Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 12 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Es war ein sehr großer Raum. In der Mitte befand sich ein Springbrunnen aus Rosengranit und ein Obelisk war ins Becken eingepfählt. Die Wände waren mit Gestalten in einfachen Farben bemalt, meist in rotem Ocker, aber auch gelb und schwarz. Er zog die Sandalen aus und ging weiter in eine Galerie hinein, in der Mumiensärge gegen die Wände gelehnt waren. Darauf trat er in einen Kuppelraum, dessen Gewölbe mit den großen Konstellationen des nördlichen Sternenhimmels bemalt war. Mitten darunter stand ein Tisch, auf dem eine mit kartenähnlichen Zeichnungen bedeckte Halbkugel lag. Am Fenster stand noch ein Tisch mit einem Modell der größten Pyramide, das auf einen Landmesserbrett mit Skala aufgestellt war. Daneben stand ein Alidad, ein Werkzeug zum Messen von Winkeln. Hier war kein Ausgang zu sehen, nach einigem Suchen aber fand der Uneingeweihte eine Treppe aus Akazienholz, die sich in einem Eckturm hinaufwand. Amram stieg und stieg, als er aber durch ein Guckloch hinaussah, fand er sich immer noch auf einer Höhe mit dem Dach des Kuppelsaals. Aber er stieg weiter; und als er wieder hundert Schritte gezählt hatte und durch ein Guckloch hinaussah, befand er sich in einer Höhe mit dem Boden des Kuppelsaals. Da öffnete sich eine Brettertür und ein älterer Mann in halb priesterlichem Gewand empfing Amram mit einem Gruß wie einen Bekannten, erwarteten Vorgesetzen. Als er aber einen Fremden sah, stutzte er; und die beiden Männer betrachteten einander lange, ehe sie zu Wort kommen konnten. Amram, der sich in der unvorteilhaften Stellung des Überraschten befand, schritt zuerst zu den Kämpfen der Zunge: — „Rüben, kennst du mich nicht? Deinen Jugendfreund und Verwandten in der Verheißung?" — „Amram, Jochebeths Gatte, Kehats SohnJa, ich kenne dich!" — „Und du hier? Seit du vor 30 Jahren aus meinem Gesichtskreis verschwandest." — „Und du?" — „Ich bin hergerufen, um eine Tür auszubessern, das ist alles; und als ich allein gelassen wurde, wollte ich mich umsehen." — „Ich bin Schreiber an der Hochschule....." — „Und opferst fremden Göttern?" — „Nein, ich opfere nicht, Amram, und ich habe mir den Glauben an die Verheißung bewahrt, Amram. Ich bin in diesem Hause eingetreten, um die Geheimnisse der Weisen zu erfahren und von innen die Festung öffnen zu können, die Israel gefangen hält." — „Geheimnisse? Warum soll das Höchste geheim sein?" — „Weil das Volk nur das Niedrige begreift." — „Ihr glaubt ja selbst nicht an diese Tiere, die ihr Heilige nennt?" — „Nein, die sind nur Symbole. Sichtbare Zeichen, um das Unsichtbare zu veranschaulichen. Wir Priester und Gelehrte verehren den Einzigen, den Verborgenen, unter seiner sichtbaren Gestalt: der Sonne, die das Leben gibt und erhält. — Du erinnerst dich aus unserer Jugend, daß der Pharao Amenophis der Vierte mit Gewalt die alten Götter und die Verehrung der heiligen Tiere abschaffte. Er zog von Theben den Fluß hinab und verkündete die Lehre von einem Gott. Weißt du, wo er die Lehre herbekam? Von Israel, das sich nach Josefs Vermählung mit Anset, der Tochter des vornehmen Onpriesters, vermehrte und sogar Töchter aus den Familien der Pharaonen ehelichte. Nach Amenophis Tod aber wurde alles wieder hergestellt, die Residenz nach Theben zurückverlegt, und die alten Götter wieder hervorgeholt, alles des Volkes wegen". — „Und ihr fahrt fort, den Einzigen, den Verborgenen, den Ewigen zu verehren?" — „Das tun wir i" — „Ist denn euer Gott nicht derselbe wie Abrahams, Isaaks und Jakobs Gott?" — „Wahrscheinlich, da es doch nur einen gibt!" — „Seltsam ist es! Warum aber verfolgt ihr dann die Hebräer?" — „Fremde Völker pflegen einander nicht zu lieben. Du weißt, daß unser Pharao eben die Syrer bekriegt hat, das Chetavolk." — „Im Land Kanaan und Umgebung, im Land unserer Väterer und der Verheißung! Siehst du, der Herr Zebaoth, unser Gott, sendet ihn, unserem Volk den Weg zu bahnen." — „Glaubst du noch an die Verheißung?" — „So gewiß wie der Herr lebt! Und mir ist gesagt, daß die Zeit bald erfüllt ist, da wir die Knechtschaft verlassen und ins gelobte Land wandern werden". Der Schreiber antwortete nicht, aber sein Antlitz drückte sowohl Zweifel an Amrams Angabe aus wie die Gewißheit von etwas ganz anderm, das bald eintreffen würde. Amram, der sich durch keinerlei Aufklärungen in seinem Glauben erschüttern lassen wollte, ließ das Thema fallen und sprach von etwas Anderm, Gleichgültigem. — „Das ist eine seltsame Treppe." — „Ein Aufzug ist es und keine Treppe." Amram warf einen Blick zum Kuppeldach hinauf und fand einen neuen Hacken, an dem er das Gespräch, das er nicht lassen wollte, festhalten konnte: — „Ist das der Himmel?" fragte er. — „Das ist der Himmel." — „Und seine Geheimnisse?" — „Ach die Geheimisse! Für jeden, der sie begreifen kann, sind sie zugänglich." — „Sag' sie in wenigen Worten!" — „Die Sternkunde ist nicht mein Gebiet und wenig weiß ich, aber dennoch und in wenigen Worten. Das Gewölbe, das dort hängt, ist der Himmel; das Brett, das dort auf dem Tisch liegt, ist die Erde. Nun sprechen die Weisen so : Im Anfang ruhten Erde, Sibu, und Himmel, Nuit, neben einander. Das bedeutet: Sie waren eins! Aber die Gottheit der Luft und des Sonnenlichts, Shu, hob den Himmel und setzte ihn als Gewölbe über die Erde. Die festen Sternbilder, die wir kennen, bilden also gleichsam einen Abdruck, ein Wachssiegel von der Erde; und wenn die Gelehrten in den Sternen lesen, können sie die unbekannten Gegenden unserer Erde erforschen. Sieh die Sternbilder an, die du kennst. Im Norden der große Bär, im Süden zu einer gewissen Jahreszeit der Jäger (Orion) mit seinen vier Sternen im Viereck und seinen drei mitten darin. Diese drei nennen wir Hebräer Jakobs Stab, und durch den obersten von diesen geht der Himmelsgleicher oder Aequator, der den Erdgleicher entspricht, wo unser Nil seine Quellen haben soll. Nun kennst du auch das unser so liebe Sternbild. Der Fluß (Nil). Sieh, wie der vom Jäger (Orion) fließt, sich im Himmel in ebenso vielen Windungen krümmt, wie der Nil hier auf der Erde. Also: Wer die verborgenen Geheimnisse der Erde wissen will, soll sie vom Himmel lernen. (Fortsetzung folgt).