Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 14 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 14 Die „Ritualmord"-Anklage — aufgehoben. K i e \v, den 5. Juli. Die unermüdliche Arbeit der Journalisten Stefan Brasul-Bruszkowski und des entlassenen Polizeibeamten Krasowski hat endlich Früchte getragen. Das Justizministerium in Petersburg, welches eigentlich die Leitung der Untersuchung in Händen hatte, konnte nicht umhin, angesichts des überwältigenden Materials über die Unschuld des Mendel Bejlis und die detaillierte Teilnahme berüchtigter Verbrecher an der Ermordung des Juszczynski endlich die gegen Bejlis bereits erhobene Anklage aufzuheben und gegen die von Brasul und Krasowski genau bezeichneten Personen die Strafuntersuchung einzuleiten. Damit ist auch amtlich die »Ritualmord " - Verleumdung fallen gelassen worden. Das von Brasul und Krasowski dem Untersuchungsrichter zur Verfügung gestellte Material ist so klar, so logisch und so überzeugend, daß selbst die Huligan-Presseund ihre Petersburger Inspiratoren die Verleumdung der Juden nicht mehr aufrecht zu erhalten vermögen. Leider muß der arme Bejlis noch immer die ergehen lassen, aber er makelloser Märtyrer des Judentums da. Ungemein interessant ist in dem vorgelegten Material die Darstellung, soweit sie sich auf die an der Leiche Juszczyhski's vorgefundenen Stiche bezieht. Wie Brasul erzählt, wurde der arme Knabe von den Mitgliedern der Diebsbande gefoltert, damit er ihnen erzähle, was er von ihrer Tätigkeit der PoUzei verraten Stefan Brasul-Bruszkowski. Untersuchungshaft über sich steht vor ganz Rußland als habe. Der eigentliche Mörder, Peter Lingajewski, hat hierauf den Knaben ermordet, ihn in einen Teppich eingewickelt und im Keller vergraben. Zwei Tage später grub die Diebsbande die Leiche wieder aus und versteckte sie nachts in einer Höhle. Dort wurde sie am 20. März gefunden. Am 21. langte bei Gericht ein anonymer Brief, unterzeichnet „ein Christ", ein, worin behauptet wird, daß die Juden den Knaben ermordet haben, um das Blut für das Osterbrot zu gebrauchen. Dieser Brief war von Mandselewski geschrieben, von demselben, der nachgewiesenerweise die Leiche in der Höhle versteckt hatte. Alle diese Einzelheiten hat vornehmlich der Vorsteher der Untersuchungspolizei Krasowski ausfindig gemacht und dem Gerichte bekanntgegeben. Dafür wurde er vom Dienste entlassen und verfolgt. Das Material Krasowskis hat dann Brasul publizistisch und in gerichtlichen Eingaben verwertet. Der Erfolg ist nicht ausgeblieben. Beide haben einen außerordentlichen Mut bewiesen und sie haben sich dadurch als Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit ein Ruhmesblatt gesichert. Die Blutlüge von Kiew ist vorläufig die letzte Leidensstation auf dem Märtyrerweg der russischen Judenschaft. Aber dieser Weg ist ach! noch lange nicht zu Ende. Wann wird er denn zu Ende sein? Wir blicken zu unseren Brüdern im Westen und erwarten von dort die Antwort. Polizei-Vorsteher Krasowski. Die Ehrenbeleidigungsklage des Hofrates Kuranda — zurückgezogen. Die für den 15. d. Mts. angesetzte Schwurgerichtsverhandlung in der Ehrenbeleidigungssache des Hofrates Abgeordneten Kuranda wider den Herausgeber unseres Blattes, Dr. S. R. Landau, wird nicht stattfinden. Unmittelbar vor der Verhandlung hat sich Hofrat Kuranda entschlossen, die Klage zurückzuziehen. Der Gegenstand der Klage dürfte unseren Lesern noch in Erinnerung sein. In der Nummer 1 d. J. haben wir in der Politischen Rundschau anläßlich der Besprechung der in Oesterreich gegenüber der Chikanierung jüdischer Kaufleute in Rußland herrschenden Apathie Herrn Hofrat Kuranda als den Abgeordneten der Handelscity wegen seiner Untätigkeit angegriffen. Herr Kuranda hat hierauf die Ehrenbeleidigungsklage überreicht. Dr. Landau hat, wiewohl der betreffende Aufsatz annonym erschienen war, bei seiner ersten Einvernahme seine Autorschaft zugegeben und die gerichtliche Verantwortung für denselben übernommen. Nun zieht Hofrat Kuranda seine Klage bedingungslos zurück. Er ist offenbar jetzt besser beraten als bei der Ueberreichung.