Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 12 (13.2.1906)
- Date
- 1906-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes Ratimchkitmz Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Eigentümer und fifrnnsgflirr: ZaKob Kraus;. Jnsrrate vd^rnchmen 61« firmln: I). vL«nr!-rig. IN. Dukes Nachfolger, lfaaseaftein Sc Vogler, Rudolf Meise. M. pozsonyi, N. Lchalek kn Wien, ferner alle Nmioncen.Expeditionen im kluslande. Vinzel - R«mmer in Wien HL Heller. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch dlbonnements emgeqengenomme» weiden: Hermann Goldschmidr, Wie», l. Wallzeile H; Verlag „Zier," Wien, 11/3, Slefamefiraße 12; Robert Weib, Wien» I. Jakobergasse 7. r-!---—i Redaktion: IX/1. Wasagaffe 81. Telephon Nr. 1478». Sprechstunden t «n Wochentagen von 10 bir 12 Uhr vorm. Poftadresie: „Nattooalzeituug" Wien, lXjl. Se»ed««r4eu wegen verspüre,er »der gar nicht m'olotli fl», stellung erbitten wir uns drtnaend. — Mannrheipte werOen Bictot XHrScfcfltitelit. Postfparkasien-Konro 47037. In das Abonnement kann >nan täglich eintreren. 3t-d P-- Adminiffrativn: IX/l, WasagaNr 31. Telephon Nr. 1478». AdonnemenlS'Prris: P.ete> der Llttzciacn: Für Wien u. Oesterreichi DieNinal grsvult.N npareille- Ungarn i. Frankozu'trll'ing: z.ile od,r eeren Raum 12 l>. Ganzjährig. . . . K. Itf. - - - Halt-jäh ig . . . . K 0.— I „Etngesendet' die3spattigr vifrtelinitrifl , . . K! Nonpareillezeile 60 Heller. FÜrdaSgesamreÄlnSi d | Bet l>rmali,,e,- Slufirägen Ganzjährig . . . K 13.18 j entsprechender Rabatt. u-----—.-a Ur. 12. Wie«, 13. Februar 1906 <18. Schrbat 5666). Vlll. Jalirgang. Eine Organisation der österreichischen Juden. Dev Augenblick, in dem uLt loben uns beschieden ist, ist ein Wendepunkt nicht nur im österreichischen Staate, aber cmch für die Juden, die in diesem Staate leben. Nicht nur deshalb, weil die Einführung des allgemeinen Wahlrechts das Gesamtbild des Staates voraussichtlich bis zur Untenilllichkeii umgestalten und uns vor neue, MMahnte Alchgabeni stellen wird, sondern', weil auch' die Juden, die bis nun ihr Schicksal ei nein! einzigen Häu slein von skrupellosen' Leuten anvertraut haben, aus ihrer lethargischen! Untätigkeit erwacht sind und sich bereit erklärt haben, ihren Geschicken! allein den Weg Kli! weisen'. Die Juden Oesterreichs verkündeten' diesen Entschluß in hunderten von Volksversammlungen' in Wien, Galizien, Mähren, Böhmen, -Bukowina usw. und Hunderttaufende von Unterschriften sagen es uns und den anderen Völkern klipp und klar, das; die Juden ,'ini Vollbew'll'sztsein! ihresVolkstmns niefit mehr als Pffrasyten bei den anderen' Völkern hernmzuschmarotzen gedenken, sondern als Volk unter den Völkern, mit gleichen' Pflichten, aber auch mit gleichen Rechten lebenwollen. An diesem Bilde ändert das Ohnmachisgeschrei eines Dr. Byk und einiger Herren voneder israelitischen Union gar nichts; der Wille ist zum Leben nun einmal da und kein Konvetikel von noch so mächtigen' Herren' wird imstande sein, den Feuilleton. Bndapester Brief. lOrthodox-israelitlsche Konfession. Pensionskasse der Knltusbcamteu. Baechnrim-Kongreß. Sabdatheilignng jüdischer Astittelschliler. Ein eigentümliches Versehen. Sabbatentweiher auögeschlosfeu. Der entlarvte Mazzosbäcker. Die unheilvolle Mazzosmaschine. „Wir Christen!" Die Magyarisierung des Kifchenenier Kantors.) Die durch den jüngsten Minislerialerlaß bestätigte ,Lentralkomuiission der orthodvx-israelitrschen Konfession" — dies der offizielle Titel der Leitung der ungarischen Orthodoxie — hielt am 6. Februar ihre erste Konferenz ab. Es kamen in dieser Konferenz alle die wichtigen Fragen znr Sprache, welche die ungarische Orthodoxie gegenwärtig bewegen. Es wurde beschlossen, zunächst an die Lösung der P e n 's i -onsfr a g e der orthodoxen Kultusbeamten zu schreiten. Das zu 'diesem Behnse eingesetzte Komitee erhielt den Auftrag, der nach den Pessachfeiertagen stattsin- -enden Jahresperfamnilung bereits ein fertiges Elaborat vorznlegen. Einen ebenso wicht-g.ß Punkt der Tagesordnung bildete auch die Jeschrbafrage. Es handelt sich vor allem um. Abstellung des dem Ansehen der Orthodoxie abträglichen Schnorrerwesens unter den Bacchurim. Es wurde diesbezüglich beschlösse«, au die Anlegung eines Landes'fvuds zur Nuterstützuug bedürftiger Bacchurim zu schreiten. Interessant ist, daß auch die Jesch'i'bah-Bacchurim der Klafsengeist ergriffen hat, und daß demnächst in 'Budapest ein ,F9acchu- > mit Naturkraft! einherbrausenden Strom aufzuhallen und in andere Bahnen' zn lenken'. Welches das Schicksal der Wahsreforrn sein wird, können wir natürlich, wegen der gewaltigen Hindernisse, die von den privilegierten Kurien der Regierung! gelegt werden, nicht Voraussagen; noch weniger-, ob die gegenwärtige Regierung sich dazu' entschlichen wird, den« Juden den nationalen Schutz einzulräumen, aber eines haben wir schon jetzt erreicht: daß lvir im Jnern des Judentums selbst der alten Giftschlange Assimilation, die so lange' unser Herzblut ausgesaugt und unseren Organismus vergiftet hat, einen tödlichen' Schlag versetzt haben. Lediglich von uns bängt es ab, daß lvir sie ganz vernichten. .Noch' eines scheint unzweifelhaft! sestzustehen. Wie inlmer auchdie Wahlreform sein wird, oen Juden in Galizien, der Bukowina wird eine Anzahl von- Städtemlandaten zngebilligt werden und nicht deswegen, weil sie die Majorität in diesen Städten bilden, sollen sie die Mandate bekommen-, s o n d e r n, weil die Regierun g a u ch d e n I u. d e n d i e M ö cj I i cf) feit gebe n w i l l, i m P a r l a m e n t i h r e I n t' e ress e n> d u, r ch I u d e nvertrete n z u lass e n. In diesem Moment lieg: die zweite Errungenschaft unserer Agitation. Während früher unsere Abgeordneten von Polenklubs Gnaden gewählt wurden, und Kolischers und Byks et tutti quanti unsere Vertreter wurden, werden die Juden jetzt diese Abgeordnete wählen können', die ausschließlich jüdische Jnieressen zu ve:treten, be-! rimkottgref;" statt sin trt, zu dem säst alle größeren! Jefchibvt ihre Vertreter entsenden werden. Die Konsereniz 'der orthodoxen AentralkommWon bat sich wohl gegen die Nnwenduiig dieses modernen Vtittets seitens der Talinndsiinger entschiedenst ausgesprochen, cs scheint jedoch der Leitung die Macht zur Verbinderung dieses Kongresses zu fehlen, da sie es nichtsdestoweniger den einzelnen Fefchibahleitern anbei in st eilt, die Beschickung des Kvngi'esseö zn gestatten oder zu verbieten. Auch die Frage der Beschützung der jüdischen Mittelschüler vor der Sabbatentlreihnng -wurde .ingehend erörtert und die Einleitung der notwendig erscheinenden Schritte beschlossen. Hier sei auch eines merkwürdigen Versehens gedacht, das sich die Landesleitnng der Orthodoxie zuschulden kommen ließ und der Pi'kanterie nicht entbehrt. Die Landestonferenz hat seinerzeit in das Ergcknznngsstatnt auch die vom orthodoxen Standpunkt wichtige Beft'immnng anfgenonnnen, daß jem and, d e r b e k a n n t e r m a sie n den Sabbat cn t w e i h t, in di e L a n d e s r e p r ü s e nt a n z n i ch t w ii h lbar se i. Dieser Beschluß fehlte eigentümlicherweise in dem Protokolle, welches dem Minister znr Genehmigung vorgelegt wurde. Das „Versehen" wurde entdeckt — nachdem das Erganznngsstatnt die ministerielle Genehmigung erlangt hatte. Nun beschloß die Konferenz, diesen Beschluß einer nachträglichen Genehmigung zu unterbreiten. Recht amüsant ist das Mulhenr, das einem echten Assimilativnsfrlichtel vor einiger Zeit bier passiert ist, und Gegenstand mehrerer Prozesse bildet. Bor vielen Jahren, als der jetzige Tisza Kalman-Platz noch Neuer Marktplatz h-!eß, betrieb daselbst David Nenmann einen sch'wnnghaften Haöernhandel. Das Geschäft warf alljährlich einen rufen, sein werben. Sollen also die Byks und Konsortennicht mehr gewählt -werden:, müssen sich die Juden' zu einer' weiteren Dal' aüfvaffen, die nicht bloß einen eruptiven Cha'rakt'ev tragen darf, sondern die darauf bedacht ist, die Jubenheit nach innen zu festigen und von einemweitausschauenden! Gesichtspu-nkte alle disponiblen Kräfie in den Dienst des jüdischen Volkes zu zwängen. Mit einem Worte: es bedarf einer politische n O r g a n i s a ii o n d e s V »ci [feg, d i c b a s ein m: a l b e - g o n> n e n e Werk a u ch, z u Ende f ü h - r e n s o l l t e. Mit dem, was bisnun geschehen ist — die Tragweite dieser Tätigkeit wollen wir durchaus nichr unterschätzen — können wir uns rmmöglich zufrieden geben. Und wenn man- A gesagt hat, mnß man auch B sagen, denn sonst geht alles verloren, was wir bis jetzt getan haben. — Wir denken' uns eine Organisation aller Juden Oesterreichs, dessen' einzelne Länder, je nabder Verfchiedenheit ihrer wirtschaftlichen und politischen Aufgaben, autonom in ihrem Wirkungskreise, aber nach Prinzipien geregelt ist, die allen Ländern richtunggebend^ seinmüssen. Die Festlegung dieser Prinzipien imi.fre von einem jüdisch-ösierve ichischen Kongresse erfolgen. Die zionistische Organisation, die die Führerin im gegenwärtigen Kampfe war, würde auch jetzt diese Arbeit übernehmen müssen' und es dürfte ihr, die ja in allen, Ländern der Monarchie über weitverzweigte Organisationen verfügi, nicht schwer fallen-, diesen Vorschlag zur Verwirklichung zu> -verhelfen-. Einer solchen so ansehnlichen Gewinn ab, daß Reumann vor etwa 10 Jahren mit einem schönen Vermögen sich zurttckzi-ehen und sich nunmehr ausschließlich den „össentlichen" Angelegenheiten widmen konnte. Er betätigte sich be-i der israelitischen Knltnsgemeinüe, bei Wohltätigteitsvereinen, ja er wurde sogar als Kandidat ln den B-ezirksansschi'L in Kom'biNation gezogen. Geschäftlich befaßte er sich nur noch mit einem Nnternehmen, welches er alljährlich einige Wochen hindurch betrieb, beziehungsweise betreiben ließ, und zwar nit einer Mazz-osbäckerei. -Da-vib Nenmann war peinlichst bestrebt, sein Inkognito als M'a-zzosbäcker zu wahren, weshalb er das Geschäft unter einem fremde n N a m e n führte. Er befürchtete nämlich, daß dies se i n e m P re st i g e s ch a 'd e n würde; er dachte, es wäre in'kompatihel, Bezirksgröße und MazzoShäcker in einer Person zn sein. Trotzdem wollte er von diesem Saifongeschäste nicht lassen, durch welches seine Rente alljährlich eine erwünschte Erhöhung erfuhr. Vor kurzenr wurde jedoch das Geheimnis plötzlich enthiiillt, nnö dies kam so: Am Anfang deö vorigen Jahres bestellte Nenmann bei einem Mechaniker in Steinbruch eine nene Mazzosma-schine, da die alten, welche er besaß, zur Befriedigung der gesteigerten Nachfrage kaum genügten. Der Mechaniker stellte die Maschine sehr kunstvoll und gewissenhaft zusammen, nur hatte er sich bei der Arbeit derart verspätet, daß er die Maschine genau am Borabend d:s Pessachfestes zur Abliejerung brachte. Natürlich wollte Nenmann von der Maschine nichts wissen; was sollte er auch mit derselben nach Pessach anfangen? Der Vdechaniker war jedoch ein armer Teufel, der 'das Geld für die Maschine dringend 8»*- Die nächste Nummer erscheint Freitag den 16. Februar.