Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 29 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 6 Nr. 29 nieren. Zwei Schutzleute faßten mich und forderten mich auf, den Besitzer des Pferdes zu nennen. Ich tat das. Hierauf zerrterf mich die Polizisten vom Pferde. Mit den Worten: „Sie müssen sich verantworten", wurde ich abgeführt, während das Pferd in eine andere Richtung geleitet wurde. Mir wurde eine Handkette angelegt und so wurde ich durch diie Straßen von Paris geschleppt, in denen die Arbeiter stürmisch gegen den Krieg demonstrierten. Bei der Polizei wurde ich einem Verhör unterzogen. Der verhörende Polizeibeamte fragte mich, ob ich Geld habe. Ich hatte in einem Beutel meine ganze Barersparnis, 1100 Francs, bei mir, erklärte jedoch, daß ich nur fünf Francs habe. Hierauf wurde ich aufgefordert, die fünf Francs zu zeigen. Ich mußte nun den Beutel hervorziehen und der Polizeioffizier riß ihn mir aus der Hand. Er fand natürlich die 1100 Francs und mit dem Bemerken: „Die haben Sie gestohlen11, nahm er das Qeld an sich. Ich hatte an meinen Chef eine Lohnforderung von 600 Kronen. Als ich den Beamten fragte, wie ich zu diesem Oelde kommen würde, sagte er lachend, ich würde mit meinem Chef in Marokko zusammen Schanzen graben, da könnte ich dann meinen Anspruch persönlich geltend machen. Ich wurde dann ins Gefängnis gebracht, wo ich auf dem nackten Boden schlafen mußte. Eines Morgens wurde ich geweckt und nach Brüssel gebracht. Meine Versorgung auf dem Wege besorgte das Rote Kreuz. In Brüssel wurde ich von einem Detektiv zur Polizei gebracht. Dort wurde ich mit Kolbenschlägen fünf Tage hindurch zur Schanzarbeit getrieben. Bei der Polizei wurde mir der Rest meiner Habe, ein Koffer mit Wäsche, ein Scheck auf 560 Francs und mein Winterrock genommen; auch die Gamaschen wurden mir vom Fuße geknöpft. Am 12. August, wir hörten bereits den Donner der deutschen Geschütze, wurde ich von einem Bürgergardisten in Freiheit gesetzt. Ich bin ein anständiger Arbeiter meines Berufes, ich habe im Hamburger Meeting den 60.000-Francs-Preis mit dem Pferde „Goldkäfer" des Grafen Falkenstein gewonnen, war auf der Wiesbadener Rennbahn tätig — und ich wurde von Leuten als Räuber behandelt, die mich selbst unerhört beraubten. Ich bin nun aller Mittel entblößt, nach langer Wanderung in Budapest eingetroffen. Soweit die Geschichte des armen Jockeys. Sie ist typisch und darf dem Material angefügt werden, aus dem der Historiker die Daten der Geschichte der Republik Frankreich des Herrn Poincar6 schöpfen wird. Das Rote Kreuz in Deutschland und sein Antisemitismus. Wir hab-en unlängst den Erlaß des Fürsten Hatzfeld gegen den Antisemitismus in einzelnen Fillialen des re'chsdeutschen „Roten Kreuzes" veröffentlicht. Nun folgt ein zweiter Erlaß des Vorsitzenden des Zentralamtes des preus'ischen Landesvereines vom Roten Kreuz, Generalleutnant von Piuel. So lobenswert er auch seinmag, erscheint er uns dennoch sehr charakteristisch für die Zustände im deutschen Roten Kreitz. Die fortwährenden Erlafi-Injectionen beweisen durch ihr eigenes Zugeständnis, \Mi diese Organisation vom Antisemitismus durchseucht ist und gewisse deutsche Verwaltungsbehörden ernten nun jetzt, was s'e durch Jahrzehnte gesät haben. Gott sei d'ank Liegen bei uns diese Verhältnisse doch anders. Der Erlaß, der skandalöse Verhältnisse enthüllt, lautet: „Zentralkomitee jes preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz. Schon mehrfach sind Beschwerden laut geworden über eine kränkende Behandlung von Angehörige n d es j s r a e 1 >i t i s c h e n Glaubens durch Mitglieder des Roten K r e nzes in Ber I i n. Hiebt nur in den ersten ■bewegten Tagen der Mobilmachung seien solche Fälle vorgekommen, sondern bis in die letzten Tage. Diese Fälle haben sich nun zu bestimmten * r n s fce n Anklagen verdichtet, dtie heute von maßgebenden Vertretern der hiesigen israelitischen Gemeinde bei uns in glaubwürd igsler Weise «rlioben worden sind. Es handelt sich beispielsweise darum, daß Bittsteller bei Bejahung der Frage, ob sie ii s r ae Ii t e n seien, den Bescheid erhielten, sie möchten sich an teils schon im Frieden vorhanden gewesene, teils erst für den Krieg geschaffene israelitische Aushalten und! Vereine wenden. Diese Mitteilungen h a b e n u n s a u f s p e i n I i c Ii s t e b e r ii Ii r t. Das Rote Kreuz ist interkonfesionell, die in d;;. c Erscheinung getretenen Zeichen von Unduldsamkeit widersprechen vollkommen seinem Geist und ebenso der Allerhöchsten Willens m e i n u n g unseres erhabenen Protektors, Seiner Majestät des Kaisers und K ö n i g s. Eime Erklär uns für diese Vorkommnisse ist vielleicht in dem Umstände zu finden, daß seit Ausbruch des Krieges das Rote Kreuz in großer Zahl von Damen und Herren bei der Arbeit unterstützt wird, die seinen Vereinigungen nicht angehören und' mit seinen Grundsätzen daher weniger vertraut sind. Jedenfalls aber tritt an alle unter dem Roten Kreuz tätigen Damen und Herren die dringende Pflicht heran, dafür Sorge zu tragen, daß bei ihrer Arbeit niemand in seinem religiösen Empfinden verletzt wird. Wir Deutsche wollen doch zu Hause in der Erfüllung unserer großen Aufgaben der Nächstenliebe ebenso einig zusammenstehen, wie unsere Kriegsmacht draußen. Der Vorsitzende: gez. v. Pf uel." Flüchtling und Soldat. Unter der Uebersclirift: „Wohltun trägt Zinsen", bringt das „Prager Tageblatt" folgende rührende Mitteilung: Die Wahrheit dieses alten Spruches hat sich neuerdings in folgendem Vorfall bewährt: Bald nach Ausbruch des Krieges mit Rußland wurde ein Infanterist eines deirtschböhmischen Regimentes in der Nähe eines galizischen Dorfes schwer verwundet und blieb hilflos im Schützengraben Hegen. Ehre jüdische Familie nahm sich seiner hilfreich an und pflegte ihn tagelang, bis ihn eine Sanitätsabteilung mitnahm. Der Soldat lag einige Wochen im Spital und ist nun als Rekonvaleszent in seine Heimat, ein Dorf bei Saa^. beurlaubt worden. Als er dieser Tage nach Saaz ging, wollte er kaum seinen Augen trauenals er am Ringplat-z jene jüdische Familie traf, die ihn nach seiner Verwundung so aufopfernd1 gepflegt hatte und jetzt durch die Kämpfe in Galizien ihre Heimat verlassen mußte. Der brave Soldat nahm die Leute mit hinaus ins Dorf zu seinen Eltern, M'o sie gastliche Aufnahme und Unterkunft fanden. fl<JS ALLEN WELTTEILEN Eine zionistische Konferenz in Kopenhagen. In den Tagen vom 4. bis 6, Dezember fand in Kopenhagen eine Sitzung des zionistischen Aktionskomitees statt, an der sich Mitglieder aus verschiedenen Ländern beteiligten. Der Sitzung lagen ausführliche Berichte über die Lage der jüdischen Siegelung und der zionistischen Institutionen in Palästina vor, die durch den Krieg in große Bedrängnis geraten sind- Mit dankenswerer Energie haben die amerikanischen Juden bereits eine Aktion für die Linderung der Not unternommen, es hat sich aber herausgestellt, däß weitere große Mittel erforderlich sind'. Es wurde daher bcischlo-sseTii, einie großzügige Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Zur Durchführung der Hilfsaktion and zwecks Erleichterung der Verbindung der-einzelnen Teile der zionistischen Organisationen wurde beschlossen, ein Arbeitsburcaii in einem neutralen Lande einzurichten. Die -endgültige Bestimmung des Ortes für das Bureau wurde dem E. A. C. tiberlassen. Bis dahin wird es seinen Sitz in Kopenhagen haben. Jüdische Richter in Deutschland. Jüngs-t ist in Berlin Oberlaiidesgcricbtsrat und Geheimer Justiz-rat Dr. Julius Litten gestorben. Er war der erste jüdische Oberlandes-