Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 20 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 von Rappaport, Schipper und B a 1 a b a n beanspruchen ein besonderes Interesse. R a p p a p or t behandelt in' seiner historischen Studie das Wesen des Chasmonäefestes, Schipper nimmt sich einer arg vernachlässigten Disziplin, der jüdischen Wirtschaftsgeschichte, an. Die Arbeit B a 1;i b a n s heißt: „Jüdische Aerzte und Apotheker aus Italien und Spanien im XVI. und XVII. Jahrhundert in Krakau." Die „Heimkehr" schließt mit dem Fragment eines Artikels von B u b e r ab. J. S. ZEITSCHRIFTEN-RUNDSCHAU. Die Neujahrsnummer des „American Hebrew". Aus Anlaß des Neujahrsfestes hat der „American Hebrew", das Organ der oberen jüdischen Zehntausend von New York, eine Festausgabe veranstaltet, die sowohl durch ihre Ausstattung als auch durch ihren Inhalt auch diesseits des „großen Teichs" zu interessieren geeignet ist. Von einem besonderen Gesichtspunkte wird der jüdische Journalist in Europa diese Zeitungsnummer beurteilen und wider Willen werden ihn Gefühle des Neides beschleichen. Die 60 Seiten Text enthalten ca. 30 Seiten Inserate allererster Bankfirmen, Versicherungsgesellschaften, Fabriken, Hotels, Schiffahrtsgesellschaften usw. Das beweist am besten, welches Ansehen die jüdische Presse in Amerika genießt und welchen Einfluß sie hat. Eine Presse, die solche Einnahmen hat, kann selbstverständlich ihren Lesern auch viel mehr bieten, als die europaischen und insbesondere die österreichischen Judenzeitungen, denen die Juden keine Inserate geben wollen, weil sie sich ihres Judentums schämen und die Christen, weil sie nicht als Judenfirmen verschrieen werden wollen. Nach dieser Feststellung, die wir auch einmal in eigenem Interesse vornehmen mußten, um unseren Lesern die schwierige Lage der unabhängig und anständig sein wollenden jüdischen Presse in Oesterreich vor Augen zu führen, gehen wir zum reichen Inhalte obiger Zeitschrift über. Da finden wir vorerst eine Jahresrevue der jüdischen Ereignisse in den verschiedenen Staaten und es fällt uns wieder dieselbe merkwürdige Tatsache auf, die wir bereits anlässlich der Besprechung des amerikanischen „Year book" gerügt haben: für die jüdischen Revueschreiber in Amerika existieren die Juden in Oesterreich-Ungarn überhaupt nicht. Neben einer Revue der jüdischen Welt in Nord-Amerika mit einem besonderen der Wohltätigkeit gewidmeten Kapitel finden wir Revuen der Juden in Rumänien, Rußland, Frankreich, Italien, England und Deutschland. Oesterreich, insbesondere Galizien mit seinen ins New-Yorker Ghetto reichenden Fäden bleibt ganz unberücksichtigt. . . . Von den weitern Artikeln sind besonders aktuell ein Interview mit Rabbiner Henry Cohen von Galveston über den Zufluß der jüdischen Einwanderung nach dem Süden von Nord-Amerika, sowie ein Aufsatz „Deborah, die erste Suffragette" von Adele Rabinowitz. Eine Reihe von Illustrationen des bisher noch wenig bekannten Malers Jurij Paen in Witebsk, die ihre Motive aus dem Ghettoleben schöpfen, wie der „Ehevermittler", die „Uebergabe des Scheidebriefes*, die „Frau beim Deutschchumisch", geben der Zeitung einen künstlerischen Anstrich. Form und Inhalt dieser Zeitschrift beweisen am besten, daß eine jüdische Zeitung den amerikanischen Juden zu etwas mehr dient, als zu Verlobungs-, Hochzeits- und Todesanzeigen. Agathe ßarsescu über das jüdische Theater. Die gewesene Hofburgschauspielerin Agathe B a r s e s c u, eine Rumänin, die seinerzeit durch ihr Gastspiel am jüdischen Theater in New-York Aufsehen erregt hat, befindet sich in Wien, wo sie an den Mirakel-Aufführungen des Frof. Reinhardt in der Rotunde mitwirkt. Ein Mitarbeiter des „Czernowitzer Tagblatt" hatte mit ihr ein „Interview", wobei sie auch auf das New-Yorker Gastspiel zu sprechen kam. Ihre Ausführungen sind ungemein interessant zur Beurteilung, wie eine hervorragende Bühnenkünstlerin das jüdische Theater zu würdigen weiß. Fräulein Barsescu sagte darüber folgendes: »Sie möchten etwas über mein dereinstiges Gastspiel am New-Yorker jüdischen Theater erfahren? Nun, bei Ihnen gingen ja die abenteuerlichsten Gerüchte darüber um. Man erzählte, daß es mir in New-York so schlecht erging, daß ich diese letzte Zuflucht suchen mußte. Für mich war das Gastspiel am jüdischen Theater ein Experiment, das mich reizte. Das jüdische Theater ist in New-York eine Bühne wie jede andere. Es verfügt über ganz hervorragende Künstler, über alle modernen technischen Behelfe und über ein sehr großes künstlerisch empfindendes Publikum. Freilich da und dort fehlt es noch an Finesse, an dem letzten künstlerischen Schliff. Manches mußte ich als künstlerische Barbarei empfinden, doch an dieser leidet in New-York nicht das jüdische Theater allein. Es liegt dies an der amerikanischen Art, an einem Geschmack, der von dem unseren grundverschieden ist. Mir selbst erschien es während meines Auftretens als Deborah recht merkwürdig, daß ich als Nichtjüdin die einzige jüdische Rolle des Stückes darstellte. Uebrigens ist ja zuletzt auch Schildkraut am jüdischen Theater aufgetreten und kein Mensch findet dies jetzt als eines europäischen Künstlers unwürdig. Man wird dort so glänzend honoriert als in irgend einem sonstigen großen Theater. Nur ist das Publikum viel enthusiastischer. Nach meinem ersten Auftreten wurden Reden gehalten, in denen mit Stolz auf das Mitwirken einer europäischen Hofschauspielerin hingewiesen wurde. Das war ein Versuch und ich weiß nicht, o b ich i Ii n je wiederholen werde". D.e Berufung des Dr. Jellinek nach Wien. In der „AUg. Zeitung des Judentums" hat jüngst ein „alter Mann" die Einzelheiten der Berufung Dr. Jellineks nach Wien mit besonderer Ausführlichkeit geschildert. Eingeweihten kamen manche Details etwas phantastisch vor. Dieser Meinung gibt nun der greise Professor Gotthard Deutsch in einer Zuschrift an die Redaktion Ausdruck. Die Zuschrift, die auch für Wien aktuell ist, lautet: Herr Redakteur! Es scheint mein Fatum zu sein, die Legendcnbildung der Gegenwart zu verfolgen. Jedenfalls macht es mir Freude und bringt dem Leser Gewinn, wie ich unbescheiden gentig bin zu glauben. Der „alte Mann", welcher in Ihrem geschätzten Blatte Nr. 33 Erinnerungen an Adolf Jellinek erzählt, hätte zeitiger beginnen sollen, denn inzwischen sind diese Erinnerungen durch den Heiligenschein der Legende vergoldet worden. Er sagt : „Trotz der leeren Tempelbänke in Leipzig wurde Jellinek von dem damaligen Kultusvorstande, der, ohne daß jener davon eine Ahnung gehabt hatte, vorher Experten nach Leipzig delegiert hatte, nach Wien berufen. An und für sich wäre das nur eine würdige Art der Berufung gewesen, wie wir sie bei alten und orthodoxen Gemeinden noch heute und — auf dem Wege einer merkwürdigen Antinomie — in den führenden Gemeinden und Reformgemeinden Amerikas jetzt von neuem finden. Im Falle von Jellineks Berufung nach Wien ist diese Geschichte eine Legende. Die Wiener Gemeinde respektive ihr Vorstand hat vor 56 Jahren ebensowenig als heilte ahnungslose Prediger im Schlafe überfallen und sie mit vorgehaltener Pistole gezwungen, einen Anstellungskontrakt zu unterschreiben, oder sie gefesselt und geknebelt auf die Eisenbahn geführt und erst auf der Kanzel des Tempels in der Seitenstettengasse losgelassen.