Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 67 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Mtimcheitm Erscheint jeden Dienstag uud Freitag. Ejgentnm einer Sozietät. — Aerausgeber und Chefredakteur: JaKod Kraus?. Inserate übernehmen bi« firmen: 3. Danneberg, ITT. Pufes Nachfolger, ksaasensiein & Vogler, Ruöolf Moste, M. vazsonyi, fl. Schale! in Wien ferner alle flnnonren.Lxpeditlonen im fluslanbe. Ginzel - Nummer i« Wie» IS Heller. NedflNlion: IX/1, Waragallv 81. Telrvhon Rr. 14733. Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 14 vhr vorm. Poltadrelie: „Nattonalzeitung" Wie». IX>'. s«rc>ttvera«n wegen verlväreier oder gar nicht erfoloter Zustellung erbitte» wir uns drinaend. — Manurüelpt« werden »lebt XUrfl<k(1<$l<llt. Postsparkailen-Konio 47037. In da? 7lb,>n»en>ent kann man täglich emtreien. d-d BbnitutJfraJtim: Telephon Slbonnements-PretS r Für Wien u. Oesterreich, Ungarn s. Frankoziillelluiiq: Ganzjädrtg. . . . K Vf.— Halbjäb-iq ....[£ Hierieljälirig . . . K 3.— Für das gesan,te SluSl d Bonzjävriu . . . K k8 13 IX/1, Walagastr 81. Nr. 14733. Preis der Anzeigen: Diesmal gelpalt. Nonpareille« teile oder deren Raum 14 l». ..Eingesendet" die Sspaltige Nonpareillezeile SO Heller. Bei niebrmaligeu Aufträgen entsprechender Rabatt. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entkse^engenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Grosze Schiffgasse 7; Robert Weist, Wien, I. Iakobergasse 7. Ur. 67 Wie». Freitag den 14. September 1906 (24. Glut 5666). VU1. Jahrgang. Siedle. (Ein blutiger Jahresschluß.) I. Kr. Ju jüdisches Blut getränkt war das Jahr 6066, und ein jüdisches Blutbad bildet seinen schauerlichen Abschluß. Und wieder floß der Blutstrom in jenem Teile des zivilisierten Europas, das eben wegen des Mangels an einer Zivilisation ironisch als nicht zu Europa gehörig bezeichnet wird. Der Ausnahmezustand, in dem sich Rußland inmitten der europäischen Kultur befindet, hat auch eine Ausnahmsanschauung geschaffen, mit der man sich abzufinden sucht, wenn die Entrüstung über die unmenschlichen, in der Geschichte noch nie dagewesenen Ausschreitungen der Bestie im russischen Menschen, laut zu werden droht. Mit diesem AusnahmszustcMd' finden sich ab — die anderen. Sie können es auch leicht tun, die anderen Völker, die im übrigen Europa und im gesitteten Teile der nichteuropäischen Länder je eine festgefügte Macht darstellen. Sie können es leicht tun, denn ihre unter die ruchlosen Massenmörder verschlagenen Volksgenossen bilden nur einen sehr winzigen Teil des gesamten Volkskörpers, und leiden unter den Ehrlichkeiten der Revolution und Gegenrevolution nicht mehr als jeder andere, den das Schicksal innerhalb der russischen Grenzpfähle gezwängt hat. Und, was das wichtigste ist, wenn diese in Rußland zerstreut lebenden fremden Volkselemente die Unterdrückungen nicht mehr zu ertragen vor-' . mögen, so fliehen sie in dasjenige Land, in wel-; chem ihr Volksstamm der mächtigste ist; hier | finden sie Ruhe, hier finden sie Mitleid, hier l finden sie ein Heiln.! Wie anders steht um uns Juden! Die j Juden in Rußland bilden die Hälfte des gesamten jüdischen Volkes. Sie leben in den ruhigsten Zeiten unter den gedrücktesten Ausnahmszuständen, sie sind wie die Sklaven des Altertums in eine Arena gezwängt, und es bedarf nur der Laune des gewaltigen Herrn, um die bis aufs Blut gereizte» und aufgestachelten Bestien in die Arena stürmen, und über die in der Arena zitternden Sklaven herfallen zu lassen, und Europa, das mit sadistischem Gruseln zuschauende Europa ist zu einem Schauspiele zu Gaste geladen, wie es die perverseste Phantasie nicht zu ersinnen vermag . . Wie anders steht es um uns Juden! Unsere Brüder in Rußland kennen überhaupt keine ruhige Stunde, selbst in sogenannten normalen Zeiten nicht. Das Leben genießen dürfen sie höchstens im Verhältnisse zu sechs Prozent, ermordet werden sie zu achtzig Prozent. Landbesitz ist ihnen bei Lebzeiten untersagt, aber die Leichen der ermorderten und durch die Schreckensberichte hingefchlachteten Juden nehmen ein viel größeres Terrain russischen Bodens in Anspruch, als sie sie zu' besitzen erträumt haben. Und gelingt es dem einen oder anderen dieser der Ausrottung geweihten Menschenkinder, den blutrünstigen Bestien zu entkommen, gelingt es ihm, die Grenze dieses Jannnerstandes zu überschreiten, so merkt er es erst recht, wie verlassen, wie schutzlos er in der Welt dasteht. Sein Volksstamm vermag ihm _ nirgends ein Heim, nirgends die Ruhe zu sichern. Wie ein Verbrecher muß er durch die unzähligen Maschen europäischer Einwanderungsverbote und Durchzugsvorschriften, durchschlüpfen, um irgendwo jenseits des Meeres durch die Gnade eines Einwanderungskommissärs landen zu dürfen. Und auch diese Möglichkeiten werden täglich geringer .... Und das Judenmorden will kein Ende nehmen! Es ist, als ob es im Programm der herzlosen russischen Bureaukratie stünde, langsam aber sicher das ganze jüdische Anstedlungsgebiet auszumorden! Kischenew, Homel, Odessa, Bialystok, Siedlce! Es ist ein grauenhafter Anschaulichkeitsunterricht, durch welchen uns Juden die Kenntnis der russischen Geographie beigebracht wird! . . . Und angesichts dieses Ausrottungskrieges gegen unseren Volksstamm, und trotzdem uns das Mark aus dem Leibe geschnitten zu werden droht, haben diejenigen unter uns, die es auf sich genommen haben, das Schicksal unseres Volkes zu lenken, nichts Besseres zu tun, als kleinliche Hausmittelchen anzuraten und zu versuchen! Angesichts dieses Massenunglücks, ' das unser ganzes Volk zu vernichten droht, hat j Ussischki tt, der selbst ein Glied dies kran-! ken Vvlkskörperteiles bildet, die Stirn und das! Herz, die für die Unglücklichen gesaunnelten Gelder für ein JnformatioTisbureau in Palä- Feuilleton. D«s Wunder auf dem Zudenfriedhaf. Von Klemens Junosza. Deutsch von S. Horowitz. lFortsetzung.i „Was ich denke?" sagre er nach einer Weile, „was ich denke? Was soll ich denken? Ich denke nichts." „Aber doch ..." „Wenn ich die Wahrheit sagen soll . . . ich bin mit meinem Kopfe zufrieden. Er möge gesund sein! Gott hat ihn mir gegeben, und ich — fügte er stolz hinzu — habe keine Kosten gescheut." „Wie denn?" „Ich habe in diesen Kopf hineingepackt, was er 31t fassen vermochte und bereichere ihn noch immer. Ich lese fortwährend, wie ich nur Zeit habe, wie der Sabbat kommt, lese ich, wenn ich in die „Schul" gehe ebenfalls, oder höre zu, was kluge Leute reden." „Deshalb eben hast du vielleicht zu Geschäften kein Glück." „Sie haben die Wahrheit gesagt — ich habe kein Glück! Ich bin nicht reich, sogar ein wenig arm, dafür aber habe ich meine Ehre. Mich kennen die Leute. „Das mag sein, aber die Arbeit geht dir nicht besonders." „Was läßt sich da tun! Wem geht jetzt die Arbeit? Wer hat sein Brot? Vor zehn, fünfzehn Jahren . . . ja, vor fünfzehn Jahren, habe ich gesagt, daß unsere Stadt ganz verarmen wird, daß unsere Juden ein bitteres Leben haben werden . . - Wer nicht gewußt hat, was in meinem Kopfe ist, der hat gelacht und uicht geglaubt — es waren aber auch solche, die glaubten, und fragen Sie, ob sich nicht alles bewährt hat? Es hat sich ganz, voll bewährt, und wer hat gesagt, daß es so sein wird? Ich hab's gesagt, denn ich habe, Gott sei Dank, einen Kops! Jetzt wisseil alle, daß unsere Stadt heruntergekommen ist, daß es keinen Verdienst, keinen Handel gibt! Jetzt sehen sie, wer aber hat es vor fünzehn Jahren gesehen? Nur Bert!" „Woher hast bu wissen können, was in Zukunft sein wird." „Woher? Es waren solche Anzeichen. Wenn Sie hören wollen, so werde ich erzählen. Es sind denn sünfzehTl Jahre, gerade während unserer Herbstfeiertage, und ich ging aus der „Schul". Ich war dort ziemlich lange sitzen geblieben und als ich heimkehrte, war es schon spät. Es war spät, aber nicht finster; im Gegenteil, es war hell, denn der Mond leuchtete. Ich sang ein wenig. Warum hätte ich nicht singen sollen? Es war doch Feiertag! Mittlerweile lief etwas an mir vorbei. Ich erschrak. Wer wäre nicht in der Nacht erschrocken? Die Stadt war ganz verödet, niemand ging über die Straße. Ich erschrak also! Ich blickte mich um — nichts zu sehen; ich blickte in die Höhe itnb ich glaubte, mein Ende sei schon gekommen. Kennen Sie das Haus Gdalies, des Fuhrmanns?" „Ja." „Nun, so sah ich (meine Feinde sollen das sehen), ich sah, daß sie auf Gdalies Haus auf dem Dach sitzt." „Was für sie?" „Nun — sie! Ich brauche nicht viel 31t sagen: eine schwarze Katze! Ganz schwarz, itnb ihre Augen glühten, wie Lichtlein. Ich wollte „Gewalt" schreien — konnte aber nicht. Meine Zunge wurde wie ein hölzerner Pflock, meine Kehle zusammengepreßt, und meine Zähne klapperten wie Groschen in einer Sammelbüchse. Ich habe keine Kraft gehabt, zu stehen. Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 18. September.