Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 3 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2429839-2429840-2429843--020-2430069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die „Nationalzeitung“ erscheint wöchentlich 2mal und kostet vierteljährig K 3 Nationalzetkung iNr. 3 Seite 4 -aß es so ittcUt lveiter gehen könne. Da nran nur denjenigen hört, der kaut und entscheidend seine Rechte fordert, Macht besitzt, organisiert und einig ist, so könnten die Juden bei Gewährung einer Kurie einen Machtfaktor bilden. Die fänden leicht BttuldeAgenossen, insbesondere bei Aufstellung eines oernülistigen Programnies. Wir könnten ldann nicht bloß unfcvc Interessen oertreten, sondern auch die öeS Staates, denr inir angehören, bei aller Treue zu unserem Volke,' wir würden auch jede auf die Zertrümmerung des Staates hinztelende Politik rücksichtslos bekämpfen. Es ist zu bedauern, daß es einen jüdischen Wähler'kataster tn Mähren nicht gibt, da hierdurch die Tatsache verfälscht wird, daß ivir ein Volk sind. Es bleibt daher nichts übrig — denn in der Taktik darf man nicht doktrinär sein — als von zwei Nebeln das kleinere zn rvählen und sich in den deutschen Kataster eintragen zu lassen, in der Hoffnung, daß auch die 'heutigen Parteibildnngen vergänglich find. Bis die nationalen Rechte abgegrenzt seilt werden, dann rverdelt sich die Parteien nach wiuschaftlichen Prinzipien gruppieren. Wir werden in dem Falle nkit all jenen einheitlich und solidarisch vorgeheir, welche den Interessen des jüdischen Bokes dieueit soivie den sozialen Fortschritt und den Frieden im Staate fördern." tauschender Bet fall folgte den gediegenen Ausführungen des Redners. Tie im Sinne derselben abgefaßte Resolution -gipfelte in dein Wunsche llach Auier'renuulig der flidi-schen Rationalität bei Schaffung von Wahlbezirken für den Reichsrat nach rstativn alt täten und fand nach abgefü'hrtcr Debatte, an welcher sich Herr Bürgermeister L. Schön, I.-U.-Tr. Berhold Singer, der Vorsitzende und andere beteiligten, einstimmige Annahme. Nachdem der Vorsitzende dem geehrten r-mu Referenten für fein gediegenes 'Referat sowie allen Anwesen-öen für ihre rx'ge Teilnahme gedankt, stellte er behufs endgültiger Beschlußfassung über die Frage der Beteiligung an den bevorstehe irden mährischen Landtagsivahlen eilte neuerliche Versammlung der jüdischen Wähler in 'Aussicht und schloß die Sitzung. Veriias. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß eine kleine Airzahl von Waisenkindern, die beide Elternverloren, außerhalb Rußlands in hninanitären Anstalten und bei Privaten, die sich bereits zahlreich erbötig gemacht haben, untergebracht lvird. Bel dein Riesenumfange des Elends in Rußland und der unbeschreiblichen, durch die Gemetzel geschaffenen- Not muß noch weiter au das gute Herz aller Menschenfreiiude irr Europa appelliert lverden, die Hilfsaktion durch ausgiebige Spenden zu fördern. Außer den Unterstützungen in Rußland verrl-rsacht das Hilfslverk für die in der Nähe der Grenze angesammelten Emigranten bedeutende Allsgaben. Seit mehreren Wochen lverden für Rechnung der „Israelitischen Allianz zu Wien" über 60l) Flüchtlinge in Krakau lind mehrere. .Hundert in Ezernowitz unterstützt. Die Frankfurter Konferenz. In der über Anregung der „Israelitischen Allianz zu Wien" am 4. und 5. dis. in Frankfurt a. M. stattgefundenen Konferenz sämtlicher europäischer Hilfsorganisationen waren das Komitee von Frankfurt durch die Herren Charles L. Hallgarten, Rechtsanwalt Dr. Blau, Rabbiner Dr. Horowitz, der „Hilfsverein der deutschen Juden" durch Herrn Dr. Paul Nathan, Oskar Berliner, die „Alliance Israeli!e Universelle" . in Paris durch Herrir Jacques Bigart und Geh. Kommerzienrat Goldberger, Berlin, das „Akufso-Jewish Committee" in London durch die Herren Carl Stettauer und Rev. S. Singer, Italien durch Herrn Oberrabbiner. Dr. Margulies aus Florenz, Belgien durch Herrn Dr. Philippsohn, die Schweiz durch Herrn Bankier Dreyfuß, die russischen Hilfskomitees durch Herrn Baron Horace Günzburg, Petersburg, D. Feinberg, Petersburg, Bankier Siegfried Aschkenasy und Rechtsanwalt Morgulis aus Odessa mit» mehrere andere maßgebende Persönlichkeiten vcrireten. Als Delegierte der „Israelitischen Allianz zrr Wien" nahmeir die Herren Vizepräsident Dr. Siegmund Wahrmann und Vorstandsmitglied Wilhelm Pappenheim an der Konferenz teil. Es wurde auf Grund der Berichte der nach Rußland entsendeten Kommission beschlossen, das Hilfswerk seitens der europäischen und amerikanischen Vereine in der Weise einheitlich zu gestalten, daß die aufgebrachten Summen dein unter Leitung des Lord Rothschild lind Sir Samuel Montagu irr London stehenden „Russo-Jewish Committee" überwiesen und von dort aus auf Grund der von einem Zentralbureau in Berlin zu sammelnden Informationen nach Maßgabe des Bedarfes den in Rußland eingesetzten Bezirkskornitees zngehen sollen. Da sich sämtliche in Europa und Amerika gesammelten Gelder als bei weitein ungenügend erweisen, um auch nur einen wesentlichen Teil des Schadens wieder gutzumachen, der durch die grauenhaften Vevwi'kstüngen in mehr als 200 Städten angerichtet wurde, und die zahlreichen Waisen, Witwen und Krüppel zlr versorgeu, wurde ferner beschlossen, daß aus den. gesammelten Fonds zur E m igrati o n g r u n d - s ä tz l i ch keine U n t e r st ü tz u n g erteilt werde, und eine Resolution angenommen, wonach vor der Auswanderung Mittelloser aus Rußland dringend gewarnt wird. Von den Waisenkindern nach den Ermordeten wird voraussichtlich der allergrößte Teil in Rußland selbst bei belli Verwandten über Wunsch derselben in Erziehung veLbleibon. Gödinger Brief. Die Gödinger Jnöenschaft. mit wenigen Ansnahmeu, hat sich in der letzterr Zeit wieder einmal einige Stückchen geleistet, die verdienen, össentlich an den Pranger gestellt zu werden, und die einerseits von einem geradezu verbohrten, politischen Wahnivitz, andrerseits aber von jener anekelnden Schawlosigke'it und Seldstverlengnnng zeugen, ivie sie nnr der Asfiinilationöpide n den Tag legen kann. Waren da wieder du mal Gödinger Gerneindewahlen,' Göding ist deutsch, die (Pödinger Juden — pardon Deutsche mosatscher Konfession — sind die Stützen ans der einen und Stiefetsetzen! ans der anderen Serie für das Telltschtmn in Gödittg,' hängt ganz von der Zeit ad,' das erstere vorder Wähl, das letztere nachher; — also Wahl'. Wie .klopft eitlcln jeden echten Tonischen sworünter hier ja nnr die mosaischen Schlepptrttger zn verstehen sind) das Herz, welch glänzende Gelegenheit, einmal fern so viel angezweife'ltes Teutschtum zu zeigen, welch glänzende Aussicht — ah — ein Ausschuß Mitglied der „liberalen" Gemeindevertretnng zu lverden; ja — kann es etwas Schöneres, etwas Herrlicheres geben, als all eine m Tische sitzen zu können mit Renten, wie Bürgermeister Ammer, de ui vielgeschmähten, braven Manne (der nebenbei Ehrenmitglied der hiesigen antiselnitilschen „Godvnia" ist) „nein — deutsch sind mir, deutsch wollen wir bleiben' lind selbst wenn zehnwal der Bürgermeister Ammer in Band und Kappe im Rathälls seinen Judenhaß hinansposannt, wir find tenksch und bleiben es, — natürlich solange anall nrrs läßt (oder an-s Gödingerisch gesagt: so lange rnan uns brallcht); wenn lnan einem inö Gesicht splrctt, kann Ulan noch im-lller sagen, daß es geregnet hat; wenn alle untren wetzden — wir bleiben treue — Stieseksetzell der Deutschen in Gödillg. — Wahl. Riesige Agitaiivll lratürlich; und rver agitiert? — Nat'ürlich die Juden HTolltsche „jüdischer Konsessivll", siehe „Gödinger Zeitullg"). An der Spitze der Pascha Gödings, Herr Fabrikant Redlich, sonst ein ganz gescheiter Mann, politisch aber total -unreif und daher infolge, seiner Dt a ch t d a s U n g l ü ck der G ö d i n g e r I udenschaft,' mit einem kaum gtanblichell Terrorislnns, der eilieM polnischen Schlachzizen alle Ehre gemacht hätte, läßt dieser Aäensch alle seine Stilllllloieher lfast halb Göding) zn Fuß nild zu Wagen ins Wahllokal lreiben; alles n,nß mit, alles, Beamten schasl, Kan sie nie, Arbeiter, egal welcher Nation oder Konfession, Hänplisache' ist, daß Göding deutsch, Redlich Genleinderat lllid sein lieber A in m e r B!ürgceineisier bleibt. Die K'allste nie lnüssell llllter Androhung der Elltziehllng der PieferllIlgen mit, bei der Beamtenschaft und den Arbeitern wird mit sofortiger Entlassung vorgegangen. Ulid so rnißbraucht dieser Allmächtige in Göding seinen Einfluß, um seine eig-enen Stan,- mesgenossell politisch vottstündig imlndtot zn machen, sie, die in WiMichteit hier gerade das Züliglein an der Wage sind. Nud das sind gegenlvärkig nach die offiziellen „Führer" des Gödinger I>ttdcntu>ns; der Herr Karl Rechner, dem f-ctuc persönliche Intimität mit dem Bürgermeister so zn Kopse gestiegen ist, daß er das ganze Iltdcntnm in Göding rnil fünf Kreuzer verkaufen würde. Er ist der Hanptagitator bei den Wahleli; bvkvUmlt er ja auch dasür eine össentliche „Belobung" in der „Gödinger Zeiknng". Was Speichelleckerei betrifft, ist er sicher eilt Künstler erstell Ranges; na nnd da»m der hochosfizielle Herr Knltllspräses Herr Dr. Körner, der phva'sonreiche Mann mit dem Iannskops, dessen Kriecherei geradezu abstvßelld wivkt; dann der Herr Brauner, der, mit welcheirr Rechte uüsseu rvir nicht, in einer Wählevversainmknng stolz erklärte: „Wir Ilidell sind Dentische n»ld lverden stets für das Deutschtnn wie ein Mann eiutreten";einer der „geistigen" Führer der Iildell. — Und natürlich dallk 'der mit Bliiidheit geschlagenen jildisrhen Schleppträger ist Göding Gott sei dank loieder deutsch, dlnimer wird hoffelitlich wieder Bürgermeister und Redlich erster EKmeittderat. Ulid die Folge? Die Juden, die itlö erste Treffen geschickt lvnrden, werden von den Tschechen boykottiert, die dlntisemitell lacheri sich ins Fäustchen. Mer das lväre ja noch gar nicht so arg, das rväre ja nur jene sinnlose, wahnwitzige Taktik, wie sie nachgerade trabllionell geworden, tst und uns so viel Haß ltnd Verachtung eingetragen hat; dagn kam in den letzten Tagen ein Schildastückchen, das, lvenll es »licht gar so traurig lind beschämerrd wäre es nberhallpt der Oeffcntlichkeit zu übergeben, geradezu tragikomisch wirken rmrst. — Wollte da die Mouche StlidentenverbindUng „Ga mala" m Göoukg eine Maikabäerfeier veranstalten, lvie schon in fpiihcren Jahren; zuerst ließ man sie ruhig -Laal nuelen, Mn'sik anfirehmen, da urplötzlich Helle Revollillon in Inda; man höre und staillle: die Ellgne der Gödinger Indenfchaft, voran Herr Karl L e ch n e r, des Herrn Biirgernleister Famnberuft eine Besprechung ein, in rvelcher be- Ichlvlseil wird, daß, falls diese Veranstaltung znltande kvmint, sie mit allen nur möglichen, selbst den verwerslichßeil Mitteln dagegen agitieren würden iman höre: Juden boykottierell eine jlidlfche Feier!), daß inan alle Leute, ans die nmn irgendwelchen Einfluß hat, zivingen ',oürde, die Veranstaltiing^ in keiner Weise zn rliilerftützen, ja daß man selbst Flugblätter .drucken lassen würde, iiUk diese Veranstaltiiiig, die z u g u n ste n d e r r n s s i s ch e n I ri d e n ge ni acht werden sollte, total iinmöglich zn machen. Und das ist wohl ß-iMl das höchste, »ms indische Kriecherei und Aßimila»ten-Strebertnm bisher hervorgebracht geinacht, jetzt vereiteln sie eille jüdische Feier, die gegerr liielnanden eine Spitze hat und woltätige»k Zivecken gewidmet sein sollte. Uiid ivarnlll? Uni, ivie unser trefflicher, Gott >ei dank bereits pensionierte ReligivnZlehrer U l l- .m a n n sich äußerte: „Das durch die Wahlen znsalnlllcngeleiinte soziale Leben nicht aufs neue zu berrnruhigen". Rrnk ja, der Leim.könnte anseiitandergehen; traurig genug, lvenn durch eine harmlose Matkabäerfeier diese saubere Koalition anseinandergehelr kann. Darin liegt eben -das Ungesunde, ttnllatürliche dieser schlnä'lilichen Stellung der Inden; alles morsch, falsch bis ins Mark! Sind ivir schon f-v iveit gekomnien, daß ivir es nicht einnial ivagen dürfen, nufere Helden zn feiern? Das ift eben der Banlkrott dieser schmählichen Stellung Doch der Kern liegt ganz anderswo, dlm 31. Dezelnber lvar nninlich hier eilie große Silvesterserer, in Wirtlichkeit ein großes Siegessest für die Gemeindömahlell; und n m d i e s e s V e r b r ü d ernugsfest, an dem die Inden gerade noch teiluchlnen dürfen, d u r ch n i ch t s ft ö r e n z ir tasserl, cniblöden sie sich nicht, ein jüdifches Fest zn bvrikotkiercll; ficher ist, daß sich die Gödinger Juden durch dieses eilizig dastehende Bor-gehen doli Stempel ihrer eigenen Schmach ans die Stirne gedrückt haben, daß dieses Ereignis ein ewiger Schandsleck in der Gefchichte der Gödinger Jikdelisch oft bilden wird. Das eine aber haben diese traurigen Helden vergessen: daß sie durch dieses Bravourstückchen sich die Verachtung jedes anständig dentenden Menschen, vor allem aber ihrer Jugend, zngezogen haben; und ob sie in chrer gronzenlofell Verbohrtheit bereits so lvcit gekommen find, daß es ihnen gleichgültig ist, wenn ihre cigenell Kinder, Blut von ihrem Blute, Fleisch von ihrem Fleische, nur fchalnrot in den Wangen von ihren Eiteril werden erzähtelr können, sie verachteri lverden. Das lovllen wir denn doch dahingestellt sein lassen, ltirs aber bleibt nur. die eine Hoffnung: daß die Tage disser schamlosen Clique, die leider heute noch sich Fiührer der Inden nennt, gezählt feien, daß jene Generation, die nur Verachtung und Spott uns eingetragen hat, verschwinden lvird, daß auch in Göding endlich jenes offene ehrliche Judentum, das jeden lveuigstens zilr Achtung Iz'lvingen mutz, das fein Heil weder bei den Deutschen, noch bei den Tschechen, sondern nur m sich selbst sucht und filldet, zuM Durchbruche gelmigen üvird. Der Becher ist übervoll. Einmal m n ß diese K v m ö d ie e i n E nd e h abe n. Aus den Einwauderungsgebieten. Am 1. Januar 1906 trat das neue Mglische Freindengosetz in Kraft. Die vcm dem 5kontinent in! den Häfen von London, Liverpool, Hüll, Dover, Ha rwich ufw. ein treffenden! Fremdelt müssen von diesem Tage an den AAichweis führen, daß sie über genügende Geldmittel verfügen, um die Garantie zu liefern, daß sie den Armenbehörd.n Englands nicht sofort zlrr Last fallen. Die Beamten für die Eintvandermig und die Aerzte der UntersuchnngsVoinmission haben! keinen festen Sitz, sondern! belvegen sich in London zivischeu Gra vcsend und der Toiver-Brucke. Sobald ein Sthiff dnläuft, geht, der Einivandevungs beamte an Bord, ivo ihm der cüäpitüu eine Liste der an Bord befindlichen Anslänider überreicht. Den Passagieren erster und den von der Untersuchung ausgenoimnoneir Piasfagieren zweiter Klasse ivird erlaubt zu landen. Die übrigen werden' untersucht und übcr ihre Absichten befragt. Diejenigen, die keine genjilgende Auskunft zlr geben vermögen^ oder mit bestimmt bezeichnell'u Kranktpiteir behaftet sind, erhalten einen Schein, auf dom die Gründe für die Verweigerung des Jrrt-Mes angegeben sind, nnd lverden an Bord zrrrückbehalten; die anderen dürfen landen. . Dem