Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 58 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Natimlztitmz Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Sigealum rinn Sozietät. — HeravsseKrr und ChefredaKtenr: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 2. Danneberg. M. Dules Nachfolger, ^aasenftein & Vogler, Rudolf Masse. M. pozsonqi, fl. Schale! in Wien ferner alle Annoncen. Expeditionen im fluslande. Einzel - Rrrmmer in Wien LS Heller. Verschleißstellen unseres Blattes» in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden : Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgasse 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. r-- - ■11 ---M Redaktion: IX/1. Wafagaffr 31. Telephon Nr. 14783. rvrechstnnhen: An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitung" Wien, 1X|). Hmb werden wegen verspäteier oder gar nicht erfolater Zustellung erbitten wir uns drinaend. — manuikrtpte werden nickt XNrBekaeitciit. 1-ostsparkaflen-KoMo 47037. 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Unim'itMta nach Ver«Mndu>n«g' des Kuttenberger W'ahnspruches iw« Prozeß Hils-nev, also lange bevor sich! dieser Prozeß zu einer Affäre ausgew-achjsen, hatte, habe ich, iln einem« in 'der „Bukowinaer Post" veröfsentlichteni, „Polna" überschriebenen Artikel.auf die Unjgeheuerlichkeiten« bi'cfc^ Strafprozesses und ans die offonbare Ungercchtigkeit des Wahrspruches' hingewiesen.. Ferner habe ich nach! Einbringung der Interpellation Hilsner in. unserem Abgeo-vdnetenhause d'ieser Frage i>m« „Czernowitzev Tagblaitt" einen« Leitartikel gewidmet. Dieser Avtikel klang in hm Wunsche ans, die Interpellanten mögen« vor allem eine B eg n a d i g u n« g d e s uns ch u l d i g V e r - u r t e i l t e n« anstreben. Denselben! Gedianken, m,it einler der meiin igen, fast gleichjlantenideni Begründung gibt auch Max No r d a u in dein! der H'ilsn,erfrage gewidmeten! Leitartikel der „Neiti>en Freien Presse" vom- 29. Juli l. I. Ausdruck. Dies rmd die Uebevzeu.gu.ng> daß die „Affäre" nicht eher zur Ruhe gelangen! kann, als bis «sie eine der Gerechtigkeit! entsprechende Lösung, d. h. >eine 'Gutmachung -des Justizirrtums dllvchi Freisprechung Hilsners. gefunden Feuilleton. Höhere Anschauungen. Jetzt hatte der nirberechenbaire imiö1 doch so sicher arbeitende Zufall sie wieder znfannuengeftihlrt, mrchdem. sie sich so lairge Zeit nicht gesehen!. Wie imimer bei solchen- Begegn-ungeu, bewegt«! sich die Unterhaltung in« der Floirm von Fragen« und Antwori«en> nach Erlebtem.. Man fühlte sich sehr zwanglos, weil keinerseits die Ueiberlegerchieit d>es! Tones Platz greifen« kouuie. Es lvaren« ehemnilige Sitrl!di«en!genofsen> die drei, sie hgitten« gemeinsam« das« Gymnasium besrlch«k, danndie Hochschule bezogen!, niud nmr sind' sie Doktoren. Dr. Hahn gehörte der Fakultät an, die sich mit der löblichen« Absich>t trügt, dem Tode das Leben« sanier zu machen, und fand in diesem, gewiß ailerkenin.eiisrrerten Bidstreben seinerseits.die Müßte Befriedigung, die nur von« der seilnies Kollegen!, des Dr. Fritz Lanier, überboten« iverden konnte, der Philosoph« war und daher begreiflicherweise die Welt u>n«d das Leben, zu keunen« glaubte, und schließlich als dritter im, zufällig,en« Blinde Dr. Alfred Hirsch, ein Repräsentant der juridischen Fakultät. So waren« sie alle in sozialer (theoretischer!) Hinhaben wird, machen die Frage ewig zu einer aktuellen. Es. wird, mir daher sicheckich kein Vorwurf daraus gc«macht werden, daß ich. mich mit Äeser Frage zum dritten Male befasse. Die Ueberzeugung, von, der Unschuld Hilsners ist oi«ne allgenreine, sie ist nicht Nur comiunis opinio do!cto>rum!, sonderst G«emein«gut aller, die überhaupt ein« eigenes Urteil haben. Für die Frage «dev ZnläffigkeM-'dev Wilederaufnahme des Strafv,ersah,re!ns (Revision) i'm Prozeß Hilsner kann die allgemeine Ueberzeugung, daß an, Hilsner ein Justizirrtum begangen wuiude, som«it die Volksstimmung als Wiedevanfnahmstzr'und Nicht verwertet werd>en, weil die in« Geltung stehende österreichische Strafprozeßordnnng bestimmte, gesetzlich« festgelegte, tatsächliche Vomussetz ringen! verlangt, n«ichl aber Jlup-on.deriabilim> wie 'die VoMsstimmung es ist. Für die Frage der B e g n a £> i g1 u rti g des unschuldig Verurteilten aber ist diese allgemei ne Uebe-rzeugung allein maßgebend. Hier gilt das Wort: Volkes Stimme, Gottes' Stimnre. Was. die allgemeine Ueberzeugung als Unrecht empfindet und! artsgibt, ist sicherlich Unrechlt!! Der gesunde Rechtssiun, dr's- Volkes geh.t selten irre. Demrmch wiederhole ich meinten Appell, für die Beguadigiung Hilsners zu «wirken!, uu«d fordere alle Abgeo«vdnieten, des Parlamentes', weilchd die bezügliche Jntevpellatw!N« an! d>ün! Justi'zminister rünterfchrieben haben«, aus, allen ihreu Einfluß auszuwenden!, sicht völlig gleichwertig, wenn auch, bei jedem von ihneu Persönliche Einbildungskriaft gen>ug vorh«cl-irden lvar, u«m> sich dem anderen etwas überlegen« zu> fühlen. Und. noch einos hatten sie gemeinsam. Sie waren« alle d,r«ei Juden. Oder sie loaren es. a.uch« nicht. Sich als Jude fühlen', heißt erst Jude sein, und desha«lb hi.eßen. sie. bloß Juden, ohne' es zu sein. Sie schienen sich auch daiübev noch. nie. Gedairken gemacht zu halben«. Das geziemt sich' auch WiWich freien. Männ«ern! der freien Wissenschaft nich«t, main« ist der Doktor soundso, betrachtet sich, die Welt aus. ganz anderen Gesichtspu'n«kten wie die geistige mifera« Plebs, und kann daher so unigeheuerlichen Zuinutungen nich«t genügen. Manches Mal kann« mlain dein so va'riableu Dhonm, d«as diesesi Wörtchen „Jude" enthält, den«n« doch nicht ausw«eichen>, und in diese Lage wd«mn« nn.verseh.ens« — sie konnten wirklich niichts. dafür — bic drei Herren gekommen. Dir. Fritz tat eines genreinsanren Bekan«nten E'rw'ähnrmg, -deiv vor kurzer Zeit den, Glauben a,n die — „alleinselignrachende" Kirche fand, nachdem er dreißig und vier Jahve in, dom unvierzeihlichjeN! Jrrtume gelebt, ein Jüde zu sein. D>a sich imiin, die Kinder nicht gerne für die Sünden der Väter verantwortlich. lrr«achen da«mit die Begnadigung Hilsners. erfolge unld so der an, ihmj veirübte schreckliche Justizirrtum vorläufig wenigstens durch diese p.wvisoriifchle Lösung einigermaßen gutgemacht werbe. Welm mein erster Aufruf leider ung«ehört verhallt ist, so rnö'gen unsere Parlamentarier den Appell des grloßen, Schriftstellers Nordau beherzigen.. Ich richte diesen, Appell insbesondere an unseren Du. S t rau ch e r, den einzigen Abgeord'neten, der, wie ich! wiederholt betont habe, in, unserem Parlainente die Sache des Judentums mit veh'eiuenter und. überzeugender Beredsamkeit vertritt. Wenn er für diese Sache eintritt, so wird sie, hiervon bin ich! fest überzeugt, eine gedeih«- liche Löfuing finden,. Der juristischen Seite dieser Frage, welche NoiÄcm kaum streift, seien nachstehende Bemier«- kimgen. gewidmet: Während, das« französische Recht die W.iod>erausnah«m«e einer rechtskrästi«g entschiedenen« Strafsache nur unter sehr erschjwerMden llmiständen zuläßt, das. Recht der Bewilligung der Wiederaufnahme ausschließlich in die Klompetenzsphäre des Kafsatiolnlshofos verlegt und die Wiederaufnahme ohne eine neue Tatsache Minizlich ausschkießt, kennt unser Strafprozeß eine ordentliche u n d eine a u ß e r o r d e n t l i ch e. W i e - d e r crufn ah me des Str a fverf a hr e n, s. Tie! ord!entl,iche Wied«c«raufnahm!e ist a>uch nach, rrnfierenr Rechte an neue Ntbmente gelassen. und. Jude zu. sein für besagten B«ekaunten« eine ungeheuerliche V>erantWartung vor dun geltenden, Fomun, des Praktischen, in sich barg', schüttelte er' diese kurzerhand ab. Dies koninte in diesem' Kreise selbstv.erständlich. kei'irer abfälligen« Kritik begegnein!, ja, es wurde nidmehr mit den« G,ründen« einer, schon wegen ih.rer fadenfchein«igcn Beschaffenheit sicherlich nicht Kant entlehnten! „reinen Vernunft" für gut riind. r!ich!tig beftiujden!, obwohl es nicht von« der Hand zu weisen, wa«v, daß. a.uch -der reinen« Dernunft mrveiner Teil, d«er praktische nämlich, hier sein. Spielchen get«ri.ebeir. „Es ist ein schlagender- Beweis dafür," sag,t!e Dr. Hahn«, „daß unser sogenannter geistiger Fortschritt ein' Psen«do-Fortschritt ist, wenn wir: es. noch immer li«eben, derlei zur Selbftverstä.ndl'ichikeit gelvordiene Vorkommnisse mit dem Mänitelcheu :des „Besonderen" zu behän«gen!. In uu-seven Tagen müßte sich, schon lange die Erkenutn-is Bahn gebrochen haben, daß. ein Glau«bensi!vechsel ein religiös un-mottvievter, rein formaler Akt sei." „Ganz richtig," bemerkte Dr. Alfred. Mit dieser lakonischen, Zustinunung schien die Meinung aller gesagt zu sein,, venu das Gespräch stockte plötzlich, bis nach einer Pause Dr. Fritz das Wort nahm. „Jeder von euch trachtet, ■»*- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 14. August. -•*