Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 30 (24.4.1906)
- Date
- 1906-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. MtioilcheitW Erscheint jede» Dienstag und Freitag. 8i»k«tiimr itträ Herimszedkr: Jatib Kruisz. Inserate übernehmen die firmen: 2. Vanneberg, ITC. Dukes Nachfolger, Haafenft-iil L Vogler, Nudolf Masse, M. Pozsonr,!. N. Schal«! in Wien ferner alle Knnvncen.Lxpeditionen im Auslände. Gmzel - Nummer in Wien 35 Heller. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entc,eqengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgasse 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Nr. 30 Wien, Dienstag drn 24. April 1906 (29. Uissrm 6666). VIII. Jahrgang. Redaktion: IX/l, Wafagaffv 81. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden: An Wochentagen von 10 bi» 14 Uhr »»rm. Postadresse: „Nationalzeitung" Wien. IX[l. SmtW<r4en wegen verspiiteier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — M»»>v»lMvte verilen nicht rurScdgeitelit. Postsparkafsen-Konto 47037. In da» Abonnement kann man täglich eintreren. k-d Administratimr: Telephon AbonnementS-Prei«: Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankoznstellung: «anzjährig . . . . K 13.— Halbjährig . . . . K 6.— Vierteljährig . . . Ii 3.— Für da« gesamte SluSl d «anzjährig . . . K l8.1S IX/1, WafasallL SI. Nr. 14733. Preis der Anzeigen: Diesmal gespült.Nonpareillezeile oder deren Raum 12 h. „Eingesendet" die Zspaitig« Nonpareillezeile 50 Heller. Bei mehrmalige» Aufträgen entsprechender Rabat'. Jüdisches Geld für Rußlnnd. J. Kr. In unserer Nummer 47 vom 24. November 1905 schrieben wir unter dem Titel „P r o t e st j u d e n t u m" u. a.: „Wir prvtestieveu un'5 fammdn. Und beides kvpfkvö mid im!m*er zu spät. r Wir protegieren! Au ivessen Adresse richtet sich unser Prvtlfft? Jln bieseuige der Mächte, Hie es uns doch immer und immer, «weuu wir an ihre Türe tlopsteu, deutlich und klar zu verstehen gegeben haben, daß auch die Intervention der Mächte zur VestMsung Völkerrechtlicheri und uieusch'cu rechtlicher BergeHmigen irr bezug auf Juden ebensalls Aus ucchmAge setze praktiziert. Wir wenden uns an die Mächte, die ja in ihrem eigenen Wirkungskreis ebeusalls eine eigentinuliche Judenbehandluug gewähren Assen, die sich init ihren' freiheitlichen Staatsgrn ndgesetzen nicht vereiubaren läßt! Wir ivenden uns au die Mächte und sie weisen uns, mit dem einen Auge weinend und init dem anderen schadenfroh kache.ud von ihrer Tür! Und nun eine ehrliche, offene Frage: Haben die Mächte nicht recht, wenn fic uns eine solche 'BWcmdkuug zuteil werden lassen? Benehmen mir uns denn, so oft eine Katastrophe über uns hereiiidricht, so, wie es einem Volke geziemt, das sich seiueri geistigen und iwirtschaftlichen Mkcht bew-ußt ist?! Tun wir nicht selber so, wie ioeuu mir unserer nichHüdischen Nlngebnng stündlich dafür dankbar sein nttißten, daß sie uns gestattet, die Luft mit ihr zu atmen?! Lehen wir nicht tzhumächtig, wie wenn wir geknebelt wären, zu, wie uns sogar verbriefte Feuilleton. San Francisco. (Von unserem Londoner Korrespondenten.),, Am 19. d. M. laugte hier aus New Zjork folgende Kabelnicldniig ein: „Schreckliche Szenen spielten sich in San Franeisco in den von russischen Juden bewohnten Straßen ab, wo die ein stürzenden Häuser in einigen Augenblicken Hunderte unter ihren Trümmern begruben." Tags darauf erhielt ein hiesiger jüdischer Grüßkausinann, der mit Sau Francisco geschäftliche Beziehungen pflegt, folgende Privatdepesche : „Sämtliche Synagogen, jüdische Spitäler llnd Wohlfahrtsanstaitell teils eingestlirzt, teils eingeäschert." Wenn diese Meldungen auf Wahrheit bertlheu - und mau hat angesichts der großen Katastrophe leider keinen Grund, das Gegenteil anznnehmen - - so ist eine der größten und blühendsten jüdischen Gemeinden der Vereinigten Staaten von der Erdfläche verschwunden. Alles, was jüdische Arbeit, jüdischer Wvhltätigkeitssinn in verhältnismäßig kurzer Zeit in dieser Stadt geschaffen, ist vernichtet. Rechte in geradezu tenflich ansgedachter Weise auf j Umwegen konfisziert werden?! Welches Recht haben um', uns unserer Brüder irr fremden Landen auzuuehmeu und die Intervention der Mächte anznAnsen, wenn' wir nicht den Mut besitzen, unsere bereits gewährleisteten eigenen Rechte zu behaupten? Etwa weil jene schon gemordet sind und w!ir nur sozial und wirtschaftlich hin gerichtet werden?! Warum sollen die politischen Mächte unser beschämendes Jammern erhören, wenn diejenige Macht, die wir angeblich besitzen, die Mörder unterstützt und das Geld liefert für die Waffen und die Knuten, mit denen die Inden niedergeschossen und zu Tode gemartert werden, die Mittel vorstreckt für die Erhaltung einer Buveänkratie, die die Koolligans zum Judenschlächten befehligt?! Wenn wir Mut besäßen, weuu wir nicht unfähig wären, nufere eigene Kraft anszuuützen, so 'mürdeuwir — wenn wir schon das Protestieren nicht lassen' können —, unseren Protest gegen die Rothfchisds, Mendelssohns, Bleichröders e tutti gnanti erheben, die durch ihr nnfiidi'sches, über die J'nteresfon deS jüdischen Volkstums hinweg operierendeS Gebaren die Katastrophen, die über unser armes, notleidendes Volk hereingebrochen sind, znm Teile mitverfchuldet haben! ...." Und kaum ist die Hilfsaktion für die Opfer der Oktobermassakers abgeschlossen, und wieder sind es Inden, die Rußland Geld geben, und diesmal auch ö st e r r e i ch i s ch e Juden. Unter den Geldgebern befinbct sich auch ein Institut, dessen leitender Direktor, Theodor Ritter von Taussig, sogar das Das hervorragendste jüdische Gebäude war die R'eformsynagage „T e m P (c E m a - int el", deren geistiges Oberhaupt Rev. Dr. Jacob V o o r s a n g e r, seit zwanzig Jahren Oberrabbiner der Gemeinde,Zst. Zum Zeichen der Wertschätzung für ihren Seelsorger hat die Gemeinde ihm erst kürzlich einen achtmonatlichen Urlaub bei vollem Gehalte bewilligt, den Dr. V v o r s a n g e r zu einer Europareise und znm Teile auch zu einer Studienreise nach P a l ä st i n a verwenden wollte.. Dr. Vvvrsanger hatte die Absicht, die Urlaubsreife am 1. Juni d. I. in Begleitung seiner Iran anzutreten. lieber das Schicksal der Familie Vvorsanger ist nichts Näheres bekannt. Außer den vielen kleineren Synagogen der einzelnen kleineren Gemeinden in San Francisco war auch eine neue Synagoge, ein auch für amerikanische Verhältnisse imposanter Prachtbau, der „Geary Street Temple", soeben fertiggestellt, und hätte am „Lag-Boomer" eingeweiht Iverden sollen. Bekannt war auch die sogenannte „Z i a n i st e n - S y n a g o g e" in der B e e ch - S t r e e t, dessen Rabbiner, Dr. Vernarb M. K a p l a n, gerade am vergangenen Pessach für die Zionisten San Franciscvs in der „M a s o n i r H a l l" einen solennen Sederabend gab. Unter den jüdischen Wohlfahrtseinrichtnns einflußreichste Mitglied des Wiener Kultusvorstandes ist. Man wird also die Erregung, unter den hiesigen Inden aller Parteirichtungen ob dieses „politischen Verbrechens" begreifen und erklärlich finden. Aber wir, die wir die jüdische Politik des Ritter von Taussig schon zu einer Zeit bekämpften, als ihm von anderer jüdischer Seite stets fürsprechende Verteidiger entstanden, haben heute das Recht zu behaupten: Wir halten den Feldzug gegen den Direktor der Bodenkreditanstalt aus Anlaß der Russenanleihe für verfehlt, weil wir den Kultusoorsteher für einen Akt verantwortlich machen, den er als Beamter im Aufträge seines Institutes auszuführen verpflichtet war. Wir wünschen und fordern es, daß Theodor Ritter von Taussig sein Kultusmandat niederlege, aber wir besitzen auch den Mut zu sagen, daß er dies tue, nicht nicht weil er seine zumeist aus Juden bestehenden Aktionäre nicht von der Verwerflichkeit eines solchen Schrittes überzeugte und sie nicht von der Beteiligung an der Russenanleihe abhielt, sondern weil er stets die Kultusgemeinde in einer Weise beeinflußte, die eine Entwicklung der Gemeinde auf nationaler Basis hinderte. Deu Direktor der Bodenkreditanstalt in der Kultusftube zur Verantwortung zu ziehen, wäre derselbe Fehler, wie wenn wir den Sekretär der „Union" für die Ausführung der Politik der „Union" zur Rechenschaft ziehen wollten! gen, die San Francisco besaß, seien hier noch hervorgehoben: das „Pacific Hebrew Orphan Afylum", ein wegen seiner modernen Einrichtung und musterhaften Leitung weitberühmtes Waisenhaus, ferner das A l t e r - v e v so r g n n g s h a n s ans der Leonard Street, das ein solches Ansehen genoß, daß in den letzten zehn Jahren fast kein reicher Jude starb, in dessen Testament diese gemeinnützige Anstalt nicht bedacht worden wäre. Die letzte Zuführung waren 10.000 Dollar, welche eine Frau Leland S t a n f o r t der Anstalt letztwillig vermacht hat. Sehr viel tat die jüdische Gemeinde auf dem Gebiete des Schulwesens. Außer den Svnntagsschulen waren die sogenannten „Boy-Elnbs" und „Girl-Elnbs" besonders berühmt. Diese „Clubs" find eigentlich K i n d e r h o r t e und befanden sich in den von den ärmeren Vvlksklassen bewohnten Stadtvierteln. Eine geradezu panamerikanische Berühmtheit erlangten die nach ihren Begründern und gegenwärtigen Leitern benannten „S i d n e y P e i r o tt v's B v y s E l n b" und „9t a y W v l f s o n's G i r l E l u b". beide ans der Evlmnbia Park Street gelegen. M. Peirottv hat sich durch die Gründung und Leitung dieser Anstalt einen solchen Namen ge macht, daß er mit Offerten überschüttet wird. Die nächste Nummer erscheint Freitag den 27. April, -w®