Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 55 (31.7.1906)
- Date
- 1906-07-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wr. 55 Mti««Lzeüun- Seite a Die Kettung -er Pogromwaisen. Bialyftok, 24. Juli. Das hiesige Unterstützungskomitee traf mit den Vertretern der Jca Feinberg und F r u m k i n die Auswahl derjenigen Waisenkinder, welche beim letzten Pogrom ihre Eltern verloren und am Meißen unterstützungsbedürftig sind. Es wurden 150 Waisenkinder konjkribiert. Sämtliche Kinder werden ins Ausland gebracht. Elternlose Waisen werden nach Amerika befördert werden, ebenso Witwen mit ihren Kindern, welche in Amerika Verwandte haben. Bialyftvk. 25. Juli. Tie Abschiedszenen zwischen den Waisenkindern und ihren Angehörigen waren herzzereißend. Die Mitglieder des 5^'omitccs konnten sich der Tränen nicht erwehren. Die Waisenkinder werden: in zwei Gr ippen expediert, deren erster heute abreist. Jenseits der Grenze werden die Waisenkinder »on deutschen und österreichischen Delegierten jüdischer Wohltätigkeitsinstitute in Empfang genommen werde::. Petersburg, 25. Juli. Der Bialystoker Korrespondent des jüdischen Tageblattes „Das Leben" :neldet: Ein hier anwesender Vorsteher eines ausländischen jüdischen Vereines äußerte sich iibcc die Pogromwaisen zu mir: Die Waisen der heiligen Märtyrer, welche als Opfer des ewigen Judenhasses gefallen sind, sind allen teuer, und wir erachten es als unsere Pflicht, sie in freier Atmosphäre zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen. Die Verwandten der Waisenkinder verstehen die Anforderungen der Zeit nicht, und stellen unseren Bemühungen die größten Hindernisse in den Weg Hemberg, 28.Juli. Gestern abends kamen hier 35 Bialystoker Waisenkinder an. Sie wurden von Herrn Dr. Marguließ schon in Rowno in Ernpfang genommen. Am Bahnhofe warteten eine große Menge von Juden und Nichijuden. Die Gruppe der Ankömmlinge wurde zunächst photographiert, und dann mittelst eines bereitstehenden Separatzuges der Straßenbahn in die Stadt gebracht. Die meisten der Kinder sind körperlich herabgekomn:en, viele von ihnen weisen Wunden am Kopfe und im Gesichte auf. LcmberK, 29. Juli. Mit einem späten Abendzuge kamen weitere 64 Kinder aus Bialyftok hier an. Sowohl diese, wie auch die erste Gruppe wurde vom hiesigen Kultusvorstande mit Herrn S. Edlen von H orow itz an der Spitzeempfangen. Mit den Kindern kam als Führer der traurigen Expedition auch B e r g l vom Berliner Hilfsverein der Deutschen Juden, ferner Frl. Bertha Pappen heim aus Frankfurt a. M., Dr. Kahn-Berlin und Spiewak aus Jekaterinoslaw, die Damen Biel itz ka ttnb die Leiterin einer I Kinderschule in Kiew, Frl. R a b i n o w i t s ch. Die Kinder bleiben bis Sonntag hier. Lemberg, 30. Juli. Der für Amerika bestimmte Teil der Waisenkinder setzte nach dreitägiger Ruhe seine Reise fort. Die Kinder erhielten sehr viele Geschenke, und waren überhaupt Gegenstand liebevoller Aufmerksamkeit. Auch viele Christen bedachte.: die armen Waisenkinder mit Geschenken. K«« dem Tagebuch» eines Jude«. Von Jakob Krausz. 2§. Juli J906. Der Aufruf des Herrn Maximilian Paul-Schiff in der „N.Fr.Pr." geht mir nicht aus den: Sinn. Er ist symptomatisch und bedeutet meines Ermessens eine große Gefahr für das Judentum. Herr Maxim. Paul-Schiff begnügt sich nicht damit, für seine Person zu erklären, daß er seine Kinder den Folgen des „strengen Religionsunterrichtes und des Drillens in einer Zoten Sprache" zu entziehen gewillt ist, sondern fordert, wie es einem beleidigten Politiker geziemt, zur Organisation der unzufriedenen Eltern auf. „Tote Sprache!" Dieses liebenswürdige Epitheton für das Hebräische kehrt seit einiger Zeit in gewissen Kreisen so oft wieder, daß es die „maßgebenden" Kreise denn doch stutzig machen sollte. Die „maßgebenden" Kreise! Ich bin wahrhaftig in Verlegenheit, wenn ich darangehen soll, in dieser Frage maßgebende Kreise festzustellen! In einen: gesunde:: Gemeinwesen sind die sogenannten offiziellen Kreise nicht nur der Form, sondern auch dem Wesen und dem Inhalte nach maßgebend, weil sie, aus dem Volke staminend, ihren Handlungen dasselbe Maß anlegen, wie das Volk, das sie in d:e Ehrenämter entsendet hat. So ist es in gesunden Gemeinwesen. — In ungesunden Organisationen bildet die Opposition die Majorität und dcinzufolge auch das wirklich maßgebende Elernent. So ist es auch in den meisten jüdischen Körperschaften! Und so ist es auch in unserer Siuiut§i}cmcu:be! Kultusvorstcher Wilhelm Kuffner prägte das Wort von: „toten Plunder" bezüglich der hebräischen Sprache und Herr Maxim. Paul-Schiff ruft als williges, dic,:stfert:ges Eclnk zurück! Und das sind nnse.e "inaßgebenden" Kreise! Herr Paul-Schiff hat ohne Zweifel viel humoristisches Talent, er tut so bedrückt, so verfolgt, daß er seine Leidensb'.'üder zur Organisation aufsordert. Herr Paul-Schiff war Präsident der „Oesterreichisch-israelitische.: Union" und des gatizischen Hilfsvereins, kennt sich also in Organisationsfrager: aus und weiß auch, daß er die Opposition nicht zu fürchten braucht. Es wäre wohl sehr verlockend, hier wieder einmal üoer die Bedeutung der Religion für die nationale Sache zu spintisieren, aber ich weiß mich in dieser Frage, im Gegensätze zu einem großen Teile meiner nationalen Gesiunungsgenossen, und es gehört gerade nicht ^n den angenehmsten Rollen, der „ewige Gegensatz" zu sein. Aber hier dreht es sich ja scheinbar garnicht ::::: die religiöse Frage, die Notwendigkeit des Religionsunterrichtes wird ja von unseren Gegnern geschickterweise konzediert, dcr Feldzug richtet sich ja hauptsächlich gegen die hebräische Sprache, die aus unseren Schulen bis zur letzten Silbe ansgemerzt werden soll. Und die Erhaltung und Förderung der hebräischen Sprache ist ja ein gemeinsamer Programmpunkt von uns allen: Orthodoxen, Zionisten und Nationalen! Und dennoch sehen wir ruhig zu, wie Kommanditgesellschaft für Religionsverwässerung Kuffner, Paul-Schiff und Comp, mit Erfolg sich zur Vernichtung unserer heiligsten religiösen und nationalen Güter organisiert. Und das ist das symptomatische und gefährliche an unserem Zustande! Wir hören in dem Rufe der Firma Kuffner-Schiff nur ein „Los von Israel! und haben keine Ahnung davon, daß es mit „Los von Juda!" gleichbedeutend ist. 26. Juli. Ich lese in reichsdeutschen Blättern, daß die deutschen Sozialdemokraten einen Kurs für Agitatore:: errichten und die Teilnehmer an dem Lehrkurse während der Lernzeit aus Organisationsmitteln erhalten. Es sind sehr ernste und wissenswerte Gegenstände, die da, in allerdings zu kurz bemessener Zeit — der ganze Kurs dauert nur sechs Wochen — gelehrt werden. Vor noch nicht langer Zeit habe ich in einer hiesigen zionistischen Studentenverbindung eine ähnliche Anregung für die zionistische Bewegung gegeben. Ich war dabei der Ansicht, daß mit einem Kurse über „Takt und Taktik in der Agitation" begonnen werden müßte. Denn gestehen wir es uns nur ruhig zu: Die nationale Bewegung — wenigstens was Oesterreich betrifft — verfügt über wenig erprobte und tüchtige Agitatoren! Vielen von ihnen geht die Kenntnis des Wesens der nationalen Bewegung ab, das religiöse Problem ist nur sehr wenigen bekannt, die hebräische Sprache kommt den meisten — in Westeuropa sicher — spauiseh vor itub gar mancher von ihueu würde, wenn er einer Prüfung nach dem von ihm in Versanunlungen geforderten Lehrplane für den Religionsunterricht unterzogen würde, als Märtyrer der nationalen Förderungen fallen. Ich habe teilweise nicht übertrieben! Durch diese Lückenhaftigkeit der Kenntnisse unserer Agitatoren bleibt ihre Arbeit auch ohne dauernden Erfolg; seinen Worten fehlt die überzeugende Kraft des Wissens. „Jeder Jude muß ein Agitator sein! Horen wir gar oft in Versammlungen von unseren Führern. Ich aber sage- „Jeder Agitator muß ein Jude sein! und zwar nicht nur ein selbstbewußter, soudern noch mehr ein selbstwissender Jude sein. Die Sozmldemokratei: babcn d:cs imitatis muiundis erkannt und auf sich angewandt. Vielleicht dä,innert auch uns diese Erkeuutnis! 26. Juli. Ministerpräsident Baron Beck hat einer: Erlaß an die Ressortminister erlassen, der ziemliches Aufsehen erregt. Eigentlich richtet sich die ministerpräsidentielle Lektion an die Verwaltungsbehörden. Wollte man den ganzen Erlaß in einen Satz zusammenfassen, so müßte er lauten: „Ihr müßt in Zukunst das gerade Gegenteil von dem tun, was ihr bis jetzt getan habet, dann werden wir eine moderne, gerechte Verwaltung haben. Uns interessiert besonders folgende Stelle des Erlasses: Nie darf der Verwaltungsbeamte außer acht lassen, daß er im Rechtsstaate den ihm gewordenen Aufgaben mit Beachtung dcr öffentlichen Jndwidualrechte nachzukommen hat, nie dürfen Rücksichten auf Nationalität, Konfession und sonstige persönliche Eigenschaften der Parteien ihn von der Linie des Rechtes abdrängen. Denn nur dann wird der Beamte seinen ernsten Obliegenheiten genügen können, wenn er es versteht, bei der Bevölkerung den Eindruck voller Objektivität und unerschütterlichen Gerechtigkeitssinnes zu hinterlasseu. Eine wesentliche Voraussetzung für die Erreichung dieses Zieles ist, daß der Beamte in der Oeffentlichkeit, und zwar in politisch erregten Zeiten ::: erhöhtem Maße, eine angemessene, mit der Ausübung der ihm zustehenden Rechte wohl vereinbarliche Zurückhaltung an den Tag legt, unter allen Umständen aber den Eindruck eines agitatorischen oder demonstrativen Auftretens in den politischen und sozialen ZeitundStreitfragen vermeidet. Ebenso darf er bei der Versetzung des Dienstes jene Festigkeit nicht missen'lassen, die ein Ausfluß des Bewußtseins sein soll, daß er als Verweser der staatlichen Autorität zu wirken berufe:: ist. Wohl aber kann der Beamte des vollen Schutzes seiner Vorgesetzten und des energischen Eintretens der Regierung unter allen Umständen dann sicher sein, wenn er nach Recht und Gesetz in Erfüllung seiner Amtspflicht gehandelt hat. Viele Tausende von Juden beklagen ihre wirtschaftliche Existenz, weil die Verwaltungsbeamten diese selbstredenden Vorschriften bisher mißachtet haben, und weil Gesetze und Erlässe besonders für unsere antisemitischen Beamten nur dafür da sind, um — umgangen zu werden. 27. Juli. Gestern stand der Direktor des israelitischen Blindeninstituts, Herr Simon Heller wieder vor Gericht. Er war diesmal der Ehrenbeleidigung angeklagt, und zog es vor, der leidigen Affaire durch eine Ehrenerklärung ein Ende zu bereiten. Ich habe bisher über die peinlichen Vorfälle in dieser jüdischen Anstalt geschwiegen, weil ich erwartet habe, daß der Kultusvorstand, beziehungsweise das vom Vorstände eingesetzte Kuratorium das Wort ergreifen werde. Die kompetenten Stellen schweigen sich aber eigentünllicherweise gründlich aus, und gestalten die Angelegenheit für die Freunde der Anstalt womöglich noch peinlicher. Der Obmann der Blindenanstalt ist der Kultusvorsteher Wilhelm Kuffner, der bekannte „Plunder- Kuffner", den wie wir wissen, ein unwiderstehliches Verlangen beseelt, mit „totem Plunder" — wie er die hebräische Sprache nannte, „aufzuräumen". Mich will es bedünken, daß es im jüdischen Blindeninstitute gar vielen, allerdings allzusehr lebenden, zum Himmel schreienden Plunder gibt, der es aber schon längst verdient hätte, dem Tode und dem wohltuenden Wechsel anheimzufallen. Mit der Aufräumung dieses würde Herr Kuffner auch einmal eine gute jüdische Tat begehen. Es scheint mir jedoch, daß in dieser Anstalt nicht nur. die unglücklichen Zöglinge, sondern auch das Kuratorium mit Blindheit geschlagen ist. KRCBSdPOTHEKC 5. niTTELBACH Wien, I., Hofier Harkt Nr. S (Palais Sma) in Zentrum 4«r Stasi. ♦ Pettoril-HMten-Bonbons. LK' ,“Ä mang. Huster. Hciierkeit. Verbindern den Hcbtenrei* u, baw rken sofort di« leiehte Entfernung d. Schleim**. Preis pro Sohsohtel 70 Hallar.