Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 48 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationatzeitung Nr. 48 gepachtet zu haben glauben, wie die Alldeutschen das Deutschtum und die Allpolen das Polentum. Man kann ein überzeugter Anhänger des Baseler Programms insoferne sein, als man nicht nur an dem Wortlaute, sondern an dem Geiste desselben festhält, der die Erlangung einer Heimstätte in Palästina für diejenigen, die sich nicht assimilieren können oder wollen, erstrebt, ohne aber zu jenen abstrusen Konsequenzen zu kommen, die mit den falschen Begriffen von Gegenwartsarbeit und Endziel Dinge einander subordinieren wollen, die als „äußere" und „innere Politik" einander koordiniert werden müssen. Die Frage der Erlangung einer Heimstätte in Palästina ist ein Ziel des gesamten jüdischen Volkes aller Länder und ist scharf u trennen von der anderen Frage der pezifischen österreichischen Landespolitik, welche sich die physische, geistige und wirtschaftliche Hebung der österreichischen Juden zur Aufgabe macht. Daß diese Erkenntnis auch in Krakau bei der überwiegenden Mehrheit freilich nur bis zum springenden Punkte vorhanden war, beweist der Umstand, daß die überwiegende Majorität der sehr richtige,: Auffassung huldigte, daß die zionistische Organisation als solche keine innere Politik machen dürfe und daß die Aufgaben einer solchen vielmehr in die Kompetenz einer neuen Organisation fallen müsse, deren Parole zu lauten habe: Jüdischnational, modern österreichisch und sozialfortschrittlich. Die Majorität des Krakauer Parteitages hat sich auch im Prinzips für die Gründung einer neuen Organisation mit diesem Programm ausgesprochen, sie hat auch ein diesbezügliches Komitee gewählt, aber sie hat die ganze Arbeit schädlicherweise kompliziert durch die Ordre, daß nur Anhänger des Baseler Programmes Angehörige der neuen Organisation sein kön n en. Dadurch wird die politische Erziehung der jüdischen Volksmassen speziell in Westösterreich, wo es tausende und tausende Juden gibt, die bar alles nationalen Empfindens sind, somit auch dem traurigen Lose der Brüder im Osten und der Erlangung einer Heimstätte gleichgültig gegenüberstehen, sehr erschwert und überflüssigerweise gehen Elemente für die Organisation verloren, welche für das neue innerösterreichische Programm wohl eintreten, aber sich nicht unbedingt mit dem Baseler Programm identifizieren, entweder, weil sie sich noch nicht so weit entwickelt haben, oder Scheußlichkeiten aneifert. Daß die ganze Geschichte des Menschengeschlechtes in Blut getränkt ist, beruht nicht auf Einzelsucht, sondern auf Gemeinsucht. Denn dieselben Menschen, welche über einen Einzelmord in Südamerika aus der Haut fahren, ja sogar über eine ungerechte Beleidigung, welche 36 gegen P sich in ihrer Gegenwart erlaubt, aufs tiefste empört sind, eilen in einen so grundlosen Massenmord, wie es etwa der deutsch-französische Krieg von 5630 war, freudig und begeistert und glauben eine heilige Pflicht erfüllen zu müssen. Dem polnischen Einzelsinn ist es wohl zuzuschreiben, daß der Massenmord in allen seinen Formen, einschließlich der Judenverfolgungen, viel seltener und weniger nachhaltig aufgetreten ist. Nicht einmal die geistigen Nachkommen der römischen Cäsaren im Vatikan, welche mit Hilfe des jüdischen Gottesbegriffes die römische Weltherrschaft noch immer fortsetzen und einen großen Teil der Erde in einen festgeschlossenen eisernen Käfig umwandelten, konnten den polnischen Einzelsinn brechen und die Polen zu einer großangelegten Judenmetzelei entflammen. So oft eine solche eingetreten ist, ist sie von den da wohnenden geselligeren Deutschen und Russen ausgegangen. Wenn es uns nicht unsere Großväter in Worten und NNsklnr! SSSi weil sie mit der Interpretation des Baseler Programmes, wie es vor: mancherSeite erfolgt, nicht identifizieren können. Es gibt in Oesterreich eine wachsende Anzahl von Territoriallsten, die angesichts der traurigen Lage in Rußland nicht der Meinung sind, daß man jedes andere Territorium außer Palästina a limine1 ablehnen dürfe. Es gibt weiter zahlreiche Palästinenser, die vor: der Erlangung und speziell baldigen Erlangung des Charters nicht überzeugt sind und an denselben ihr Ideal der Erlangung Palästinas nicht knüpfen wollen. Soll man nur: alle Anhänger dieser Auffassungen von derMitar b eit an der ne ue n jüdischen Organisation ausschließen? Ist man dazu auf der Basis des Baseler Programmes berechtigt oder verpflichtet und kann man diese Art Dogmatismus vor der Geschichte und vor dem Richterstuhle des jüdischen Volkes rechtfertigen? Auf alles das sind die Krakauer Beratungen, trotzdem zwei Dritteile Zeit mit Debatten über die Stellung zum Baseler Programm ausgefüllt wurde, jede Antwort schuldiggeblieben. * Zieht man also die Bilanz des ganzen Parteitages, so muß man wohl den Fortschritt anerkennen, der darin besteht, daß die Notwendigkeit eines politischen Programms einstimmig anerkannt wurde, daß auch ein im allgemeinen recht gutes und modernes sozial-österreichisches Programm vorgelegt wurde, aber bitter tadeln muß man es, daß auch der Krakauer Parteitag ebensowenig wie sein Vorgänger in Prag in ruhiger, sachlicher Weise an die Erörterung der politische:: Lage in Oesterreich mit besonderer Berücksichtigung der Stellung der Juden zu derselben ging und weder die politischen Ausführungen des Del. Dr. Schallt und Del. Dr. Margulics noch das besonders glänzende volkswirtschaftliche Referat des Del. Adolf Böhm und die Stellungnahme des Del. Kaplan - Kaplanskys, des Vertreters der P o a l e - Z i o n, einer eingehenden Erörterung unterzog, sondern sich vielmehr in der dringensten Angelegenheit, der endgültigen Feststellung des innerpolitischen Programms auf die gewählten Vertrauensmänner verläßt. Dieses Ergebnis der Beratungen von Krakau ist eine ernste Mahnung an das Landeskomitee und die Distriktskomitees, schleunigst an die politische Erziehung heranzutreten und diese nicht nur auf Fragen der innerösterreichischen Politik beschränken, sondern auch auf eine sachliche Erörterung der Kernfragen des Zionismus auszudehnen. Dann wird die Frucht dieser Arbeit auch andere Resultate bei den künftigen Parteitagen zeitigen. H. K. Politische Rundschau. ' Ucber die Zurücksetzung der Juden im Heer äußert sich dev Kriegs mimstev: „Uebev das religiöse Gefühl und die Bedeutung der Gottesfurcht habe ich schoninti Ausschüsse gesprochen-, und die Hevven, morgen überzeugt fei::-, daß die Kriegsverwaltu-n-g, und nicht mir iwcfe, sondern auch diel höheren! Komma nden, auf diese Angelegenheit schauen, weil sie den großen- Wert derselben erkennen-. Erlauben- Sie mir, zu sagen, daß der Herr T-ele-gieute Dr'. Strauch-er inseiner Fordernng zu weit gegangenist. Irdische Geistliche finden Sie jaüberall, wo Truppe,: liegen, ohnedies im- Zivil. Ichglaube nicht, daß diesen die Seelsorge gar zu viel Mühe machenwird. Die Mannschaft wirdin Weser Beziehung auch so gehalten, daß sie ihren religiösen Pflichten, Nachkommen kann-. Der hollp verdiente Chef des militärärztlichen Offizierskorps achtet so wie wir alle den- Ma-nn ohne Rücksicht auf seine Religion oder Nationalität, und wir können, auchsagen, daß wir ja gang hervorragende Aerzte in der Armee haben-, oie Inden, sind, und die nicht nur als Aerzte anerkannt, sondern auch als Kamerad-engeschätzt sind. Ich führe nur an, daß heute itim«'; den Oberstabsärztenelften Klasse zwei Juden sind; bei den OberstabsärZteni zweiter Klasse sind von 68 22 Inden, das sind 32 Prozent, bei den Stabsärzte:: von 127 38 Juden, das sind 30 Prozent, bei den Regimeutsä'rzten -erster Klane von 494 119, das sind 24 Prozent, bei den Regimentsärztei: zweiter Klasse von 231 11 Juden, das sind 4,7 Prozent. Auch kann nicht behauptet werden, daß Stipendien et« Juden nicht verliehen werde::. Im gange«« wurden, seitdem Stipendien überhaupt erteilt werden, 104 Juden beteilt. Das ist, glaube ich-, auch gerecht." Demgegenüber muß festgestellt werden: Dr. 'Straucher beklagte sich darüber, daß gegenwärtig keine Juden, als Militärärzte ausgenommen. werden. Undwasantwo-vtet der Reichskriegsiminister? Es gibt 38 Prozent Inden« unter den Oberstabsärzten! 30 Prozent bei ^Stabsärzten, und, g r a d a t i :n i m m e t w e nige r, 24 Prozent Regimentsärzte 1. Klasse und 4,7 Prozent bei bei: Regimentsärzten 2. Klasse (!!). Bezüglich der Oberärzte, also des j ü n g st e i: Z u - Wachses, schweigt sich dev Minister vollends Schriften erzählt hätten, so würden wir es trotzdem aus unseren gegenwärtigen Zahlenverhältnissen erschließen. Im. fünften Jahrtausend war die pyrenäische Halbinsel viel reicher an riesigen Judengemeinden als Deutschland; der günstige Schlupfwinkel unserer deutschen Ahnen im benachbarten Polen brachte es dazu, daß es heute etwa zehn Millionen Aschkenasim (6 in Rußland, 2 in Oesterreich-Ungarn, 1 in New Pork und 1 M.zerstreut) gegenüber kaum drei viertel Million Seforaddim gibt. In den weniger drückende:: und erträglichern Verhältnissen konnte sich auch der jüdische Geist in Polen bis zur höchsten Blüte entfalten. Allerdings in einem beschränkten Gesichtskreis; denn der unmittelbare Verkehr mit Natur und Welt ist nur einen: freien Volke möglich. Mit den Fehlern der polnischen Einzelsucht haben wir uns ferner auch die Vorzüge des polnischen Einzelsinnes ungeeignet. Der Polak ist freier von der Vergötterung jüdischer und nichtjüdischer Allczemeinbegriffe als jeder andere Jude, schwort weniger auf landläufige Redensarten und allgemein angenommene Ansichten und gibt natürlich nichts auf Aeußerungen berühmter Männer, die ja schließlich auch fehlbar sind. Da wir keine Schulen haben und auch fim einzelnen kein Polak vom anderen etwas lernen will, sind natürlich unsere Gelehrten jeder auf sich allein angewiesen. Ihre Zahl ist deshalb gering, aber welcher hohe Grad von Selbständigkeit und Gründlichkeit wird da entwickelt. Sowohl in den jüdischen.wie auch in den weltlichen Wissenschaften, gibt sich der Polak selten einem blinden Glauben hin, während sonst in Europa und sogar bei den Litfaken eine einmal irrig aufgestellte Meinung, wenn es nur durch eine maßgebende Persönlichkeit und in einer gefälligen Form geschehen ist, Hunderttausendmal nachgesprochen und abgeschrieben wird, ohne daß es jemanden: einfiele, dieselbe in Zweifel zu ziehen. Ja, einem polakischen Forscher fällt es nicht schwer, selbst Weltberühmtheiten, etwa von der Höhe eines Spinoza, durch eigene Untersuchungen für 'große Nullen zu erklären oder tausendjährige wissenschaftliche Verirrungen aufzuheben. Die polakische Selbstständigkeit hat eben auch ihre Schatten- und Lichtseiten, und es muß dahingestellt bleiben, ob die Lächerlichkeit der Untüchtigen nicht ausgewogen wird durch die höhere Leistungsfähigkeit der Tüchtigen. Wie in: Denken, so ist auch der Polak im Fühlen und in: Handeln selbständig und kühn, tiefblickend und durchdringend. Bei Bewegungen ist er deshalb als zersetzende Gegenprobe und offenherzige Selbstbespieglung von Pollenz echte Reform-Scbweissblätter W»««er dicht! a*r«ohloi I 443