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Nationalzeitung · 1906-04-27 · Heft 31 (27.4.1906) · p. Seite 5

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 31 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31 Nvtiorial-eitung Seite 5 Kultusrat Ritter uott Taussig Stellung nahm. Referent Dr. Paul Weisengrünn unterzog das Vorgehen der Banken und ihres Hauptvertreters, des Kultusrates Theodor Ritter von Taussig, von drei Gesichtspunkten einer scharfen, aber sachlichen Kritik, und zwar vom geschäftlichen, österreichischen und jüdischen Gesichtspunkte. Redner wies in seinen Ausführungen nach, daß die Emission von allen diesen drei Gesichtspunkten verwerflich und zu verurteilen sei. Nach dein Referenten sprachen noch die Herren Kaplan, Reichsratsabgeordneter Dr. O fn er, Redakteur Krauß, P! o h n, Dr. Alexander Münz, Lucian Brunner und Redakteur Sigmund Bergm a n n. Sämtliche Reden — das Publikum harrte bis zum Schlüsse der Versammlung aus, — wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: Die von den Poalezionisten am 25. April ins Hotel Post einberufene Massenversammlung Wiener Juden gibt ihrer tiefsten Entrüstung über das unerhörte Vorgehen von jüdischen Kapitalisten Ausdruck, die nicht davor zurückgeschreckl sind, der blutbefleckten russischen Regierung durch Vermittlung einer Anleihe die Inszenierung neuer Judenmassakres und die Unterdrückung in Rußland zu ermöglichen. Als eine besondere Schmach empfindet es jedoch die Wiener Judenschaft, daß gerade ein Knltusrat der jüdischen Kultusgemeinde in Wien es ist, der den russischen Juden in ihrem Freiheitskampfe gegen eine Henkerregierung um. schnöder Prozente willen verräterisch in den Rücken fällt. Die Versammlung fordert den Wiener Kultusvorstand auf, diesen Kultusrat, Herrn Theodor Ritter von Taussig, zu sofortiger Niederlegung seines Mandates zu zwingen. Mit Rücksicht darauf, daß die Wahl eines Ritter von Taussig in die Kultusstube und infolge Bestehens eines reaktionären Kurienwohlsystems möglich geworden ist, verlangt die Versammlung die rascheste Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für die Kultusgemeinde, damit die Wiener Judenschaft in Zukunft nur durch würdige Vertreter im Kultusvorstande repräsentiert wird. Jüdische Kinderhorte. Irr öeir Räumen des Isr. H'rmta>nli^ütsiver- „Eintracht" B'rmi Worth farrd Donnerstag den 12. d. M. die korrstituiererrde Gene rat ve rsammlrrng des Vereines zur Errichtrrng nnd Erhaltliilg von Horten für schulpflichtige Kinder statt. Schon nalisten haben an den bei den alten Völkern verbreiteten Brauch erinnert (wovon sich bei Thukydides und Tenophon Spuren finden), beim Wegzug in ein anderes Land sogen. Abzugsopfer zu bringen. Das Wort würde darnach nicht ü b e r schreiten, sondern fortdas heißt anderswohin schreiten, bedeuten. Nach dieser Auffassung gehört jener Auszug aus Aegypten überhaupt ins Gebiet der unhistorischen Sage, und das betreffende Fest tväre bei den alten Israeliten ein Frühlingsfest, ebenso wie bei den Germanen das christliche Ostern. Danach soll der Name bedeuten, daß die Sonne den Hiininelsaquator resp. den Frühst ngspnnkt überschreitet. Eine originelle Erklärung hat der Forscher Nork aufgestellt, indem er bcu'ciuf hinweist, daß der Wortstamm auch „hinken" bedeutet. Hinkefest nannten viele orientalische Kulte das Siegesfest des Frühlings über den Winter, an dein die Sonnenstrahlen nur geringe Kraft haben, der Jahrgott gleichsam hinkend ist. Darum hüpften die Baalspriester um den Altar ihres Gottes (nach den Büchern der Könige), wie die Priester des Nationalgottes der Römer Mars (nach dem der Lenzmonat März heißt), die daher Salii hießen, die „Hüpfenden". Auch der Erzvater Jakob, wie seine zwölf Söhne die Sternbilder des Tierkreises personifizieren, schreitet in der Episode von feinem Ringkampf (Genesis 12) hinkend über den Strom dein: Aufgang der Morgenröte. Vernmtlich hängt auch der hinkende Gott der Griechen und Römer Hephaistos — Vulkan mit der Vorstellung des hinkenden Wintersonnengottes zusammen. die rege Beteiligung an dieser VersammLung bezerlgte, daß es sich um eine ebenso notwendige als eminent humäni1är<e Schöpfung handelt, die berufen ist, ein segensreiches Wirken zn entfalten. Hierfür bieten aber auch die Namen jener Männer volle Garantien, die sich willig in den Dienst der guten Sache gestellt haben. Nachstehend publizieren wir den ANfruf des Vereines, der dem WMmollen allieir Beisitzeniden wärmftens emjpfohlen sei. A uf ru f! Mannigfache Vorkommnisse und Erscheinungen der letzten Jahre haben der Erkenntnis Bahn gebrochen, daß der Jugendfürsorge ein Hatchtaugenmerk zugeiwendet werden irntfi. In jenen Bezirken Wiens, in welchen die ä r m ft >e Bevölkerung das Hauptkonlingent der Einwohnerschaft bildet, macht sich die stetig zunehmende Berr o h u n g u nd E n t f i t t l i ch u n g «nnter der Schuljugend in belinrnhigender Weise «bemerkbar. Groß ist die Zahl jener K'iltder, die, tagsüber aiuf die Straße angewiesen, in der Erziehung vernachlässigt und durch niangelhafte Nahrung herabgekommen, gn Schädlingen der Gesellschaft ausreifen. Nur durch die Schaffung von Horten, in welchen die Kinder der Aermsten in schulfreier Zeit beaufsichtigt und zweckmäßig beschäftigt, an Leib ultd Seele günstig beeinflußt, zw nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden, kann diesenr Nebel begegnet werden. Sv hat sich denn der „Verein zur Erricht u n g u n d E x y altu n g v o n H «v r t e n f ü r s ch u l p f l i ch tige K >i n d e r" konstikniert, der sein>e Tätigkeit mit der Errichtung eines i s r a e l. K n a b e n h o r t e s i m 20. BezirLe, Othlnargasse 46, bereits begonnen hat. Nach Maßgable der Mittel 'sollen diesem Horte alsbald solche in den anderen Bezirken Wiens folgen. Won der lieberzengnng erfüllt, daß der Verein eine eben'so dringende als segercsreiche Institution bedeutet, richten wir an alle Besitzenden die innige Bitte, nach ihren Krüsten git diesem« Werke der Nächsten liebe beizntrageri. Der S>itz des Vereines befindet sich: 9. Bez., llniversitätsstr. 4. Laut Paragraph 4 der Statuten beträgt der Min- Sestheitrag stir! Mitglieder K 5, für Griiniper K 100, für Stifter K 500. —' Beitritts'e vkl ü rungen nn!d Geldfendnugen wolle man an den KaMier des Be rei nes Her rn E m a n >u e l G o t t l i e b T a n s s i g, 9. Bez., Althaniplatz 4 adressieren. Dr. Is. Sanruely, prakt. Arzt, Obmann, Max Frank in Fa. Josef Jercisalem, 1. Ochlnannftelloerrreter, Unliiv.-Prof. Dr. S. Ehrmann, 2. Obmannstellvertreter, Ernst Götzl, Prokurist, Schvilftführer, ichard Nappapork, Privatier, Dchriftfiihrerstellvertreter, Elnan. Gottl. Taussig, Kausmann, Kassier, Karl Freund, Privatier Öekonom. Hebräisch oder Jargon. Am 13. April d. I. fand in Petersburg die Generalversammlung der „Jüdischen Bildungsgesellschaft" statt, in welcher der alte Streit zwischen „Hebraisten" und »Jargonisten" wieder zum Ausbruche kam und zweitweise in die heftigsten Sturmszenen ausartete. Das Wort der Hebraisten führte diesnml Doktor K a tz e n a l s o n. Die Jargonisten, die schon durch die allzustrenge Handhabung der Geschäftsorduung seitens des den Jargonisten feindlich gesinnten Präsidiums erbittert wurden, ließen sich zu obstruktionsartigen Lärmszenen hinreißen, als ein Herr M. R i w e s m a n n, der an einer Schule der Bildungsgesellschaft als Lehrer angestellt ist, und im Interesse des Jargon das Wort ergreifen mollte, auf Antrag Dr. K a tz e n e l s o n am Reden verhindert wurde, weil Riwesmann nicht Mitglied der Gesellschaft ist. Den Vorsitz in der Versammlung führt Herr Kaplan. An die Verlesung des Protokolls der letzten Sitzung knüpft sich eine längere Geschäftsordnungsdebatte, nach welcher Herr Dr. K a tz e n e l s o n eine längere Rede über den Jargon hielt. Redner versucht nachzuweisen, daß Jargon überhaupt keine Sprache sei, weil er keine Gramatik habe. Im Magen habe das Volk eigentlich nichts nennenswertes geschaffen. Hingegen würden die Psalmen und die Werke der Profeten geschrieben, und unsere größten Dichter, wie Schudah Halevy, Gordon, Bidik u. s. w, schrieben hebräisch. Sehen wir von den Volksliedern ab, so müsse behauptet werden, daß wir im Jargon überhaupt keine Poesie besitzen; dem Jargon haben wir kaum eine neue Idee zu verdanken. Die Jargonisten beabsichtigen sowohl das Hebräische, wie auch die Landessprache aus den Schulen zu verdrängen (?) Deshalb müsse der Kampf gegen den Jargon mit aller Energie ausgenommen werden. Gegen die Ausfuhrungen Dr. K a tz e n e ls o n sprachen Herr K r a r n i n. Da noch mehrere oppositionelle Redner für den Jargon angemeldet waren, schlägt der Vorsitzende 10 Minuten Redezeit vor. Dieser Vorschlag entfesselt einen Sturm auf Seiten der Opposition, die noch gesteigert wurde, als, wie erwähnt, dem Lehrer Riwesmann das Wort verweigert wurde. Die Sitzung mußte unterbrochen werden. Nach Wiedereröffnung der Beratungen hat Herr M. B. R a t n e r im Namen der Opposition die Erklärung ab, daß sie mit Rücksicht auf die Beschränkung der Redefreiheit auf das Wort verzichten und gegen das Vorgehen gegen den Lehrer Riwesmann protestieren. Die Jargonisten werden ihre Anschauungen vor einem anderen, konzilianterem Auditorium vertreten. Hierauf wurde der Vorschlag des Revisionskomitees, wonach der Jargon aus den Schulen ausgeschieoen werden sol l, angenommen. Hierauf wurden in den Vorstand gewählt: Baron G. A. G ü n s b u r g, Dr. L. S. K a tz e n e l s o n und Dr. I. D. Britzkus. In das Revisionskomitee die Herren: S. Weißender a, Dr. O. M. Bitschunski und I. L. Rumfjanski. Da Herr Weißenberg die Wahl nicht annimmt, sollten die nächstfolgenden, auf welche die meisten Stimmen fielen, in das Revisionskomitee berufen werden, doch auch diese, — es sind dies die Herren K r a i n i n, Z u m b e r y, Israelitin, C.i s c u b e t t und Riwesmann verzichten mit Rücksicht auf das Vorgehen des Vorstandes auf das Mandat. Die Versammlung, in welcher 135 Mitglieder (Nichtmitgliedern wurde der Zutritt verweigert) erschienen waren, unter großer Erregung geschlossen. Gmgesendrt. Geehrter Herr Redakteur! Bei der am Samstag den 21. d. M. gelegentlich einer Versammlung zur Besprechung des allgemeinen Wahlrechtes in seiner Anwendung auf die Kultusgemeinde angenommenen Resolution, habe ich mit dem Referenten und einem dritten Herrn gegen die Resolution, wegen eines ein persönliches Moment streifenden Paffns (wobei ich den Vorsitz vorher abgegeben hatte) gestimmt, da wir das Persönliche ausgeschaltet sehen wollten und an diesem Abende nur daS rein sachliche für uns in Frage kam. Wenn auch die Verquickung eines von politischen Sonderinteresie« lehr beeinflußten Vorgehens mit der Rücksichtnahme auf jüdisches Empfinde» und Ehrgefühl breiter jüdischen Mafien bei einem einflußreichen Kultusvorsteher gegeben erscheint, sich aber nicht vereinbaren läßt, so hatte aber diese Versammlung nur den Zweck der Propaganda fürs allgemeine Wahlrecht, das heute eine brennende Frage für die österreichischen Juden geworden ist. Die Erweiterung des Wahlrechtes bis zu obligatorischen fünf Kronen herab und endlich die Erteilung desselben an alle übrigen 24 Jahre alten bis zum Wahltermine zwei Jahre ortsansäsiigen und seit demselben Zeiträume nicht im Genüsse einer Armenunterstützung gestandenen Juden wird im Verein mit einer^ festgelegten Basis für die Bemessung auf Grund der Personaleinkommensteuer nach progressivem Steuerschlüfiel eben eine Reihe von Juden in die Gemeinde bringen, welche wirkliche Volksvertreter fein sollen und die Judenschaft nicht nur als ein „Kultusobjekt" sondern als eine mit allen Eigenschaften. Rechten und Pflichten anderer Volkskörper adäquate BolkSmasse in Oesterreich respektive Wien betrachten. Hochachtungsvoll Isidor G ewit sch II/2. Baleriestraße 54. fiaranHerf nafurechtes feinstes“- HVPflanzen- TiHn aus KokosnüMen: FETT

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