Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 31 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nationalzeitung Nr. 31 beite 2;mu Nachteile der Juden gerade deshalb eingetreten ist, weil die Juden, die im Parlainente Sitz und Stimme haben, mit einer rühmlichen Ausnahme für das jüdische Volk und die jüdische Kultur nicht mit jener Wärme und jener Hingebung eingetreteu sind, lvie Dr. B y k es siir die polnische Nation und die polnische Kultur tut. Dr. Byk hat am allerwenigsten Recht, für „die jüdische Bevölkerung" zu sprechen. Seine Worte können auch nirgends Anklang finden. Bei den Polen nicht, iveil sie, die von Dr. Byk solche Worte bis heilte nie gehört haben, die Absicht, die heute hinter ihnen steckt, ain besten kennen, und bei Den jüdischen Wählern nicht, weil sie sich mit Recht sagen, daß Dr. B y k bis heute Beil genug gehabt hätte, diese Ideen im Polenklub zur (Geltung zu bringen, es aber bis nun stets unterlassen hat. Der Mangel an einer wirklichen, imposanten Reichsvertretnng der Jnderr lnacht sich auf Schritt lind Tritt fühlbar. Die österreichische Politik ivird ohne, ja zumeist gegen die Juden gemacht, und ivenn jetzt parlamentarische Regierung inld Wahlreforin für die meisten Völker Oesterreichs ein Geschenk der fortschreitenden Kultur bedeuten sollen, so befürchten wir, daß sie uns Juden ein Danaergeschenk sein werden, dessen Last uns schwer drücken wird. Bolksintereffe — Parteiinterefse. „Die Juden eines jeden Landes sind ein genaues Bilid, eine Copie en miniature, der politischen und sozialen Verhältnisse desselben", hat einst ein französischer Antisemit behauptet. — Und wahrlich die Wahrheit dieses Satzes läßt sich nicht leugnen. Gerade wir in Oesterreich finben die Bestätigung dafür auf jedem Schritte. Die politische Versumpfung, die Rückständigkeit aus allen Gebieten, die Energielosigkeit und die Politik des „latsser faire", welche die österreichische Politik charakterisiert, sie findet bei den österreichischen Juden ihren kläglichen Ausdruck. Eine dumpfe Nesignativn, ein begrenzter Blick, der kaum über sein Hans und seine Gemeinde reicht — das ist in wenigen Worten das Charakteristikon des österreichischen Inden. Jede jüdische Bewegung, welcher Art sie nun auch sei, findet deshalb bei ihm keinen tätigen Widerstand, aber auch keine Unterstützung — fonderu er setzt ihr eine Gleichgültigkeit entgegen, die alle Bemühungen, scheitern macht. Und mag die Bewegung mit noch so kräftigen Mitteln eiusetzen — sie kann ihn vielleicht für einige Augenblicke emporrütteln —, er sinkt immer in seine dumpfe Leblosigkeit zurück. Und doch sind diese Inden nicht tot, und doch liegen in ihnen so viele kostbare geistige und moralische Kräfte verborgen, Und doch haben sie eine groß« Zukunft, und doch könnten sie 311 einer tätigen Arbeit anfgerüttelt werden! Wo liegt die Ursache dieses Unglücks?! Sie ist leicht aufzufinden,- es ist das, woran das ganz« Jndentum leidet. Es ist die Selbstveracht u n g, es ist die S e I b st verleug - tt it u g, es ist der Si u echte lt s i n n, der, obwohl die Juden schon Jcchrtalesende hindurch den Allszug alls Aegypten unö die Befreillng von der ^inechtschaft seierll, noch unausrottbar in ihnen steckt. Käme ein ziveiter Aloses und könnte dieser sie voll dieser geistigen Knechtschaft befreien, dann erst wären die Inden frei, dann erst hättell sie den Golns verlassen. Könten diese Juden sich einmal selbst schätzen, könnten sie ihr -Heil nur in sich selbst suchen lernen, darin hätte die Sill »de ihrer Befrettl'ng geschlagen, dann könnten' sie einen zweiten neuen Pessach feiern, der für ihre Zukunft voll weittragenderer Bedentung wäre als der erste. Wie konnte nun diesem Erbübel unseres Volkes begegnet werden, lvie könnte miau endlich die österreichischen Inden dahin bringen, irr ihre eigene Kraft zu oertrauen? Das kann nur durch Organisation geschehen. Uns fehlt die Organisation — die politische Organisation! Wir bedürfen, einer Organisation, die auf rein nationnlem Programm fristend, den österreichischell Juden ihr Selbstvertrauen geben könnte. Keineswegs soll aber ein Monopol irgend iv e l ch e r Partei auf die N e i ch s- Politik der Jude n g e s ch affe n w e r - den, keiueSroegs soll es sich eine einzige Pairtei herMsuehmerr, als die alleinige Vertreterin der Juden auszutrekeu, denn dann käine wieder das zum Vorscheiri, was unser öffentliches Leben so sehr vergiftet: dieser tleiriliche Hast, dieser beschräntte Parteistaudplurkt, dieses Höherstelten des Parteiinteresses über das Volksinteresse. Das must und soll endlich verschwinden! Wir brauchen, eine reale Volksaber keine Parteipolitik. Dell Lupus einer Parteipolitik können wir mrs-gauz und gar nicht gestatten. Es soll eine politische tireichsorgallisativu geschaffen werdell, die keine jüdische Partei ansschließt, infoferu sie nur national ist, die alle gesunden jüdischen Elemente auflriurmt, nur so, geeinigt und gestärkt, die Juden zn einem politischen Mächtsaktor zu machen, sie natiouäl zn organisieren m\b ihlien die ihnen gebü!hr«l^de Stellung iin österreichischen Völlerkonzert zu verschaffen. Ich wiederhole es aber noch einmal, es wäre ein grvstes Unglück, wenn jede Partei gesondert Vorgehen würde,' nuir durch gemieinsame tätige Arbeit kann etwas erreicht werdell. Ich bin beürzengt, dast ich tauben Ohren predige! Müh, es steht zuviel ans dem Spiele, als dast mau dein richig znsehen könnte. Sollte etwa nicht die Ueberzengnllg, dast nur drirch Einigkeit etwas erreicht werden kann, beti verbohrten, traditionellen Parteigeist besiegen können! Sollte nicht das Volksinteresse das Partei- und —> ich sage es offen —> das persönliche Interesse verdrängen können?! Es wäre traurig um uns bestellt, lvenii diesmal leine Einigung zustande faine. Es ist ein höchst wichtiger, ein entscheidender AuA'Nblick! Jetzt könnell die einzelnen jüdischen Pg"- teien das Zeugnis ablegen, dast sie es allsrichtig mit ihrem Volle meinen. Die Zeit ist kurz, die Neuwahlen stehen vor der Mir! Es gibt kein langes Zaudern. Es must sofort entschieden werden, ob die jüdischen Parteien noch so viel Lebenskraft nnd gute Gesinnung haben, alles vor dem Bollsinteresse znrückznstellen. Und wehe, wenn sie den günstigen Augenblick entschlüpfen liesteu! Sie würden es zu verantworten haben. E. Josef Weistlnaul!, Ezernoioitz. Mitteilung des zionißischeu Aktionskomitees. Schekeltage. (27., 28. und 29. Mai.) Das Aktionskomitee der zionistischen Organisation hat die Anordnllng getroffen, daß die Tage Sonntag, Montag, Dienstag, 27., 28. und 29. Mai (Hagbalah-Tage) für die Zionisten der ganzen Welt als S ch e k e l - tage gellen sollen. An diesen Tagen haben alle Zionisten ihren Schekel 31t entrichten und mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft dafür 31t sorgen, daß die Sammlung der Schekel sich zn einer großartigen Kundgebung der Disziplin in unserer Orgallisatioil, zn einer machtvollen Manifestation des zioilistifchell Gedankens gestalte. Das Aktionskomitee hat an die Landsmannschaften die nachstehende Instruktion für Schekeltage erlassen und erwartet, daß jedes Glied der Organisation seinen Stolz nild seine besten Kräfte darein setzen wird, die Schekeltage, die eine Kraftprobe unserer Bewegung darstellen, zu Ehrentagen des Zionismus zu machen. Instruktion für die Schekeltage. Die Festsetzung von Schekeltagen, die bisher schon vereinzelt bei einigen Laudsmnnnschaften in Uebnng waren, als eine allgemeinverbindliche Einrichtung für die Gesamtorganisation, hat den Zweck: 1. Die Zahlung des Schekels zn einer Doknmentiernng unserer Stärke, 311 einer Probe der Leistungsfähigkeit unserer Organisation zn gestatten; 2. nicht nur den Gesinnungsgenossen, son- Hände gesegnet und wehe dem, der sich dessen Unwillen zugezogen," sagte eine alte Frau, „mein Schwager, Gott Hab' ihn selig, wußte davon zu erzählen. Der Fluch eines Rabbis lastete aus ihn während seines ganzen Lebens." „Erzählt, erzählt, Ehanne," baten die Umstehenden. „Hört," begann sie. „es war an ei,rem Sabbat. Am Tische des alten Ez . . . Rabbis waren wie gewöhnlich viele Inden versainwelt. Unter ihnen befand sich auch mein Schwager. Man hatte bereits das Mahl verzehrt, der Kampf nur die „Scheraim" war beendet und der Wein floß in Strömen. Mein Schwager hatte ihn gespendet. Heitere Stimmung griff bald um sich, es wurden biblische Stellen erläutert und der Gesang der Gottpreisenden tönte weit in die Ferne —" Tie alte Frau hielt in der Erzählung inne, blickte ans die Umstehenden, als ob sie deren Würdigkeit, weiter anznhören, ergründen wollte, und fuhr dann fort: „Der Rabbi war von dem Jubel, der an seinem Tische herrschte, freudig gestimmt, und er sprach zn meinem Schwager: „Perl, du hast dir Mühe gegeben, mir eine Freude zu bereiten. Wünsche dir etwas, dein Wunsch wird in Erfüllung geh'n!" Eine Weile verging. „Nichts tvünjche ich." antwortete bann selbstbe wnßt Berl. _ _ „N i ch t s wünschest du?" fragte gekränkt der Rabbi, der: Berts Antwort tief beleidigte. „Gut," fügte er hinzu, „so möge auch dieses „N i ch t s" an dir in Erfüllung geh'n!" „Und richtig," erzählte die alte Ehame lveiter, „des Rabbis Wort ging in Erfülltntg. Meines Schwagers Vermögen schwand 0011 Tag zn Tag, er wurde ein Bettler, und auf einem Strohlager sterbend, rief er schluchzend atis: „Kinder, befreit ihr euch von dem „N i ch t s!" Ehanne hatte geeitdet. Tränen entströmten ihren Augen. „Ich werde Rabbi Jtzig bitten," sagte sie, „nort tms den Fluch seines Ahnen zn lösen." Diese Erzählung übte auf viele der Lanschendeit einen eigentümlichen Eindruck aus. „Ja, ja," meinten einige, in ihrem Aberglauben bestärkt, „ein solcher Rabbi verntag viel." Andere Zuhörer schüttelten ungläubig den Kopf, keiner tvagte jedoch eine Eilttveitdutlg zn machen. Es wäre dem Betreffeiwelt mlch recht übel bet'ommen. Denn mit gläubigen „Ehasfidiln" soll bei solcheil Gelegenheiten nicht?)U spaßen sein. „Der Rabbi kommt!" ertönte unterdessen ein Ruf. „Der Rabbi kommt!" wiederholte einer nach dein anderen. Der Ruf pflanzte sich von Mund ztl Mnnd. Es begann ein Stoßen und Schintpfeir. Die Meitge drängte sich immer tiäher. „Platz, Platz!" schrien einige Juden, die die Ordner abztlgebeii schienen, aber mit ihrem Herumkommandieren und Stoßen mit den Ellenbogen noch niehr Verwirrung iu\b itn ordnnng in die Menge brachten. Mehrere Wagen fuhren vor. Die Menge brannte sich wieder heran. Einen Blick konnte ich nur während dieses Gedränges auf die blaßen Züge des Mannes lverfen. Dann geleitete man ihn in die für die Zelt seines Aufenthaltes zur Verfügung gestellte Wohnung. Die Menge stürmte in den Hof. Alles wollte den: Rabbi „Schnliiil" geben. Ich drängte mich nach. Türe unb Fenster waren belagert. Die Menge loollte mit Gewalt ein dringen. „Zurück!" schrie der lvachehaUende „Gabe", „ztlri'ick! Der Rabbi will ruhen; gönnt ihiii die Ruhe. Morgen toird er „pratvlven". Heute nicht. Das Stoßen ivird elich nichts helfen." Trotz dieses Bescheides stand die Menge bis znnt frühen Morgen, und das Auge des Glücklichen strahlte vor Fretide, der durch eitle Fensterritze den ruhenden Rabbi erblicken konnte --. Ich beschloß, am nächsteit Tage beim Rabbi Waschbar 1 Wasserdicht! Geruchlos! Pollenz echte Refonn=$cb weissblätter