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Neue Nationalzeitung · 1913-10-17 · Heft 21 (17.10.1913) · p. Seite 168

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 21 (17.10.1913)
Date
1913-10-17
Page
Seite 168 (sequence 8)
Language
German
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öeite 168 ,Neue National-Zeitung" Nr. 21 Gotte gehört . . . und er ist seitdem fester, zuversichtlicher geworden . . Und Frau Beilis erzählt uns, wie sie sich deshalb ängstigt, weil der Prozeß jetzt vielleicht wieder nicht durchgeführt wird. Sie ist eine verständige, einfache Jüdin. Die Namen der Staatsanwälte sind ihr geläufig, sie kennt die Richter, Detektives, Advokaten- In ihrer stillen, einfachen Weise erzählt sie uns Details über die Anfänge des Prozesses, kommt immer weiter und weiter ins Gespräch und schließlich sind wir bei dem jetzigen Stande des Prozesses angelangt. „Wir hoffen, daß am Jom-Kippur keine Fortsetzung der Verhandlung stattfinden wind, obwohl die christlichen Richter den Prozeß nicht unterbrechen wollen. Wir wollen doch alle fasten, mein Mann, ich und die Kinder, die schon 13 Jahr alt sind . . ." Die Umgebung hat auf die arme Frau stark eingewirkt. Sie sieht, wie sich alles für ihren Mann bemüht, für ihn arbeitet. Sie zweifelt keine Sekunde daran, daß ihr Mann freikommt. Doch haben sie die letzten Gerichtstage aufgeregt und krank gemacht. Rote Flecke bedecken ihr Gesicht, wenn sie uns erzählt, daß sie gestern beim Doktor war, der ihr zugeredet hat, etwas ruhiger zu sein. Dieser Dr. Sergd hat ihr gesagt, es tue ihm sehr leid, daß er nicht Geschworener sei. Die Richter seien zu „einfache" Menschen, aber das schade nichts. Ihr Mann werde nach Hause kommen. Das Wort „einfach" ist der Frau zu Kopfe gestiegen und weckt in ihr schwere Gedanken. Und wieder kehrt Frau Beilis zum Anfang des Prozesses zurück und malt uns in lebendigen Farben die erste Nacht, als das „Unglück" geschah, als man Beilis verhaftete. „Noch jedesmal, wenn ich den Gemeindevorsteher sehe, gibt es mir einen Stich ins Herz. Erst haben sie uns die ganze Wohnung durchsucht, wie bei einem Revolutionär, dann haben sie die Gebetpfosten untersucht, alle Bücher konfisziert, sogar die Bücher der Kinder. Ich war so niedergeschmettert, daß ich erst einige Stunden später — es war einstweilen schon Tag geworden — erfuhr, daß auch der ältere Bub mit ihm verhaftet worden ist. Nach anderthalb Tagen hat man ihn freigelassen. Meinen Mann behielt man aber in Haft." „Ich danke Gott, daß man mich nicht vor das Gericht gerufen hat. Ich könnte das nicht aushalten, mich verlassen schon ohnehin die Kräfte. Sie haben mir mit ihren Lügen meinen Kopf ganz benommen." Ihre kleinen Mädchen drücken sich an sie, als ob sie bei der Mutter einen Schutz gegen einen unsichtbaren Feind fänden, der ihr armes Seelchen und ihr bischen Leben bedroht. Diese armen Kinder mit den klugen, leuchtenden Augen, den kleinen, blassen Gesichtern und den überzarten Händen ... In ihren Augen wohnt immer ein stummer Schreck . . . Der ältere Bub hat gleich, als wir kamen, die Stube verlassen und bleibt die ganze Zeit draußen. Er hat Angst vor menschlichen Stimmen, vor den unbekannten Gästen, die herkommen, und es ist unmöglich, aus ihm ein Wort herauszubringen. Aber das Schweigen dieses acht- bis neunjährigen Kindes sagt einem deutlich, daß er in seinem kleinen Kopfe schon begreift: hier geht etwas Wichtiges und unsagbar Trauriges vor sich ... Als wir so sprechen, stürmt ein äußerst aufgeregter Mensch herein, der Verwalter des Ziegelwerkes. Mit zitternder Stimme erzählt er, daß der „Verbändicr" Golubew (ein Belastungszeuge, Anm. der Red.) mit einer Begleitung im Automobil' gekommen ist, um sich das Ziegelwerk anzusehen. Er habe das Ziegelwerk absperren lassen, und er, der Verwalter, dürfe nicht hinein- Er geht hinaus, kommt jedoch schon nach wenigen Minuten zurück, und berichtet wieder. Schmakow (der Vertreter der Privatbeteiligten, ein bekannter Antisemit. Anm. der Red.) sei mitgekommen und mit ihm einige Polizisten, zirka 7 bis 8 Mann. Ein Arbeiter, ein Pole, habe sie hineingelassen. Der Verwalter protestierte zwar, daß sie kein Recht hätten, ohne seine Erlaubnis in das Ziegelwerk einzudringen, er konnte aber gegen sie nicht aufkommen. Was konnte er auch machen? Wir gingen hinaus. Wir sahen eine Gruppe von Menschen, die uns mit feindseligen Blicken empfing. Wir machten uns auf den Heimweg . . . schauten auch einigemale zurück. Da stieg ein Aerger in mir auf. Diese Leute hatten uns plötzlich die ganze Stimmung zerrissen, unser Gespräch mit der Gattin Beilis verstummen lassen- Sie hatten uns mit einemmale die Luft verpestet . . . Unseren ganzen Weg verfolgten uns die feindlichen Blicke, die uns bei der Tür, als wir hinausgingen, empfangen hatten . . . . Ein Regen begann zu tröpfeln, die einzelnen Tropfen klatschten eine traurige Melodie: Sie sind dort . . . sie sind noch dort. P. J. Liste der Ausgetretenen. Vom 30. September bis 14. Oktober 1913. (Nr. 358—374.) Metzger Leopold, Juweliergehilfe, geb. 26. September 1890 in Wien, XV, Turnergasse 25. Propper Gisela, geb. 20. Juli 1891 in Wien, IV, Lambrechtsgasse 2. Dannenstein Hermann, geb. 1. September 1885 in Warschau, IV, Hotel „Goldenes Lamm". Steegemann Gertrud, geb. 15. August 1877 in Friedberg-Neumark, V, Margaretengürtel 60. Brandl Ernst, abs. Realschüler, geb. 25. September 1894 in Wien, VIII, Alserstraße 23. Salamon Maximilian Isidor, Kaufmann, geb. 29. Mai 1879 in Wien, I, Schottenning 3. Dr. Haudovsky Hans, geb. 18. Mai. 1S88 in Wien, IX, Blindengasse 14. Miskolcz Gotthilf v., Student, geb. 29. April 1894 in Wien, IX, MaxiiriiMianplatz 6. Michalup Charlotte, geb. 9. August 1889 in Wien, IX, Alserstraße 10. Bolek Charlotte, geb. 9. August 1889 in Wien, XIII, Lainzerstraße 123 a. Taussig Franz, geb. 8. Jänner 1889 in Wien, XX, Bäuerlegasse 8. Perko Deborah, Dienstmädchen, geb. 15. Jänner 1883 in Kreuz, II, Praterstraße 17. Landes Sigmund, Geschäftsdiener, geb. 10. Oktober 1881 in Wien, XIX, Heiligenstädterstraße 115. Bruckmann Hugo, Ingenöeur, geb. 16. November 1885 in Wien, V, Zentagasse 1. Reich Ernestine, Hilfsarbeiterin, geb. 14. März 1890 in Wien, XX, Burghardtgasse 21. Neumann Leopold, Buchbinder, geb. 5. Jänner 1877 in Tabor, VIII, Volkertplatz 7. Strauss Siegmund, Ingenieur, geb. 4. Jänner 1875 in Znaim, XIX, Haidtgasse 25.

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