Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 38 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Mtmcheitimg Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag. Eigentum einer Sozietät. — Herausgeber und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen di« firmen: 3. vanneberg, M. Dutes Nachfolger, Haasenstein & Vogler, Rudolf Messe. M. pozfonyi, R. Schale! in Wien ferner alle klnnoncen.Expeditionen im Kurland«. Einzel - Nummer in Wien LS Heller. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entqegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgasse 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Rrdaktton: IX/1. Wa sag alle 31. Telephon Nr. 14738. Sprechstunden: An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitung" Wien, IX|1. verrdweräe« wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — MannUlkipte werlle« nicht »«rSelrgertem. Postsparkasien-Konto 47037. 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Im Sinne des § 90, Absatz 4 der Statuten erlaube ich mir hinsichtlich des Voranschlages für das Jahr 1906, sowie des Rechnungsabschlusses pro 1905, einige Erinnerungen zu überreichen, welche geeignet sein dürften, den löblichen Vorstand zu veranlassen, die schon längst geplante Reform der inneren Verwaltung neuerlich in Erwägung zu ziehen. Infolge des Umstandes, daß der gewiß von den besten Intentionen geleitete Vorstand in der Aufarbeitung des ihm vorgelegten überreichen Pensums seine ganze Aktionskraft erschöpft, fehlt es allseits an Zeit und Lust, um altgewohnte Dinge zu beseitigen, die eigentlich nur den Geschäftstraditionen der Angestellten ihr Dasein verdanken. Es zeigt sich namentlich im Zentrum des Verwaltungssitzes ein nicht genug zu tadelndes Verschachteln und ein nicht ganz zweckentsprechendes Zuteilen der im Nahmen des Kultusbudgets vorhandenen Benefizien, begünstigt durch bcu Mangel an Kontrolle und der ganz hilflosen Stellung der Aufsichtspersonen. Diese irrationelle Wirtschaft, die erst seit wenigen Jahren einigermaßen gemildert wurde, zeitigt jenen bedenklichen Grad von Unzufriedenheit, der sich überall da bemerkbar macht, wo ein Gemeindeangehöriger gezwungen ist, mit der Gemeinde in Relation zu kommen. Auf Seite 6 (Zahl 2) des Voranschlages für das Jahr 1906 letzter Absatz befindet sich eine Post „Blumendekorierung des Tempels und der Gänge bei Trauungen" korrespondierend mit dem gleicheu Titel auf Seite 9 (Zahl 5), beide ohne Betrag. Das Vorhandensein bwjer Rubrik läßt also vermuten, daß es zur Aufgabe der Synagogenverwaltung gehöre, die Dekorierung durchzuführen und den Gewinn dem seltsamerweise mit einem Defizit schließenden Gemeindebethaus zuzuwenden. In Wirklichkeit wird dieses Geschäft vom ersten Tempeldiener Sch. besorgt, der bei mehreren Trauungen an einem Tage auch mehreremale die Gebühr einheben kann, eine durchaus ungehörige Konfiskation einer Obliegenheit der Gemeinde. Recht bezeichnend ist die auf Seite 7—2 und Seite 11—4 des Voranschlages eingestellte Post von 200 Kronen als „Diäten für Sammlungen bei Trauungen", r während das Ergebnis dieser Sammlungen auf 96—2 überhaupt nicht ausgewiesen ist. Die Art dieser Sammlung war übrigens Gegenstand einer Beschwerde, die ich jüngst mündlich bei Herrn Vizepräsidenten kaiserl. Rat H i r s ch vorbrachte. Als überaus charakteristisch mag auch die grundverschiedene Art, wie ein und dieselbe Funktion ganz unwillkürlich honoriert wird, durch uachstehende Ziffern beleuchtet werden, die noch endlos fortgesponnen werden könnten. Die präliminierten Ausgaben pro 1906 sind beispielsweise für: Seite 7 Seite 11 Seite 15 1. Bezirk 2. Bezirk 15. Bezirk Schofer-Blaser K 130.— K 110.— K — Kerzen „ 400.— „ 300.— „ 100.— Laubhütten „ 100.— „ 400.— „ 60.— und variieren diese Ausgaben auch mit anderen Erfordernissen, die unter verschiedenen Titeln einzelnen Günstlingen zufallen. Auf Seite 7, 1. Spalte (1) zeigt sich ein neuerliches Anschwellen der Gehalte und Nebenbezüge der Funktionäre und Diener im 1. Bezirk, während für alle anderen Bezirke die fast unveränderte gleiche Gehaltsziffer eingestellt ist. Diese eigentümliche Bevorzugung der innerstädtischen Bediensteten ist umso unbegreiflicher, als bekanntermaßen gerade diese Kategorie von Artgestellten nebst den sichtbaren Bezügen auch über viele unsichtbare Einnahmsquellerr verfügt, die allerdings Feuilleton. Awrämele Chasn's Glück «nd Ende. Von David Rothblum. (Schluß.) Kaum war der Prächtige Wagen in die Hoichegaß' eingelenkt, als ihm auch schon alle sich dort hernmtreibenden Juden nachliefen. Alte mld Junge, Männer und Weiber und Kinder mit heraushängenden Hemdzipfeln. Man schrie und rief einander unverständliche Worte zu und geriet in furchtbare Aufregung über das seltsame Ereignis. Bald hat sich das Gerücht verbreitet, daß der Kaiser in der Hoichegaß' erschienen sei und einige übereifrige Weiber haben schon die Schabbesdecken zum Fenster hinnusgehängt als Zeichen ehrerbietiger Grüße für den Landesvater. Der Wagen hielt vor Alvrämeles Haus und der Fürst begab sich in die Wohnung des Chasn's Da der Fürst durch die Küche gehen mußte, so stieß er zuerst auf Alvrämeles Frau, die mit aufgestülpten Aermeln beim Herde beschäftigt war. Die Frau wußte nicht, wer der Ankömmling sei, und führte ihn ohne Zeremonien in das Zimmer ihres Mannes. Alvrämele saß gerade beim Talmud und studierte. Als Chlomirski ins Zimmer trat, ging er ihm entgegen, hieß ihn willkommen, lud ihn zum Sitzen ein und fragte nach seinem Begehr. „Panie," begann der Gast, „ich heiße Fürst Taddäusz Chlomirski und bin der reichste Mann im Lande. Du bist der erste Jude, den ich in seinem Hause aufsuche." Alvrämele lvurde etwas stutzig. Er streichelte seinen Bart und knnnmte ein lvenig den Rücken, als stünde er vor dein Purez in Rußland, dessen Hansjnde er war. „Womit kann ich dienen, Panie Fürst?" fragte der Chasn verschüchtert. „Es ist nur eine Kleinigkeit. Nächste Woche feiert meine Frau, die Fürstin, ihren Geburtstag. Ich gebe zu dieser Gelegenheit ein großes Fest, bei dem sich die Schlachta versammelt. Nun wollte ich dich bitten, daß du mich und meine Gäste mit deinem Gesänge beehrst." „Panie Fürst," antwortete Alvrämele verlegen, „ich bin kein Sänger. Ich bin ein Chasn, der nur Vvrbeten kann. Von Gesängen, wie ihr es liebt, verstehe ich soviel wie nichts —" „Das ist es ja eben, Panie, was ich von dir will," warf der Fürst dazwischen. „V o rb e t e n! D a s sollst du in meinem Empfangssaale. Und nicht a l l e i n, sondern mit deinen: Chore. Keine profanen Gesänge sollen lvir von dir hören, echt jüdische Gebete sollst du aussteigen lassen, lvie wenn du im Tempel stündest. Verstehst du mich jetzt?" „Panie Fürst — das — geht — nicht. Das darf man nicht nach unserer Religion." „Jude, hör' mich an," sagte der Fürst ungehalten, „ich lvill dir klaren Wein einschenken. Singst du in meinem Hause, dann bekommst du fünftausend Randdukaten in barer Münze. Außerdem bekommt jedes deiner Kinder hundert Randdukaten. Deiner Frau lvill ich ein besonderes Geschenk machen, das einer Königin nicht unwürdig wäre. Du sollst an den Fürsten Chlomirski dein Lebtag zu denken haben." Alvrämele wurde es schwül. Fünftausend Dukaten, hundert Dukaten — das Gold flimmerte ihm schon vor den Augen. Doch konnte er nicht entscheiden. Vor Gojim zu bete:: — Da stand der Fürst auf und sprach : „Morgen hole ich mir Antwort." Hierauf verließ er das Zimmer. Die Hoichegaß hatte sich inzwischen mit neugierigen Juden angefüllt. Es fand eine Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 29. Mai.