Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 11 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 87 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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FEUILLETON. Rabbiner, lernet und lehret!*) Ein Pessachmärchen. Von Moriz Schreiber. (Schluß.) „Freilich, auf harte Widerstände müssen wir uns gefaßt machen. Gilt es doch eine Wiedergeburt, und wann vollzog sich je eine solche ohne krampfhaftes Kreisen? Allein der Zeitgeist kämpft in unseren Reihen, und der Sieg ist uns gewiß. Die Welt beginnt des materialistischen Götzendienstes, der sie in einen wüsten, von Begierde nach Genuß und von Genuß nach Begierde schmachtenden Taumel versetzt hat, überdrüssig zu werden und sich nach höheren Werten zu sehnen. Die Morgenröte des Idealismus zeigt sich schon am Horizonte; warum sollen wir, die wir einst die Wegweiser der Menschen gewesen, diese Rolle nicht wieder einmal übernehmen können, anstatt uns immer wieder nachschleppen zu lassen und blind den wechselnden Bewegungen zu folgen, die sich um uns her vollziehen? Warum wollen wir uns nicht wieder einmal unserer ureigensten Mission erinnern, um unsere Existenz zu rechtfertigen? Ich wiederhole: ich kenne genau die großen Schwierigkeiten, die sich uns in den Weg stellen werden. Handelt es sich doch nicht nur um eine religiöse Wiedergeburt "der jüdischen Massen, sondern in erster Linie um jene ihrer Lehrer. Aber lernen wir doch endlich die Zeichen der Zeit verstehen und deuten und stellen wir uns rechtzeitig in ihre Dienste! Ich habe auf meinen vielen Reisen die Ueberzeugung gewonnen, daß man für die sich ankündigende Zukunft nirgends so vorbereitet ist wie in unserer denkenden Judenschaft, in der sich jeder unaufhörlich dieFrage vorhält: ,WarumbinichJude?' Bin ich es bloß, weil ich nicht Christ sein will, oder wohnt dem Judentum eine so bezwingende Macht inne, daß ich mich von ihm nicht lossagen kann? Und worin besteht diese Macht?" — Geben wir also die Antwort! Aber daß sie sich auch auf der Höhe der Zeit bewege und erschöpfend und befriedigend sei; dann wird dieses gebildete jüdische Publikum die stärkste Säule unseres künftigen Lehrhauses werden; dann ist aber auch die Zeit gekommen, wo abermals ,Eldad und Medad im Lager prophezeien werden'." „Und die Josuas", ruft jetzt der Rabbiner begeistert aus, „die nur auf ihre äußere Macht pochen, werden es nicht wehren können! Und wie einst Moses seinen Diener Josua, der ihn drängte, den Volkslehrern das Lehren zu verbieten, mit den Worten abwies: ,0 daß doch das ganze Volk Gottes aus Propheten bestünde!' so werden die künftigen Rabbiner in solchen Fällen ihren Vorständen zurufen: Hände weg!" „Sie haben mich verstanden", entgegnete mit großer Befriedigung der Gast. „Sie haben die Ausblicke, die sich uns eröffnen, richtig erfaßt, und so hoffe ich, daß Sie sich freudig in den Dienst der heiligen Sache stellen werden." *) Siehe Nr. 7 und 9 d. J. „Mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, nur müssen Sie mir hilfreich zur Seite stehen." „Sie werden mich auf allen ihren idealen Wegen finden, sowie Sie mich in dem Moment gefunden haben, wo Sie sich auf ihre Mission zu besinnen anfingen. Gehen Sie also ungesäumt ans Werk, bearbeiten Sie Ihre Kollegen; das übrige will ich in aller Stille, und was besonders förderlich sein wird, unpersönlich vorbereiten." * * * Während unser Rabbiner noch vorsichtig überlegte und die einzuleitenden Schritte reiflich erwog, wirkte der heimgekehrte Sendbote des Idealismus Wunder auf Wunder. Er hatte im Fluge nicht nur sämtliche Rabbiner der Metropole aus ihrer Lethargie gewaltsam aufgerüttelt und ihnen in lapidarer Darstellung die Dinge gezeigt, die sich vorbereiteten: er war auch gleichzeitig wie im vorbeirauschenden Traume sämtlichen jüdischen Gelehrten der Stadt, gleichviel, ob sie in verborgener Zurückgezogenheit lebten, oder in öffentlicheren Aemtern, an Mittel- oder Hochschulen wirkten, erschienen, sie eindringlichst mahnend, das wiedererwachte Missionsbewußtsein des Judentums lernend und lehrend zu nähren. Was sich jetzt ereignet, versetzt uns in ein wahres Zauberland. Der Rabbiner, an den der wiedererwachte Idealismus zuerst sich gewandt, hatte noch nicht Zeit und Muße gefunden, an seine Kollegen heranzutreten, als diese schon von selbst, aufgestöbert von Gemeindemitgliedern, hastig sich zusammenfanden. Sie würden nämlich von diesen in allen Bezirken unaufhörlich mündlich und brieflich bestürmt, die geplanten Stätten der Belehrung je eher zu errichten, da man sich im Volke schon lange nach solchen sehne. Und derartige Urgenzen kamen nicht bloß aus Kreisen breiterer Volksschichten, sondern vornehmlich aus jenen, die etwas in der Gemeinde bedeuteten, nicht am wenigsten aus Kreisen jüdischer Professoren der Mittel- und Hochschulen. Die Rabbiner hatten sich also versammelt und einer derselben, den wir bereits kennen, hielt eine kräftige Ansprache, in der er die religiösen Bewegungen, die sich vorbereiten, schilderte und die Aufgaben, die dem modernen- Rabbiner dabei gestellt sind, mit kurzen Strichen markierte, mit den Worten schließend: „Liebe Brüder! Eine neue Zeit kündigt sich an, für die wir, die religiösen Führer unseres Volkes, nur wenig vorbereitet sind. Der Jurist, Mediziner, Philosoph, wenn sie ins praktische Leben hinaustreten, so üben sie nur praktisch aus, was sie viele Jahre hindurch in den Schulen theoretisch gelernt; wir Rabbiner aber haben in unseren Anstalten sehr vieles im Schweiße unseres Angesichtes gelernt, was wir heute nicht mehr brauchen können, da es aus der Uebung, vielfach sogar ans dem Bewußtsein der jüdischen Kulturwelt völlig verschwunden ist. Was wir aber wie das t ä g- 1 i c h e B r o t b r a u c h e n, das'habcn wir n i c h t g e 1 e r n t! — Fangenvwir al§o unverzüglich an, diese gähnenden Lücken auszufüllen; denn es ist hoch an der Zeit, ~da~ß~wr~ernstlich daran gehen, umzulernen, neu zu lernen. Laßt uns zu diesem