Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 42 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Rilmcheitim 9-% Nrdaktion: IX/l, Wasagaffe 31. Telephon Nr. 14723. Eprechstnnben: Kn Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nattonalzeitung" Wie«. IXjl. »ercdvera«» wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir «nS dringend. — Mauurdrlvte werSt« «liebt xttrlekdMtcm. Postsparkassen-Konto 47037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. st 1 Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Ejgenlnm einer SosieM. — Heransseber nnd Chestedakieur: Jakob Kraus?. Inserate übernehmen die firmen: 2. vanneberg, M. Vukes Nachfolger, kjaafenstein L Vogler, Rudolf Masse. M. pozsonr>i, N. Schalek in Wien ferner aNe klnnoncen.Lxpedttionen im Nuslande. Einzel - Nnmmer in Wien 15 Heller. 9 " . . AdmtnistrsLion: Telephon AbonnementS-PreiS r Für Wien u. Oesterreich- Ungar» s. Frankozustellung: Ganzjährig . . . . K 12.- Halbjährig . . . . K « — Vierteljährig . . .K 3.- Für daS gesamte AnSl, b Ganzjährig . . . K 18.12 st IX/l, Wafagalle 31. 1 Nr. 14723. Preis der Anzeigen: Diesmal gespült.Nonpareillezeile oder deren Raum 12 b. „Eingesendet" die3spaltlge Nonpareillezeile SO Heller. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile II; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgasse 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Ur. 42. Wen, Freitag den 15. Anni 1906 (22. Diwan 5666). VIII. Jahrgang. Der „tote Plunder". In der jüngsten, nicht öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes erregte ein in jeder Beziehung charakteristischer Zwischenfall außergewöhnliche Erregung unter den Kultusräten. Auf der Tagesordnung stand die Beratung über die Gründung einer Religionslehrerpräparandie, einerAnstalt, welche seit länger als zwei Jahren gewünscht, versprochen , urgiert wird und endlich ins Leben gerufen werden soll. Bei der heutigen Zusammensetzung des Kultussorstandes gab es wohl niemanden, der an eine streng konservative Lehranstalt zu hoffen gewagt hätte. Es war jedermann, der den Geist kennt, von welchem unsere heutige Kultusrichtung beherrscht wird, von vornherein klar, daß Lehrplan und Lehrstoff manches würden zu wünschen übrig lassen, und man begnügte sich im allaemeinen mit der Tatsache selbst, datz eine Religionslehrerpräparandie überhaupt geschaffen werde. Die konservativeren Kultusräte fanden nun die „jüdische" Kost, welche der vorgelegte Leh rplan den Lehramtskandidaten bietet, denn doch zu mager, und besonders Herr Dr. Markus Spitzer nahm in der Debatte Anlaß, für die hebräische Sprache einen größeren Raum im Lehrplane zu fordern. Mit Enthusiasmus plaidierte Herr Dr. Spitzer für die Kultivierung der hebräischen Sprache in den Schulen, denn ohne die Kenntnis der hebräischen Sprache sei ja auch der Religionsunterricht und unser ganzer Gottesdienst mit seiner durchwegs hebräischen Lithurgie ein langweiliges Unding, das nicht geeignet sei, in unserer Jugend jenes Gefühl höherer ethischer Befriedigung zu erwecken, das ja den Zweck des Religionsunterrichtes und unseres religiösen Lebens ausmacht. Herr Dr. Spitzer bat also nicht, wie wir es tun. sich für die Neubelebung der hebräischen Sprache eingesetzt, sondern nur jenes minimale Maß von Kenntnis der hebräischen Sprache gefordert, mit welchem auch vom religiösen Standpunkt ein Religionslehrer ausgestattet sein müßte. Und diese bescheidenen Ansprüche der Konservativen, diese noch weniger als selbstoeeständlichen, minimalen Forderungen lösten in dem nächstfolgenden Redner, dem aus der Kurie der Höherbesteuerten stammenden Kuktusvorsteher Wilhelm K u f f n e r einen veritablen Wutausbruch gegen alles, was uns Juden wert und heilig ist, aus. In seiner, auch von dem eingefleischtesten Antisemiten nicht zu überbietenden Schmährede griff dieses Mitglied des engeren Vertreterkollegiums des Wiener Kultusverstandes alles an, was schließlich auch einem ernannten Kultusvorsteher heilig sein sollte, das hebräische Gebet, die hebräische Bibel. „Mit dem toten Plunder der hebräischen Sprache muß man aufräumen!" schrie Herr Kultusrat Wilhelm K u f f n e r, um nur einen der vielen das jüdische Gefühl verletzenden Zornesausbruche dieses Vertreters des Judentums hervorzuheben. Den anwesenden Kultusräten, auch der garnicht Konservativen bemächtigte sich während der Ausführung dieses Musters »ines Kuliusvorstehers eine unbeschreibliche Aufregung. Fast hatte es den Anschein, daß Herr Kuffner tätlich am weiterreden verhindert werden sollte. Die Erregung wuchs, als man bedachte, daß diese unqualifizierbare Gefühlsroheit in Gegenwart zweier Rabbiner — der Herren Rabbiner Dr. Feuchtwang und Dr. David — die zur Beratung herangezogen wurden, begangen wurde, und der Herr Präsident entschloß sich endlich, als die Sitzung des Kultusvorstandes den Cherakter einer erregten Gemeinderatssitzung anzunehmen drohte, Herrn Kuffn er einen Ord nungsruf zu erteilsn. Dies der Sachverhalt,. wie er uns von mehreren Kultusvorstehern mitgeteilt wurde. Wir geben uns alle Mühe, uns dieser empörenden Ausschreitung eines Kultusvorstehers gegenüber zu mäßigen, bedenkt man aber, daß Herr Kuffner nicht nur selbst auf den Posten eines Präsidenten aspieriert, sondern auch von seinen Anhängern ins Präsidium kandidiert wird, erwägt man ferner, daß es wieder ein Herr aus der Kurie der Höchstbesteuerten ist, der sich erdreistet, die religiösen und nationalen Gefühle der Gsmeindemitglieder zu verhöhnen, so wird es fast unmöglich, nicht in den Ton zu verfallen, welche für die Zurückweisung eines solchen Frevels der entsprechendste wäre. Erst jüngst mußte ein Kultusvorsteher der allgemeinen Volksbewegung weichen, und doch Feuilleton. Geschichtsphilosophische Betrachtungen au» der Grgeumart. Von Dr. Josef Seliger. Das Ergebu'iS der nt|)1il)tljicM ReichsmtAlvahli'ir, ütijiuiai'cit es sich aus biiei Beschickung der Dbimr mit Vertretern drs!Mi>M»l> Bvl'kes 'beziOl-t, regt Heu M'schichksbrbbachchr zu eitler tiesgehendoll! Betrachtung au. Wieder der Erfolg eitles Teiles -vr dvrtigeu jüdischm, Wähler, noch der Mißerfolg des flm'vm'Jit Tottlas >ist an sich besonbers a>u>M'° send; ll'llr -der sich aus ihrer Bergteichlutlg ergebeude schroffe Gegeusatz ist äußerst mevkwiivdia n'Nd rütsethast. Ans de!m, laugeg! Leidetlslvegie, doii! »ruser schlveirgelprtiftes Bölik liv allen finstern und ansige- Äärten Ländern zu wandern hatte, famui uns eilt Widerspruch zwischen, der gelschrteheuell Gleichberechtigulllg uut» der tatsächlichen Ziurnckdräugn»!g der Juden, -uiicht wmlidenwhm^u. Daß jedoch trvtzdelli! zwbls jüdische Abaoorbuicke, und Mvwr nicht etwa Ruffm, oder Polelt miosäffcheir Glmrbens, sondern sch'lechtlve'g ztvölf J uidea in die vltssische ViolksvertretllNg hilleiilige'käntpft wrnltot1, gibt schon eher eineNi zu den>ken, ist jcdvch' lischt der erste und gellviß lischt der größte Beweis nwserer LebenAtrgft, svn'derll bloß eine höher ertivnlnieue Haltestelle in nilvserer in den letz teil Iah vzielhuten r issig sortschreite liden Anserstehnugsgeschichte. Wären die zwölf Vertreter der russischen! J ltdelcheit mif die ivriteu GegeNdetl^ des jüdischen Atisiedlllngsgedieles 'gemäß ihrer jildüschetr Berivslkermlgsdichtsgkeit verteilt oder seihst nur regellos gerstrent, so rolirden ,wir zlvar den schwachen Erfolg trotz den ultizählig vielen' ü'hnticheu! BvrtvNtlUiU'isseu iu unserer Bergcrugelllheit und Gegenlivart bedauern und bietlagen, weil Gesithle iullmer lien sind und jede weitere Niederlage 'aufs neue schuierzt, der Gedante jedoch, rvelcher U'lir die a>li'ßervr>delMscheltErscheiri'lltlgeu, roellche %\t Ziahllltelii der sonstigen' Erfaihchinlg nulansgetlärt Aiebieli, zllm Gegenstände se^iner Ulltersllchung tuachen lärm, >oürdc dieisen Bo rifall bloß in sein ilberoottes Gieidelldbnch verzeichnen. Neu bietet sich aber, unfern' Slngen daS luevklvsirdige Schansplet dar, daß fällttlichv 12 Illdeu ans ßita'uieu uud de«' 'benachbarten oerhältliiissnäßig ju>den- 'arnlell Ostsee ländern geivählt wiilrdeli', tvälh rend alle slidlichen, so jndelidichten Gege'N!desl> von Poteir bis Bessa'rabien leer ansgegangielr sind. Dieses offenbar ll'icht ans Zltfall berlthende, Aiißverbälttlss rvill atlisgeMrt werden. Biecheicht ließe sich gar alls deiulseiben ein lehrreicher, auch' aus die Tat auiveudbater Schsltlß zieihen. Wort rllssiischer ttlld jüdischer Seite wurde dell Polelt viel am Zeug gestickt, die ihren treuesten Bn'lidesgen'ossen, -welche Hab und Gut, Ehre nrid Leben mechr für jene als -für sich selbst allfvpferteu, nrit Uindalilk U'ltd Verrat vergalten'. Das Verhalten der Polezr gegeu-über ihren jüdischen MittälUPfern steht tvtrtlich irr der' ganzen Befreintlgsgeschichte der letzten^ Jahrhn>uderte einzig da. Alle auderll Bbiter zollen den jüdischetl Freiheitsheldrrl lv'ü'hreud der Uutivälzullg Tank urld An-- ertennil-ug und gewähren daraushilt deir Angehörigen des jttdffchen> Stawnles in der Gesetzgeblmg riickhalt'lvse GleiclHerechtigtlng. Die lnenschli'che Selbsifucht verbannt selbstiverställdkich 'hinterher diese Gleichheit ans dem lvirblichen Leben' und beschränkt sie altfs Papier. Nicht ruat das so verschriene nnlde hiilsseNvolk »rächt darin eille Anslrählue; wünscht ja atlch die rrrsfffche Bolksoertretlrlig die Gleichberechtignng der Jude lr lllrd betont es unter nnsäglichelt Gefahren. Die Finsterlinge der „Schwarzerr Hu-nderte" und die Btietlinge des Frävelthrones häbell uattirlich teineir Grund, den jirdischen lturstLirzlern dautbar zrr setlr. Nur die Poleir alleilr habell die sirr sie so stark bluteitde Jtldeli.heit schon lvährend des Kanrpfes von deil ersten Strahielr der an>fgehertdell Sollne schllöde ä'llrilckgelvieseu. Wlöhrerld der frühe reu polnische rr Ansstüuide Habelt sie sich noch diel -schlirnmer rerhaiten, illdeni! sie sogar die, sich alibieteu-den selbstloseit Opfer des jildlscherr Bol- «M- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 19. Juni.