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Neue Nationalzeitung · 1912-08-30 · Heft 17 (30.8.1912) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 17 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NSUS NftCiONftL-ZEiCüNG DrS.R.LNNDlSü XIV. JAHRGANG. WIEN, 30. August 1912. Nr. 17. Die Dumawahlen und die Juden in Rußland. Die russischen Juden wollen sich nicht ruhig abschlachten lassen. Eine sechsjährige Periode parlamentarischer Rechtlosigkeit, da sie in der dritten Duma keinen einzigen Vertreter einer jüdischen Majorität, sondern bloß zwei Zufalls-Deputierte aufzuweisen hatten, genügte, um das nationale Selbstbewußtsein und die politische Reife der jüdischen Volksmassen zu fördern, um sie aus der bisherigen Apathie zu wecken und sie zum Kampfe mit dem Stimmzettel anzuspornen. Vielleicht doch! . . . Schon ist ganz Polen im Aufruhr. Die Wählerregister sprechen eine allzudeutliche Sprache. Warschau, das Herz und die Residenz Polens, Lodz, die größte Fabriksstadt, Wilna, die Hauptstadt Lithauens, stehen vor der „Gefahr", jüdische Abgeordnete zu entsenden. So winselt und jammert die polnische Presse hüben und drüben. Und es beginnen die versteckten Drohungen und die gleisnerischen Versprechungen. Denn an den Wählerziffern ist nicht zu rütteln. Die Warschauer Juden werden kraft ihrer Wählerzahl über 50 Wahlmänner, die Polen dagegen bloß über 30 und zusammen mit der Arbeiterkurie über 33 Wahlmänner verfügen. In Lodz sind den Juden 50, den Polen, Deutschen und Sozialdemokraten bloß 35 Wahlmänner sicher. In Wilna stehen in der einen Kurie 1138 jüdische gegen 738 christliche Urwähler und in der zweiten Kurie 4254 jüdische gegen 3755 christliche Urwähler. Wilna, das in der ersten Duma durch den Zionisten Dr. Schemarya L e w i n vertreten war, wird jetzt wieder an die Juden zurückfallen; sie können in Polen noch zwei weitere Mandate erobern, wenn sie einig und geschlossen vorgehen, wenn sie nüchtern, unerschrocken, dem Trieb der Selbsterhaltung folgend, die Macht ergreifen, auf die sie im Grunde des Majori tätsprinzipes Anspruch haben. Leider sind darüber in der Warschauer Judenschaft, die in drei Lager zerklüftet ist, die Ansichten geteilt. Die Assimrlanten, Ghassidim und Nationaljuden sind weder über einen gemeinsamen Kandidaten, noch über eine jüdische Kandidatur einig. Man spricht von einem Kompromisse, wonach den Juden das Mandat von Lodz — das ihnen ohnehin zufällt, überlassen bleibt, wenn sie auf Warschau verzichten. Jedenfalls würden dann die Juden in Warschau eine fortschrittliche Kandidatur fördern und dadurch der bisherigen allpolnischen Praeponderanz den Garaus machen. Verdienen die Polen die mindeste Rücksicht? Haben sie nicht selbst in der Duma rücksichtslos für die Beschränkung des jüdischen Wahlrechtes im Bereiche der autonomen Verwaltung Polens gestimmt? Hat das Kolo Polskie in der Duma jemals den Juden seine Sympathie kundgegeben? . . . Und dennoch sollen die Warschauer Juden auf ihr sicheres Mandat verzichten, weil sonst die polnische Residenz mit einem nationalen Schönheitsfehler behaftet wäre! Das wäre ein politischer und nationaler Fehler. Gerade die Juden Polens dürfen auf kein einziges Mandat verzichten. Noch ist es möglich, daß das Gesetz über die Selbstverwaltung Polens, in welchem die Juden über Betreiben der Polen zu Staatsbürgern II. Klasse degradiert wurden, vom Reichsrate an die Duma zurückgeschickt wird; dann hätten die jüdischen Abgeordneten aus Polen nach Maßgabe ihrer Zahl und ihres Einflusses gegenüber dem geschwächten Polenklub die Möglichkeit, die demütigende Entrechtung der Juden zu beheben. # Noch in zwei weiteren Bezirken stehen die Chancen der Juden günstig: In Bialystok, wo Sokolow als Kandidat auftritt, und in Odessa. Hier ist bereits einmal der getaufte Pergament und nach ihm der Jude Brodsky durchgedrungen, der infolge von Chikanen der Behörden sein Mandat niedergelegt hat. Jetzt ist das jüdische Mandat bloß von den — Kadetten gefährdet. Odessa wählt zwei Abgeordnete und diesmal ist zwischen den Juden und den Kadetten bezüglich der Mandats-Verteilung keine Einigung erfolgt.

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