Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- Seite 111 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 ,Neue National-Zeitung' Seite 111 Der Gladiator. ) Von Tadeusz Konczynski. (Nachdruck nicht gestattet.) Joesdros, Navegos' Sohn, war aus dem fernen Alexandrien nach Jerusalem zum Passahfest gekommen. Er war zum erstenmal in der heiligen Stadt, von welcher die Großväter ihm wie von einem Weltwunder erzählt hatten. Seitdem er vom Taubenielsen Davids und Salomons Stadt erblickt und der Glanz des aus weißem Stein und Gold erbauten Tempels seine Augen geblendet hatte, zitterte er unausgesetzt vor Rührung und weinte jämmerlich. Niemand konnte von ihm die Ursache seines maßlosen Wehs erfahren, noch war er selbst in der Lage, zu begreifen, was mit ihm geschehen sei. Die tiefsten Saiten der Empfindungen, die manchmal im Menschen durchs ganze Leben schlummern, bis ein großer Moment beflügelter Eindrücke sie berührt, waren in ihm ins Schwingen geraten. Und so ging er wie ein Kind aufs Stadttor zu, stumm und für alles unempfindlich. Und er wußte ganz und gar nicht, was mit ihm vorgehe. Weder fiel ihm die Hast, mit welcher die Wachen die Musterung der Pilger vornahmen, auf, noch erweckten die Rufe: „Die Römer marschieren auf die Stadt" welches Grauen in ihm, noch empörte er sich, als Johannes' Leute aus seinen Bündeln alle Goldmünzen an sich nahmen, selbst Kupfergeld nicht zurücklassend. Er lächelte und weinte. Er war bereit, die Hände derjenigen, die ihn stießen und untersuchten, zu küssen. Ihre Gesichter kamen ihm trotz des grimmigen Ausdruckes überaus milde vor. Und der Glanz ihrer Schwerter und Schilde hatte etwas vom der heiligen Stiftshütte an sich. Erst als der Torwächter nach seinem Rücken griff und ein langes Bündel herunterziehen wollte, hielt Joesdros sanft seine Hand fest und bat: „Dieses eine laß!" „Vorzeigen!" lautete der strenge Befehl. Seine Hände zitterten, aber auf seinen von der Tagesglut verschmachteten Lippen kam ein Lächeln unaussprechlichen Glückes und Stolzes zum Vorschein. Schließlich schnürte er das Bündel auf, aus welchem zwei breite zweischneidige Schwerter klirrend auf die Steine fielen. „Was ist das für eine Waffe?" fragte man ihn streng. „Meine Schwerter," entgegnete er leise und bescheiden. „Was bist du?" „Joesdros, Navegos Sohn aus Alexandrien und ein Wallfahrer." „Wessen Parteigänger bist du?" wurde er weiter bedrängt. Er blickte den Fragenden mit weit geöffneten *) Aus einem Zyklus: Das untergehende J e r us a 1 e m. Pupillen an. Er wechselte die Gesichtsfarbe. Er begriff nicht, was man von ihm fordere. „In wessen Dienst willst du treten?" wiederholte man die Frage barsch in geänderter Form. Darauf fragte Joesdros schämig, denn seine Unwissenheit flößte ihm Angst ein: Gibt es einen jüdischen König in Jerusalem? Verzeiht einem simplen Menschen. Von den Vorgängen in Judäa gelangt nicht so rasch Kunde nach Aegypten." Der Soldat schaute den Anführer der Wache an. Er wußte nicht, was weiter tun. Da wandte sich der Kommandant an den Wallfahrer mit folgenden Worten: „Deine Unkenntnis können wir dir verzeihen, aber ehe wir dich in die Stadt hineinlassen, müssen wir, da du bewaffnet bist, vorher wissen, gegen wen du kämpfen willst?" Joesdros blickte Johannes' Soldaten erstaunt an. Er traute seinen eigenen Ohren nicht. Er war überzeugt, daß man sich über ihn lustig mache. Und so überzog eine Röte der Scham sein Gesicht, und er erwiderte, die Augen senkend: „Obwohl ich ein simpler Mensch bin, so bin ich doch kein dummer Junge. Flüchtlinge aus Jotopata ließen uns wissen, was für eine Gefahr Jerusalem bedroht. Gelobt sei der Herr der Heerscharen, denn ich bin noch zur rechten Zeit eingetroffen." „Diese Schwerter" — fügte er mit Stolz hinzu — „werden auf die Köpfe der Römer niedersausen". Die Soldaten zuckten die Achseln, während ihr Befehlshaber ihn argwöhnisch fragte: „Bist du in der Kriegskunst bewandert?" Joesdros richtete sich in die Höhe und auf seinen Lippen kam ein Lächeln des Triumphes zum Vorschein. Er blickte wohlgefällig auf die beiden schimmernden Schwerter und sprach folgendermaßen: „Das sind meine Kinder. In gladiatorischen Ringkämpfen bin ich geübt. In ganz Aegypten gibt es nicht einen, der mir gleich käme. Ich war bei den großen Wettkämpfen in Rom und ich habe die tüchtigsten Fechter aus Gallien und Umbrien in den Sand gestreckt. Ich bin heute im ganzen Imperium der erste in meinem Handwerk." Er neigte sich leicht zu den Schwertern nieder, deren Schneiden die Steine berührend einen gedehnten Pfiff von sich gaben, erfaßte eines am Knauf und streckte es gegen die Wache aus. Die Soldaten wichen instinktiv zurück. „Ich habe meinen Vorfahren geschworen" — fuhr Joesdros mit gerührter Stime fort — „daß ich das, was ich am besten besitze, und was mir das Teuerste ist, der heiligen Stiftshütte als Opfer darbringen werde und mein Leben als Zugabe. Dieses Schwert ist das, was mir das Teuerste ist und mein Handwerk ist das, was ich am besten besitze. Erlaubet, daß ich vor der Stiftshütte des Herrn bete und dann zeigt mir, wo die römischen Legionen stehen. Ich gehe als erster, selbst, allein . . ." Er stand vor ihnen wie eine eherne Bildsäule. Seine stählernen Füße hatten sich in den Erdboden hineingewühlt, der Arm streckte sich mit einer unbezähmbaren Kraft und das breite Schwert glitzerte mit seinen beiden unheilverkündenden Schneiden.