitteilung, daß ihm ein Schulleiter erklärt habe, daß, falls er sein Kind nicht zu den Neligionsübungcn schicken werde, sein Kind schlechter b e h a n d e l t w ü r d e als d i e I u d e n! Ob es überhaupt noch eine schlechtere Behandlung gibt als diejenige, unter welcher die jüdischen Kinder zu leiden haben, bleibe dahingestellt, wichtiger erscheint uns die Frage, ob wir Juden denn wirklich schon so ganz machtlos dastehen, daß wir diese höhnische, offizielle Proklamation unserer Rechtlosigkeit ruhig hinnehmen müssen! Wien. (Kassierung eines Todesurteiles.) Der 80jährige Schankwirt Jakob Stern aus Bialobrzegi war vom Schwurgerichte in Rzeszow wegen Mordes an dem Bauern Valentin Grigar zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Am Morgen des 30. April wurde Grigar ein paar hundert Schritte von der Scheune Sterns entfernt mit zertrümmertem ' Schädel tot aufgefunden. Der Verdacht lenkte sich auf den Schankwirt, der mit dem Ermordeten am Tage vor der Auffindung der Leiche einen Streit gehabt hatte. Am 13. Juli stand Stern, der die Tat entschieden in Abrede stellte, vor dem Rzeszower Schwurgericht. Als Kronzeuge trat gegen ihn der Bauer Thomas Balawander auf, der behauptete, in finsterer Nacht aus hundert Schritte ganz genau den Angeklagten erkannt zu haben, wie er von der Stelle, an der am nächsten Tage der Leichnam gefunden wurde, zu seiner Schänke ging. Stern hatte drei Alibizeugen geführt, die bestätigten, daß er zu der von Balawander angegebenen Zeit bereits längst zu Hause war. Der Staatsanwalt hatte aber alle drei Zeugen wegen falscher Zeugenaussage angeklagt und mit Stern vor die Geschworenen gestellt. Die Geschworenen spra- ■ chen die drei wegen falscher Zeugenaussage Angeklagten frei, fanden aber Stern mit acht gegen vier Stimmen des Mordes schuldig, so daß die Beantwortung der Todschlagsfrage, ivelche der Gerichtshof von Amts wegen an die Geschworenen gestellt hatte, entfiel. Gegen das Todesurteil, daß diesem Verdikt gemäß gefällt wurde, erhob Stern durch Universitätsprofessor Dr. Nosenblatt aus Krakau die Nichtigkeitsbeschwerde. Vor dem Kassationshofe wies Professor Nosenblatt auf zahlreiche Mängel des schwurgerichtlichen! Verfahrens und iauf auffallende Widersprüche zwischen den Angaben des Kronzeugen Balawander in der Voruntersuchung und seiner Aussage in der Hauptverhandlung hin. Der.Kassationshof verwarf zwar aus formalen Gründen die Nichtigkeitsbeschwerde, hob jedoch wegen erheblicher Bedenken über die dein Urteile zugrunde liegenden Tatsachen nach 8 662 St.-P.-O. das Urteil zur Gänze auf und ordnete die Durchführung einerneuerlichen Verhandlung vor dem Kreisgerichte Nzeszow an. Zur Fassung dieses Beschlusses ist bekanntlich die einhellige Zustimmung sämtlicher Senatsmitglieder und die Zustimmung der Generalprokuratur erforderlich. Eywanowitz. (Todesfälle.) Mittwoch den 19. d. M. wurde Herr Alois Löbl unter großer Beteiligung aller Kreise der Bevölkerung und vieler Honorationen zu Grabe getragen. Alois Löbl war durch mehr als ein Vierteljahrhundert Vorstand der israelitischen Gemeinde und erfreute sich wegen seines gediegenen Charakters, des hohen Grades seiner Bildung und seiner Wohltätigleit, der allgemeinen Wertschätzung und des größten Vertrauens aller, die ihn kannten. Dies kam auch außer der bereits erwähnten großen Teilnahme beim Leichenbegängnis noch in unzähligen Kondolenzen zum Ausdruck. Ani Friedhvfe würdigte der alte Herr Rabbiner die hervorragenden Verdienste des Verblichenen um die Gerneinde und beklagte den großen Verlust, den diese hierdurch erleidet. Ferner nahm Vorstand-Stellvertreter Herr Jakob Spitz in kurzen aber inhaltsvollen und rührenden Worten von dem Verstorbenen im Namen des Vorstandes und der Gemeinde Abschied, und sprach den trauernden Hinterbliebenen ein „Gott tröste euch" zu. Hierauf beschloß Herr Oberkantor Heilpern mit einem vortrefflich in jeder Beziehung dargebrachten El Mole Rachamim die Traucrfeier in erhebender Weise. Leider hauchte auch am zweiten Tag Nosch-Haschanah, Frau Pauline Spitz, Frau des Vorstand-Stellvertreters Herrn Jakob S p i tz, ihre reineSeele nach langein qualvollen Leiden aus. Die Dahingeschiedene, eine wahre nrx erfreute sich wegen ihrer Frömmigkeit und Güte der größten Hochachtung und Beliebtheit bei der gesamten Bevölkerung. Untergroßer Teilnahme fand Sonntag nachmittag das Leichenbegängnis statt. Den beiden Verewigten wird die Gemeinde ein Andenken füralle Zeiten bewahren. Wieder eine Klosterafsärc. Die 18jähnge Tochter Rosa des Baligroder Einwohners Solomon Kaczka ivurde anfangs September von dem Gemeindebeamten Kudela zur Flucht aus dem elterlichen Hause überredet und in das Kloster der Felezianerinnen nach Krakau gebracht. Auf Grund des Einschreitens der ,.,17r,ion" beim Justizministerium wurde Kudela wegen Entführung einer Minderjährigen verhaftet itnd in strafgerichtliche Untersuchung gezog-n.. Der Wiedererlangung des Mädchens aber stellen sich große Schwierigkeiten in den Weg. Zunächst weigert sich Rosa Kaczka selbst, in das Elternhaus zurückzukehren, dann aber steht die väterliche Gewalt des Salomon Kaczka in Frage, da derselbe mit seiner Gattin nur rituell getraut ist, seine Tochter sonach als uneheüches Kind angesehen wird. Lemberg. (Streik und Aussperrung jüdischer Arbeiter.) Schon vor einigen Wochen haben die jüoWew Danrenkonfektionäre ihre jüdischen Arbeiter -ausgefperrt. - .Diese Maßregel hatte jedoch wenig Erfolg, da die meisten der ausgefperrten' Arbeiter zur jüdischen Feiertagssaison bei den jüdischen Meistern Arbeit fanden. Nun wird uns aus Lemberg gemeldet, daß sich die Meister per Aussperrungsaktion der Konfektionäre, abgeschlossen haben. Als Antwort auf diesen ., unbegreiflichen Schritt der Meister beschlossen die jüdischen Bäckergehilfen in den Streik zw treten, um durch diesen Druck auf die Meister ihren bedrängten Genossen von der Schneiderbranche zum Siege zu verhelfen. Dentsch-Krcntz. Herr Rabbiner L. D. Grünwald in Drina-iSHerdahely 'wurde, nachdem er vor 14 Tagen hier eine 'Proberede gehalten, hat. in der Generailversammlnng nom 23. bjs. per, Akklamation zuim'Obervabbiner der 'hiesigen Gemeinde erwählt. Oedenbnrg. Herr Gutsbesitzer und Großhändler Victor Klaber hat a!m Ro'sch-Haischanah im orthodoxen Tempel 10.006 Kronen 'für das russische Hilfswerk gespendet. London. 26. September. Aus New Jork wird heute ausführlich über ein Vombenattentat berichtet, welches auf Herrn Jakob H. Schiff, dem Hauptpartner des bekannten Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. versucht wurde. Ein Negerknabe sah gestern in Philadelphia, wie ein Alaun versuchte, ein Paket in einen Postbriefkasten zu stecken, welches aber für die Oeffnung zu dick war. Als der Mann sich von dem Jungen beobachtet sah, rannte er davon und ließ das Paket in der Oeffmlttg des Briefkastens stecken. Der Junge brachte das Paket seiner Mutter, welche ihn anwies, es der Polizei abzuliefern. Dort wurde es mit aller Vorsicht untersucht, und es zeigte sich, daß sich in dem Paket eine Höllenmaschine befand, welche explodiert wäre, wenn die Siegel in der üblichen Weise erbrochen lvorden wäre. Das Paket war cut Herrn Schiff in sein Privatbureau. an der New Yorker Börse adressiert. „Daith Expreß" verzeichnet die sehr unwahrscheinlich klingende Version, man nehme iu.New Bork au, die Bombe sei von ^russischen Anarchisten abgesaudt worden, welche fürchten, daß er eine neue russische Anleihe vorbereite. Herr Schiff hat in den letzten Wochen wiederholt Drohbriefe erhalten, in denen ihm angekündigt wird, daß er und ebenso alle reichen Juden in Amerika zunr Tode verurteilt seien. Gegen Herrn Schiff war schon in: vorigen Jahre ein Attentat wie das gestrige geplant. Damals wurde ihm ein Paket zugestellt, welches beim Oeffnen explodiert wäre. (Diese Motivierung entbehrt schon deshalb jeder Grundlage, weil es ja bekannt ist, daß Herr S ch i s f der Finanzier der japanischen Regierung ist, und sich stets gegen jede finanzielle Unterstützung Rußlands ausgesprochen hat. Es ist vielmehr sicher, daß russische Huligansmitglieder der „Schwarzen Bande" den Mordanschlag versucht haben. (Anmerk, der Redaktion.) Pogromfurcht in Bialystok. Aus Bialystok schreibt man dem Warschauer „Jüdischen Tagblatt" : In großer Angst verbrachten die Juden von Bialystok die Feiertage. Schon einige Tage vorher waren Gerüchte verbreitet, daß am ersten Neujahrstage, an welchem auch eine k rchliche Prozession hätte durch dieStadt ziehen sollen, allgemeine Judenmetzeleien stattfinden würden. Da eine jüdische Abordnung zum Gcnerolgouverneur von diesem keine beruhigende Antwort erhalten hatte, so begann ein massenhafter Exodus der Juden aus Bialystok. Selbst sehr fromme Juden verließen am Ncujahrstage per Bahn, zu Wagen und zu Fuß die Stadt. Eist gegen Mittag kam das Verbot der Behörden, die Prozession abzuhalten, worauf sich die Gemüter einigermaßen beruhigten, aber die Straßen blieben menschenleer, selbst zu den gottesdienstlichen Verrichtungen kamen nur sehr wenige. Petersburg, 22. September. Der Polizeichef des ersten Bezirkes der Stadt Bialystok, der bekanntlich an der Organisation des dortigen jüngsten Pogroms stark beteiligt war, hat jetzt einen Posten in der Petersburger Polizei erhalten, also eine Auszeichnung. Alexandrien. Seit einigen Wochen nimmt die E i n w a n d e r u n g russischer Juden in Aegypten ganz enormen Umfang an. Es hat sich bereits ein Komitee zur Unterstützung derselben gebildet, das sehr reiche Spenden erhält. Ein am 6. d. M. veranstaltetes Wohltätigkeitssest brachte die Summe von 360.000 Mark. Elngesendet. Heinrich Neugebauer _ vormals Mo n&r tf^A ssar* Optiker Wien, I. Schottengasse 8, Eckhaus Scbottenrlng. Reichhaltiges La. er in allerbester uud bewährtester Qualität von Brillen, Zwickern, Operngläsern, Felds’echern, Fernrohren, Thermometern, Heisesugen und allen optischen Artikeln. Großer Möbelverkarrf!! Preise konkurrenzlos t! Das gegenwärtige kolossale Lager mod. Möbel in alten Stilarten wird ab heute nur kurze Zelt zu sehr massigen Preisen abgegeben. 40 Schlafzimmer ...fl. ßO — bis fl. 80L 40 Speisezimmer , . ., SO,— , „ -800 SO Bücherkästen . 22.-- „ , 120 80 Herrenzimmer . *>0.— „ „ 600 26 Öutuntspeisetiaclie .. » 12.— , „ HQ Ecitw Ledersessel. 0.— , , 30 70 Schreibtische.. 12. , »1*0 S'oilige Voizunmerkästen mit Spiegel ... , 28 Eu/I, Divan.•., 28. „ ,100 Ottninun, mod' .. 14.— , , 70 14 Salongaruduren .. 98.— , , 160 Besonders günstige Gelegenheitskäufe für Hotels, Villen und Landhäuser, Heiratsausstattungen von 160 bis 6000 fl. - Für Güte Garantie. HOrFMAMN, Wien, I. Krugerstrasse 13. Preiskurimte grutis. Telephon 3006.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.