Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 69 (25.9.1906)
- Date
- 1906-09-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Mtmcheitm Erscheint jeden Wienslag und Freitag. Eigentum einer Sozietät. — Herausgeber und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 3. vanneberg, ITC. vukes Nachfolger, Haasensteln & Vogler, Ruöolf Masse» IN. pozsonyi, kl. Schale! in Wien ferner alle klnnoncen-Lxpeditionen im Kttslande. Ginzel - Nummer Ln Wien 13 Heller. Administration: Telephon AbonnementS-PretS: Für Wien ». Ocftcrrcich- Ungnrn s. Frankozustellling: Tanzjiiprig . . . . K 12 — Halbjäbrig . , , . K v6.— Vierteljährig . . . K 8— Frin daS gesamte AnSl - d Sanzjätirig . . . K 35.13 IX/l, Walagaste 81. Nr. 14728. Preis der Anzeigen: Die ümal gespült. Nonpareille» zetle oder deren Raum 12 d. „Eingesendet" die3spaltige Nonpareillezeile 50 Heller. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Redaktion: IX/1, Wafagast'e 31. Telephon Nr. 14728. Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzcitnng" Wien, IX|I. 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Soweit Berichte bis jetzt vorliegen, lauten fast alle dahingehend, daß die Synagogen und Notbethäuser in allen Städten und Gemeinden des Reiches überfüllt waren. Die Rabbiner haben überall, zum Teil einer Weisung des Kultusvorstandes folgend (z.B. auch in Wien), zum größeren Teile dem' eigenen Gefühle folgend, ihre Predigten dem großen Jammer unserer Brüdergewidmet. Die Rabbiner und Prediger forderten ihre Zuhörer zur religiösen Einkehr und zum engeren nationalen Zusammenschluß auf. „Einheit", „Selbsthilfe", „Nestituiernng des alten Judentums" waren die Leitmotive aller dieser Reden. Auch konkrete Vorschläge wurden, von der Kanzel herab laut. So hat Rabbiner Dr. Julius F i s cher in B ud a p est (früher in Prag) an seine Gemeinde den Aufruf gerichtet, einen Ko n g reß sä ur i l i cher jüdischer G e m e i n d e n d e r W e l t n a ch B u d a p e st eiuzuberufen, um einhellig gegen die Unterdrückung der Juden in Rußland Protest zu erheben und über die Schritte zu! beraten, welche ein Einschreiten der Mächte zugunsten der Juden in Rußland herbeiführen könnten. Dieser Vorschlag hat, wie unser Budapester Korrespondent uns mitteilt, einen wahren Enthusiasmus unter den Gemeindemitgliedern hervorgerufen, und es haben sich sogar einige hervorragende Mitglieder gefunden, die sich nicht enthalten konnten, den: als glänzender Redner bekannten Rabbiner in der Synagoge ein „Bravo!" zuzurufen. Ein ähnlicher Vorschlag wurde auch in Krakau lanciert. Zur Zeit der Anwesenheit des Handelsministers Dr. F o r s ch t in Krakau hatten der Kultuspräsident Herr T i l l e s und der Vizepräsident Herr Dr. R. L a ni bau eine Unterredung mit dem Sektionschef im Handelsministerium Herrn Dr. Preis. Unter anderem kamen auch die russischen Judenverfolgungen zur Sprache. „Die Sache ist schrecklich!" meinte der Sektionschef. „Ja, schrecklich! Warum n e h m e n sich dann die Mächte d e r Sache nicht a n? Warum konnten dieMächteKriegsschiffenachder Türkei entsenden, als die mazedonischen 11 n r it h c n a u s b r a ch e n?" frug Herr Ti lies in erregtem Tone. „U n d nach Eh i na, a ls es si ch nm d ie E h r i st e n handelt e?!" fügte Dr. Land a u hinzu. Herr T i l l e s bemerkte noch, daß die Judenverfolgungen in Rußland a u ch u n s e r e r Mo n a r ch i e sehr n a h e gehen müßten, denn die Unruhen könnten sich leicht auch hierher verpflanzen. Noch vor kurzer Zeit hatte man Judenschlächtereien in Kongretzpolen für unmöglich gehalten, und welche Dimensionen nehmen nun die Metzeleien in Polen an? Und auch der Handel in Oesterreich leidet sehr unter den Unruhen." Der Herr Sektionschef wußte darauf nichts zu sagen, oder vielleicht — durfte er es nicht sagen. Am anderen Tage, nachdem diese Unterredung stattgefunden hatte, berief der Kultuspräsident eine außerordentliche Vorstandssitzung in Angelegenheit der russischen Greuel ein. Nach einem Referat über die erwähnte Unterredung und nachdem er weinend die jüngsten grauenhaften Morde geschildert hatte, sagte er: „Wir haben die Pflicht, für unsere Brüder etwas zu tun, wir dürfen nicht untätig znsehen, wie unser eigenes.Blut unbarmherzig vergossen wird. Er beantrage, die Krakauer Kultusgemeinde möge sich, an die Wiener Kultusgemeinde mit dein Ersuchen wenden, sämtliche österreichischen Kultusgemeinden zu einer Beratung eiuzuberufen, in welcher der Beschluß gefaßt werden sollte, an die österreichische Regierung mit dem Ersuchen heranzutreten, daß sie in Rußland zugunsten der verfolgten Juden interveniere und sich bemühe, auch die Regierungen der übrigen Mächte zu einer Intervention im selben Sinne zu bewegen. Diesen Beschluß des Krakauer Kultusvor- Feuilleton. Jüdische Centenaricv im Jahre 19V6. MuH miaw Äiches unerschrockene Auftreten für die Juden in jener Zeitgebührend würdigen! —!denu nicht immer finden wir die AGmilauten a«!f diesem Platze —, so Müssen mir befonöers in Unserer Zeit i&cr feigen Flucht der AWmilanten aus dem Judentum vornehmlich die Gesinnnngstttchtigkeit Rießers — allerdings mehr aus Eharalkter als jüdischem Bewnßtseitl, — tmmiev uUid Mieder jener Gesellschaft Vorhalten) die sich nur ihn als Heros schart. Er wendest sich mit 'feiner scharfen Logik gegen, die täglich z-nnehmende Anzahl der Mischen' Täuflinge und tadelt sie vom Standpunkte der lSittlich!keit. Etwas arideres als die Halldknug des Eigenitutzes mt!&> der Bequemlichkeit sieht lawm einer darin. Es ist nicht Fanatisistns, lvsts «sich dem, fuifrltulilüciu Ueihertritt 5111111 hrerfchen-den Mauden iu nn'seren Zeiten entgegenstellt, sondern es ist der einfach, ewig uuiveründerliche Grundsatz der Wahrheitsliebe und der Rechtlichkeit, daß die LipPen nicht beten,neu follion, was de'm Herzen fremld ist. Es ift die Frage, ob der Staat länger auf die Lüge einen Preis setzen, ob er einen Zustand der Dinge soll rühren lassen, der der öffeutlich'en Moral Hdhn spricht. Wenn der Teufel ein System der Gesetzgebung zu erfinden gehabt hatte, darauf berechnet, die Menschen zu 'demoralisieren, er hätte fürwahr für nstfere Tage kein passenderes erfinden können, als das der bürgerlichen -Unfähigkeit des Glaubens wegen. Er nennt den Uebertriit der me'istlen einen Mein-, eid, der offenkundig vor den Angen und' nach der moralischeu liebe rzeugung aller Welt des Vorteils wegen abgelegt wird, und dieser Meineid wird vom Staat mit Recht nu!d Würdenbelohnt. Er fordert demgemäß zU-r Vlldnug von Vereinen auf, deren Mitglieder sich verpflichten, alles zu tun, ums nach ihrer besten, Uebei-Mugung der Erwerbung der!viürger!tichen Gleichheit für ihre GlNnbensgen-osseu förderlich sein kann, und so lauge, bis dieser Zweck vollbornmen erreich,! ist, ihren Glauben nicht mit denr herrschenden vertauschen zu wollen. Nicht die unbedeutendste Zeremonie dürfe ,;Um Opfer für die Einbürgerung gebracht werden, wennsie mx um diesen Preis zu erlangen ifi. (lieber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland.) Die Inden Badens ehrten den Verfechter der Gleichberechtigung durch Ueberreichnng des Bildes von Oppenheimer: Der heimkehrende jüdische Krieger. DarNNf benrerkte Nießer in seinem Dankschreiben: „Töricht der Vater, der den Sohn in das Kleid des Alters hüllen, wollte —, aber ehrlos der Sohn, der sich des Vaters, ehrlos das Geschlecht, das sich seiner Vorzeit schämt." Gabriel Nießer in unsere Zeit h,ineingestellt, wäre ein Zionisten'fiihrer geworden und dieser Zlussprach ebenso wie seine nieiiläufigen Ssuslassnngen über den Abfall vom JUde,ntnm sind dile besten dlgitationsreden für die Kreise der Assimllauten. Rießer- Feier in den Ziü-niften'kreifen Hütte eiue nicht unbedeutende Zahl der Tlsstmilanten für die jüdische und z'iouisti'sche Idee gewvnuen, Äeuu! das, was sie den Zionisten nicht glauben, Hütten sie aus dem Mwn.de des größten deutschen Asfimilanten! zu hören bekömmen, daß der Jiu.de aus Charakter, aus Sittlichkeit Jude bleibe'n, sich als Jude fühlen Muß. Die ziweitie iCenteuarfeier der jüdischen Notabeln-«Versamm>lttng am 22. Juli 1806 verrät uns schon, den Abft'ieg der Assilnilation von dem nackensteifen Nießer bis zur' charakterlpsen Gegenwart. Bei aller Achtung -vor den einzelnen Persönlichkeit>eu Und bei. aller Würdigung des guten Willens der Albgeordnesten stand bei ihnen lltießerS Grundsatz: ,/N'icht die nn bedeutend sie Zerenwnie dürfe zum Opfer gebracht werden", nicht als leitender Gedanke fest. Allerdings war Rießers Wort erst ein später gesprochenes und nicht Itapolevn dem mlbeugsamen Machthaber gegenüber und ihnen war die Auifgabe, die als Voraussetzung gar sticht Die nächste Nummer erscheint Freitag den 28. September.