Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 27 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6^_______________________MNeue Naüoiial-Zejtung'' __________ __ Nr. 27 Reich ................. 5.— Gustav Spitzer............... 3.— Herbatschek............... 2.— C. L e v i................ 2.— Hermann Kosch............... 1.— Stern................. 1.— Auguste R u b i c e k............. 1.— Eduard Fried mann............. 3.— Weitere Spenden^ ebenso Kleider, Bücher u. dgl. werden erbeten und in dieser Rubrik ausgewiesen. Kriegsnachrichten, Die österreichisch-ungarische Kriegsanleihe hat einen Betrag von zweieinhalb Milliarden Kronen erreicht und damit wohl einen großen Erfolg erzielt. Das jüdische Großkapital und der jüdische Mittelstand, die in diesem Kriege so viel patriotische Begeisterung an cien Tag gelegt haben, sind in der Reihe der Zeichner von dien kleinsten bis zu den größten Beträgen vertreten. Die Wiener Israel. Kultusgemein.de hat K 500.000 gezeichnet. Wie viel der Präsident der Wiener Kultusgemeinde gezeichnet hat, um seinen jüdischen Mitbürgern mit gutem Beispiel voranzugehen, wissen wir nicht, da es nicht publiziert wurde. Die Wiener Juden haben auf ein aneiferndes Beispiel auch gar nicht gewartet. Der Flieger Aladar Taussig ausgezeichnet. Oberiieutnant-Pilot Aladar Taussig, der in heldenmütiger We.'se unter Lebensgefahr auf einem Aeroplan in das belagerte Przemysl Befehle überbrachte, erhielt vom Kaiser das M i 1 i t ä r v e r d i e n s t k r e u z mit der K r i e g s d e k o r at i o n. Es ist dies bereits seine zweite Kriegsauszeichnung. * Die „Reichspost" und die — „Oesterreichische Wochenschrift". Der jüdische Kaneehausbesucher, .der 'es für seine Pflicht erachtet, zur besseren Verdauung neben dem Schwarzen auch die „Reichspost" zu „genießen", tut furchtbar entrüstet, weil das Organ des Dr. Funder manchmal entweder die jüdische Zugehörigkeit eines Helden bestreitet oder durch Unterdrückung seines jüdisch Vornamens zu verschweigen sucht. Warum tut aber die „Oesterreichs sehe Wochenschrift" von ihrem Standpunkte das gleiche? Sie reklamiert hohe oder dekorierte Offiziere für das Judentum, mit dem dieselben nie etwas gemeinsam hatten oder von dem sie sich längst lossagten. So z. B. freut sich das Organ des Wiener Kultusvorstandes darüber, daß Generalmajor Kornhaber von Pilis zum Feldmarschall-Leutnant ernannt wurde, wiewohl dieser Herr längst getauft .ist. Warum soll durch dieses Lügenmanöver den Juden eingeredet werden, daß es ein jüdischer Offizier in Oesterreich-Ungarn zum wirklichen Feldmarschall-Leutnant gebracht hat, wiewohl dies bisher noch n/cht .cer Fall war? Ebenso sind Regimentsarzt Dr. Emil Hochmann, Hauptmann Hugo Prager, Oberleutnant Maximilian Berger und viele andere, die von der „Wochenschrift" in der Rubrik „Auszeichnung jüdischer Offiziere" angeführt werden, geborene Christen. Diese journalistische, dem Judentum schädliche Leichtfertigkeit sollte von einer gewissen, für dieses Blatt maßgehenden Seite eingedämmt werden. Oder glaubt vielleicht der Wiener Kultusvorstand, daß diese Art der Berichterstattung in Kriegsze.'tcii das Prestige c'.cr österreichischen Juden hebt? Jüdische Ritter vom Eisernen Kreuz. Bisher haben in den deutschen Armeen bereits ungefähr 7U0 jüdische Krieger für bewiesene Tapferkeit das Eiserne Kreuz erhalten. Die Jom-Kippur-Feier in der Kirche. Aus dem Feldpostbrief eines jüdischen* Sanitätsgefreiten in der deutschen Armee. Gestern war Versöhnungsfest. Um 7 Uhr morgens erfuhr ich, daß in R., etwa 4 km von hier, jüdischer Gottesdienst sei. Unser Kompagnieführer gab uns (es sind 3 Juden in der Kompagnie) selbstverständlich frei, um dort hingehen zu können.. Leider war die Nachricht, daß Gottesdienst sei, nicht genügend bekannt gegeben, so daß nur etwa 60 bis 70 Juden erschienen waren. Die liier liegenden Divisionen beherbergen aber eine mindestens drei- bis viermal so starke Anzahl Juden. Der Gottesdienst fand in der katholischen Kirche statt. Welch merkwürdiges Bild. Jüdischer Gottesd'ienst in euer katholischen Kirche, die zudem zur Aufnahme Verwundeter und auch als Schlaf räum für Soldaten dient! Rabbiner Dr. Wilde aus Magdeburg leitete den Gottesdienst. Einer aus 'unserer Mitte betete vor. Die Gebetbücher wurden vom Rabbiner verteilt; aber er brauchte nicht viele herzugeben, denn unsere Juden hatten fast alle ihre Gebetbücher mitgebracht. War das schön! Der Rabbiner sprach, aber nach wenigen Worten kam er nicht weiter, er weinte. Jetzt, um dieselbe Stunde war zu Hause, in der ganzen Welt, wo Juden wohnen, die Totenandacht. Wie sieht es wohl bei uns zu Hause, in den Synagogen aus? Nein, man darf nicht daran d'enken, man darf es nicht. Hart muß man bleiben. Kanonendonner dringt zu uns herein und mahnt uns, tapfer und mutig zu sein. Da beißen wir die Zähne zusammen, und es scheint fast, als ob ein jeder einzelne lächle. Der Rabbiner spricht weiter. Er flüstert fast. Leise, gedämpft spricht seine Stimme von der Kanzel der katholischen Kirche, unserer Synagoge. „Jeder werfe einen Rückblick auf sein vergangenes Leben «nd lege sein Leben in Gottes Hand." Wer das in sonstigen Jahren nicht mit wahrem, innigen Bewußtsin getan, jetzt tut er es. Noch niie, noch nie gab es für uns ein Versöhnungsfest wie gestern. So haben wir es noch nie miterlebt. Dann sprach der Rabbiner das Schema-Isroel vor, und wir sollten es nachsprechen. Das Schema, 'Jas erste Wort, dröhnte durch die Kirche, fast wie ein Schrei; dann kam keiner weiter. Willenlos weinten wir. — Der Gottesdienst ist zu Ende. Vor der Kirche empfängt uns lachender Sonnenschein. Wir s:nd wieder Soldaten, lachen auch wie die Sonne, planfern und erzählen uns. Was war denn, hatte» wir geweint? Ach wo, Männer weisen nicht, Männer kämpfen. 4 Juden mit eisernen Kreuz e n sind dabei. Sie erzählen von