Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 14 (20.2.1906)
- Date
- 1906-02-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 NatioMzeitmig Seit.' Dr. Nordau über die Judeufrage in Rußland. Kurz vor der Brüsseler Konferenz hatte der Vertreter des „Frankfurter Jsr. Familienblatt" «in Interview mit Max Nordau. Die Unterhaltung hatte z'uerst die Brüsseler Konferenz zum Gegenstand und ging dann zu der Lage unserer Brüder in Rußland über. Hierüber änderte sich Max Nordau wie folgt: „Da nach menschlicher Voraussicht die Lage der russischen Juden in Bälde keine Aendernng «zum Besseren erfahren wird, müssen die russischen Inden in Rußland Politik machen. Die Politik muß aber eine rein jüdische sein und darf nur die Erlangung der vollen bürgerlichen Rechte für alle in Rußland lebenden Juden ohne Unterschied der religiösen und politischen Ueberzeugung erstreben. N'nr durch eine Organisation der russischen Inden kann ans diesem Gebiete Ersprießliches geleistet werden: die westeuropäischen Juden können ihnen nur moralisch beistchen. Diese zu schassende Organisation muß, damit ihr Gedeihliches zu leisten ermöglicht sei, sich auf einer breiten Basis aufibauen. Sie mutz so beschaffen sein, daß sie nicht in die politischen oder religiösen Bekenntnisse und Zugehörigkeit ihrer Mitglieder eingreift. In anderem Falle ist ihre Existenz bei der in der heutigen russischen Judenheit herrschenden Anarchie überhaupt unmöglich." „Halten Sie das Verbleiben der russischen Juden in Rußland fiir politisch vereinbar mit den zentralistischen Bestrebungen des Zionismus und des Territorialismus?" Hierauf antiwvriete mir Nordau: „Ich halte das Verbleiben der Juden in der Zerstreuung für ein Unglück für die Judenheit, für ein doppeltes Unglück halte ich das Verbleiben der Juden in einer inferioren Majorität und noch dazu dort eine untergeordnete Nolle zu spielen. Wenn ich aber von einer festen Organisation der russischen Juden spreche, lasse ich nicht aus dem Auge, daß die russischen Juden gezwungen sind, einstweilenin Rußland zu bleiben. Wir können ihnen noch keine Zufluchtsstätte bieten, wenn wir auch den Faden der Unterhandlungen! bereits wieder ausgenommen haben. Aber gesetzt den Fall, wir hätten schon, was zu besitzen wir anstreben: Denken Sie, daß man ein Volk von sechs Millionen von Heute auf morgen in einem anderen Lande ansässig macht? Außerdem bin ich überzeugt, daß trotz ihrer unsäglichen, bitteren Lage, trotz der Pogrome, kaum die Hälfte -der russischen Juden unserem Ruf Folge leisten wird. Die größere Hälfte wird in Rußland verbleiben, und. weil unsere jüdische Politik zeutralisti'scher Natur ist, müssen wir eben im Interesse unserer Bestrebungen mit den russischen Inden bleiben, ihnen nach Kräften an die Hand gehen und für eine Verbesserung ihrer trostlosen Lage sorgen —." „Halten Sic nicht, Herr Doktor, eine jüdischrussische Assimilation für weit gefährlicher, als eine dentsch-jü dische Assimilativn?" „Ja, ich halte eine rufsisch->jüdi!sche Assimilation für weit gefährlicher als eine jüdische Assimilation mit einem anderen westeuropäischen Volke. Ich halte eine ruMsch-Mi'fch« Assimilation deshalb für noch gefährlicher, weil die Juden da, abgesehen davon, daß sie dadurch der -Gesamtjudenschaft teilweise verloren gehen, atavistisch in eine minderwertige Kultur oder gar in eine Unkultur zurückgesch-leudert werden. Die Russell haben überhaupt keine eigene Kultur. Alles was Rußland an Kultnrwerten besitzt, ist importierte Ware. Unter Ecatarina war es Voltaire, unter Alexander dem Erstell der Mystizismus, irr den dreißiger Jahren des verflossenen Jahrhunderts Hegel, von dell sechziger Jahren bis ans 90 der Realismus, und seit 90 bis ans diesen Tag ist es der Sozialismus, der Rußlands Kultur ausmacht. Daß dieser Umstand einen immensen Einfluß ans die geistige Entwicklung der russischen Inden, wo ihr Heine, Börne, ihr Lassalle, ihr Cohen nsw. ...! (?) Indessen, wenn wir sehen, daß die geistige Entwicklung der Inden in den germanischen Ländern eine bessere war, weil sie in einem großen Knlsurmilien lebterl, so ist doch nicht zu vergessen, daß das Leben der Inden unter germanischen Völkern für uns eine Geißel war und noch ist. Die Inden ill den germanischen Ländern haben unsterbliche Kulturwerte geschaffen, aber sie sind andrerseits vom Sklavengeist des preußischen Unteroffiziers dnrchtrankt. — --Ich kann mich jetzt nicht darüber naher anslassen, aber die Zeit wird kommen, wo wir es ein sehen werden.- Wenn wir schon seit einem Jahrhundert die Tendenz der in slawischen Ländern lebenden Jllben nach anglvsächsischen Ländern zu immigrieven bemerken, so geschieht es nicht, weil die anglv-iachisi schon Völker ©puren germanischer Kultur anfweisen, sondern trotz der germanischen Kulturreste der anglosärhsischell Völker. Und das einzige, was eine größere Niederlassung der Juden in anglvsächsischen Ländern hindert, sind eben jene Ueber'bleibsel und Reste germanischer Kultur in den anglvsächsischen Ländern. Nicht Goethe, sondern Shakespeare — aber so weit sind wir noch nicht." , Auf die russischen Inden znrückkvmmend, sagte nur der greise Zionistenveteran: „Was den „Bund" anbetrifft. will ich seine Stellung zur Frage einer allgemeinen jüdischen Organisation abwarten. Im übrigen kann ich nicht genug wiederholen, daß die russischen Inden jetzt ganz auf sich selbst angewiesen sind. Nicht einmal 100 Millionen werden ansreichen, ihrer Lage eilte andere Gestalt zu geben. Sie stehen jetzt vor der Alternative, entweder sich znsammenzntnn, sich zn organisieren, und für die Erlangung ihrer Bürgerrechte zu kämpfen, oder von der in Rußland herrschenden Anarchie, deren Ende nicht abznsehcn ist, ausgezehrt und durch Pogrome ruiniert zu werden. Wir werden ihnen mit unseren bescheidenen Kräften beistehen. lieber große Mittel verfügen wir nicht. Es ist an ihnen, sich zusammenzntun, eine bewußt jüdische Aktion einzuleiten. In anderem Falle ist alles verloren." .... Vermischte Nachrichten. Wien. (Trummgeu.) Im festlich geschmückten., hell erleuchteten Tempel in der LeitenstettcNWsse fand am 18. d. M. die Training des Frl. Hedwig F l e i s ch e r, Tochter des Sekretärsder „Oesterr.-isr. Union" Herrn Siegfried Fleischer mit Herrn Moriz W i n t c r statt. Der Tempel war in allen' seinen- Räumen mit Festgästen, -erfüllt. Es waren u. a. erschienen: der Vorstand der „Union" unter Führung des iPiläsidcnten Sigm. M a y e r, der Vorstand der Ku-ltusgcmeinve mit dem ersten Vizeprüst denten Do. Gustav K oh n, der Obmann des zionistischen! Landeskomitees! Dr. I. S ch a l i i, der Obmannstelloertreter des Di'striktskomitees Max Mark u s, Abordnungen verschiedener Korporationen, die Redakteure Dr. Bloch und U p r i m n y („Woch-enfchr."), Dr. Lö -vy („Wahrheit") und Jakob Kra u s z („Nationalztg."), die Sekretäre kais. Rai Dr. L i -e b e n und Dr. A d l e r. Die kantoralen Funktionen versah- Oberkantor S i n g e r, die Trau-nngsrcde hielt Oberrabbin-er Dr. G ü d em a n n. Eine halbe Stunde später wurde irpdemselben! Tempel die Trannng des Oberoffizials der Wiener 5lnUn.sgemeinde Herrn Emil E in g e l mit Frl. Dttha K r a n s begangen-. Auster den bereits zur Trauung! der Tochter des Herrn Fleischer erschienenen Korporationen wohnten! dieser Trann!ng auch fast dasgesamte B-camtenpersonal der Kultusgcmeinde. sämtliche Geineinderabbiner n-nd- -viele andere als Festgäste bei. Herr Oberofsizia-l Engel, der sich sowohl bei seinen Vorgesetzten als auch bei seinen Kollegen großer Beliebtheit erfreut, erhielt aus Anlaß seiner Vermählung zahlreiche Glückwünsche. Wien. (Verlobung.) Fräulein Marianne C o h n, Tochter des Kultilsvorstehers und Präsidenten der Wiener „Chewra Kadischa", Herrn Salo C o h n, hat sich in.Nizza mit Horrn Dr. Fritz S ch i ck verlobt. Wien. (Verlobung.) Herr Fritz Weist, Sohn des Börsenrates Herrn Jacques Weist in Wien, hat sich mir Fräulein! Loontine, Tochter des Bankiers Charles Glücklich, Chefs der Firma Glücklich, Dicktn & Co. in Bukarest, verlobt. Wien. (Kommers der „Kadimah",) Der am 14. d. M. von der jüdisch-akademischen Verbindung „Kadimah" veranstaltete Kommers verlief, wie gewöhnlich, sehr animiert und recht gemütlich. Der Besuch des Abends war ein sehr zahlreicher. Nach Schluß des offiziellen Teiles gelangte der Biermlk „Fridolin, oder der Gang zum Eisenhammer" zrir Aufführrmg. Die Mitwirkenden: Paschkcs, Flock, Lölvcnstein, Kann!, Dialnant rmd Amar jun. erweckten durch die äußerst gelungene Darstellung große Heiterkeit. Hervorgehoben sei auch die geistreiche politische Bierrede des stud. Löh n e x und der Damentoast d-es a. H. U p r i m n y. Anden. Kommers schloß sich eine gemütliche Taniznntechaltnng, die die Tanzlustigen bis zum granenden Morgen beisammen hielt. Karansebes (Ungarn). Dev Vorstand der hiesigen Kultnsgemeinde beschloß, ein eigenes Rabbinat zu freieren, und einen eigenen Rabbiner auzustellen. Ein Rabbiner in Karansebes! Vor 85 Jahren noch durften dort nur sieben jüdische Familien wohnen rmd diese mußten einen Familienband bilden, gleich den übrigen Kom- > munionen. Heute zählt die Karansebcr israeliti-! sche Knltusgemeinde bereits 120 Mitglieder und - sie ist, obgleich nur einige Dezennien alt, doch! schon eine Mnstergemcinde in jeder Bedeutung! des Wortes. Die Gemeinde besitzt schon jetzt ein! herrliches Gotteshaus, in welchem der Gottes-! dienst von einem vorzüglichen Kantor mit Orgel! und Chorbe-gleitUng so erhebend 'versehen wird,! wie in den größten und ältesten Gemeinden. , Schon das erfordert ein namhaftes Budget, aber! die glanbenstrenen Mitglieder bringen gerne das; Opfer und werden auch größere Opfer gerne brin- ' gen, zur Ehre Gottes und zur Verherrlichung nn-! serer Religion. Czernowitz. (Ernennling fitr den Landcs- ■ sch ul rat.) Ter Kaiser hat den Präsidenten der! Czcrilowihcr K'nltnsgemeinde Reichsratsabge-! ordneten. Dr. Benno S t r a u ch e r zum Mitgliodc des Landesschulrates für die Bukowina auf die Darier der nächsten sechsjährigen FimEl ionsperiode er nannt.. Bielitz. (70. Geburtstag.,) Herr Rudolf Kestcl, Privatier in Bielitz, feierte am! 10. ds. im Kreise seiner Familie den 70. Geburtstag und lvurde aus diesem- Anlässe als Obmann des jüdischen HailVwerkervcrein.es seitens . der israelitischen Kultrlsgemrin'de, von.den Mitgliedern des israelitischen! Hanidwerkerverein von dem Vorstand der Chewra-Kadrscha nsw. herzlichst beglückwünscht. Möge es dem Jubilar, welcher den Armen stets ein opferwilliger, wohltätiger Vater ist, vergönnt sein, noch viele Jahve im Kreise seinjer Familie 'und scriner Mitbürger zu leben. Die „Hazefirah" eingestellt. Aus Warschau wird uns berichtet: Während der Herausgeber der in> Warschau erscheinenden hebwi schen Tageszeitnug „Hazefirah" Herr N. S ok o l o w als Delegierter in Brüssel bei der jüdischen Konferenz lveilte-, erschien! in dem Bla'.t ein freiheitlich gehaltcncr Artikel. Die Polizei beschlagnahmte' die beircfsende Nummer und das Blatt wurde für die Dauer des lvegendes konfiszierten Artikels anhängig! gemachten Prozesses — „eingestellt". Zarvalow (Galizien). Die Wahlbeilvegung in unserem Kreise bauert un-geschwächt fort. Fast in jedem Dorfe finöen Versammlungen statt. Die meisten werben von ben J-u-ben geineins-am mit ben Ruthenen veranstaltet. Vorige Woche fand auch in unserem Städtchen eine solche Versammlung statt, an welcher ungefähr 6000 Personen teilnahmen. Zum Vorsitzenden der Versammlung wurde der Präsident der hiesigen Knltusgemeinde, Herr Moses Sonnenschein, zu seinem Stellvertreter der Ortsgeistliche, Herr Jan Z a ch v r k o gewählt. Der Vorsitzende dankte für die Wahl, forderte die Anwesenden auf, dem nationalen Kampf energisch und würdig weiterzuführen. Das Referat erstattete Herr Dr. B r a c z y n s k y, der in klaren Worten und an der Hand statistischer Daten den Nachweis führte, daß die Ruthenen und Inden von den Srhlachzizen nur ansgenützt werden. Er ermahnte die Inden, an ihrer Natiönalität festz'nhalten, weil sie nur so zu ihren Rechten gelangen könnten. Zum Schlüsse forderte Redner die Inden ans, in Zu-knllft nur solche Abgeordnete zu wählen, die eine Garantie dafür bieten, daß sie die Interessen der Juden ehrlich vertreten werden, und sich endlich einmal loszusagen von Vertretern a la Byk und Konsorten. Die Versammlung verlief ruhig. Agram. Herr Alexander Licht gedenkt im Laufe dieses Frühjahres seine k r o a t i s ch e Uebersetznng Morris R v s e n fe l ö s „Lieder des Ghetto" heranszngeben, falls sich eine genügende Anzahl Subskribenten meldet. Prof. Dr. Schwarz rühmt die Schönheit der Uebersetzung in seiner Rezensivu in der vorjährigen „Oesterr. Wochen-schrist". Anfragen und Subfkriptivnsan-meldungen sind zu richten an Hermann Licht, A g r a m, Gnttduliegasse 16. Dere neue Oberrabbiner von Lngos. Die Generalversarmnlttng der i-it. Kuktnsgemeinde in Lngos hat vor eiliigen Tagen ari Stelle ihres nach Budapest bernfenen Rabbiners nnd Predigers Dr. He-vesi (Handter) den Oberräbbiner von Beßterezeb-anya Dr. Emanuel Lenke mit erdrückender Majorität zu ihrem Seelsorger gewählt. Die Gemeinde LngvS hat da eine ansgezeichnete Wahl getrosfen. Dr. Lenke ist nicht nur ein hochgebildeter Malm tind großer Talmndist, er ist auch ein ansgezeichueter Sprecher, ein lvürdlger Nachfolger seines Vorgängers im Amte, Dr. Hevesi. Dieser Tage erschien unter Führung der Herren Grünhut rmd Recht eine mehrgliedrige Deputation in Beßterezebanya, um Dr. Lenke das ErnennnngAöekret der Lnaoser Gemeinde i,\u überreichen. Auf die gehaltvolle Ansprache der Herren Recht und Gritnhut antwortete Dr. Lenke in gediegener Rede. KREBS-dPOIHEKE 5. n ITT ei BACH »alsain Wien, I., Hoher Markt Nr. 8 4 (Palaia Sina) im Zentrum der Stadt, ch i« ■l'llirl« H .la iin — eia nnenthelirij hes nril iiafi!» wie vor nach den bewährten Vorschrifien erzao^r. Preis 1 Flnsefcch« n 20 Heller. Die „Nationalzeitung“ ist das beste und billigste Insertionsblatt. — Verlangen Sie unseren Spezialtarif!