Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 19 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Ritmcheitimz Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Ejgkntümr mid Kerousgrdkr: Jadob Krarsz. Inserate übernehmen di« firmen: 2. Vanneberg, M. Vulcs Nachfolger, kjaafenstein Sc Vogler, Nudolf Mofse, M. pozsonyi, fl. Schalet in Wien, ferner alle flnnoncen.Lxpeditionen im fluslande. Einzel - Nummer in Wien LS Heller. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entaegengenommen werden: Hermann.Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Kr. 19. Pint, Freitag den 9. März 1906 <18. Adar 8666). VIII. Jahrgang. »eirafrttim: IX,l, Wsfsgsssr 81. Telephon Nr. 147*8, Sprechstunde« r Kn Wochentagen von 10 btt IX Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitnng" Wien. 1X|I. Bmk werden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zu» ftellung erbitten wir uns dringend. — mannskritfte werten nickt xnrlekaeeteiit. Poftspartaflen»Konto 47037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. k—___M Administration: Telephon SlbonuementS-PreiS r Für Wien u. Oesterreich. Nngaru s. Franlozustellung: Ganzjährig. . . .11*,- Salbjährig . . . . K 6.- ierteljährig . . . K 8.- FürdaS grämte AnSl - b Ganzjährig . . . K IS IS IX/1, Wafagastr 31. Nr. 14VS8. Preis der Anzeigen: Die Kmal gespült. Nonpareille, zelle oder deren Raum IX d. „Eingesendet" die Sspaltig« Nonpareillezeile SO Heller. Bei mehrmaligen Austrägen entsprechender Rabatt. Die Wahlrechtsdebatte. An anderer- Stelle berichten wir über eine Resolution, welche zionistische Verl rauensuninner <£' '/ .!ens vor einigen Tagen in Kra kau, »bezüglich der Wohlreformvorlage der Regierung gefußt haben. Die Reso>lntio>n> ist kräftig und politisch klug gehalten und muH überall bei Freund und Feind — einen günstigen Eindruck Hervorrufen. Die Inden, unö besonders die nationalgesinnten Inden künnen.-sich durch die Wcchlreforin, wie sie von der Regierung vorgeschlagen wird, nicht Leftiödigt Mhlen, weil in ihr alle möglichen nationalen und politischen Gruppen berücksichtige wu'riden, nur nicht die Juden. Und wie sehr dies wahr ist, wie wenig Grund wi» haben,, uns uüt denr Geringen zufrieden zu geben, das wir Kraft unserer Energie erwüngen haben, beweist die Rede 'des Ministers des Innern, mit welcher er am Mittwoch die Debatte einleitete. Der Minister lobte seine Ware nach allen Seiten 'hm, er pries ihre Vorzüge, wie ein guter Makler, wies auf die Vorteile hin, die jedem dev Käufer — in diesem Falle die Nationalitäten und Mnteien — winken, und unter denen, die aus dieser Wahlrefovm irgend einen nationalen oder politischen Nutzen ziehen sollen, gedachte der Minister aller, nur nicht der Inden. Und es lag doch! so'nahe, bei Besprechung dev Mandatsverteiluug und Eiuteilrmg der Wahlbezirke in Galizien und der Bukowinaauch auf die Juden zu sprechen zu kommen, und wenigstens anzuöemen, daß die Regierung auch die Juden, aus der Knechtschaft der Schlachzizen zu befreien gewillt ist, wie sie es mit den Ruthenen beabsichtigt. Es ist wohl nicht unmöglich, daß die Debatte der Regierung rwch Gelegenheit geben wird, auch der Jrllden zu Mdenken, abev man. darf es nicht dem bloßen ZGall Werlassen-, daß das Abgeordnetenhaus sich auch der Juden, und besonders der vielen Tausende von Juden, erinnere, die bei dem großen Asozialen unö nationalen AusgleichMverke, das^etzt. geschaffen werden soll, auch ftir die jüdische Nationalität die volle Gleichbevechitigung forderte, wie sie sich auch dev Pflichten nicht, entschsagen wollen, die dem Judentum als einer tzn, Staate lebenden Narionalilät dorn Staate Menübev erwachsen. Der" einzige nationaljüdische Abgeordnete im Haufe, Herr Dr. Benno Strauch er, wird sicherlich, in der Debatte das Wort ergreifen und wird ebenso sicher nicht ermangeln, auch auf all das hinWweisen, was in dev Regierungsvorlage — fehlt, und was die Juden zu erwarten berechtigt waren«. Dr. S t r a u ch e r Wird auch zu erwäh nen haben, daß die Juden, auch 'das wenige, das sich aus der Waihlkreiseinieilnng zugunsten der Juden ergibt, wenn die Regi-erung nicht auch auf die Reinheit der Wahlen, Gewicht legen und mit 'der alten Anschauung brechen, will, daß dort, wo es sich um, die Sch!lachta handelt, das Recht der Juden und die Macht der Zentralrogierrmg aufhöve. Denn es ist sicher, daß, wenn dev Terrorismus der Schlachta, dm jüdisch«en Wühlern geg«enüber nicht so mächtig sich geltend machen würde wie bisher, und wenn' die jüdischen Wähler, Galiziens die innere UeberzeuWNg hätten,, daß sie im Falle einer wirklich freien Ausübung ihres Wahlrechtes vor der Feindseligkeit des Polenklubs und ihren Mdlichen, wirtschaftlichen Folgen, durch die Zentral regierung geschützt würden, so müßten bei den nächsten Wahlen auch! 'beidieser Wahlkveiseinteil'ung zumindest sieben jüdische und dann mindestens fünf nicht dem Polenklub angehörende Abgeordnete ins Parlament enisend-et werden. Aber es ist sehr wichtig, daß nicht nur der «einzige nationaljüdische Abgeordnete unsere Sache im Mgeordnetenhanfe vertrete. Wir erinnern« daran, daß zur Zeit unserer großen Wahlrechtsversammlungen eine Anzahl Abgeordneter anderer Nationalitäten ihre Sympathien für unsere Bestrebungen, tsirndgaben und eine Unterstützung unserer Forderungen im Parlamente versprachen, falls dieselben dort zur Spmche kommen sollten. Nun denn, die Gelegenheit ist gekommen, da diese Abgeordneten ihr Versprechen einlösen können. Es ist für uns ungemiein, -wichtig zu wissen, ob die Nationalitäten, die uns stets vorwarfm, daß wir uns in ihre Rechen drängen, uns nicht national organisieren wollen, es wiriMch ernst meinen mit der nationalen, Sonderstellung der Juden, oder ob es wirklich nur einer dev vielen Feuilleton. Israel Triumphator. Hinter diesem Titel veröffentlicht ,-Der Rolaud von Berlin" einen hochinteressanten «Leitartikel, der ein grelles Licht «wirft auf die Gesinnungen unserer Grotzsuden, dem wir folgendes entnehmen: Im Oberhosmarschallänit des königl. Schlaffes gins es vor einigen Tagen «z'iemilich« stürmisch zu. Erst mm halb 4 Uhr nachmittags hatten Majestät ein kleines« Herrendiner z'u befehlen gevnht, das bereits um halb 8 Uhr stattfinde,n sollte, nrch so wurden eiligst Hoffonrier in die Stadt entsandt. Um 'die 'Spuren der Eingeladenen zu ermitteln. Auch das Telephon trat in Aktion, Und als der Zeiger aUf die sür die Tafel festgesetzte Stunde wies, rollten die Wagen der Befohlenen in das Schloß. IM ganzen zwölf «Personen. Der Kaiser und 8 Herren aus seiner Maison militaire. Ferner drei Zivilisten, Herr James Simon, Herr Dr. Paul -Schtvabach und Herr Isidor Löwe. lieber den Zweck der Beranstaltung haben natürlich die Gäste strengste Diskretion gewahrt. «Wir sind also auf Mutmaßungen angeioiesen, und da ist es nicht unwahrscheinlich, daß es sich dabei um irgend einen kulturellen Zweck gehandelt hat, der gewiß in Bezichungen! z«ll den Statuten des Wilhelmsordens steht. Der Dr. Paul Schivabach ist bekanntlich der eigentliche Chef und Leiter des bekannten Welthanlses S. Bleichröder, Herr Isidor «LAve der beliebte 'Großindustrielle und Herr «James Simon ein Krösus der Baumwolle, die er niemals in den Ohren «hat, wenn von maßgebender Seite an fein uneigennütziges Mäkenatentnm appelliert wird. Erst vor einigen« Wochen ist fernerdie Tochter eines Berliner Bankdirektors bei der Desiliercour dem 'Kaiserpaar vorgestellt worden, mid auch dieser Finanzier darf sein Geschlecht bis zu einem, jüdischen Ahnherrn znrückverfolgen. Endlich aber hat der Kaiser jüngst einem« Essen «im Kaiserlichen Automobilklub beigelwohnt, zu dessen Tei'lne'hmern die Herren «Felix Simon, Bodenstein, James von Bleichröder, Dr. Levitl-Siölping-Hüldschinsky und Fritz Friedlülider gehörten. Dieses Fest verlief in schönster Harmonie, und der Herr, der alle Etikette zum Trotz ans überquellendem patriotischen Geflihl beim Mschied die keuschen Lippen auf die Hand 'des Kaisers drückte, war zu'm Glück ein wackerer und ehrenfester christlicher Mitbürger. So erfreulich auch die'se Tatsachen anmuten, — es wäre doch falsch und übereilt, sie in philosemitischein Sinne zu deuten öder gar anzunehmien, daß nunmehr mit dem Artikel der Berfaffung, der die Gleichberechtigung aller preußischen Untertanen gewährleistet, mit Bezitg ans unsere Mischell Mitbürger ernst gemacht werden soll. Die geschilderten Vorgänge sind lediglich aus dem heutigen Milieu des Hofes heraus zu erklären-, sie sind interessante Begleiterscheinungen des sportlichen Lebens, aber sie bedeuten« noch lange nicht et wen Wechsel im System der preußischen Negierung. In den ersten Jahren seiner Herrscherlaufbahn widmete sich Wilhelm der Zweite in erster Linie militärischen Angelegenheiten, und die Jagd bildete seine einzige Erholung nach den« Lasten der Regierungsgefchttsie. Naturgemäß beschränkte sich hierbei sein persönlicher Verkehr aus die hohe Art* stokratie, und er nahm wiederholt an den Jagden der schlesischen und ostpreusiischen Magnaten teil. Aber in dem Augenblick, da der Monarch dem Wasser- und Automobilsport sein Interesse zu- »vandte, wechselte das Bild. Rur wenige unserer Adeligen sind materiell in der glücklichen Lage, eine Nacht «oder ein Automobil ihr eigen nennen M können, und da der Monarch an. diesen Beranstaltuuigen nicht nur reges Interesse «zeigte, sondern eine aktive Beteiligung nicht verschmähte, so mutzte er notwendig bei dieser Gelegenheit die Bekanntschast der deutschen- Plutokratie machen. Da es nun sür Neptun ganz gleichgültig ist, ob der Eigentümer einer siegreichen Nacht von den Kreuzzngsrittern oder «von den Makkabäern abstamnrt, so beglückwünschte unser «Kaiser auch Herrn Felix Simon oder Herrn Huldschinslky zu ihren Erfolgen aus dem M«eere ebenso herzlich, wie wenn er einen authentischen Nachkommen des Herzogs Gottfried vv«n Bouillon vor sich gehabt Hätte. Bet näherer Bekanntschaft zeigte es sich dann noch weiter, dass gerade diese Kreise «gern ervötig waren, mtt ihren reichen Mitteln küUstlerische und kulturelle Zwecke zu unterstützen, die ullterirdischen Schätze Babels bloßzulegen, «wohltätige Stiftungen ins. Leben zu rufen und Museen mit erlesenen Kostbarketten zu füllen. Wilhelm der Ziveite begnügte sich nicht damit, durch Titel und Orden seine Dankbarkeit zu beweisen. Er erachtete mit lobensivertem Taktgefühl die Herren, die sich so bereitwilligst in den Dienst der von ihm angestrebten Ziele stellten, eines persönlichen Verkehrs ftir würdig lind öffnete ihnen sein Hans. Aber gerade diese Ghrlm-gen urid Auszeichnungen sind «geeignet, die Gegen«sätze, in denen sich unsere heutige Zeit bewegt, noch schärfer «hervortreten ,zu lassen. Der Kaiser ist ein Gönner des Herrn James Simon, aber er ist auch Bonner Borusse Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 13. März. -»»