Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 54 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. NatmchkitNi Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Eigentum einer Sozietät. — Herausgeber und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 2. vanneberg, ITC. Hufes Nachfolger, Haasenstein & Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonyi, a. Schale! in Wien ferner alle Annoncen. Expeditionen im Nuslande. Einzel-Nummer in Wien LS Heller. Administration: Telephon AbonnementS-Prcis r Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig. . . . K IS— talbjäbrig . . . . K 6 — ierteljäbrig . . . K 3.— Für das gesamte A«Sl, b Ganzjährig . . . K 15,12 IX/l, Wasagaste 31. Nr. 14788. Preis dev Anzeigen: Diesmal gespült.Nonpareillezeile oder deren Raum 12 h. „Eingefendet" die llspaltige Nonpareillezeile 50 Heller. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Redaktion: IX/l, Wafagastv 31. Telephon Nr. 14728. Lprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „NationalzeUnng" Wien, IX|l. 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Dieselbe Hand, b-i-cvon Ihnen, Herr Generaildivektor, die Milliarden entgegengenvinmen, hat das Todesurteil über diesen Phötus vieir Konstitutionalismns unterzeichnet. Diese Hand ist geübt in Unterfertigung von Todesurteilen'. Sie hat mit einem Federstrich Taufende von Menschen-, vonjungen, lebenslustigen, ft'ei'heitsidnrstigen Menschen ins Grab gesenkt, in die Verbannung getrieben, zu heimartlosen Bettlern« und Vagabunden gemacht. Und die meisten dieser llliglüeksiuenscheu waren Inden, waren Ihre Glaubens- und Stamnresgenossen-, Herr Generaldirektor! Lauter Menschen«, die wogen ihres Judentums so gedrückt, geknechtet und« verfolgt werden, wie einst Ihr Vater und Großvater, Herr Generaldirektor! Lauter Juden, die so arm, so vaterlandslos sind, wie Ihr Vater und Großvater es waren, und die nicht einmal hu Traume daran denken, so r eich zu werden, sondern so f r e i sein wollen, wie Sie es sind, HerrGene'mlbirektor! Und das sind lauter Menschen, in denen Feuilleton. Von Michajlo Jackiw. Ans dem Ruthenischeu, .übertragen! von Oskar;st e ß l e r. Er saß in gebiickte.r Haltung in der .starezlnay neben dem Ofen. Iu eine zerisse ne Peke.sche ge- ,hüllt, ans der Bartk der Stuck und ein Bündel. Sein patriarchalischer Bart slvß ihm ivellenartig nber die Brüst. Scharfe Züge und tiefe Falten hat das Leben in sein (Besicht gc'graben und das Alter rrmlwe'hte es m-it einer -cifitvcit .srälte. Gr hatte sich verträumt. Scho»! seit langem hatte er den Zusammenhang mit dieser Welt verloren, er schaute in eine andere — in sein Inneres. «Manchmal erwachte er und legte die Finger ans den Mund. Plötzlich erzittertensie und ein neirlborgener seelischer Schmeyz, ergoß sich über sein Antlitz. Der Arendarß blickte nrit Berionndernng anif den Greis und ränmte den Teller mit dem st'iertäglichen Gebäck rveg. 1) Turswirtshanö. 2) Wirtsha nsbesi tzer. das Judeutuiu noch so stark lebt, daß sie es nicht glauben wollen, daß ein Jude iu freiem Laube seines Stammes so vergessen! könne, daß er dem Hen«ke-rseines Volkes die Mittel zur Ausrottung des Stammes zur Verfügung stellt! Als öic große russische Anleihe perfekt, und ■ der Anteil, den Sie, Herr Generaldirektor, so- . wohl an der Beschaffung wie auch an -Dem Ver-; dieuste hatten, bekannt wurde, da gab es Leute, j die iu ihrer Anhänglichkeit zu Ihnen,, sich ein . Märchen konstruiertenvon Garantien für die! Volksfreiheit, die Sie, Herr Generaldirektor, : sich bei Abschluß der Anleihe gesichert hätten. | Auch ich hatte eine leise- Hoffnung, daß dem so wäre. Ich konnte und mochte nicht -verzweifeln an dem jüdischen Herzen, an dem jüdischen Gefühl, das in dein Nied-ri-gstenunter uns noch stark genug ist, u-m nicht Henkersgehilsen unseres Volüs zu werden. - ' Aber kaum hatte der nordische Moloch das viele Gold aus jüdischer Hand mtgege'ugeuommen, ergoß sich ein jüdischer Blutstrom ans Bialystok.... Haben Sie die a rauen ha steu E iirzelheiten über dies c M a ss e nh i n schl ach tu n g Ihrer Glaubens- und Stmn«mesgenossen> in den; Reiche Ihres Schuldnerszu Ende lesen, können, Herr Generaldirektor?! Haben Sie darüber nach ged acht, woher diese Hooligans, diese Barfüßler die Mittel nahmen, um die Pogrome veranstalten zu können . .. .? Aber noch wollten, Ihre Freunde die Hoffnung nicht ausgeben, nach wollten die Juden in Rußland selbst nicht verzweifeln.: d i e i D u m a w a r da und beriet. Einmütig ver- } urteilte sie die Greuel von Bialystok, eiumükig s erkannte sie, daß die Jndennwrde von den! Schergen des Zarenin- Szene gesetzt wurden j und einmütig war sie in ihrem Verdammungs- - urteil über „die jüdischen Geldgeber!" dieser i Massermörder! Mai) durfte noch hoffen!! Da! kam der letzte Schlag! Die Duma wurde mir > Hohn- und Spott davougejagt! Als erste Bej gleiterscheiuung dies'es airiroEratifchen- Sltaats-! streiches fließt wieder jüdisches Blut, wird wie-; dep jüdisches Gut vernichtet! Und wieder! er- , gießt sich ein Meer vou sliehendeu russischen i Inden über ganz Europa, ohne zu missen, wo-; hin sie ihren müden. Friß setzen, solle')),. Es sind! lauter adgehärmte, verhungerte Gesichter, und i ihrer keuchenden, nach, freier Luft ringenden j Brust entringt sich mitunter ein furchtbarer Fluch über alle, die ihr Unglück verschuldet. . . Ueber alle, Herr Generaldirektor! Ich sehe sie täglich vor mir, diese unglücklichen- Geschöpfe, zu Dutzendensuchen sie das . EnchM-tiö-u-jimreau unseres jüdischest lRa-tio-! nalvereines „Einheit" aus, und wir können; i'u:-:'.-- nicht helfen!. : Vor d-rei Tagen war's! Ein alter Mann kam zu uns, an der zitternden' Hand führte er ein! etwa achljäbriges Mädchen- Es war sein Enkelkind. Das ist alles, mct* ihm vom letzten! Pogrom, geblieben. Das Kind verlor die Elj lern, die Habe wn'rde geraubt und vernichtet. - Und dev Alte wollte mit dem- Enkelkinde nach Amerika-. Als ich i-hin erklärte, daß unsere — Gelobt sei Jesus Ehristns und ihnen., Ar-c-ndar, einen guten Morgen! . . . Ist das über eine .stä-lte .... Ein stäinrniger, anc-gewachsener Bauer in einen) weiten Petz angetali, trat ein, stellte seine Peitsche in einen Winket und begann mit den Füßen zu stampfen und die Arme aneinanderzüfchtagen, daß die .starezma erbebte. — Gebt mir dort ein Gläschen. -Er schnitt sich Bnütrnmen und d-nrchnmfler-te alle Leute ind-er .sta.rezma, d-ie schiveigend dasaßen und ihre Pieifen damp.ften. Aän -meiste)) interessierte ihn der Jude hinter bi’iui: Ofen. Auf einmal hielt er selbstvergessen in ne .... eine Eriinlerung stieg inihm ans. Er legte das -Brot ans die Leite nn>d! näherte sich deni Fnden. — Ei, seid Jhr'ö nicht, Herr Anchim'? Der Jude erwachte- und öffnete weit die Augen, im tut hielt er ihm, seine zerrissenen A'e-rmel hin uns sagte: — Hm, was für ein Herr big ich denn? — Aber Ihr seid's doch, sttnchin) (soldberg'? — Hn), weiß ich denn, ob ich e-s bin oder nicht .... Und wer seid Ihr'? — Lesz Zivaryez. Der Jnd-e erhob seine -Hand über sein schivaches An ge. — Ihr, Lesz Zwa^-aryez . . . °? Rn, n-n, wer irtirde es gla,ubeul Gm sagt man: ein Berg koimn: nicht zlcsawm-en -mit einem Berg, aber ein Meüsch in it einem Aienschen .... Sie reichten einander die Hände und schüttelten sie herzlich, wie alte Frenn-de. Lesjz setzte sich neben ihn und öv-n-nte vor -Beewinnderinng lange rlicht spreche)). Sie redeten im Hai'btvn, n-in die A'N'sinerrfaniEeit der Leute nicht zn erregen. — Was ist denn mit Euch geschehen, Herr Anchim'? Ihr wa-ret doch eil. so mächtiger und gerühmter Gntshe-rr? . . . — Rn, seht Ihr nicht? Er streckte 'die Hand vor sich und zeigte ans seine zerrissenen .stleider. — Gott sei gedankt auch dastir. — Ej A'nchin) — rilltchim, Ihr habt das nicht verdient. Ein besseres Lvs habt Ihr verdient. Ihr lvaret ein Mensch. Zwar ein J-tide, aber kein j-üdischer. Solche kann man he'tlte a-uch unter den Ehristen mit einer .Sterze nicht ansfinden . . . — Hm, sin'd denn jnn-> die von Eurem Glanb-en Ale Nischen? A-n tlnd wie geht es Euch? — Ich dan-te, gut, Gott sei Dank. Wie ich von Euch fvrtgillg, verheiratete ich rnich im Horvden'kaer. Fhr haktet eilte gute Hand. Gebe Gnch Gott, daß Ihr in t>H)itcf und Ruhe Eure Tage b-e-schiießet. Fch ersparte bei Glich -etwas Geld und vvlr dem .St'iichlein, das Fhr mir geschenkt habt, bin ichzu einein Vieh gekonunen, »*- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 31. Juli. -**