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Neue Nationalzeitung · 1913-05-09 · Heft 10 (9.5.1913) · p. Seite 79

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 10 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 10 ^____„Neue National-Zeitung" ______________________________________Seite 79 FEUILLETON. J. L. Perez: Satje, der Fischer. (Schluß.) Und ein barfüßiger alter Mann, ohne Hut. mit flatternd grauen Haaren, mit einem verrunzelten Gesicht wie das Meer, nur ohne das falsche, süße Lächeln des Meeres, kommt aus einem der Häuschen heraus, geht auf Satje zu, legt ihm die Hand auf die Schulter und spricht: „Sieh doch!" Und zeigt ihm einen kleinen schwarzen Punkt, den nur ein Fischerauge sehen kann, am Saum des Himmels. „Daraus wird eine Wolke . . . ." „Ich werd' noch früher zurück sein," antwortet Satje, „ich will nur einen Fisch fangen." Und ernster wird das Gesicht des alten Nachbarn: „Hast Weib und Kind, Satje!" „Und einen Gott im Himmel!" antwortet Satje zuversichtlich. Er geht ja, um sein frommes Werk zu tun. Stößt das Boot ab und springt hinein. Und wie eine Feder, so leicht schwebt Satjes Boot über das Meer hin, und das Meer wiegt es. süße Liedchen summend, und umsäumt es mit den schönsten Perlen, die es 'besitzt. Der alte Fischer aber steht am Strand und murmelt: „Heilige Maria!" Leicht schwebt Satjes Boot über das Meer hin. Geschickt wirft er sein Netz aus und das Netz wird immer schwerer und schwerer. Mit aller Kraft kann er es kaum herausziehen. Aber: kein einziger Fisch ist drin. Nichts als Wasserpflanzen und Seesterne. Der alte Fischer am Strand hat das Boot schon längst aus den Augen verloren. Satje zieht schon zum dritten und zum vierten Male das Netz aus den Fluten. Nicht leicht ist's, denn allerlei Wasserpflanzen haben sich drein verflochten. Nur kein Fisch, kein einziger Fisch. Und das Meer wogt immer stärker und stärker und die Sonne ist schon zum Himmel emporgestiegen. Doch feucht ist ihr Glanz; eine trübselige Sonne. Und der kleine schwarze Punkt am Saum des Himmels hat sich inzwischen unter ihr hingezogen, wie eine braune Schlange; die wird dunkler und dunkler und rückt ihr immer näher. Schon ist Mittag; und noch immer fährt Satje auf seinem Boot, versucht noch immer sein Glück. Gott will wohl nicht, daß ich in diesem Jahr mein frommes Werk tue, denkt er. Nun, so muß ich zurück. Und ihm wird gar traurig zu Mut. Er muß sich wohl gegen Gott versündigt haben, daß er heuer kein Opfer von ihm haben will. Mit festem Griff faßt er das Ruder und will das Boot zurücksteuern. Im selben Augenblick aber spritzt ihm Gischt ins Gesicht, er wendet sich um und sieht einen großen goldenen Fisch, der spielend über das Meer schnellt und mit seinen Schwanzflossen um sich spritzt. Den Fisch muß er fangen. Den hat ihm Gott gesandt, der seinen Verdruß sah und seinen heißen Wunsch, das fromme Werk zu tun. Und er steuert wieder herum und jagt dem Fisch nach. Das Meer ist ganz unruhig. Immer höher heben sich die Wellen. Schon ist die halbe Sonne von einer Wolke bedeckt, hinter der ein Bündel weißer Strahlen schräg hervorfällt. Und der Fisch schwimmt über die Wogenkämme und Satjes Boot ihm nach. nach. Plötzlich verschwindet er. Eine Woge, die der Wind aufgescheucht, aufgeblasen hat, türmt sich zwischen ihm und dem Boot. Ein Blendwerk, denkt Satje, und will wieder herumsteuern und zurückfahren. Schon aber sinkt die Woge und der Fisch ist wieder da, kommt fast bis ans Boot herangeschwommen und sieht Satje mit seinen großen Augen, als bäte er ihn: Fange mich, fange mich; laß mich dir dienen für das fromme Werk das du vorhast. Da steuert Satje wieder herum; aber schon ist der Fisch wieder verschwunden. Wieder hat sich eine Woge zwischen ihn und das Boot geschoben. Der Zorn des Meeres hat wieder zu toben begonnen. Es singt kein süßes Lied mehr, sondern ein grimmes. Wie dreist, jetzt auf ihm fahren, jetzt seine Wellen treten zu wollen! Und die Sonne versteckt sich hinter die Wolke, als wäre sie vor dem Meer erschrocken. Der Wind aber hat wohl nur darauf gewartet. Nun ist er frei und läßt in entfesseltem Zorn sich gehen, peitscht das Meer wie mit Ruten und reizt es noch mehr auf. Und das Meer braust und kracht, als ob tausend Baßgeigen in seinem Innern, tausend Kesselpauken in seinen Wellen spielten. Zurück! Zurück! Satjes Herz klopft. Er zieht das Netz ein, faßt das Ruder mit stärkerem Griff und arbeitet mit aller Kraft, daß ihm fast die Adern an den Armen bersten. Wie eine Nußschale hüpft das Boot hin und her auf den Wassern, der Himmel ist schwarz, zornig, braun das zerrissene Meer. Und er arbeitet wieder mit aller Kraft. Plötzlich sieht er, wie von der Seite etwas an das Boot heranschwimmt: ein menschlicher Körper; ein Ertrunkener; ein Weib. Er sieht die Haare ganz nah vor sich, schwarze Haare . . . Sein Weib hat solche Haare. Unter den Haaren lugen weiße Hände hervor .... Sein Weib hat solche Hände. Und eine Stimme ruft: „Rette mich!" Das ist die Stimme seines Weibes, der Mutter seiner Kinder .... Sie wird ihm auf dem zweiten Boot nachgefahren sein. Sie ertrinkt, sie ruft ihn um Hüte an . . . Er dreht das Boot nach rechts, will auf die ertrunkene Gestalt zu, das Meer hindert ihn. Wellen türmen sich auf. Der Sturm rast und heult; aber er hörte ihre Stimme durch den Sturm: „Rette mich, rette mich, Satje, rette mich!" Die letzten Kräfte bietet er auf, um an sie zu kommen. Nun ist er nicht mehr weit von dem weißen Fleck. Die Haare sieht er nicht mehr, nur das schwimmende, untergehende Kleid. Schon reicht er mit dem Ruder hin. Aber da erhebt sich wieder eine Welle zwischen ihm und ihr und sie wird nach einer, das Boot nach der anderen Seite getrieben. Ihm fällt ein, daß es ihm mit dem goldenen Fisch nicht besser ging. Ein Blendwerk, denkt er wieder. Und da er unwillkürlich nach der Küste blickt, sieht er, daß in dem Fischerhäuschen schon Licht gemacht ist. Jörn Kippur! Er erinnert sich und läßt das Ruder aus den Händen. „Tue mit mir nach deinem Willen!" schreit er zum Himmel hinauf. „Aber am Jörn Kippur rudere ich nicht!" Der Sturm tobt, die Wellen werfen das Boot von Schlund zu Schlund. Und Satje sitzt ruhig da,

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