Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 24 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2425679-2425857-2425882--2554-2428995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NSÜS WKiONftL-ZBCUNG XIV. Jahrgang. Wien, 6. Dezember 1912. Chanuka. Nr. 24. Während einer großen wellumstürzenden Epoche feiern wir diesmal das uralte Fest der Lichter. Wieder haben die Geringen unerwartet über den Mächtigren den Siegdavongetragen. Zerschellt und niedergetreten ist ein großes Reich und das geheimnisvolle »Mene Tekel Upharsin ', wie wurde es abermals zur schauderhaften Wahiheit. Auf unserer großen Wanderung erlebten wir Juden seit den Tagen des Antiochus und seines heldenmütigen Besiegers, des Makkabäers Juda, schon öfter ähnliche Ereignisse, wie wir sie jet?t schaudernd vor unseren Augen sich entwickeln sehen. Warum aber sollten wir es leugnen? Wir können der Türkei unser Mitleid nicht versagen. Großer Undankbarkeit müßten wir uns zeihen, wenn wir nicht mit einer gewissen Wehmut dieses Reich zusammenstürzen sähen. Kein Zweifel, die Türkei hat viele unverbesserliche Fehler begangen, besonders aber die, sich einer neuen, unaufhaltsam vorrückenden Zeit zu verschließen. Aber niemals können und dürfen wir es den türkischen Sultanen vergessen, wie sie vor einem halben Jahrtausend die ..Christenpflicht" erfüllten, und den aus den Ländern des europäischen Westens flüchtenden Juden ihre Länder und Städte eröffneten, freilich diese auch nicht am wenigsten durch die auf- und vorwärts strebenden Juden zu ungeahnter Blüte brachten. . . . Das ist nun alles vorbei. Das türkische Reich — ein Trümmerhaufen, die einstens blühenden Städte — Ruinen. Und wieder leuchten die bescheidenen Chanuka- Lichtlein in jüdischen Häusern. Es werden in dieser Zeit Vorträge über unsere geschichtliche Vergangenheit gehalten, wie es schon geht, mehr oder weniger gelehrte, mehr oder weniger flache Vorlesungen, die Kinderbeteilungen erinnern daran, daß Chanuka ein wenig vom Weihnachtsfeste abgefärbt hat, die Lichtlein dieses Festes ihren Glanz vom Weihnachtsbaume erborgt haben. Die alte, schlichte Chanukafeier wer kennt sie in unseren Tagen? Man muß es verstehen, sich zu inszenieren. Und das können manche unter uns schon sehr gut. Für wie viel aufdringliche Wichtigtuerei, eitle Großmannssucht und falschen Schein muß nicht die alte Makkabäergeschichte herhalten? Die Chanukazeit ist der passende Augenblick für unsere modernen jüdischen Helden beiderlei Geschlechtes geworden, mit lärmendem Posaunenschall auf die eigene hochwichtige Persönlichkeit aufmerksam zu machen und mit lauter Kehle auszurufen: „Seht doch, was für Staub wir machen und wie wir euch Sand in die Augen streuen." Wir haben unsere Makkabäerhelden auch heutigen Tages, Helden allerdings, die weniger Juda gleichen, mehr dem sinnreichen Hidalgo, dem wohlbekannten und vielbelachten Don Quichote. Diese Makkabäerhelden von der traurigsten Gestalt, Ritter, nicht ohne Furcht und Tadel, werden nun ihren Einzug halfen in die etwas muffige Ratsstube des Wiener Kulfusvorsfandes. Wie die Osmanen, um die Welt zu erobern, zogen diese komischen Helden einst aus, um das Judentum zu erneuern, als Zionswächter stimmten sie — es ist lange, lange her Makkabäerlieder an, die Wacht am Jordanstrande wollten sie behaupten, und wie haben sie geendet, sie, die einstens bei Studenten-Kommersen die Schale ihres äsenden Spottes über die sogenannten Führer des Judentums, Rabbiner - mit den Abbes wurden sie von ihnen schalkhaft verglichen — und Vorstände ausschütteten? Ja nun, sie endeten als faule Kompromißler unter lautem Beifallsklatschen der wohlbezahlten journalistischen Lobredner des Friedens in der Gemeindestube. Und da wir schon einen Vergleich zwischen unseren jetzigen Hasmonäern und den Osmanen ziehen, wollen wir diesen weiter fortseien und zu Ende führen. Audi sie glaubten