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Neue Nationalzeitung · 1913-10-03 · Heft 20 (3.10.1913) · p. Seite 159

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 20 (3.10.1913)
Date
1913-10-03
Page
Seite 159 (sequence 12)
Language
German
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IV. 20 .Neue National-Zeitung' Seite 15y FEUILLETON. Wenn ich Rothschild war1!*) Von Scholem Aleiche:n. „Wäre ich Rothschild", spekulierte der Kassrieliwker Melarned Reb Eli-Meier vor seinen Schülern, als seine Frau Donnerstag nachmittags energisch Geld forderte, um die Einkäufe für den Sabat zu besorgen; wäre ich Rothschild, nun, rate, was ich täte? (Reb Eli Meier führte indes eine tüchtige Tabakpriese zu seiner Nase.) Vor allem sorgte ich dafür, daß mein Weib stets ein „Dreierl" Bargeld bei sich hat, damit sie mich am Donnerstag in Ruhe läßt. Zweitens möchte ich meinen versetzten Sabbatkaftan auslösen, nein — lieber „ihren" Pelz, damit sie einmal aufhört zu brummen und über Kälte zu klagen. Dann kaufte ich dieses ganze Haus, mit allen drei Stuben, mitsamt der Kammer und dem Keller und dem Boden — sie soll mir dann nicht über den engen Raum klagen! Da hast du zwei Zimmer, koch, back, wasch, soviel es dir beliebt, mich aber laß schön in Ruh'; ich lebe dann ruhig meinem Berufe! Keine Sorgen mehr, kein Grübeln, woher „auf Schabbes" nehmen — wie schön wäre dieses Leben! Die Töchter verheiratet, befreit von der drückendsten Last, was fehlte mir dann noch? . . . Nun beginne ich mich für die Gemeinde zu interessieren. Zu allererst spende ich ein neues Dach für das alte Bethaus, damit der Regen nicht mehr auf die Köpfe der Betenden tropfe. Auch das Bad muß neu restauriert werden, denn heute, morgen kann, muß dort ein Unglück geschehen, wenn es gerade im Momente zusammenstürzt, wo Juden drin baden. Und wrenn schon das Bad hergestellt wird, so muß ja auch die Krankenstube von Grund aus in ein schönes Spital umgebaut werden, aber in ein wirkliches Spital, mit ordentlichen Betten, einem Arzt, Medikamenten, täglichen Suppen für die Kranken, wie es in anständigen Städten zu sein pflegt. Und ein Versorgungshaus soll entsehen, damit alte, gelehrte Greise sich nicht im Beth-Hamidrasch herumquälen, und ein Verein zur Bekleidung armer Kinder, daß sie nicht mehr entblößt in den Straßen herumlungern, und ein Kreditverein, wo sowohl ein Melarned, als ein Kaufmann oder Handwerker keine Wucherzinsen mehr zu zahlen brauchen, nicht das letzte Hemd versetzen müssen. Und ein Verein zur Ausstattung armer Mädchen, damit alle armen, erwachsenen Mädchen mit Ausstattung gehörig verheiratet werden (dabei stieß Reb Eli-Meier einen tiefen Seufzer aus, während er auf seine dreißigjährige Tochter Pessele blickte) und noch viele, viele ähnliche Vereine und Stiftungen gründe ich bei uns in Kassrieliwke . . . Doch warum gerade Kassrieliwke? Ueberall, wo Juden wohnen, führe ich solche schöne Einrichtungen ein, überall in der ganzen Welt! Damit aber alles in Ordnung geführt werde, ratet einmal, was ich täte? Ich gründe einen großen Verein, dem die Aufsicht über alle lokalen Vereine zukäme, über alle Juden, damit alle Juden überall *) Aus dem soeben erschienenen „Jüdischen Gemeindejahnbuch". ihr Brct haben und in Eintracht leben und in den Lehrhäusern sitzen und Chumescb mit Raschi und Gemora und Tosafoth und M'harseha und alle anderen sieben Weisheiten und siebzig Sprachen lernen. Und über alle Lehrhäuser soll ein großes Lehrhaus. natürlich in Wilna, sein, wohin die größten Gelehrten der Welt kommen sollen. Und alles soll unentgeltlich sein auf Kosten des G\vir; alles soll in Ordnung und planmäßig gerührt werden. Es soll jedes „Ich-gebe-dir-gib-mir" aufhören, alle sollen auf das Gemeinwohl bedacht sein, nur auf das Gemeinwohl! . . . Damit man aber für das Gemeinwohl sorgen kann, muß für den einzelnen gesorgt werden. Und wie wird für den einzelnen gesorgt? Natürlich so, daß er sein Brot hat. Denn Brot, sage ich euch, ist das Erste und Wichtigste; ohne Brot keine Einigkeit. Des Bissen Brotes wegen verfolgt einer den andern, schiachtet ihn ab, sticht ihm die Augen aus! . . . So ist es bei den Juden, so auch bei anderen, überall auf der ganzen Welt. Ueberall Neid, Haß und daher jedes Leid, jedes Unglück, alle Verfolgungen, Räubereien, Mördereien und Schlachtgemetzel. Der Krieg — der ist, höret, das größte Unglück in der Welt. Wenn ich Rothschild wäre, müßten alle Kriege aufhören, spurlos verschwinden! Wollt ihr wissen wie? Durch mein Geld! Ich will es euch erklären und ihr werdet es verstehen.. Wie man mir neulich erzählt hat, machten sich die Engländer über die Buren her,. Deutsche, Franzosen und die anderen über den Chinesen, mit dem Zuch'triemen des Schulmeisters in der Hand. Sie wollten ihn Mores lehren, daß er seinen Zopf abschneide und Hosen anlege. Was geht es euch: eigentlich an? Der Chinese will just ein weites Kleid und einen Zopf tragen. So soll er in Gottes Namen tragen, was ihm gefällt. Wessen Sorge ist das? Oder etwa der Türke mit seinem roten Fez. Was geht es jemand an, daß man ihm just ein Stück Land nach dem andern wegnehmen möchte? .... Und wenn vom Wegnehmen die Rede ist — da will ja selbstverständlich jeder das beste Stück. Sagt einer: „Nehmet euch Stambul und laßt mir den Bosporus!" so kommt ein dritter und meint: „Wißt ihr was? Ihr könnt lange Stambul und Bosporus wollen, ich nehme für mich die Dardanellen . . ." Darob ein Lärm: „Dardanellen? Was heißt das? Wir sollen gestatten, daß du die Dardanellen bekommst? Die Dardanellen sind Gemeingut, sie gehören allen . . . ." Kurz, Dardanellen hin, Dardanellen her, es wird solange dardanellt, bis vom Kanonenlärm die Luft erzittert und Menschenblut in Strömen sich ins Meer ergießt, da habt ihr nun eure Dardanellen! Nun käme ich und sagte: „Gemach, Brüder, ich stehe zu Diensten. Um was ist euch eigentlich in dem ganzen Wirrwar zu tun? Meint ihr denn wirklich die Hagada? Oder vielmehr die Knödel? Lieber gewähre ich euch eine Anleihe, einige Milliarden; wenn euch Gott hilft, werdet ihr mir bezahlen . . . ."

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