Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 49 (10.7.1906)
- Date
- 1906-07-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 49 nationalen Bewegung uni> zur Förderung der Assimilation ausnütze. Als P'wf. Sternb a ch den Redner unwirsch unterbrach, erneuerte uch der Lärm in verstärktem Maße. „.Nieder, hinaus mit dein Verräter!" trule es ihm entgegen. Der ohrenbetäubende Lärm, der ungefähr eine halbe Stunde dauerte, lockte auch viele Höver ans don> anderen Hövsälen herbei. 9äun eilte auch -der Rektor herbei, der die denronstrierrnden Studierenden, zu beruhigen suchte, indem er sie versicherte, ' daß Professor Stern b a ch im. Landesschulrate die Interessen der Juden aufs beste vertrete. Doch die Ermahnung des Rektors machte gar keinen Eindruck auf die erregten Hörer. „Fort mit dem Verräter! Hinaus ans dem Saale!" scholl es wirr durcheinander. Erst als ein anderer Professor in bm Saal trat und die Höver bat, durch ihren Lärm nicht einen in der Universität eben stattfindenden Kongreß polnischer Gelehrter Zu stören, zogen die Demonstranten ruhig ab. Hierauf hielt Professor Sternbach an die wenigen Zurückgebliebenen eine Furze Absprache, in welcher er versicherte, daß er als Pole auch in Zukunft der zionistischen Be>- wegung überall mit aller Energie entgegentreten wende. Ueber die Vorgeschichte dieser Demonstration werbe ich Ihnen für die nächste Nummer berichten. D. I. Nngartl. Budapest. (Russische Flüchtlinge in Ungarn.) In Rumänien treffen! setzt tägliche zahlreiche russische Juden ein, die sich vor den. Im denmassakers aus Rußland geflüchtet haben. Da diese armen Vertriebenen in Rumänien nicht geduldet werden, setzen sie ihre Flucht über Predeal nach Ungarn fort. Die Grenzpolizei hat hierüber dem Minister des Innern, Grafen- Julius Andrassy, Bericht erstattet, der nnn die bereits von der Tisza-Regierung erlassene Verordnung betreffend die Einwanderung der Juden, erneuert und die Behördenstreng angewiesen hat, die russischen Emigranten bei Ueberschreitung der ungarischen' Grenze zu überwachen. Budapest. (Ausbildung armer jüdischer Mittelschüler zu Handwerkern und Landwirten. Das Sekretariat des israelitischen Handwerks- und Ackerbauvereines hat an die Direktoren der Budapester Mittel- und Bürgerschulen ein Zirkular gerichtet, in welchem! sie ersucht werden, die guten, jedoch unbemittelten Schüler aufmerksam zu machen-, daß sie, anstatt .die überfüllten Jntelligenz^LaufbahNM zu betreten, sich, lieber dem! Beruf .eines Handwerkers oder eines Landwirtes widmen, mögen!, wo sie eher ihrFortkommenfinden, würden. DasSekretariat wird Zöglinge, die sich zu diesem Behufe melden, bei anständigen Meistern- oder Landwirten unterbrin-gen und sorgt während der Lehrzeit der Schüler für deren Verpflegung, Wohnung und Kleid trug. Solche Schüler, die sich während der ganzen Lehrzeit brav halten, werben, auch später unterstützt werden. Bo« Krakauer ZismSentag. Im folgenden tragen wir die wichtigen Ereignisse tlnd Beschlüsse des jüngsten Krakauer Parteitages sowie der galizischen Landeskonferenz nach!. Tor wichtigste Punkt dev Landesk o n f e r e n z der galizischen Delegierten war das Referat des Delogierten, Sinn Alexaud r o w i t s ch betreffend die Gründung! eines polnischen Tagblattes für die jüdisch-nationale Propaganda. Dieser Antrag -rief eine lange, lebhafte Debatte hervor. Die meisten Redner vertraten die Ansicht, daß, wenn eine Wahlbeteiligung überhaupt als zweckdienlich erachtet wird, so fei sie ohne ein jüdisches Tagblatt in polnischer Sprache gar nicht denkbar. Auf Antrag des Delegierten Dr. Syrop wird nach, Schluß der Debatte beschlossen, ein netlngliedriges Komitee cinzufetzen, in welchem jeder galizische Distrikt durch je drei Mitglieder vertreten fein soll und dessen Aufabe es sein wird, bis spätestens Anfang Oktober einen genauen Planfür die Durchführung der Blattgründ-ung auszua-tbeiten undeiner ebenfalls im Oktober einzuberufend-en. besonderen Lanldcskonferenz zur Genehmigung vorznlegon.. Sollte sich eine Möglichkeit für die Gründung eines ständigen! Tagblattes nicht ergeben, so sei die Eventualität in Erwägung zu ziehen, daß das bestehende zionistische Wochenblatt „Wschob" während des Wahlkampfes als Tagblatt ausgege'ben, werde. Nach Schluß der Landeskonferenz, welche bekanntlich Samstag den 30. Jun,i abgehalten, wurde, hätte -eine große Volksversammlung stattfinden sollen, für welchio die Herren Abgeordneter Dr. Straucher, Dr. Schalst, Stand, Dr. Brande, Dr. Margulies, Dr. Kah,N! und mehrere andere als. Redner vorgemerkt waren. Die Versammlung konnte jedoch» nicht abgehaltenwerden, da die jüdischen Sozialdemokraten (Separatisten) den Sa-al lange vor Eröffnung dev Versammlung mit ihren- Anhängern stillten. Der Polizeikommifsär löste die Versammlung auf. Die Zionisten hielten dann ihre Versammlung in Form eines Banketts ab, bei welchem eine Anzahl „Toaste" gehalten wurden. Der B-eschluß des Zionistentages wurde in voriger Nummer bereits bekanntgegeben. Hier sei noch erwähnt, daß die Beratungen! über "die zu gründende politische Organisation für vertraulich erklärt und die erschienenen Journalisten, insoweit sie nicht gleichzeitig Delegierte, waren, ans. dem Saale hinauskomplimentiert wurdm-. Diese Verfügung hat die Vertreter dev Presse aufs peinlichste berührt und sie muß auch an dieser Stelle aufs schärfste verurteilt werden. Unter solchen Umständen läßt sichj über den Verlauf der Verhandlungen nicht viel berichten, als daß diese zu wiederholter! Zusammenstößen zwischen den zwei Gruppen (Dr. Kahn, Aork-Steiner einerseits und Dr. Schallt, Dr.Braud-e andrerseits) führten. Leider standen diese unerquicklichen Debatten. nicht auf der gewünschten Höhe und arteten mitunter zu persön!lich-em Geschimpfe auf beiden! Seiten aus. Das weitere Schicksal der politischen Organisation, sowie die Bestimmung der Taktik bei den nächsten Wahlen einschließlich der Ersatzwahl Brody-Zloczow, wurde einem Reichs^ komitoe überlassen, in welches folgende. Herren gewählt wurdm: Fabrikant B ö h m - Wien, Dr. B r -a u d e - StanislaU!, Dr. Gold- Wasser- Krakau, Dr. H -e r l p r i n - Stan i s l a u, Dr. Malz- Bursztyn, Dr. M arg u l i e s - Wien-, Dr. R -e i ch - Lemberg, Dr. Schallt- Wien, Dr. S i r o p - Krakau, Mgeordneter Dr. Straucher und Dr. Paul Weis >engrün - Wien. Protestkundgebung gegen die Metzeleien in Kialystok. Im GMriesaast des Hotels „zur Post" fand Donn-erstäg den 5. d. M. abends die große Protest oevsanmcku-ng gegen d-ie r-tt!ffi!sch>ein Greuel statt, die voneinem Ko-niitee beta-n-nter Männer -der OeGentlichlcit — Professoren, Politikern, und »Schriftstellern — einberusen worden war. Dior Saal war lange vor der Eröffriung so sehr überfüllt, daß die Nachlkow.men.den Umlkchren -mutzten. -Erschienen waren die Abgeordneten Doktor Bo-g-ler, Noske, Dr. Ofner, Nik. v. Wasilko, Prof. Fourn'ier, Graf Sternbsrg, GemeiNderat Dr. von Tivrn, Prof. Jodl, -GemeiNderat Dr. Osikar Hein, Oerrabbiner WüidoManu, Vertreter des ziouffti« -schen Landes- und Disir»i>kkskom'itees und vieler zionistischer Vereine. A»bg. Dr. Straucher eröffnet« die Ver- -sani-mluna und beantragte den alten Freih-eitskälmpfer Dr. Kronawetter z«um. Vorsitzenden zu wälhlen. (Stürmischer Beifall.) Dr. Kronawetter säst in feiner Eröffnungsrede, daß sich jedes fühlenden Menschen Herz zusammenkrampfe bei den neuerlichen Sch-auernachrichten, die aus Rüßlland kommen. Aber man mlüsse unterscheiden zwischen den Versülhrtenu-n-d den Verführern. Höher Hina-uf als maltgen Begriffen einen staatsrechtlichen Hinter- - grund. Der König wollte die Anbetung der griechifchen Götter durch die Jniden erzwingen und in seinen Staaten Einheit der Religion schaffen. - Es gab damals Leine staatsgru-Ndgesetzlich ge- , wäHrleistete Freiheit der Religionslnbung. Man! bann also die JNdeNschlächtereien des Antiochius, > wenn Nicht entschuldigen, so doch aus dem damals . herrschenden- Rechtszustainde erklären! Die zweite große J'Ulden'verfolg.ung in Berbiwdnng m-it J-Ndenschlächtereien in großem Maßstabe ereignete sich zur Zeit der Kreuz zöge im Mittelalter. Auch da läßt sich die Vol-kswut aus den damaligen Ulmstä-Nden erklären,' denn die Menge wurlde mit dem Rufe fanatisievt, die Ghvistew Müssen die Evmokduntz des .Heilandes an den Juden rächen u'Nd ausziehen, das heilige Landvon U-ngläNVig-en z-u befreien. Tie Taten einer san-atistertvn Horde aber vor fast einenr JahrtaNseUd .müsfen eben anders beurteilt werden, als was im 20. Jahrhundert in einem Staate, der das Prädikat eines christlichen Fivilisierten Staates für sich in dlnistruch ni-Mmt, vor sich geht. Die JiUden-schlachtereien in Rußland, wo fast 25 000 Mmschen ermordet und fast 100 000 Menschen vevstiimmelt, beraubt und ins Elend g-vstlirzt wurden, sind daher einfach nicht z-u erklären. ffNiMMr! Man ist gezwungen, an,zn-nehmen, daß die staatlichen Organe nicht nNr nichts getan halben, ulm die fnrchtbaoeu A'usschreitu-ngen -hintauzulhalten, s-onldern dieselben aingestiftet und -gelfördert hüben. Tliefe Verlulutun.g> wird fast zur Gewißheit, wenn daran erinnert wird, daß P!0bj-edorvoszelrv, der, .fogenlainnte Prvkoror des Heilllgie-n Synod, in der Dat aber edn Politiker, der drei „It-lleinherrfchern des „heiligen" Rußland feinen Willen aulfgezwuntzen hat, demnach die matzgebenldste Persöul.ichLeit im Staate-, die Judelvfra>gie damtt lösen zu kö-unen g-la-ubt, .daß er sagt, eilt Drittel werde arrsgetr-ieben und e-in Drittel ermordet werden, das letzte Drittel aber werde die Daiuse nehlmen. »Unter den Ilntworten, welche über die a-n.- läßlich der J-u-denschlächtere ien veranstalltete Umfrage der „Nruen Fve'ien Presse" zugingen, ist rnir die kurze AeußerNngdes Prälaten Z scho-k>ke beis-oßders anlfgefallen. Dieser hervorragende Priester der herrschenden^ Kirche, der ein Gelehrter von europäischem^ Rll'fe ist umt» ein hohes Staatsamt in Oesterreich bekleidet, hat nänvbich in seine verurteilende Beinerklmg, über die J!uden>- schlächtereien ÄaS Wort eiufließenlassen, er luisse nicht, ob rmd inwiesenre die Juden Aistaß zu diesem B>ölksansbru-ch gegeben haben. Äklm .frage ich aber dst ganze gesittete Menlfchlheit, ob zu sol-chou GrellleMeuen und zu so furchlüaren Taten, wie sie sich — ich wiederhole -cs — seit die Wiett .steht, noch nicht ereiignet h-a-ben, ttlbe-rhauipt ein Ilnlaß rnlöglich ist? »Seit wan-n ist in einem zivilisierten Staate Lyn-chjllstiz üb-erhalNPt und eine Lynch>jlu>stiz in so furchtbarern Maße gestattet? -Däs rechte Wort in dielser Frage hat der protestan'tlilsche Pfarrer ZimMermänn geisprocheu; er hat rn'it R>cch!t gelfagt, es handle sichbei den Vorgängen in R-rlßland umeine A-ngelegenheit der ganzen. gebWicterl- Welt u.nd «in einmütiger Protclft der ganzen Welt sollte sich dagegerr erheben!!!! >Ter Einiwaud, daß die Ein-lne-nglurg in die inneve-n 'A-ttgelegen-heitelr eines fvelnderli Staates völkerreMi-ch nicht gestattet sei, ist eben eine Ausrede. Dien-n vor aü-em .hat sich ganz Ertvopa gegon d-en B-vxera!u!fistäin!d in Ehina koaliert. Unld dielser ^kllfstand war geioiß eine intern-e dlulgel-egertheit Ehilias. — Gegenllvürt-igmacht sich ein> gleicher B-organg gegen die Dttrke-i geltond. Die Geschehnisse in Ehina und in der Türkei aber, welche zur Initerve-ntion 'Ellvopas Anl-atz boteir, sinid im Vergleich znden -Schlachte retcnin Stlttzland — inan oerzeihe dendlnsdruck — Kinderlspiel. D>ie -Wahrheit ist leider die, daß es sich in Rußland nur uin Jltdeu handelt. — Und um der Jiu-den wtllleu rlihrt Eillropa lkeinerr Fi-uger. J-n letzter Zeit ist vielfach zwische!n- Oesterreich und Nnßländ verglich-en worden. Dagegen! mögen sich nnfere Polteiiz echte Reform-Sch wei$$blä(tcr sim] febg?t6fl mmm 0«ruohl«s I