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Neue Nationalzeitung · 1915-05-21 · Heft 10 (21.5.1915) · p. Seite 86

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 10 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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Seite 86 vr. 10 ausgesprochen, daß die geltend gemachten verfassungsmäßigen Beschwerdepunkte nicht vorliegen. Damit ist die letze Rechtsmittelinstanz erschöpft und das Schicksal Leo Frank's besiegelt. Es bleibt ihm nichts mehr übrig als an die Gnade des Gouverneurs und der Gefäjngniskommission des Bundesstaates Georgia zu appellieren. Ueber Drängen seiner Verteidiger hat sich Leo Frank entschlossen, das Gnadengesuch an den Gouverneur mit der Bitte um Umwandlung der Todesstrafe in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe zu unterschreiben. Die Verteidiger gingen unter anderem von der Voraussetzung aus, daß es ihnen im Laufe der Zeit doch geüngen werde, einen gerichtsordnungsmäßigen Beweis für die Unschuld Franks herbeizuschaffen. Die Entscheidung über das Schicksal Franks dürfte aber noch ca. 2 Monate auf sich warten lassen. Wie dasselbe ausfallen wird, läßt sich nicht vorhersagen. Bis dahin,, und zwar Ende Juli, tritt in Georgia ein Gouverneurwechsel ein. Der gegenwärtige Gouverneur wird daher gar nicht in die Lage kommen, sich mit dem Gnadengesuch zu beschäftigen, was er verschiedenen Interviewern, die ihn um seine Ansicht befragten, erklärte. Damit ist die prozessuale Seite dieses Falles erledigt, aber lange noch nicht die menschliche und jüdische Seite. Es ist die Ueberzeugung aller objektiv denkenden Menschen und der gesamten Judenschaft der Vereinigten Staaten, daß Leo Frank mit der Ermordung der 14jährigen Arbeiterin Maria Phagan nicht das Mindeste zu tun habe und daß er lediglich das Opfer des antisemitischen Straßengesindels ist, unter dessen Pression die Geschworenen ihr Verdikt abgegeben haben. Daß dies auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika möglich ist, wo Millionen unserer Stammesgenossen, die der russischen Barbarei entfliehen, Zuflucht suchen müssen, ist ein trauriges Zeichen für unser Zeitalter. Neben den verschiedenen Ritualmordprozessen europäischer Staaten, neben dem Dreyfußprozeß in Frankreich gebührt auch dem Fall Frank in Georgia ein eigenes Kapitel in der Geschichte des Antisemitismus. Judenanzahl in den Kriegsgebieten. 8 Millionen Juden in den Kriegsländern. Eine interessante Bilanz über Judentum und Weltkrieg versucht die in Konstantmopel erscheinende „Aurore" aufzustellen. In den orientalischen, am Kriege direkt interessierten Ländern beträgt die Zahl der Juden 960.000. 30 Prozent von ihnen wohnen im militärischen Operationsgebiet. Die andern am Kriege interessierten außereuropäischen Länder haben eine jüdische Gesamtbevölkerung von 450,325 Seelen: Canada 60.000, Südafrika 49.120, Aegypten 38.635, Marokko 109.712, Persien 63.000, Tunesien 65.213, Algier 64.645. Die Gesamtsumme der Juden, die nolens volens am Kriege teilnehmen und direkt die Folgen zu tragen haben, stellt sich in Europa, wie folgt, dar: Rußland........ 6,287.000 Oesterreich-Ungarn . . . 2,500.000 Deutschland...... 608.000 England........ 240.000 Frankreich ...... 110.000 Belgien........ 20.000 Die Zahl repräsentiert 93,5 Prozent der europäischen Judenheit, so daß nur 6,5 Prozent auf die neutralen Länder fallen. In Italien, Spanien, Portugal, Schweden, Norwegen, Dänemark, Holland, Rumänien, Griechenland und Bulgarien gibt es im ganzen nur 630.000 Juden. Während in Europa gegenüber 360 Millionen Einwohnern, die im Kriegszustand leben 130 Millionen des Friedens sich erfreuen, leben von 9,750.000 Juden nur 0,623 Millionen im Frieden, das heißt während sich das kriegsführende Europa gegenüber dem Friedlichen im Verhältnis von 360 zu 130 befindet, beträgt das entsprechende Verhältnis bei den Juden 3750 zu 625. Es folgt daraus, daß die Juden an den kriegerischen Ereignissen 5 mal mehr beteiligt sind, als die anderen Bürger Europas. Die eigentlichen Operationsgebiet wohnende Bevölkerung beträgt höchstens 36 Millionen d. h. 10 Prozent der Gesamtheit. Von den Juden dagegen müssen 8,000.000 d. h. 73 Prozent die kriegerischen Ereignisse unmittelbar über sich ergehen lassen. 1,290.000 Juden in Russisch-Polen. Der zurzeit zu Rußland gehörige Teil Polens hatte vor Kriegsausbruch über zwölf- Millionen Einwohner-und zerfällt in zehn Gouvernements. Diese sind Warschau (2M> Millionen), Petrikau (fast 2 Millionen), Lublin (iy2 Millionen), Kaiisch (1,2 Millionen), Radom (1 Million), Siedice (1 Million), Plock (700.000), Lomza (685.000) und Suwalki (670.000). Den zweitstärksten Anteil an der Bevölkerung haben in Kongreßpolen die Juden. Kein Kreis von Kongreßpolen hat unter 1 Prozent Juden. Nur drei Grenzkreise des Gouvernements Kaiisch haben unter 5 Prozent Juden (Kaiisch, Slupca, Nieschawa), alle andern 5—25 Prozent Juden. Den stärksten Judenanteil (2—25 Prozent) haben Warschau, Lodz, Lublin, Biala (Siedice): 15—20 Prozent Brzeziny (Petrikau), Stopnica (Kielce), Sandomierz, Opatow und Konskie (Radom), Nowo Aleksandrija recte Pulawy (Lublin), Wlodawa, Radzyn, Siedice (alle Siedice), Nowo Minsk und Pultusk (Warschau), Makow, Ostrow, Mazowiezk, Lomza und Szczuczyn (alle Lomza). Sämtliche übrigen Kreise Polens haben 5— 15 Prozent Juden. Nach Gouvernements sind die Juden folgendermaßen zu registrieren: Warschau 320.000, Petrikau 215.000, Lublin 160.000, Siedice 120.000 Radom 115.000, Lomza 95.000, Kielce 85.000 Kaiisch 65.000, Suwalki 60.000. und Plozk 55.000, zusammen 1.290.000 Juden, Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Jüdische Brockensammlung. Die Brocke n Sammlung für jüdische Arme hat ihr neues Lokal im Hause Alserstraße 42 bezogen. ■ Der Besitzer des Hauses, Herr Dr. Maximilian Hirsch,; hat das Lokal in großherziger Weise dem Verein gratis uberlassen. Die erste Verteilung in dem neuen Lokal fand Freitag um 2 Uhr statt. Die Vereinsdamen konnten viel verteilen, aber noch immer fehlt es an Wäsche, Schuhzeug, Decken usw. — .Mehr als 300 Gesuche liegen vor, in denen Flüchtlinge um

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