Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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RttmcheitW Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Nrdsklion: IX/1. Wssapasse 91. steüüna'rrbtttcn ws" un^drinvmd.^- NUM^lMpt« ««rä«» «letz» r«'ik»-enem. Erscheint jeden Dienstag «nd Freitag. Eigeiiliimr >i»!> KlNiirzrdkr:? li>iod Krausi. Inserat« übernehmen bi« firm n I. vannebeeg, M. vukes Nachfolger, kjaasenstetn L Vogler ttudols Ulofie. M. Pozsonqt. K. Schal«! in Wien. Vinzel - Nnmwer »n Lvien IS Heller. Administraklon: Ha k a — LX/1. W.isagasie Ll. Nr. 147-S» VerschleitzsteUen unseres Blattes, in welchen auch Bbo,nunne, ts kntpes,>uflenon'n,eu we,den: Hermann Goidschmid^ Slesanieftrasie >2; Nodert Weiß. Wien, >. Iakoberaasje 7 Nr. Ill Wien, 5. Jänner tvirv <8. Tebrl Die geistigen Waffen unserer Gegner. Von Dr. Paul Weisengrün. Eine mächtige Bewegung läßt sich nicht mehr totschweigen. Diese bitten Erfahrung machen j.tzt unsere Gegner, und zu ihrem größten Le dwesen versagt diese althergebrachte, bequeme Politik der plumpen Mittel, dlese Taktik der billigsten Argumente gegenüber der nationalen Autonomie gänzlich! Ueber unsere große Nonacherversammlung brachten die meisten Wiener Blätter Notizen, ausführliche Mitteilungen erschienenin vielen Provinzblättern, das Hauptorgan der Nuthenen leitartikelt Tag für Tag von den jüdischen „Forderungen" und ein großer Artikel .m „Prager Tagblatt" machte viel von, sich reden. Die jüdischnationale Flui steigt und steigt und bald werden an Stellen, wo niemand es noch heute vermutet, die sorgfältig erbauten Dämme der Assimilation hinweggcschwemmt werden. Bezeichnend hierfür ist die Sprache der „Union", sicherlich keine jüdischnationale Körperschaft. Auch sie sieht sich gezwungen, der gewaltigen Bewegung wenigstens einigermaßen gerecht zu Word n. Im letzten Monatsberichte lesen wir, daß die nationale Autonomie eine „sehr ernste Frage" ist und daß man an ihr nicht mit „leichtfertigem Achselzucken" vorübergchen darf. Ja selbst beu'mlich Mülnrns wird die politische und wirtschaftliche UnhalLbarkeit des j.tzigen Zustandes vollkommen zugegeben. „Es stand b'sher jedermann frei, sich an einer Wahl zu beteiligen oder nicht. Manche Geschäftsleute haben es vorgezogen, der Qual dieser Wahl durch die Abstinenz zu entgehen. Von jetzt an wird eine so vorsichüge Haltung nicht mehr möglich sein, denn selbst, wenn sie sich nicht fr.',willig zu demeinen oder anderen Kataster melden, werden--sie vom Gemeindevorsteher zwangsweise dem Kataster der Majorität zugeschlagen." Ja, über die Anfänge der Bewegung sind wir hinaus, die Periode des Totschweigens ist vorüber. Die Gegner seh n sich gezwungen, zu ihren „geist gen Waffen" zu greifen. Damit sicht es freilich recht windig und kümmerlich aus. Charakteristisch hierfür ist ein Aufsatz in der letzten Nummer "des „Weg", in welchem der Herausgeber Fr edrich H e r tz auf einen glänzenden, leider zu kur-M Artikel unseres bekannten Mathias Acher antwortet. Hertz ist nicht der erste beste. Freilch, die Hoffnungen der Heranwachsenden jüdisch-akademischen sozialdemokratischen Generation, de den hoch aufgeschossenen, blonden Jüngling halbarischer Abkunft für einen üb rwältigcnden politischen Genius hielten, dürsten sich kaum erfüllen. Aber Dr. Friedlich Hertz ist kein unbegabter Mensch, schreibt, was heute gar nicht so häufig ist. ein leidliches Deutsch und ist versiert, sogar sehr verstört in politischen und sozbleu Dingen. Wie man also sieht, gerade zeile l>; Verlag „Zion I I. Jahrgang. kein unebenRkMdAÄl, von dein sich schon waK erwarten läßt. Mathias Acher hatte in seinem Artikel auf die psychischen Merkmale, die hier in erster Linie in Betracht kommen, hingewiesen und von der besonderen „nationalen Geistigkeit" des' jüdischen Volksstiammcs gesprochen. Hertz beginnt seine G genargumontation mit den Worten-: „Angenommen, daß die Juden wirklich eine geistige Einheit bilden, so wäre d es noch kein zwingender Anlaß für den Staat, sein öffentliches Recht dadurch beeinflussen zu lassen." Ja, das kommt ganz auf den Staat an. Ein v.raltetes' Staatswesen, in, dem eme Majorität oder eine künstlich zur! Majorität gemachte Minorität unbedingt herrschen will, braucht freilich auf dergleichen Dinge koste Rücksicht zu nehmen. Aber ein moderner Staat, der das Glück aller seiner Bürger stets im Auge behält, der, auch-für die Mrrorikaren sorgt, ein Staat, der gewichtigen Problemen nicht aus dem Weg: geht, sondern sie zu läsen sucht, wird sicherlich auch auf dst „geistige Einheit" einer Minoritätsnation, Rücksicht nehmen, müssen. Sind die Juden Oesterreichs eine solche Quantite negligeable? Der starke Antisemit smus, das große Interesse aller Parteien an der Judenfrag:, sie beweisen doch wahrlich das Gegenteil. Ich, will nundes weiteren nicht viel Aufhebens davon machen, daß Hertz diese „nationale Gcistigke t" Achers für ein Produkt des „Rassenaberglaubens" hält. Er verwechselt da zwei Dinge: N a s s en t h c o ri e und National- Feuilleton. Die Getauften auf dem Lande. Eine wahre Geschichte von Wolf ben Jehuda. Redlich betrieb im kleinen Marktflecken M. nebst der Landwirtschaft auch ein kleines Spezereigeschäft und führte dabei en zufriedenes, ruhiges Familien!.ben. Um jüdische Ang legenheiten kümmerte er sich nicht; er bezahlte die ihm auferlegte Kullussteuer pünktlich, und kam er in die Kultusgeme nde, der er zngeteilt war, so schien ihm die besonders unter der jüdischen Jugend verbreitete zionistische Jd.e, die Agitat on der Juden! für ihre Nationalität ganz unbegreiflich. Ihm war die ganze Bewegung unverständlich, und doch hatte er für Aufklärungen weder Gehör noch Zeit. Nur der Gedanke an seine verstorbenen Eltern erinnerte ihn daran, daß auch er Jude ist. Doch den verscheucht, er stets recht bald. Und seine Frau lebte in derselben Ideenwelt we ihr Mann und erzog auch ihre Kinder darnach. Sie hatte für das Judentum keinen Sinn. So nach und nach hatte sie sich an diese „heidnische" Wirtschaft in ihrer Familie gewöhnt. Jedoch auch sie hatte e'nen Mahner: „Mama, schon wieder haben mich die Buben in der Schule und am W g einen dr.n Juden geschimpft," lamentierte der zehnjährige Leo fast jeden Tag. Diese Klagen verstimmten nun die Mutter nicht wenig, gerne hätte sie umgesattelt, doch getraute sie sich nicht, int ihrem Manne darüber zu reden. Das getreue Ebenbild der Mutter war deren Tochter Helene. Vom Judentum konnte sic keinen Dunst haben und sie fühlte sich auch nicht als Jüdin. Und ihr gesellschaftlicher Verkehr in, diesem ruhigen Städtchen beschränkte sich auf einen Leutnant der in M. stationierten Eskadron, denn cs e ne Passion war, dem „Judenmädchen" — nach seiner Art — den Kopf zu verdrehen. Und Hel ne hätte heüaten können, doch sie war vernarrt in das zweifarbige Tuch und baute Luftschlösser. Alle ihr augetragimen Partien, schlug sie rundweg ab. Ta starb in M. der Pfarrer; sein Nachfolger stammte ans der Heimatsstadt Redlich,s. Dieser freute sich darüber, und de Sehnsucht, Neuigkeiten zu erfahren, trieb ihn sehr bald dazu, bei dem Pfarrer vorzusprechen. Auch dieser freute sich, mit jemandem über den Ort seiner letzten Tätigte t sprechen zu können, und war so liebenswürdig gegen Redlich, daß d eser sich von ihm nicht verabschieden konnte, ohne ihn zu unem Besuch cinzuladen. Der Pfarrer- Würde jetzt häufig Gast bei Redlich, und durch die häufigen Besuche erkannte er gar bald, daß es mt dem Judentum in dieser Familie nicht weit her war. Ilm sich dur,b iraend -'ine Tätigkeit bei seiner neuen, Gemeinde belicht zu machen, begann er, Redlich zum Glaubens- Übertritt zu bewegen. „Wenn ihr mit eurer Famile di. Taufe angenommen habet, werden euch die Mitbürger mehr schätzen und achten, Vertrauen zu eurem Geschäfte haben und niemand w rd euch sch el ansehen oder gar auf euch schimpfen. Ist doch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", der Grundsatz unserer Religion." Mit solchen und ähnlichen Versprechungen wurde Nedl ch von dem Pfarrer bearb itet, und Redlich hatte nicht den Mut, diese Zumutung von sich zu weisen. . Mit der Zeit konnte sich Redlich des Pfarrers nicht erwehren. Längst hät:e er sich zu dem schmählichen Schritt entschlossen, doch stets schreckte ihn der Gedanke, welche Schande er den im Grabe ruhenden Eltern bereit.n würde, davor zurück. Endl ch, da er mit sich selbst nicht ins Reine kommen konnte, weihte er auch seine Frau in den Plan des Pfarrers ein. Nun war die Sache b siegelt. Die- Frau, die stets gegen ihre Religion eingenommen war, überlegte n-'cht lange und war sofort für den Uebertritt. „Es ist das Beste, mein Lieber," sagte sie. „Du hast keinen Begriff, wie oft unser Leo weinend aus der Schule kommt, weil ihn der oder jen r einen dr.... n Juden geschimpft hat. Und was soll ich dem armen Kinde sagen? Ich trachte, cs, >n m einer Weise zu beschwichtigen. Und dann, den 9. Jänner. "M« .E Die nächste Nummer erscheint Dirnstag