Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1915-05-21 · Heft 10 (21.5.1915) · p. Seite 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 10 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425942-2425953--3172-2429741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 10 ^jNeue National-Zeitung" Seite 8B Der Kampf gegen Brandes und Bernstein. Es war gewiß ein sensationelles Ereignis als Brandes, der sich nie um jüdische Angelegenheiten und Juden kümmerte, anderseits aber in geradezu enthusiastischer Weise für die nationalen und geistigen Interessen der Polen einzutreten pflegte, nun plötzüch im Kopenhagener Tagblatt „Politiken4* die Gewaltakte der polnischen Bevölkerung gegen die Juden während des Krieges aufdeckte und geradezu haarsträubende Tatsachen über Pogroms der Polen selbst oder der durch sie aufgestachelten russischen Soldaten zu erzählen wußte. Das konnte in der öffentlichen Meinung gewiß nicht ohne Widerhall bleiben und darum waren die gegenwärtig um die Erlangung der Unabhängigkeit Polens bedachten polnischen Führer bemüht, Brandes zu „widerlegen." Aber nicht nur Brandes allein war es, sondern auch Hermann Bernstein, der wieder im New Yorker Tagblatt „Sun" ganz unabhängig von Brandes und auf Grund eines eigenen Materials das furchtbare Martyrium der jüdischen Massen in Rußland und in dem von den Russen besetzten Galizien schilderte, wo die polnische Bevölkerung die Juden bald bei den russischen Soldaten bald bei den Soldaten der verbündeten Armeen wegen Spionage denunzierte und sonst aufreizte. Es stehen einem die Haare zu Berge, wenn man bloß den Auszug der jüdischen Bevölkerung über Befehl des russischen Kommandanten aus Skierniewice bei Warschau liest. Kaum hatten die Juden, ihre Wohnungen verlassen, da wurden dieselben sofort von der polnischen Bevölkerung geplündert. Und als sich die armen Juden mit ihren Greisen und Kindern Tag und Nacht hindurch auf den schlechten rauhen Landstraßen dahinschleppten, unterwegs zum Teil vor Hunger, Durst, Müdigkeit zusammenbrechend, da wurden sie von der polnischen Bevölkerung verhöhnt und beschimpft: „Da gehen diese Beilise! Da gehen die Verräter! Nach Sachalin! Geht nach Palästina, ihr verfluchten Juden!" — mit diesen Worten wurden die Soldaten gegen die Juden gehetzt. Und der Mann, der dies erzählt, Herman Bern- . stein, ist ein ernster Schriftsteller, Herausgeber des seit einigen Monaten in New York erscheinenden jüdisch-englischen Tagblattes „The Day" (Der Tag). Diese Artikel hat die polnische Presse zu widerlegen versucht, indem sie die darin geschilderten Tatsachen einfach bestritt oder aber verschiedenen daran geknüpften Betrachtungen Gegenbetrachtungen entgegensetzte. Die Widerlegung in polnischen Blättern allein erschien den polnischen Führern offenbar unzulänglich und so wurde nun der Kampf gegen Brandes in Kopenhagen und gegen Bernstein in New York aufgenommen. Die polnischen Blätter verkündeten, daß Professor Ernst L u n i n s k i in Kopenhagen eine vernichtende dänische Broschüre gegen Brandes veröffentlicht hat. Der Titel Professor und der polnische Name dürften vielleicht Manchen imponieren — wenn man diesen Herrn nicht kennen würde. In Wirklichkeit aber ist dieser Name bloß ein Pseudonym und hinter demselben verbirgt sich ein getaufter Gymnasialsupplent aus Krakau, namens Deiches, der Sohn eines Schänkers, der bereits während seiner Universitätszeit seine jüdischen Kollegen durch seinen polnischen Servilismus angewidert hat. Wir kennen den Inhalt der dänischen Broschüre des Herrn Deiches-Luninski nicht, aber wir halten sie kaum geeignet, die Autorität eines Georg Brandes zu erschüttern und dessen wuchtiges Material zu entkräften. Gegen Hermann Bernstein tritt ein anderer getaufter Jude ins Feld, ein gewisser Dr. Boleslaus L ap o w s k i, der sich selbst als in Polen geborenen Judenstämmling bezeichnet. Dieser Herr polemisiert gegen die Schilderungen Bernsteins in der Weise, daß er nachweist, es habe in Polen vorher nie Pogrome gegeben (was auch niemand behauptet hat) und wenn es jetzt anders sei, so sei dies auf das lieber fluten Polens durch russische Juden zurückzuführen, d i e s i c h nicht polonisieren w olle n. Es sei die Pflicht eines Juden, iu Amerika Amerikaner, in Frankreich Franzose und in Polen Pole zu sein. Der Judenstämmling findet die antisemitische Hetze gegen die eingewanderten Juden für berechtigt und bedauert lediglich, daß sie auch auf die polonisierten Juden übergriffen hat .... Dieser Artikel, der gewiß sehr bezeichnend ist, weil er den Polen das Recht einräumt, auch eventuell durch Zuhilfenahme von Pogroms die eingewanderten russischen Juden zum Polentum zu bekehren, wird im polnischen Wiener Tagblatt „Wiedenski Kuryer polski" vom 11. Mai an leitender Stelle abgedruckt und „Im Namen der Wahrheit" (!) betitelt. Der Artikel Dr. Lapowski's wurde von Herman Bernstein in der amerikanischen Presse gebührend widerlegt und insbesondere dessen merkwürdige Logik beleuchtet, wonach einerseits die Pogroms bestritten, anderseits aber die Juden selbst hiefür verantwortlich gemacht werden. Hermann Bernstein schließt mit den Worten: „Der polnisch-jüdische Antisemit Lapowski versucht es, die jüdische Bevölkerung bloßzustellen. In Wirklichkeit aber schädigt er weit mehr das Ansehen der Polen. Die Polen würden besser tun, im Interesse ihres Volkes und ihres Ansehens mit aller Kraft gegen jene Pogroms wider das Judentum zu protestieren, als sich durch einen „geborenen Polen jüdischer Abstammung" verteidigen zu lassen." Soweit'die bisherige Verteidigung der Polen, welche durch zwei Renegaten besorgt wurde. Der Hauptcoup soll aber noch folgen. Wie wir vernehmen, sind zwischen dem Polenklub und den Abgeordneten „mosaischer Konfession" aus Galizien Verhandlungen im Zuge zum Zwecke der Erhebung eines Protestes gegen Georg Brandes. Am meisten bemüht sich darum der sozialistische Abgeordnete des Lemberger Judenviertels Dr. Diamant, dessen polnisch-chauvinistische Gesinnung bekannt ist. Bei dieser Gelegenheit wollen wir aber noch konstatieren, daß die Behauptung des New Yorker „Vorwärts", wonach Dr. Diamant in Lemberg geblieben sei, um den armen Juden zu helfen, nicht richtig ist, da sich Dr. Diamant in Wien oder Salzburg aufhält. Richtig ist vielmehr, daß der Abgeordnete Ernst Breiter in Lemberg geblieben ist, um den armen Juden zu helfen und daß er als ..iewrejskij adwokat" (jüdischer Advokat) nach Rußland verschleppt wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.