Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 64 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Mtmcheitm Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag. Eigentum einer Sosietat. — Kerausgeber und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 2. vanncberg, Itt. Kufes Nachfolger, lfaasenstein & Vogler, Rudolf Müsse, M. pozsonyi, N. Schale! in Wien ferner alle klnnonccn»Expeditionen im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 15 Heller. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgasse 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. 9-1 Redaktion: IX/1, Wafagassv 31. Telephon Nr. 14788. Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nattonalzettung" Wien, IX|l. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mannrkrlpte werden nicht xnrBc»8«t»em. Postfparkafsen-Konto 47037. 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Ich glaube, daß eiui jeder, der klar in, die Wirklich«- keit schaut und' «nicht vvn, Tenragogie verblendet ist, sich, überzeuigen! konnte, daß d>ie Schaffung Auer jüdischen! Wirtschaftseinheit! m PaWftina! unter den, obwaltenden. Verhältnissen. unld> mit den Mitteln!, die Bm Berächjel empfiehlt, eint Ding der Umnöglichikeit ist. In« der zw,eiten, Hälfte seines Artikels will Ben B'erach'Ä den, Nachweis eirbrivgein!, daß die Grnnbung einer jüdischen Wirtschiaftseinheit auf einem anderen Territorirnn, als Palästina unausführbar sei. Zur Begründung! seiner Be'haupürmg stellt Ben' Bemchel folgende Thesen ans: Die jüdische WirWaftsennheit muß industviezentrisch sein, und zwar cnitä dem Grunde, weil das jüdische Volk aus Städtern! bestehe, und' infolgedessen müsse nach Ansicht Ben Beimchels die ganze zukünftige Struktur nuferer Wirtschaft diesen städtvrrfchen EiMlschafteni des siidifchien' Volkes a>n>g!epäßt worden. Also in *1 Siehe „Nation,alz,eitmig" Nr. »2. PalWna Fabriken gründen, welche eine BcasferiLMtgration ans den, Sweetinigs von, Amerika nnd England aufnehmen soll. Er fügt noch hinzu, daß ffir eine „elem!c!n!ta,re (?) JmM!igmt!i-o,n Paläsi-nm das prädistiliierfe Land sei." Die Landwirtschaft soll nach! Ansicht Ben, Bemchels von de,n, Fellachen betrieben werden, ja er ist sogar üb,erzeugt, daß die Fellachen, bie Beschäftigung! ihrer Väter irichit aus' der Hand lassen! und die Landwirtschaft weiter betreiben, werden,. Auf >eim!cm anderen Territorium, meint Ben Berachel, welches unter englisch,er Oberhoheit sein dürste, wären die Inden. gezwungen,, eine Agrarwirtschaft einzufüchmn, weil die englische Regierung, aus dev jüdischen, Siedlung n!u,r, ein Hinterland, schlaffen, will,. welches die englische Metropole mit Agrairprvonkten versorgciu und gleichzeitig eitn Abfatzgebiet für ihre Jnduftrieartikek bildem soll. Er schließt, daß, nachdem ans einem anderen Territorium! unter en,glischcr Ob,erhöh,eit! also, n,u,r Agrarwirtschaft bet rieben, werldeni mrch rmid die. Agrarwirtschaft keine Kreditbasis für eine ,große Immigration bietet, die Judenftiage also durch den, Territorial lismns nicht gelöst werden kann. Diese zwei Thesen Ben Bemchels beweisen nur, daß Bein Bemchel entweder mit dem, ABC einer jeden Nationalökonomie niichtl vertraut, oder daß «v von, Haß, geg,en, den, Territvrialismus, derart verblendest ist, daß. er trotz besseren, Wissens B,chnnptnn!MN! anfstellt, die sich! wissenschaftlich lüibsolut nicht begründen lasten. Es -genügt e!iu, Blick auf die Kulturgeschichte, um, zu sehen, daß die Weltwirtschaft sich, nicht von, der Industrie zur Landwirtschaft, sondern um,gekehrt, sich von der Landwirtschaft zur Jndustriewirtschaft langsam entwickelt hat. D'ies ist ja, auch ganz erklärlich: Jede Siedluntzj ist in erster Linie um die Befriedigung ihrer dringendsten! Bedürfnisse besorgt und, erst wenn die dringendsten, Bedürfnisse befriedigt sind, schreitet sie an, die Befriedigung ihrer höheren, Bedürfnisse. Nun wissen wir, daß die dringendsten- Bedürfmsft' einer jvden Siedlung, nur durch L,a,ndwi,rtsch'aft und nicht durch Industrie gedeckt werden. Gewiß können sich manchv Siedlungen' im Laufe der Zeit durch spezielle Verhältnisse zur Jndustriewirtschaft al s H a u p t f a k t o r i h' r e v W i rtschaft enttvickeln. Dazu gehört eben eine I a h r h u n d e r t e l a nl g e E iii, t )v i ck l un g', 'günstige Materialbeschaffung nnd günstige Konjunkturen,. Aber auch! die industriereichsten! Starrten sind von der Agmrlrirtschaft ausg!egangen und bildet dieselbe noch« heute die Basis, ihrer Wirtschaftseinheit. Wir könnten «noch hieute beobachten!, wie die in'dustriereichlen! Staaten bei Abfassung von H>andelsvertrögen, dem! Schutze ihrer Agrarwirtschaft 'große Aufmerksamkeit widmen, und zwar nicht nnri ans politischer! Gri'Mden,, sondern! auch, ans StMi-tsrÄsoir, nmi die, ökonomische Selbstänidigkeit zu wahren. Feuilleton. Exzellenz Jusefowitsch Der Bater der „Pogromy". Aus Petersburg wird uns geiWrieben.: ,Unter den Beratern der reattio>ll,ären Hofpartet niinrmt B. Jnsesvwilsch, der chelnatigie Ober- Zen sor 'von Kiew, den der Zar neuerdings zum Geheimen Rat 'mit de,m Titel „Exzellenz" ernannt har, entschieden die hervo-rraigendste Stelle ein. Jnsefvwitsch ist ans ktetnen V'erhälniissen envpvrüegangen, bat sich aber dadurch, daß er seine literarische Begabung skrnpellios in' den Diien'st der Reaktion gestellt bat, den, Anlhüngern ,der letzteren aeradez!» unentbehrlich gemacht. Bon ihrn sind die meisten Ku,ndgeb,u>ngen des Zaren verstaßt, die rm letzten Jahre das Licht der OesfenMichkeit erblickt haben, von i'hnr stanrmen, verschiedene Denkschriften, tu ,di'neu er sich bemsiht, die Aintbkratie der Zaren ,zn rechtstrtigeN oder doch einen Ausgleich nckt den WoAsbestrebüngeu zu konstruieren, »tzt denen der Gewinn' g'an'z auls stitetr der Autolkralie orrl'leibt. AVer Exzellellz Jttstsow,lisch leistet noch mehr: er ist vor allem der Bater der „Pogrorny" in den westlichen! Gonlvernemercks, der Prediger des krassesteli AntiseNlstisnous, der „Dheoretiker" nnd geistige Jckilhrer des ,/Schwarten Hunderts", der „Verei'nigln'n'g -wahrihaft russischem Männer" nnd wie sich all die rlickschrittlichie-n, Organijarivnen nennen, deren niehr oder weniger offen betriebenes Werk die Jndeumetzel'men der letzten Jahre sind. Bor etrva anderthalb Jahren Hat J'ustsowi't.sch eine Schrift versaßt, die den Titel ,>Dte Judensrage" trügt. Sie ist znr geheimen Verbreitung vestiim!m!t!, trägt auf dem, Titelblatt ausdrücklich dell Vermerk, daß sie mun Buchhandel, ausgeschlossen! ist, ist tatsächlich nirgelnds käuflich m haben, und befindet sich, trotzdem, in. den Hünderk aller ,,'Gtngewelhten" — Hvfaristokrawa, hohen Nnd niederen DschirrowirikS, Geistlichen, Militärs, Polizisten nsw. — die sie wie eine heilige Gehieimschrift ihüten. ^Einige weuige Ansziige aus diestv Schrift — die mir 'der Satyr „Zufall" in, die Hü'ltde gestielt hat — mögen zeigen, iu welchen GeöUnlkengNiN'gen -man sich im den oben erwähnten SHlhären be,wegt, und «wes Geistes Kind der Mann ist, den' die gegenwärtig wieder am Ruder bestUdliche Partei als ihren SipivituS reetor anfieht. A'nf Seite 3 feiner Schrift bespricht Justfvwitsch die „Gnadenbriest", die gelogeUtlich der Taust des Zarewitsch vom Zaren auch den rn'sstschon Inden gegeben wurden — es handelt sich Um eine gering,füg ige Erweiterung des Niedörlasftln'gsrechts, die Jusefowitsch nicht laut genug zu predstn weiß. „Die Inden aber," führt er fort, „betrachten diese Erleichterungen nur als ei!nio K'oln.miffion'sgeviihr, die Rotlfschild sich' bei 'der ru'ssischen Negierung 'fitu seine Mitwirkung bei 'der Realisierung der Anslandauleihen ausgemgcht hat, sie find jedoch mit dieser Gebühr nicht zufrieden, da sie ihnen als .zn rriedrig erscheint." Nun haben sich unter den russischen Publizisten gefällige Töchter gefunden, die diese Erleichterungen nur als einen ersten Schritt bezeichnen, dem alsbald eine völlige rechtliche Gleichstellnng der J,Uden mit den übrigen Bewohnern, des Reiches folgen werde. Eine 'solche Gleichstellung Mer wäre einfach ein Akt der 'Un.gerechtig!keit lJn'sefowftsch hebt dieses Wort im Druck hervor) und daher ist sie als keineswegs wlilischensweet zn betrachten. „Ich Hube," sagt J'ulsefowitsch, „in denr von, den J'uden bewohnten Gebiet einen, beträchtlichen Dell mioines Lebens ziugebracht, und bin dnrch mehrere Jahrzehnte Zeuge einerseits des schweren Druckes geweisen, dem das jlidische Element lO'itf die eingesessene Bevölkerung ansübt, andrerstits der Klagen der Juden' iiber die Unterdrüicknng, die sie« selbst von seiten der ru'ffifchen R>egiernng Kn erleiden haben, lieber die erstere der beiden Erscheinungen ist nichts weiter zn sagert: stft den Zeiten des grauen Altertums bis auf ttn'sere Tage blldet ber von den Juden an'f die librigen Nationen ansgeüvte Druck eine Datisache, die sich in der Ge- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 4. September, -d«