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Neue Nationalzeitung · 1915-09-22 · Heft 18 (22.9.1915) · p. Seite 152

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 18 (22.9.1915)
Date
1915-09-22
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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Seite 152 Neue National-Zeitung" Nr. 18 Die Freizügigkeit der Juden in Rußland. Die neuen aus Rußland eingegangenen Zeitungen bestätigen die Tatsache der Erweiterung des Ansiedlungsrayons. Das Zirkular des Ministers des Innern an die Gouverneure lautet folgendermaßen: „Ew. Exzellenz teile ich mit, daß ich auf Grund der außerordentlichen Verhältnisse der Kriegszeiten und bis zum Zeittunkte der Revision der Judenfrage überhaupt mit Bezug auf den Beschluß des Ministerrates vom 4. August d. J. genehmige, daß Juden in den Städten des Russischen Reiches außerhalb ihres allgemeinen Ansiedlungsrayons wohnen dürfen, mit Ausnahme der Hauptstädte und der Ortschaften, die innerhalb des Machtbereiches des Hofministers und des Kriegsministers liegen." Judengeld und Judenrechte. Die ursprünglichs;ehr skeptisch aufgenommene Nachricht von der Gewährung der Freizügigkeif an die Juden in Rußland, wird nun offiziell bestätgt, Rußland will seine jüdischen Sklaven freier atmen lassen, weil es jüdisches Geld braucht. Der „Vossischen Zeitung" wird darüber aus London gemeldet: Infolge Wer ablehnenden Haltung, die das einflußreiche Bankhaus Rothschild & Söhne auch noch während des Krieges gegenüber allen Vorschlägen der russischen Regierung zu Finanztransaktionen eingenommen hat, haben die russischen Offiziellen, die die Unterstützung Rothschilds zu ihren nächsten großen ausländischen Anleihen unbedingt brauchen, sich veranlaßt gesehen, den Chef des Bankhauses durch ein direktes Telegramm von der Kursveränderung der russischen Politik zu Gunsten der Juden zu benachrichtigen. Der Präsident der internationalen Kommerzbank in Petersburg, Direktor Wichnegradski, drahtete im Auftrage der russischen Regierung an Rotschild, daß die Hauptforderungen der russischen Juden angenommen seien. Die Juden erhalten das Recht der Freizügigkeit, das Erbwerbsrecht von Grundbesitz überall, mit Ausnahme kaiserlicher Residenz- und Hauptstädte, sowie eine erweiterte Erlaubnis zum Schulbesuch für ihre Kinder. Wichnegradski erklärt weiterhin, daß seiner Auffassung nach die russische Regierung durchaus nicht abgeneigt ist, nach dem Kriege der jüdischen Bevölkerung auch noch weiteres Entgenkommen zu beweisen. Die jiddische Sprache in Russisch-Polen. Bekanntlich hat die deutsche Regierung erlaubt, daß in der von ihr besetzten Gebieten Russisch-Polens neben polnischen und deutschen Aufschriften oder Bezeichnungen für Straßen, Geschäfte, Waren u, dgl. auch solche in j i d d i s c h e r Sprache gebraucht werden. Was die Verwendung des Jiddisch in den Schulen betrifft, so veröffentlicht die „Deutsche Lodzer- Zeitung" folgenden Bericht: „Am 12. d. hat in Angelegenheit der Unterrichtssprache eine große, von über 300 Personen besuchte jüdiche Versammlung stattgefunden. Ein Teil verlangte das Jiddisch, der andere die hebräische Sprache als Unterrichtssprache. Es wurde folgende Resolution gefaßt: In Anbetracht, daß die jüdische Volksschule für die jüdischen Vclksmassen eine Lebensfrage ist, erklärt die Versammlung, daß die vorhandenen Volksschulen den Bedürfnissen der jüdischen Volksmassen nicht entsprechen und in vollem Sinne des Wortes un'üdisch sind. Keina, der vorhandenen Organisationen ist berechtigt, die jüdischen Schulen zu leiten, lediglich ein von der gesamten jüdischen Bevölkerung gewählter Schulrat ist dazu befugt. Die jüdische Volksschule muß obligatorisch und unentgeltlich sein. Sie muß von allgemeinen Mitteln enthalten sein, die j^pterrichtssprache darf ausschließlich die jiddische sein." Eine ähnliche Resolution wurde auch in Warschau seitens einer jüdischen Volksversammlung gefaßt. KORRESPONDENZEN. Oester reich-Ungarn. | Isaac Jacob Reines. | Wien. Rabbiner Isaak Jacob Reines in Lida ist gestorben, der Gründer der Fraktion Misrachi, der große Tahrmdist und Gründer der berühmten J eschiwa in Lida. Mit ihm verliert die zionistische Bewegung wieder eine ihrer hervorragendsten Persönlichkeiten, die orthodoxe Fraktion im Zionismus den Mann, dessen hingebungsvolle Mitarbeit im zionistischen Lager dasgesetzestreue Judentum des Ostens dem zionistischen Ideal zu gewinnen verstand. Die jüdische Orthodoxie Rußlands aber verliert in Isaac Jacob Reines einen ihrer bedeutendsten Führer, dessen Autorität und dessen organisatorische Fähigkeiten auch von Gegnern stets anerkannt wurden. Isaac Jacob Reines war 1839 in Karlin (Gouv. Minsk) geboren. Im Jahre 1869 wurde er Rabbiner in Swenziany im Gouv. Wilna, 1885 RabbinerjjiXida (Gouv. Wilna). In weiten Kreisen bekann^*^Wöfc^x Rabbiner Reines, als er im Jahre'1882 dem Kongres|g^ der russisch-jüdischen Gemeinden in Petersburg ~ einen ausgearbeiteten Plan über die Reorganisation des Jeschiwawesens vorlegte, wonach die Jeschiwa den Forderungen der modernen Pädagogik angepaßt werden sollte. Dieser Reformplan drang nicht durch. Reines eröffnete dann aber selbst eine Musterjeschiwa in Swenziany, in der auch weltliches Wissen neben dem rabbinischen gelehrt wurae. An diese Gründung knüpften sich große Kämpfe, in deren Verlauf die Jeschiwa geschlossen wurde. Im Jahre 1905 aber konnte Rabbiner Reines seine Jeschiwa wieder eröffnen, und zwar in Lida. Rabbiner Reines war schon der Chowewe-zionistischen Bewegung sympathisch gegenübergestanden und mit M o h i 1 e w e r und P i n s k e r in lebhafter Korrespondenz gewesen. Später schloß er sich er sich der zionistischen Bewegung an, er besuchte die Kongresse und spielte auf denselben eine hervorragende Rolle als Führer der ortr^doxen Zionisten (Misrachi). Personal-Nachrichten. Hofrat Prof. Adam Politzer begeht seinen 80. Geburtstag am 1. Oktober. Der Kaiser hat dem Revidenten der österreichischen Staatsbahnen Markus Pomeranz in Anerkennung besonders geistesgegenwärtigen und aufopferungsvollen Verhaltens gelegentlich einer Explosionskatastrophe das goldene - Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsm.edaille verliehen. Todesnachrichten. Der bekannte Landesadvokat Dr. Lazar Zipser aus Kolomea ist in Wien nach langer und schwerer Krankheit gestorben. Der Verblichene nahm in seiner Vaterstadt regen An teil am öffentlichen Leben. Er war seit vielen Jahren Mitglied o£s dortigen Gemeinderates, des Bezirksausschusses, des Bezirksschulrates und des israel. Kultusvorstandes. Er war ein reiner, jeder Korruption abholder Charakter. Das Leichenbegängnis fand am Freitag, den 17. d. Mts., um 3^11 Uhr vormittags, am Zentralfriedhof (israel. Abt.) statt. Verantwortlicher Redakteur Dr. S. R. Landau. — Druck von Ignaz Spitz fc. Söhne, Wien II, Robertgasse 2.

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