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Neue Nationalzeitung · 1912-08-16 · Heft 16 (16.8.1912) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 16 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NSJ5 WCiONftL-ZBOING RER«üSGßB2K: DrS.R.LäNDflU XIV. JAHRGANG. WIEN, 16. Aujjust 1912. Nr. 16. Die gesetzliche Peinigung der Juden in Rußland. Von Professor A. V. Dicey (London). Vorwort der Redaktion: Der unternehmende Verlag T. Fisher Unwin in London hat soeben ein Buch herausgegeben, worin in systematischer Weise die gesamten auf die Juden bezughabenden russischen Gesetze dargestellt werden. Der Verfasser dieses Buches ist der bekannte jüdische Schriftsteller Lucien Wolf; das Buch selbst trägt den Titel: „The legal sufferings of the Jews in Russia" (Die gesetzlichen Leiden der Juden in Rußland). Es ist ein trauriges Buch. An der Hand der Gesetzestexte, von den Mai-Gesetzen des Jahres 1882 angefangen, wird nachgewiesen, wie die Juden auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens in unmenschlicher Weise, als rechtlos und vogelfrei, gepeinigt werden. In sieben Kapiteln, nach Materialien geordnet, werden die gesetzlichen Bestimmungen und ihre aller Menschlichkeit hohnsprechenden behördlichen Kommentare eingehend behandelt. Das Buch ist ungemein informativ, es füllt eine Lücke in der jüdischpolitischen Literatur aus und sein billiger Preis (1 Shilling) sichert ihm die weiteste Verbreitung. Allerdings wäre eine deutsche Uebersetzung sehr wünschenswert. Das Buch wird durch Professor A. V. Dicey, K. C. (Kings Counsel, entspricht dem preußischen Titel Justizrat), einen hervorragenden Staatsrechts-Gelehrten, eingeleitet. Diese Einleitung verdient die weitgehendste Oeffentlichkeit, wegen ihrer rein menschlichen Note sowie wegen ihres Freimuts, mit dem die russischen Schandgesetze gebrandmarkt werden. Mag auch die Heimat Macaulays und Byrons jetzt um die Freundschaft Rußlands buhlen; der Freiheits- und Gerechtigkeitssinn ist selbst in den konservativen Kreisen Englands noch nicht ganz erstorben: das beweisen die mannhaften Worte Diceys, die wir nun in deutscher Uebersetzung hier folgen lassen. Dieses Buch sollte die Aufmerksamkeit aller Engländer herausfordern. Es tut die große und offenkundige Ungerechtigkeit dar, welche die russischen Juden unter der Regierung des Zaren zu erleiden haben. Diese systematische Mißhandlung der jüdischen Zarenuntertanen heute — im Jahre 1912 — findet kein Gegenstück in irgend einem anderen großen christlichen Staate der modernen Welt; weder, zum Beispiel, in England, Frankreich, Italien oder Deutschland, noch in der amerikanischen Republik. Das Unrecht, das den Juden unter dem Gesetz und noch mehr unter dem Verwaltungssystem Rußlands zugefügt wird, ist für einen Engländer geradezu unglaublich. Zahlreiche Russen sind, wie wir wissen, hoch zivilisierte und recht humane Menschen, ja, sie zählen in ihren Reihen eminent begabte Männer, welche jedem Lande der Welt zum Ruhme gereichen würden. Wo immer Literatur gelesen wird, übt mehr als ein russischer Schriftsteller einen bedeutenden und verdienten Einfluß aus. Es wird uns daher schwer, zu glauben, daß ein Staat, ausgezeichnet durch so hervorragende Bürger, die Stätte eines grausamen Despotismus ist, jedenfalls was russische Juden anbelangt. In Wahrheit aber ist das russische Reich kein durchwegs zivilisiertes Land. Bei der Behandlung von Juden wenden eben russisches Recht und russische Behörden barbarische und mittelalterliche Methoden an, denn sie betrachten die Juden mehr vom Gesichtspunkte des Mittelalters. Was das bestimmte Ziel der russischen Politik gegenüber den Juden sein mag, das zu entscheiden ist für uns nicht notwendig: der Effekt dieser Politik ist absolut gewiß. Die russische Staatskunst zwingt die russischen Juden, zu wählen zwischen dem Exil auf der einen Seite und dem Untergang oder, was noch schrecklicher ist, der fortgesetzten Herabwürdigung

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