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Nationalzeitung · 1906-05-11 · Heft 34 (11.5.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 34 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 34 gen Fähigkeiten besitzer:, es verdienen, in den Vorstand entsendet zu werden, und es unterliegt gar keinem Zweifel, daß solche Männer auch dann gewählt würden, wenn eine höhere Kurie nicht bestünde. Wogegen mir.uns aber wenden müssen, ist die Anschauung, als ob die Mitglieder der Kurie der Höherbesteuerten in ihrer Gesamtheit sowohl als auch zum großen Teile, die einzelnen Mitglieder dieser Kurie tatsächlich solche materielle Opfer für jüdische Zwecke brächten, daß sie berechtigt wären, nicht nur an der Leitung der Gemeinde Anteil zu nehmen, sondern sie ausschließlich an sich zu reißen. Es ist erwiesene Tatsache, daß die direkten Kultussteuen: bei den meisten der Höhcrbesteucrten in einem geradezu lächerlichen Verhältnisse zu ihren: Reichtum stehen, daß die wenigsten von ihnen der Gemeinde indirekte Steuern zuführen, daß sie aber in der Leitung der Gemeinde die einflußreichsten Faktoren sind, deren Ansicht auch in solchen religiösen Fragen maßgebend ist, die für sie selbst im privaten Leben gar nicht existieren, von deren Abstimmung auch die Dotierung solcher Gcmemdeanstalten abhängt, die fast ausschließlich von den direkten und indirekten Steuern der orthodoxen Juden erhalten werden. Geradezu unjüdisch, weil unmoralisch, ist es aber, das pflichtgemäße Interesse, die pflichtgemäße Opferwilligkeit einer Gesellschaftsschichte durch die Arislieferung unserer höchsten verfügbaren Aemter an sie zu erkaufe n, und andrerseits ganze Gesellschaftsklassen, die an direkten und indirekten Steuern sowie durch Wohltätigkeitsakte eine ihre Vermögenskraft weit übersteigende Opferwilligkeit an den Tag legen, aus der faktischen — nicht formellen — Gemeindeleitung auszuschließen. (Weitere Artikel folgen.) Die Pflichten der Orthodoxie. Viele und große Aufgaben der Orthodoxen Wiens harren noch ihrer Erfüllung. Nicht nur religiöser Natur. Und es ist merkwürdig, daß die Orthodoxen, die an Willenskraft, Glaubens- und Arbeitseifer die übrigen jüdischen Gruppen weitaus überragen, deren Opferwille fast die äußerste Grenze ihrer- Leistungsfähigkeit erreicht hat und die in ihrer Gesamtzahl so stark sind, wie keine zweite jüdische Gruppe, nicht jenen Einfluß auf die Gestaltung des Gemeindelebens zu nehmen vernrögen, der ihnen kraft ihrer eben geschilderten Vorzüge zukommen würde. Der Grund hierfür liegt in den eigentümlichen Verhältnissen, die in unseren Reihen herrschen, und die unbegreiflicherweise eine Einigung der verschiedenen orthodoxen Gruppeit bisher hintangehalten haben'. Die orthodoxen Juden bilden das verläßlichste erhaltende Element im Judentum imb jeder Versuch, auch in diesen Reihen den Geist der Uneinigkeit zu nähren, muß geradezu als Frevel, begangen am Gesaintjudentunr, betrachtet werden, so wie es sicherlich ein großes Verdienst um die gemeinsame Sache bebeutet, wenn alles aufgeboten lvird, um eine Einiguitg der auf gleicher prinzipieller Grundlage stehenden orthodoxen Vereine herbeizuführen. Gemäß unserem erst jüngst veröffentlichten Arbcitsprogramlne stellen wir lms um so freudiger in den Dienst dieser EinigmrgSarbeit, als wir in der Lage sind, zu konstatieren, daß religiös-prinzipielle Streitpunkte zwischen den beiden Hauptgruppen,,, lvelche hier in Betracht kommen — den sogenannten polnischen Orthodoxen und den ungarischen Orthodoxen (Schiffschul) nicht bestehen. Die persönlichen Differenzen schalten wir von vornherein aus, weil ihnen niemals eine die Sache vernichtende Bedeutung eingeräumt werden darf. Die wichtigster: Unterschiede, die auch die beiden Parteien bisher auseinandergehalten haben, bestehen ausschließlich in taktischer Beziehung, in der Beurteilung der Frage, aus welchem Wege, mit Hilfe welcher taktischen Maßregel die Orthodoxen für die Erfüllung ihrer Wünsche einzutreten haben. Da wir der Ansicht sind, daß eine Verständigung nur dann erzielt werden kann, wenn die verschiedenen Standpunkte ohne jede Voreingenommenheit klargestellt und dann die einigenden Berührungspunkte hervorgehoben werden, so wollen wir in folgendem zunächst den Standpunkt der polnischen Orthodoxen präzisieren, ohne vorläufig zu ihnen selbst Stellung zu nehmen, um in einem späteren Artikel die Anschauungen der Schiffschul in der Frage wiederzugeben. Erst dann wird sich die Möglichkeit ergeben, vermittelnd einzugreifen. Die polnisch-orthodoxe Gruppe gibt zunächst ohne weiteres zu. daß der Wiener Kultusvorstand für die rituellen, gottesdienstlichen und Lehrbedjxrfnisse der Wiener Jndenschaft nicht in dem Maße und in der Form sorgt, wie es den Anschauungen der gesetzestreuen Juden am besten entsprechen würde, und wie sie es kraft ihrer direkten und indirekten Steuerleistung zu fordern berechtigt sind. Sie sind in der Mikwoh-Kofcherfleifch- und Schulfrage — um nur die wichtigsten hervorzuheben — mit ihren Gesinnungsgenossen von der Schiffschul eines Sinnes. Aber — und btt beginnen die Meinnngsverschiedcnheiten — die polnischen Orthodoxen vertreten den Standpunkt, daß ein Wandel zum besseren nur' dann geschaffen werden könnte, wenn die orthodoxen Juden ihre passive Resistenz ausgeben und geschlossen vorgehend Anteil nehmen wollten an der Leitung der offiziellen'Gemeindeverwaltung,, und mit aller Energie darauf hinarbeiten würden, daß die Mittel,, über lvelche die Gemeindevorstehung gesetzlich verfügt, im Sinne eines gesetzestreuen Judentums ihre Verwendung fin- . den mögen. In Konsequenz dieser Anschaltung proponieren daher die polnischen Orthodoxen eine Erlveiterung des RabbinteS durch beit Rabbiner der Schiffschul, eine intensive Beteiligung an den Kultuswahlen behufs Durchsetzung einer entsprechenden Anzahl gesetzestreuer Vorsteher, deren Ausgabe es wäre, im Vorstande die Wünsche der Orthodoxen 31t vertreten und darüber zu wachen, daß das religiöse Moment in allen Belangen berücksichtigt werde, und daß alle diejenigen rituellen Institutionen ins Leben gerufen, bezw. ausgestaltet und gesichert werden, die für die religiöse Betätigung der Orthodoxen unerläßlich sind. Die polnischen Orthodoxen sind ferner der Ansicht, daß die Orthodoxen im allgemeinen auch den nationalen Bestrebungen der Juderr nicht fernstehen dürfen, weil sie von der weiteren Anschauung durchdrungen sind, daß die Orthodoxen die Jüdischnatioanalcn kat exochen sind, und daß sie die Pflicht haben, jede jüdische Bewegung in religiösem Sinne zu beeinflussen, was sie jedoch nur dann könnten, wenn sie sich an jeder jüdischen Bewegung beteiligten. Die orthodoxen Juden bilden eine solche numerische rntd intellektuelle Macht, daß sie bei geschlossenem Vorgehen in jeder jüdischen Körperschaft eine Majorität oder zumindest eine nicht zu unterschätzende koinpakte Minorität darstellen könnten, und zwar schon aus dem Grunde, weil die Orthodoxen außerdem noch von einem Eifer für die jüdische Sache beseelt sind, der vielen anderen Gruppen zumeist abgeht. Tie polnischen Orthodoxer: ftixb zu einer Einigung bereit und entschlösset:, hierbei jedes persönliche Moment zurückzudrängen. Es gilt, der jüdischen Religion und dem jüdischen Volksstannne einen Dienst zu erweisen. Es gilt die Zukunft des Judentums zu sichern und dies kann nur durch zielbewußte positive Arbeit irr religiösem rmd nationalem Sinne erreicht werden. Politische Rundschau. Ministerpräsident Prinz Hohenlohe hat unter anderen Persönlichkeiten auch ben Reichsratsabgeordneten Dr. S t r a u ch e r empfangen, und von ihm die Wünsche der Bukowina entgegengenoinlnen. Dr. S t r a u ch e x hat bei diesem Anlasse den Ministerpräsidenten auch über die Forderungen der Juden infor- Hnb der Krieg wird voraussichtlich nicht früher aushören, bis die Gaboim des Beth-Hamidrasch die Schmiede ankaufen imb daraus eine Weiberschul macher: werden oder, was der Himmel verhüten möge, der Schmied das Beth-Hamidrasch erwerben lvird, um seiner: Stall zu vergrößern. Aber natürlich wird er das nicht erleben. Da ich euch schon gesagt habe, daß Abba unsere Großeltern gekannt hat, so werdet ihr auch verstehen, daß er nicht immer blind lvar. Er ist plötzlich blind geworden, ohne daß er früher erkrankt oder ihm ein sonstiges Unglück zugestoßen wäre. Die Alter: körurer: sich des aufregenden Ereignisses noch sehr grrt erinnern. Es war vor fünfzig, sechzig Jahren etwa und der alte Wunderrabbi von Premyschlan hat rwch gelebt. Abba frrhr zu ihm auf die Laubhüttenfeiertage, wie alljährlich, um irr seiner Gesellschaft zu beten, weil er bei: heiligen Mann vergöttert hat. Als er hinfuhr, lvar er gesund und frisch und als er zurückkam, lvar er blind. Es ift nicht zum erzählen, wie die Stadt darüber in Aufrrrhr geriet. Ist denn das noch erhört worden, ein Mensch verliert über Nacht sein Augenlicht! Natürlich witterte inan ein Geheimnis dahinter urrd erging sich irr allen möglicher: und unmöglicher! Deutungen. Außer unseren: Blinden aber wußte nur einer des Rätsels Lösung. Und ich weiß es von diesen: ttaseltbar I wasserdicht l Geruchlos! Einen. Ich kann es natürlich rächt weiter erzählen; weil es aber so fürchterlich ist, wenn mar: sein Augenlicht verliert, so möchte ich euch um eine Lehre fürs Leben geben: Fahret ihr auf die Feiertage zu euren: Nabbi und ist er ein heiliger Manr: :n:d überdies noch ein Kohen dazu — dann schauet auf seine Här:de nicht, Wern: er sie zun: Seger: über die Kinder Israels erhebt. Dem: ob seiner Finger schwebt die Schechina und die sieht nicht ungestraft das Auge eines Menschenkindes. In der: hinterer: Bänken also versammelt sich die feiernde Jugend um der: blinder: Abba. Er sitzt nach Art der Blinder: mit gehobener: Kops und hält einen dicken, knotigen Stab, den er vorn alten Premyschlaner zurr: Geschenk bekömnren hat, in seiner Hand. Man rveiß, daß es sein Wunsch ist, mit diesen: Stabe begraben zu werden. Er sitzt ganz ruhig und schaut in die Höhe, als wenn sich die große Schar nicht seinetwillen versamrnelt hätte. Man beginnt in ihn zu drängen: „Reb Abbe, erzähl uns was vom alten Premyschlaner!" „Es ist ja Elnl, Schofar-Zeit, da soll man sich ja von heiliger: Männern erzählen." „Also ruhig, er beginnt schon." „Niemand kennt so viele Geschichten wie er." Abba weigert sich aber rwch immer. Es ist, als wenn er seine Jugenderlebnisse nicht preisgebcn wollte. Wundergefchichten von heiligen Männern sind heikle Dinge, die nicht für alle Ohren geschaffen sind. Glaubt man an sic, dann rvirken sie erhebend wie ein Hohes Lied, glaubt man ihnen aber nicht, dann sind sie lächerlich. Ungläubigen aber, die keine Poesie in ihrer Seele tragen, soll man sie nicht erzählen, weil man sie entheiligt. Da heben die kleinen Jungen an zu bitten mit ihren hellen, kindlicher: Stimmen: „Abbeniu, Abbeleben, erzähl', erzähle uns vom Premyschlaner Rabbi!" Kindern aber kann Abba nichts abschlagen. Er rückt sich zurecht, tippt einige Male mit seinem Stock auf die Erde und erzählt seinen Zuhörern die Geschichte von „Awrärnele Chasn's Glück und Ende". 11. Es war einmal eine Zeit, da hat mar: unsere Brüder in Rußland gemordet. Dies geschah 'Wirz unten, wo das Meer schwarz ist und die Tataren Hausen. Die Tataren sind ein wildes Volk, das keine Gesetze hat rmd keinen Gott. Sie leben wie die Tiere im Walde und sind wie diese wild und gefräßig. Die Tataren also sind in die Jndenstädte gezogen, ttnb haben das Blut unserer Brüder in Strömen fließen Pollenz echte Reform -Schweissblättcr 96

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