Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 17 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEU LLETON. S. An—ski: Ein goj'scher Kopf.*) i. In der Eisenbahn, auf dem Wege von Wilna nach Warschau, habe ich einem alten Bekannten begegnet, den ich schon 7—8 Jahre nicht gesehen hatte. Während unserer früheren Bekanntschaft war der Mann glatt rasiert. Er nannte sich „Apanasius" und war sehr revolutionär. Jetzt trug er bereits einen bürgerlichen Bart, kleidete sich europäisch und nannte sich wahrheitsgetreu: Moses Grünbaum. Wir waren alte Bekannte, trafen oft zusammen, aber wir waren keine guten Freunde. Wir gehörten zwei verschiedenen Parteien an, welche miteinander Krieg führten. Und da wir uns beide rednerisch betätigten, ja sogar Parteiführer waren, so kam es oft vor, daß wir einander sehr oft mit scharfen Reden, ironischen Bemerkungen und Stichwörtern, manchmal sogar in beleidigender Weise bekämpften. Jetzt, als wir nach so langer Zeit wieder zusammentrafen, da war unsere einstige Gegnerschaft ganz vergessen und wir freuten uns miteinander, wie alte gute Freunde, die zusammen wunderbare Ereignisse erlebt hatten. Wir erinnerten einander an die heißen Kämpfe und scharfen Debatten. Wir sprachen davon mit einer warmen, lieblichen Ironie, wie wenn es sich um Erinnerungen aus der Kindeszeit handeln würde. Wir fühlten, daß es die schönste Zeit unseres Lebens gewesen .ist. Im Gespräche fühlte ich, daß Grünbaum sich dem Judentum genähert hat, daß er sich für jüdische Kulturfragen mehr intressiert, mit einem Worte — daß er sich bekehrt hat. Und so haben wir bis spät in die Nacht geplaudert, alte Erinnerungen wachgerufen, die alten Bekannten und Genossen Revue passieren lassen. Viele waren zerstreut in Sibirien und in Gefängnissen. — „Ach! Was für eine Verwüstung haben wir erlebt. Was für eine schreckliche Verwüstung. Nicht nur wir allein; sie selbst haben vielleicht eine noch größere Verwüstung erlebt als wir", fügte er hinzu. Wenn ich in den früheren Jahren aus dem Munde Grünbaums das Wort „sie" hörte, da gab es für mich keinen Zweifel, daß er damit die S. R. (Sozial-Revolutionäre) meinte; andere „wir" und „sie" hat es für ihn damals nicht gegeben. Jetzt aber war es für mich klar, daß er darunter das russische Volk verstanden hat. — „Eine größere Zerstörung als wir?", sprach ich verwundert. „Ich sehe gar nicht ein, warum sie uns beneiden könnten — es sei denn, wegen der Taufseuche. Das ist der einzige Punkt, wo die Juden mehr Rechte haben, denn sie können sich, selbst wenn sie wollten, nicht taufen lassen". Neben uns saß im Kupe ein bejahrter Mann, ein jüdischer Arzt auf einem kleinen Städtchen. Er *) Der bekannte Petersburger Schriftsteller S. An—ski, dessen Erzählungen in russischer und jiddischer Sprache sehr beliebt sind, hat hier eine wahre Begebenheit in die Form einer Erzählung gekleidet. Den Titel haben wir in der Originalsprache beibehalten, da uns die wörtliche Uebersetzung in „Ein christlicher Kopf nicht genug markant erschien. Die Redaktion. hörte schweigend unserem Gespräche zu. Allein bei meinen letzten Worten, da mengte er sich ins Gespräch: — „Was glauben Sie denn, wirklich ein bitteres Leid! Von einem ganzen Erwerbszweig ausgeschlossen! Was für goldene Geschäfte haben Menschen da gemacht!" — „Warum denn?", fragte Grünbaum. — „Von der Taufe. Während der großen Juden - Vertreibung aus Moskau", erzählte nun der Arzt, „als sich Tausende Juden taufen mußten, da fand sich ein Jude, der dabei ein großartiges Geschäft machte. Er taufte sich für andere, um ihnen die Mühe zu ersparen. Heute ging er zu einem Geistlichen mit einem Paß, morgen zu einem anderen Geistlichen mit einem anderen Paß. Als er sich bereits bei allen Moskauer Geistlichen getauft hatte, da ging er auf die Provinz, um sich dort zu taufen. Kurz, "der Mann hat sich 54 mal taufen lassen, verdiente einige Hundert Rubel und fuhr dann auf die hohen Feiertage nachhause. Getauft hat er sich lediglich für andere, wegen des Verdienstes. Er selbst ist Jude geblieben". Ob die Geschichte nun wahr war oder bloß ein Witz — lachen konnten wir dabei nicht. — „Nun will ich Euch eine Taufgeschichte erzählen und wirklich von einer christlichen Taufe, an der ich selbst aktiv beteiligt war", mengte sich Grünbaum ins Gespräch. „Sie werden sehen, wie selbst ein Christ manchesmal auch in die glückliche Lage kommt, sich zu taufen. Nun hat er aber nicht immer den Verstand, diese Gelegenheit auszunützen..... Ich sage Ihnen, derartige Dinge kommen nur im revolutionären Leben vor". — „Also erzählen Sie", bestimmte ich ihn. II. — „Sie erinnern sich vielleicht", fing Grünbaum an", daß, als wir beide in Bern studiert hatten, da lebte dort eine Studentin Stefanowa, mit ihrem wirklichen Namen Anastasia Iwanowna. Sie war eine Blondine, von mittlerer Statur, mit energischen Zügen. Es gab keine Versammlung, bei der sie nicht anwesend war. — „Ich erinnere mich noch sehr gut", habe ich erwidert. — „Sie war eine feurige Sozialdemokratin, mit ihrer ganzen Seele der Sache ergeben. Ihr Vater, ein General, sandte ihr monatlich hundert Rubel und diesen Betrag verwendete sie wieder im Dienste der Partei; sie galt als eine der anhänglichsten Genossinen. Einmal, als in Petersburg Massenarretierungen erfolgten, erhielt ich vom Zentralkomitee den Befehl, sofort mit Stefanowa nach Petersburg zu reisen und in das dortige Komitee einzutreten, von dem drei Viertel verhaftet waren. Es war damals eine heiße Zeit, Streiks, Demonstrationen, der Kampf gegen die S. R., und in der Partei selbst herrschte keine Einigkeit. Mit einem Worte, Gefahr war im Verzuge. Stefanowa hatte gerade die Universität beendet und sollte ihre Prüfung ablegen. Als ich ihr den Befehl des Zentralkomitees übergab, da hat sie sich nicht einen Moment besonnen. Sie warf ihr Studium beiseite und war in einigen