Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 15 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes MtiomlzckMg Erscheint jede« Dienstag und Freitag. Eigentümer und Herausgeber: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: I. Vanneberg, M. vukes Nachfolger, yaafenstein & Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonyi, fl. Schalek in Wien, ferner alle flnnoncen.Lxpeditionen im fluslande. Einzel - Nummer in Wien IS Heller. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Ur. 13. Wien» 23. Februar 1906 (28. Kchedat 5666). VIII. Jahrgang. Redaktion: IX/l, Wasagasse 31. Telephon Nr. 14733. Sprechstunden s An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitung" Wien. IX|1. Beschwerden wegen verspäte,er oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Maniishriptc werden nicht zuröchaeitelit. Postsparlaflen-Konto 47037. In das Abonnement kann man täglich eintrerrn. »-L-d Administration: Telephon Abonnements-Preis r Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig. . . . K 13.- Halbjährig . . . . K 0.— Vierteljährig . . .K 3.- FürdaS gesamte AuSl, b Ganzjährig . . . K 15,13 IX/l, Wasagasse 31. Nr. 14733. Preis de« Anzeigen: Diesmal gefpalt. Nonpareillezeile oder deren Raum 12 d. „Eingesendet" die3spaltige Nonpareillezeile SO Heller. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Der erste Erfolg. Spätestens Samstag wird der Chef der österreichischen Regierung die Gesetzesvorlage über die Wahlreform auf beit Tisch des hohen Hauses niederlegen.. Aus dem Berichte über die Audienzen, die der Obmann des zionistischen Landeskomitees und des jüdischen Wahlrechtskomitees für Oesterreich, Herr Dr. Schalit vor einigen Tagen beim Minister des Jnnerrr hatte, wissen wir, daß die Sehnsucht des nationalgesinnten Teiles der Juden Oesterreichs, als nationaler Volkskörper anerkannt und gesetzlich geschützt zu sein, durch die Wahlreformvorlage nicht erfüllt wurde. Ist dadurch unsere Sache in Oesterreich verloren? Müssen und dürfen wir deßhalb, weil wir jetzt nicht den gewünschten vollen Erfolgs erzielt haben, die Hlinte ins Korn werfen, den Kamps aufgebeiß oder auch nur abschwächen? Das wäre unseres Erachtens der größte politische Fehler, den wir heute begehen könnten. Durch ein Aufgeben des Kampfes würden wir nur Gegnern das Recht geben, zu behaupten, daß die zionistische Partei für eine praktische Realpolitik nicht reif und nicht geeignet sei. Zum Glücke stehen die Dinge nicht so schlimm. Die zionistische Organisation hat sich in diesem Kampfe um die nationalen Rechte der Juden Oesterreichs vollständig auf der Höhe gezeigt, und der vorläufige Erfolg dieses einheitlichen Vorgehens der gesamten zionistischen Organisation unter der Aegide ihres Landeskomitees kann, wenn das Landeskomitee in der mit großem Geschick begonnenen Aktion weitersähLt, auch für die zionistische Propoganda vpn höchster Bedeutung werden. Worin liegt eigentlich die wirkliche Bedeutung und der große Erfolg der Audienz Dr. S ch a l i t s beim Minister des Innern? Zunächst wohl darin, daß den denunziätorischen Einbläserein ein Ende bereitet wurde. Es wurde jetzt das erste Mal mit der Tradition gebrochen, daß die Juden Oesterreichs ausschließlich durch die Kultusgemeinden und deren auf Grund eines veralteten, die Cliqueherrschaft schützenden Wahlsystems gewählten Vorstände repräsentiert werden. Es . wurde ferner sozusagen offiziel konstatiert, daß die Regierung an das alte Märchen, daß die Zionisten an dem Schicksale des Reiches keinen Anteil zu nehmen wünschen, und ihre Bestrebungen demnach den Staatsinteressen zuwiderlaufen, nicht länger glaube. Es wurde endlich auch denjenigen Juden, die bisher durch politische Scharfmacher von einer Beteiligung an der nationalen Politik der Juden u. a. auch mit der Begründung abgeschreckt wurden, daß die Regierung den nationalen Bestrebungen der Zionisten ablehnend gegenüberstehe, endlich klargemacht, daß sie belogen und betrogen wurden, es wurde der Beweis erbracht, daß jüdisch-national sein, zionistisch sein, nicht nur nicht gleichbedeutend ist mit antiösterreichisch sein, sondern umgekehrt, daß die Juden nur dann die beste und verläßlichste, das Staatsinteresse stärkende österreichische Politik machen, wenn sie jüdischnationale Politik treiben. Die Tatsache, daß die Zionisten zu einem ernsten Faktor in der österreichischen Politik erhoben wurden, ist unseres Erachtens das größte Verdienst des Dr. Schalit in dieser großen Aktion, wofür ihm die Zionisten um so mehr dankbar sein müssen, alserauch dem Minister gegenüber von dem reinen, allgemeinen zionistischen Programm auch/nicht eine Nuance aufgab, sondern im Gegenteile die Möglichkeit und den hohen Wert dieser Bestrebungen für die allgemeine Judenfrage mit allem Nachdrucke betonte. Es wird sich bald zeigen müssen, ob Zionisten und Nichtzionisten den Ruf der Zeit verstehen, ob sie sich dessen bewußt sind, daß man wahre dauerhafte Erfolge nicht im Sturme, nicht durch Jntriguen und gegenseitiges Bekämpfen und Verleumden, sondern durch einmütiges, geschlossenes Vorgehen, durch unbedingtes Vertrauen zu einander und zur. guten Sache, die wir vertreten, erzielt werden können. Dr. Schalit hat anläßlich seiner Aussprache mit dem Minister bereits zahlreiche Dankschreiben und Zustimmungskundgebungen erhalten. Wir können sie heute Raummangels wegen nicht veröffentlichen, aber schon heute wollen wir es betonen, daß, wenn wir die Absichten des Obmannes der Landeskomitees Feuilleton. Die gefundene Handschrift. Eine wahre Geschichte von O s k a x T. S ch w e r i n e r. xxm. „Wäre," unterbrach ruhig der Großvater, „wenn die beiden sich nicht schonlange liebten!" Wäre in dem, Moment eine Bombe ins Zimmer gefallen, der Schreck hätte die Hörer nicht sprachloser machen. können. Ludanv« und Joseph sänke«« lauitos in ihre Stühle, Marie wurde kreidebleich-. „Ist das wahr?" schrie der Vater sie an. nachdem« die erste Ueberraschung vorüber. Das Mädchen senkte bein Blick und antwortete nicht. Ein Weilchen! herrschte peinlicke Stille. Dann! sagte Ludanyi, sich erhebend, und seine Stiimm«e! klang rauh: „Schade! Ich hatte euch wirklich lieb gewonnen. Sie, Joseph, und Ihren alten Großvater dort. Aber daß ihr meine Gastsreundschaft so mtfchmuchen würdet, das hätte ich nicht geahnt. Schämen Sie sich nicht, Joseph," seine Leidenschaft -brach wieder durch, „an so etwas auch nur zu denken? Die wissen doch, wie unmöglich es ist! Als« Mann! hätte ich ja gar nichts« gegen' Sie, aber ich kann deich meine Tochter keinem- — keinem — Israel neu geben! Absurd! Oder," fügte er höhnisch hinzu, Jiosephs Frömmigkeit wohl kennend, „oder wollen «Llie sich tanifen lassen-?! Ganz abgesehen! von! dem» Adeil! Meine Tochter einen Juden«! und« einen- Bürgerlichen'! heiraten!" Der Gedanke amüsierte ihn! so, daß er laut anflachte u-n'd nun! wieder 'genmtltchcir wurde. „Joseph, Mensch, wo hatten Die Ihre fünf Sinne?" „Aber, lieber Herr Lu'danyi," meinte der Großvater mit fdiwi« ruhigen Stimme, „ist denn die Sache wirklich so schlimm/? Joseph kann sich Wohl kaum taufen lassen', denn seine Vorfahren «varen alle Juden; aber Sie Herr Ludanyi, der Sie als Magyar, als Konservativster der K^oiiservativen- ,sür das Festhalten - an Treu und Glauben! ainitveten, Sie könnten! doch Ihrem Fräulein Tochter erlauben, zum Glauben ihrer Väter zmückzukehren«." „Großväterch-en, Sie beilieben zu scherzen," sagte Lndanyi, doch etwas verdutzt. „So weit wir mit unseren! Forschungen gekommen sind, waren meine Vorfahren! immer gute Christen. Nicht, Joseph?" Joseph nickte, blickte aber dabei neugierig seinen Großvater an. Wassühnte der schon wieder im Schilde? „Wenn es nun aber nicht so wäre! Wenn ich Ihnen« beweisen tonnte, daß Ihre Wovfahren Juden «varen-?" fragte dieser. „Unmöglich, mein. Herr! Wie «vollen Sie das beweisen?" „Erst beantworten, Sie, bitte, die Frage: Wenn tch's nun bewiese?" » „Dann würde allerdings meine Stellung gegenüber den Juden eine ganz andere sein — müssen," fügte er hinzu. „Aber wozu über Unmögllchkheiten debattieren? Leid, wie es mir tut, Joseph, muß ich Ihnen! von heute an «nein« Haus verbieten!" „Papa!" rief Marie unter Tränen. „Wollen wir nicht erst das Ma!««>usk-ript zu Ende übersetze««!? Es fehlt noch ein« War:." Und ohne eine A««twort abzuwarten!, setzte er fort: „Fräulein. Maria, schreiben Sie nur- Joseph, diktiere!" Joseph kannte dieses Augenfunkeln. Hastig ergriff er das Manuskript. „Also bitte, mein Fräulein," sagte er, li-nb während Marias- Tränen laufgsam ans das Papier vor ihr niederfielon, diktier:.? er und sie fing zr« schreibe««' an: „ L—n—d—a—u—y—i." •w' Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 27. Februar.