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Neue Nationalzeitung · 1912-08-30 · Heft 17 (30.8.1912) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 17 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 17 Stunden zur Abfahrt bereit. Allein da tauchte die Paßfrage auf. Wir waren beide politisch verdächtig und mußten auf fremden Namen reisen. Wir bekamen schließlich von Parteigenossen zwei Pässe. Sie waren in Ordnung, aber mit manchen Mängeln. Ich war bloß um 15 Jahre jünger nach dem Paß, sie dagegen um 10 Jahre älter. Das hätte nichts gemacht, wenn die Pässe nicht noch einen größeren Mangel gehabt hätten: Wie zum Trotz erhielt ich einen christlichen Paß und sie einen — jüdischen. Nun, sie hätte man noch vielleicht als Jüdin ansehen können, wegen ihres schwärmerisch-wehmütigen Golus-BHckes, aber ich, wie Sie mich da sehen, passe durchaus nicht für den Namen „Klis Triponowitsch Solowjew". Allein ich konnte keinen anderen Paß herbeizaubern und so rechnete ich auf ein Wunder. Und Gott hat uns auch wirklich gerettet. Wir gelangten anstandslos über die Grenze und trafen unbehelligt in Petersburg ein. Stefanowa begab sich zu einem Bekannten, um dort zu übernachten. Er verlangte von ihr den Paß, denn es war damals in Petersburg sehr streng. Er blickte in den Paß — welch Entsetzen! — ein jüdischer Paß: Chane Henje Feigelmann. ,Da kommt ja gleich der Befehl: Abreisen binnen 24 Stunden', rief er aus. Was ließ sich da machen? Da war Rat sehr teuer. Man wandte sich an gute Freunde, an Eingeweihte um Hilfe und Intervention. Sie wurde angemeldet als Geschäftsreisende. So vergingen einige Tage. Aber das genügte nicht. Stefanowa (Chane Henje heißt das) wurde aufs Revier geladen. Man wollte wissen, mit wem sie handelt, von wem sie kauft und wem sie verkauft. Es kostete 3 Rubel und sie hatte wieder einige Tage Ruhe. Aber nicht länger. Der Paßbeamte ist ein Mann mit einem gesunden Magen, er hat eine zahlreiche Familie und er will wirklich wissen, wie es Chane Henje in ihren Geschäften geht. Chane Henje verreist auf einige Tage und wird abgemeldet. Sie kehrt aber wieder zurück und da beginnt dieselbe Geschichte. Es bleibt also nichts anderes übrig, als die Wohnung zu wechseln und in einen anderen Bezirk zu übersiedeln, wo der Paßbeamte ebenfalls reich mit Kindern gesegnet ist. Sie hat keine Ruhe. Es vergeht keine Woche, daß sie nicht aufs Revier geladen wird. Stellen Sie sich die ganze Situation vor! Eine echt christliche Tochter, tief steckend in revolutionärer Arbeit, im Zimmer angehäuft verbotene Literatur — und dabei fortwärend belästigt von den weißen Knöpfen. Die arme Stefanowa war erbittert und vergrämt. Eines Tages besucht uns ein Genosse aus der Provinz, ein Jude. Wir sitzen alle zusammen und ich erzähle ihm von allen den Leiden, denen Stefanowa wegen des Passes ausgesetzt ist. Da springt er auf und mit einem schallenden Gelächter schreit er uns an: — „Seid ihr verrückt oder blöd. Da gibt es ja einen einfachen Ausweg: taufen soll sie sich!" Wir begannen alle zu lachen; das war ja das Kolumbusei und keinem von uns ist das eingefallen. Ich war damals zwar kein Nationalist, aber für die Getauften hatte ich keine Sympathie. Ich hielt die Taufe eines Juden für etwas häßliches. Aber im vorliegenden Falle war ich gleich dabei. Ich freute mich, daß die Juden ein so schönes Privileg hatten, sich taufen lassen zu können. Wir konnten jetzt einen Menschen vor Verfolgungen und ein Komitee vor dem Zusammenbruch schützen. Und womit? Wenn sich eine christliche Tochter tauft!" III. — „Ich war nun", setzte Grünwald fort, „ganz beruhigt. Nachdem einige Tage verstrichen waren, beschloß ich, Stefanowa zu besuchen, um sie zu beglückwünschen. Als ich bei ihr ankam, da scherzte ich mit ihr wegen ihrer Taufe und fragte sie, ob sie das Kreuz nicht allzusehr drücke. Darauf antwortete sie mir, daß sie beim Popen noch gar nicht gewesen war". — „Warum?", fragte ich. — „Ich hatte keine Zeit", antwortete sie leise. — „Nun so machen Sie das rascher! Sie müssen Ihren Aufenthalt legalisieren, sonst kann jeden Moment etwas unangenehmes passieren." Eine Woche war verstrichen und ich begegnete ihr wieder. Sie war noch immer nicht beim Popen. Ich wurde zornig. „Heute müssen Sie endlich hingehen", sagte ich. „Heute muß es ein Ende nehmen". Sie schwieg einen Moment und sprach dann leise: — „Es ist ekelhaft ..." — „Was ekelhaft? Ich verstehe Sie nicht", erwiderte ich. — „Die ganze Geschichte mit dem Taufen". — „Ja, wenn Sie eine Jüdin wären! Aber Sie sind doch eine Christin und bereits getauft". — „Aber das soll doch nur eine Komödie sein", antwortete sie. — „Nun, wenn das eine Komödie ist, dann machts ja nichts". — „Das ist es ja", sagte sie, „was so ekelhaft ist. Mit solchen Dingen Komödie spielen, mit dem Glauben". — „Da seht's Ihr", platzte ich heraus, „man könnte noch glauben, daß Sie eine gläubige Christin sind". — „Eine gläubige Christin bin ich selbstverständlich nicht", sagte sie. „Aber ich kann daran nicht vergessen, daß das, was ich zum besten halten will, für Millionen Menschen ein Heiligtum bildet". „Sie sprechen wie eine Anhängerin Tolstois", antwortete ich ihr. „Wenn Ihnen so schwer ist, Komödie zu spielen, warum halten Sie dann die Regierung zum besten?" — „Sie vergessen, daß der Gendarm für niemanden ein Gott ist", erwiderte sie. — „Sie sprechen Narreteien", rief ich ihr unwirsch zu. — „Es kann sein", antwortete sie. „Aber es gibt Empfindungen, die mehr beeinflussen, als der Verstand". Sie schwieg eine Weile und fügte dann hinzu: — „Ich will Ihnen die Wahrheit gestehen: Ich bin der Ansicht, daß nur derjenige den fremden Glauben zu einer Farce machen kann, der selbst an nichts glaubt und der keinen eigenen Gott im Herzen hat." Alle meine Bemühungen waren vergeblich; sie wollte sich nicht taufen lassen. Wie gefällt Ihnen dieser goj'sche Kopf?!

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