Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 21 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2429839-2429840-2429861--143-2430210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes NatimcheitW Erscheint jeden Dienstag und Freitag. KzeMmr mit Keumr-rter: Jakob Krausj. Inserate übernehmen die firmen: 2. Danneberg, M. Dules Nachfolger, lsaasenstein L Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonqi, A. Schale! in Wien, ferner aN« Rnnoncen.Lxpeditionen im Auslands. Einzel-Nummer in Wien LS Heller. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entqegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Redaktion: IX/1, Wafagasse 31. Telephon Nr. 147»». Sprechstunden r An Wochentagen von 10 dir 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitung" Wien, 1X|1. »««rdveröen wegen verspäteier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — M»«u»Ktl»t« werlttt nicht rntSestgtrtcltt. Postsparkaffen-Konto 47037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. st „ —...d Administration: Telephon Abonnements-Preis r Für Wien n. Oesterreich- Ungarn f. Frankozustellung: Ganzjährig. . . . K 13.- Halbjährig . . . . K Vierteljährig . . . K ».- Für das gesamte AnSl, d Ganzjährig . . . K 15.13 IX/i, Wafagaste 31. 9lt. 14738. Preis der Anzeigen: Diesmal gefpalt. Nonpareillezeile oder deren Raum 12 d. „Eingesendet" dkeRpaltige Nonpareillezeile 50 Heller. Bet mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Mr. 21. Wien, Freitag -en 16. Mär; 1906 (19. Adar 5666). VIII. Jahrgang. Eine Rede Dr. Strauchers. We hat das österreichische Parlament eine ja mächtige und eindrucksvolle jüdische Rede gehört, als die letzte des Abg. Dr. S t r a u ch> e r. Das warm nicht die motten Worte des Ofner, das waren nicht die wirkungslosen, auf allen Seiten! schillernden Ausführungen der Haussklaven des Polen klnb. Dr. Strauch,e-r sprach ganz offen vom jüdischen Volke, erklärte unumwunden bei all seiner Sympathie für das allgemeine Wahlrecht daß die jüdische Nation! in Oesterreich heute nicht würdig verkreten sei und daß auch! die Wahlvorlage keine rechte Repräsentanz schaffe. Er klagte aber nicht die Regierung, sondern die Juden an, daß sie das Ministeriums nicht genügend über die nationale Macht informiert hätten. Wir kominen auf diese überaus wichtige Rede, die wir nunmehr vollinhaltlich zum Abdrucke bringen!, noch zurück. Abgeordneter Dr. Straucher: Hohes Haus! In der mehrtägigen Debatte über die Wahl- ,eformvo>rla!ge dev Regierung sind uns recht gekehrte Auseinandersetzungen über den angeblich wahren Charakter des allgemeinen und gleichen Stimmrechtes vorgetragen und trübe Ausblicke über die dem Staate und der Gesellschaft aus der Einführung dieses StiMimrechtes drohenden Gefahren eröffnet worden. Wenn Eloquenz, elegante Sprechweise, gelehrte Vorträge eine freiheitliche Sache umzubrlngon vermöchten, das Schicksal der Volksfache — und das ist die Wahlreform — wäre besiegelt. (Zustimmung.) Die geehrten und gelehrten! Sprecher des Polenklubs und des> verfassungstreuen Großgrundbesitzes haben! uns' eine Fülle von Gelehrsamkeit und staatsrechtlichen Doktrinen sowie von Beweis sich run,genüber die Unfähigkeit von aus denn allgemeinen, gleichen und direkten' Wahlrechte hervorgegangenen gesetzgebenden! Körperschaften vorgetragen, die mich in großes Erstaunen setzten, da doch die Sache der Volksrechte und der Freiheit keine wissen schaftlicke Frage ist, und weil bei aller anznftrebenden Gerechtigkeit in der Mandatsvertei-limg lind Wahlbezitkseinteiluug selbst der pythagoräische Lehrsatz Schiffbruch leiden! -müßte. Also mit -gelehrten Auseinandevschti'itgen und Beweisführungen können Um- Da faum anfkommen. Ich erinnerte mich da« an eine Aeußernug, die der große englische Staatsmann Lord Chatham ineiner im englischen OVorhause zu Anfang des Jahres 1770 gehalteneu. Rede getan hat. Ich bitte, mir zu gestatten, diese kurze Aeußernug wörtlich zu, verlesen; er sagte (liest): „Es ist eine ganz einfache Maxime, an die ich mich im meinem Leben nnabweichlich gehalten habe, bei jeder Frage, die meine Freiheit oder mein- Eigentum betrifft, dou gemeinen Menschenverstand um Rat zti fragen und ni!ich nach seinen, Aussprüchen zu richten. Ich gestehe, Mylords, ich habe einigen Hang zum Mißtrauen gegen große Gelehrsamkeit, weil ich oft gesehenhabe, daß die gefchickteften und gelehrtesten^ Mrmer ebenso leicht sich! selbst täuschen! als andere irreführen. In der Tat, die Meufchen würden zu beklagen sein, wenn sie, um in ihrem Urteil und in ihrem. Bel vagen nicht zu. irren, großer Gelehrsamkeit und großer Talente, di-e nur das Los von. wenigen sind, nicht entbehren könnten-. Wer die Vorsehung hat zu nuferem Glücke! besser für uns. gesorgt-; sie hat-uns an dem einfachen, gemeinen Mensch-en>verstand eine Regel gegeben, bei «der wir in unserem Betragen sichersein können, uns nie zu verirren." Meine Herren! Ich werde tnir nichtemmaßen und maße es mir auch gar nicht au, die Geschicklichkeit zu -besitzen, diegelehrten RaifomremenM^E" Herren Sprecher des! Poleuklubs unddesverfafsu-ngsl^reuen! Großgvun-dbesitzes, der Herren Dr. v. Grabmayr und Dr. Graf Dzi-eduszycki, mit gelehrten' Gegenargumenten zuwilderlegen oder gar. zu zerpflücken!. Ich schätze die große Gelehrsamkeit und die hervorragenden Talente dieser angesehenen Parla^ mentarier außerordentlich hoch; ihr Charakter ist ein lauterer, ihr Gebaren ist ein, vornehmes und ihre Bestrebungen! sind gewiß! biorti edlen Initiativen geleitet. Aber über die Sache der Bolksrechte, über das fundamentalste, weil natürlichste Freiheitsrecht der Völker: über das Wahlrecht, darf sich jeder Volksmann, und wenn er der geringste ist, auch -ein Urteil anmaßen> und ohne Schien ti.nd ohne Furcht« gegenüber den! Größten mvb Großen, gegenüber allen auf der ^ouuenhöhe des- Lebens geborenen, gegenüber den Höchstgebildeten und foziail Höchstgestellten! seine Meinung aussprechen (lebhafte Zustimmung), und zwar deshalb, weil das Problem, der Frage dev allgemeinen, gleichen, direkten, und geheimen Wahlrechtes eine ewige Wahrheit ist. Und es gibt Wahrheiten-, die durch sich selbst einleu-chauch die größten Talente sind nickst intstaude, diese Wahrheiten zu widerlegen und das allgemeine, gleiche, direkte tind geheime Wahlrecht ist — ich wiederhole dies - eine solche Wahrheit. (Zustimmung.) Man soll aber auch nickst die wahre Intelligenz zu dem gesunden natürlichen! Verstände in einen feindlichen Gegensatz stellen. Der große Arbeiterführer Lassalle sagte: Es gibt nichts der wahren Intelligenz WahlveNrandteres als der gesunde Beistand der großen Massen- und es gibt nichts O'rganisationsfühigeres als diese großen breiten Massen. (Zustmummg.) Nun, geeh'vte Herren!, gewiß gibt es viele, auf die schon, das Wort „Refovlu" wie das rote jene Gesellschaftsklasse, auf diese oder jene Person notwendig die Wirkung irgend einer Strafe, einer Zurücksetzung, einer Entziehung bisheriger Vorteile, Bevorrechtigungen, oder Begünstigungen üben-. (Zustimmung.) Allein hierin äußert si?ch in der Regel nun krasser Egoismus, nackte Selbstsucht. Die österreichischen Völker können und werden es nicht begreifen, daß ihre derzeitigen Vertreter, also ihre Mandatare, ihren! Vollmachtgebern, das ist den Völkern-, das verweigern sollen, was ihnen der regierende Fürst in seiner Gerechtigkeit und Regentenweisheit, in seiner Fürsorge für alle, freiwillig anbietet. Weil unsere Vorgänger in ihrer Schwäch-, lichkeit oder in der Ungunst der Zeiten, sichum das Volkswahlrecht! haben bringen lassen, sich mit Flickwerk oder mit dev Kdrikatur der sogenannten allgemeinen- Wst hier klaffe im Jahre 1896 begnügen mußten; daraus darf man keine Hoffnungen! hegen-, daß dieses Spiel auch diesmal gelingen wird. Es gibt Zeiten, sagte Lord Chatham, in denen die Menschen schlechte Streiche deshalb nicht mehr ertragen,, weil ihre Vorfahren noch schlechtere erduldet haben. (Sehr gut!) Es muß bei uns nicht jedes Volksrecht- Blut und Menfcheuleben kosten! (So ist es!) Und bekanntlich war und ist die Erkämpfung politischer und namentlich freiheitlicher Volksrechte stets- und in allen Staaten, insbesondere aber in Oesterreich, mit großen Opfern -verbunden gewesen,. Wenn man alle die Drangsalierungen, die Freiheitsstrafen, die materiellen, und moralischen Schädigungen, die Verfolgungenusw. vorführen würde (Zustimmung), welche die Streiter für das allgemeine -Ltimmrecht in Oesterreich zu erleiden hatten, so würde mau! erst die Größe, der Opfer ermessen und ben-; teilen können, welche alle wahren- Freunde Und es ist wahr, es war und ist einschöner Kampf, der dir Erringung des allgemeinen, gleichen-, direkten- und geheimen Wahlrechtes zn-m- Zielehat. Es gilt die Beseitigung veralteter- Wahlrechtsprivilegien, die Beseitigung eines ungerechten JnteTiessettgruppenisiistelns, eines erkünstelten Wahlsystems, -das allen Mißbräuchen und Vergewaltigungen Tür und Tor öffnet, es gili die Beseitigung - und der Herr Minister des Innern hat selbst eingestairden, was wir seit Jahren gesagt haben - einer wahrhaft Noch ständischen Parlamentsveriretung, denn die heutige Vertretung ist nichts anderes als eine ständische. (Zustimmung.) Das gegenwärtig in Oesterreich geltende politische Wahlrecht bedeutet ein ebenso schweres Unrecht für das Volk, wie eine Schädigrmgdes m*- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 20. März. Tuch wirkt; denn alles, was Reform heißt, muß auf diesen' oder jen,en- Stand, diese oder Staates. ten, die gar keines größeren Beweises, keiner großen Talenle bedürfen, u?ni. sie darzntun; ja i des Volkes für die Sache desallgemeinen und; gleichen, Wahlrechtes in, Oesterreich bereits gebrach; haben.