Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 23 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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iNr. TA Nationalzeitung weguttg der Charakter der Notstandsaktion g,en-omirreir, und die Regeneration des jüdischen Volkes ist übrig geblieben. Daher ist eine Revision der Gesetzestveuon, bezüglich ihrer Stellung zum geklärten zionistischen Problern 'dringend notwendig. Man hatte aus eine Revision der Anschauungen, von innen heraus zu hoffen Bemnlassung gehabt, in dieser Hoffnung ist man durch den Verlaus der Bewegung getäuscht worden. Daher muß eine fest in, sich geschlossene Misrachi-Orgamsatiou die Initiative ergreifen^, um die „Rückkehr zum Judentum" vor der Rückkehr ins Judenland vorzubeveiten. Der re in n a t iona l e Gedanke a l l e i n i ft n i ch t i m st a n d e, die Juden h e i t, geschweige denn das Juden t u m, zu erhalten. Die M i s ch e h e, beispielsweise, verstößt nicht nur gegen das jüdische Gesetz, sondern gefährdet auch den Bestand des jüdischen Volkes. Eine Umwandlung des Begriffes „Judentum" läßt sich willkürlich nicht konstruieren, denn die Rufer' im Streite sind nicht beglaubigt, nicht legitimiert, und es lassen sich bei der Beurteilung vermeintlich rein nationaler Fragen religiöse Momente nicht ans sch ließen, die jedoch nicht eklektisch behandelt werden dürfen, sondern rückhaltlose Anerkennung verlangen. Die Produkte dvv sogenannten „Renaissance", deren Wohl die Judenh e i t, nicht das Juden t u m bedarf, wie Bilder, Skulpturen, moderne Literatur, sind bei dem geringen Bildungswert-e des Aesthetizismus nicht imstande, einen Ersah für die Religion! zu bieten. Die „Moderne" enthält irr diesem Bestreben, schon, einen Widerspruch irr sich, selbst. Der Misrachi ist jedoch ebenso nötig, um den traditionellen Zionisten, die irr dem, Wiedererwachen! des jüdischen Volksge-. dankens und des religiösen! Gedankens überhaupt eine Nenbelebimg der Thovcv erhoffen!, einen starken, Rückhalt zu geben und für die durch, dien Bürgerkrieg ihres religiösen- Halts Beraubten der östlichen, Länder zu wirken-. Eine starke Mis>ra chji-O rgan i satio ir ist bei der py'vlamerrtarrischen Strirktur der Bewegung dringend erforderlich. Hilssverei« der deutschen Juden. Der Hilfsverein der deutschen. Juiden hielt am 11. d. M. üt Berlin seine (Äe-neralve-risanmtlnng ab, die sehr gut besucht war. Den. Geschäftsbericht erstattete ,der Vorsitzende Herr James Simon. Er wies davaluf hin, daß das. versloessne Jahr durch traurige Ereignisse männigsacher Art eine große KraftanspannuNg des Vereins erforderte. Gerade die Bewältigungdieser Schwierigkeiten -zeigt aber, daß ,der 'Hilfsverein in der Reihe jüdischer Wolstsahrtseinrichtirngen eiine klaffende Lücke ausgesüllt hat. Dias Interesse für geschehenen Veränderung dem- Rccheuamte, der Einko>mmensteu-erko>m,rn>ission und dem Vorstande der jüdischen Gemeinde Mitteilung gemacht. Wieso unser Schriftsteller gerade auf diesen Namen kam, wird wohl, wie Geiger mit Recht betont, stets ein Geheimnis bleiben,. Was er darüber in seinem „Häringsalat", der Beilage zmn 74. Pariser Briefe, sagt: er nenne sich so, weil er. sich als Sohn, des großen Bor (— Börne) betrachte, galt schon früher als Scherz; jetzt erhalteil wir dafür die urkundliche Gewißheit, denn daß die Nachsilbe „lier" — Sohn bedeute, kann inan gewiß keinem Mouschen: ein,reden. Wenn sich in einem 1886 bekamlt gewordenen- Taschenkaiender unseres Autors als Namen, die er wählen wollte: Bäche, Börne, Borker eing:zeichnet finden, und der uii'ttleve unterstl'ichen ist, so darf man wohl sagen, daß diese Bemerkrmgell erst dann medergefchriebeil waren, uachbun der willkürlich gewählte Name Börner aögelehnt war und der also Abgewiesene »rach "ineni ähnlich klingenden suchte, der, da er sonst von fernem Frankfurter getragen wurde, Gnade m den Augen der Behörden fand. Seitdem, hat sich der Nanie in Fmn-ffitck und auch in Berlin eim gebül gert, wie ein Blick aus die Adreßbücher der betreffenden Städte lehrt; es wäre nicht uninteressant, zil erfahren, ob Börne wirklich ziieist den Nanlen, fand, den er uniterb>ich machen sollte. '1 -1*»——' ' ,'imvm ihn ist ständig lm Machten begriffen. Das bc-weirst a»r besten die Tatsache, baß die Zahl ferner Mitglieder bereits die Zähl von 9600 überschritten hat. — Aus 'die Tätig keck des Vereins lim Auslände eingehend, fiihrt der Vorsitzende aus: Galizien, Rumänien und Bulgarienbieten nochimmer weite Arbeitsfelder, wo der Verein besonders auf dem Gebiete der Jugenderziehung erfolgreich, tätig ist. In den Donau ländern und der Türkei wird deutsche Bildung, wo die Gemeinden es wünschen, auf diese Meise durch dem Verein verbreitet. Am ausgedehntestenarbeiileit der Vereirr -in dieser Beziehung in Palästina, wo ln Jerusalem ein Rutsches Lchrerfentinar begriiudet wurde, das bestimmt ist, den Orient mit tüchtiger:, gut vorberelteiten Lehrkräften zu versehen. Eilt trauriges Blild zeigen, die russischen Angelegenheiten. Das Zentralbureau für Auswanderungsangelegenheiten des Hiffsvereins, ebenso die Schutzkomitees an den Grenzen wirken äußerst erfolgreich. Tausende von Auswanderern, sind durch dieselben^ nilt Rat und Tat unterstützt worden, so daß insbesondere auch jede Ansammlung von DiurchMaNderern in Deutschland vermieden wordenist. Es hat sich bald herausgestellt, daß diese Organisationen fast unentbehrlich! gelworden sind. Russische Gemeinden, die durch Mißernten, Feuersbvüuste, Exzesse gelitten hatten, mußten!bm Läufe des Jahres zahlreich unterstützt werden. Die Greueltaten im November veranlaßten dann Christen und Juden gemeinsam, aus Menschenliebe für die russtschen Gemeinden in großem Matzstabe eiuzutreten. Für die Waisen- und Witwen der Verunglückten, wird noch Sorge getragen werden müssen. bleiber die Kassenverhältnisse referierte Doktor Ellstätter. Darrach wurden für Schulen und andere gemeinnützige Anstalten rund 50 000 Mark ausgegeben und für die Unterstützung -der durch, die Pogrome geschädigten Juden und Christen in Rußland 2 000 000 Mark. In der sichanschließenden ösfentlicheu Versammlung ergriff zunächst Herr James Simiorr das Wort. Zrvei Dramen, führte er aus, haben sich in den letzten Monaten vor! unseren Augen abgespielt: der russisch-japanische Krieg und die russische Nevolutiorr. Dieses traurige und blutige Drä-rrm spielt sich noch weiter ab. Deutschland hat natürlichdas regste Interesse'an dem Geschehnissen in Rußland. Daher trat -von ver!schiedenen Seiten die Blicke an den. Hilss-oerein heran, /daß eine öffentliche Besprechung der russischen Ereignlisse horbeigeführi werden.möge. Herr Dr. Nathan und Herr Land,tagsabgevvd- -uete-r Justlz-rat Caessl werdensich dieser Aufgabe rluterzie-hen. Dr. Nathan berichtet über die -Lage in N,ußlarrd. Sie sagen.eine trübe Zukunft oorans. Wir inllssell. dararif vorbereitet bleiben, daß neue Greueltaten sich ereignen nr!it all ihrer: Folgeerscheinungen. Das akute Stadt rrnr der Revolution beginnt, das wird eirr künftiger Historiker voranssichtlich sagen, mit der Ermordung Plehwes. Damals lag eine dnnipfe Schwille liber dem La.nid-e,- k-eiin Jlluteu voll Patrivtisnllls, . ke'irr C'ilihllisiasmus für den Krieg. Man erwartete von d-ell. Japnuemi oielnlehr die Befreiliug un!d selbst -irr patriotischeu maßvollen echt russischen, Kreisen. Jlll .November 1904 sanü daun der erste Semstirvokong r-eß statt. Diie maß vollen Beschliisse dieser VersallllllbllUg iminitto der Zar „frech". Jll, P-etersburg ließ man dann die Betvegu-ng larrgisam a,nfchtvellen. Das ist S-ristenl bei der rtlssische-rr Reg!i<"ru!ll-g. Miäll srich-t nicht die V-e-rhültltisse zuverbessern, sonderlr kliallt alAdamr die 'UM'uifriödeneu Aiassen nieder. Rach der iErnlivrdlmg des Großflirsterr Sergius da-chte man an dirre Revrgar,>is-atiorl der Regieru-llg, der Zar gab das vage Versprechen einer Art Berfasslttrg. Jlu Julli folgte ein neuer S!em!stvwkongr'eß, den der Zar jetzt idiederrrm als eine Bersa-luMlung voll „Schwätze-ru" beze-ichnete. Der Blllygin>sche Entlvu-rf, das Oktobermallifest, die Dezelllberikollstiilltionerfolgten lind jetzt vor rven-igerr Ta,gen sind die W-a-hletl allsgeschrieberr worderl. Die Verfassnillgsentwiirse sill'd aber nach der heutigen Lage der Dtrlge uiur gedrllcktes Papier. Die Wahlerr ztlnrrtlssischelr Zieichstage iverdell so gut lvie bedeuilUlgslos sein. Derlll sie filldeu urlter eiliem Allslmhmszllistande statt. (Sehr richtig!) Sie süld n'ur däMius berechnet, das All-sl-altd zutäuschen. In Rußland g>itbt sich ll-ienrarld eitler Täuschllug hin. l-Ldbhaste Zustinltllümg.) Mail will mtv Rußlaild erneut die Mö-gkichkeit geben, aus dem Westen viel Geld rmch dorrt Osten herübevzuziieheu. (Lebhafte Zustirnmung.) Die Lage! der Juden ist in Rlchtand ebne entsetzliche. Es gibt etwa 0 M-iltiorren Jüdon kt Rußland, die in eiilnem Rayon eingepfercht sind. Rußland bringt diese 6 Millionen inein Verhältnis, daß sie weder! zn leben noch zn sterben v-ermö-gen. Freilich, es geht der Gefamthelbt der Blevölke-rnng nicht allzuviel bee-rss unter» dieser korrupten Be-anltenherrschaft. Zwei Möglichkeiten gibt es für einen Staat, Elemente sich >z'u aff.rm.i- Vieren. Man kann durch die Höhe -und Stärke der eigenen Karltur die Elemente fremder Kultur allmählich ans'sättlgen. D'ie russische R-egi-eruug ist für solche Asfi-mlilationstättgkeit natürlich unfähig. Sie hetzt die einizelnen Völker, wie Letten und Deutsche, Armenier und Tartaren, gegen einander dder sie Nimmt das Henkersamt den Inden gegenüber selbst in d,ie Hand. Rach Kischinew und Ho-mel trat in Rlißland eine Fortsetzrlng der Massenabschlachtu-ngen ein und zwar unm>ittelb-a-r nach dem Manifest des Zaren. Seit dem. frühesten Mittelalter ist ähnliches nicht erlebt worden. (Zustimmung.) In 400 Städten, Ortschaften brach die systematisch ansgehetzte Hefe des Volkes gegen die Jn>den los nnd so oft die Juden sich wehrten, rückte die Polizei an und schiützte den Mob. (Lebhaftes Pfui.) Spontan war diese Beweg,urig nicht. Es lag eine ovganisierte Abschlachlun-g einer ganzen Bevölkernngsl'chicht vor. 'Es war System. Nach diesen Ereignissen mußten wir m!bt einer HilfsaMon etnsetzen. Wir! gingen nach Rußland und setzten in den einzelnen großen- Zentren Kom'itees ein. Wir teilten die Bevölkerung in Grotzkausleute, mittlere KaNfteUte- und- Arbeiter, urrd setzten PaNsHa-le aus. D>ie Gelder sind natürlich zu politischen Zwecken rriemals verwendet worden, sondern gemäß den -Absichten der Geber ans-schließli-ch im humanitären Sinne. Und wir haben Nicht niur n-nsere eigenen Glanbensgen-ossen unterstützt, sondern auch alle Christen, die durch die Pogronre gelitten, haben. (Beifall.) Schwerlich ist -von privater Seite eine äh-uliche Hilfsalti-ou schon eiingeleiitet worden, lieber 6 Millionen Mark sind bereits zur Beüwendnng gelangt. Nur wenn die gesamte Lage in Rußland sich ändert, wistd auch dä-s Schicksal der Juden ein menschlicheres werden. Aber das, was geschehen ist, kann do-ckr nur wenig lindern. Alle diese Millionen sind Nur e!bn- Tropfen -ans den Heißen Stein. (Sehr richtig.) Der prominerrte MäNn in Rußland ist in diesem, Augenblicke Gras Witte, er will.,die JudeNsvage, wie er dem Redner in einer Urrterrednng sagte, par morcean, lösen. Die Löstl-ng, die bisher geübt wird, besteht darin, daß man die In,den par morcean massakriert, Hier hundert, dort ein paar hundert. Gra.f Witte Hat neuerdings w>ie'derholt 'liberale Aenßerungen getarr, aber immer reaktionär gehandelt. Und der Minister des Innern hat kürzlich einer Deputation erklärt, er roerde Exzesse mit starker Hand uiederha-lten. (Na, na!) Aber in den GoNvernemenits wird rroch heute, wie früher, geiwühlt. Hömel ist noch im Jänner ansgepl-ürrdert worden. Ein Hetzausruf, der in schärfster Weise gegen die Judenwühlt, ist von der Zensur in Odessa genehmigt und in der -dortigen Druckerei des Generalstabes gedrrrckt worden. (Bewegung.) Er liegt mir vor. Man nr,llß die Zukrrn'st als düster betrachten. Die Revo,ultiott wird ihren chronischen- Chamkter noch lange behalten, Atte!ntate rr-rrd Streiks werden kommen. Eine Agrarrevolution steht in Aussicht, gegen die die 'bisherigerr agrarischen Un-ruherr ein Kin'derspiel ge'wesen sein -dürsten. Eine offizielle Jnlervention der enropäischen- Staaten ist unmöglich, aber Ru-ßlanids Finarr-zen hänge>n ab von der öffeutlichen Meirr-ung der Welt. Nun ist es moralisch ve'rrverMch, einer solchen Negier,ung rrrit Geld beizuspringen (Lebhafter Beifall), aber es ist auch unklug vom finanzietterl Standpnrrlt aus. Der Schein eliner Völks-vertretring darf darüber nicht tüu-scherr, daß die Zersetzung in Rußland noch irmrrer rveitere Fortschritte rrmcht. Und -ei-rre Regierung, die irr ihrem eigen Lairlde nur drirch Verbrechen und drrrch Entfesiekl-ng jeder Niede-rtvacht sich am Ruder zu erhalten verrnag, rnnß vor: der ösfentlicheu MtelinNng der Welt boykottiert werden, bis Zustärrde geschafferr sind, die es allen Russerr und auch den Jrrderr gestatte rr, als Merrschen urrd als grite Reichsblirser in ihrerrr Baterlarrde zu leben. (Lebhafter, anhaltender Beifall.) Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel: Sachlich habe ich den Ausstthmngen des Bor-redners nichts httlzuzufrigen. Ich. wM rrrrr öerr.' Enrpfindnngen Ausdruck geben, die uns ergreiferr müssen, rve rrirr wir D'krge geschehen schert, die wir für rrrr-