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Neue Nationalzeitung · 1912-06-14 · Heft 12 (14.6.1912) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 12 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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„Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Nr. 12 August Strindberg: Die ägyptische Knechtschaft *) Der alte Ebenholztischler und Schatullenmacher Amram wohnte am Flußufer in einer Lehmhütte, die mit Palmenblättern gedeckt war. Dort hatte er seine Frau und seine drei Kinder. Er war gelb im Gesicht und trug einen langen Bart. In seinem Gewerbe, Elfenbein und hartes Holz zu schnitzen, sehr bewandert, diente er am Hofe Pharaos und arbeitete darum auch in den Tempeln. Jetzt, eines Morgens im Hochsommer, unmittelbar vor Sonnenaufgang, stieg er aus seinem Bett, sammelte sein Werkzeug in einen Sack und trat aus der Hütte heraus. Auf der Schwelle blieb er stehen und sprach, sich gen Osten wendend, ein leises Gebet. Und dann begann er die Wanderung, zwischen Fischerbuden immer dem schwarzen geborstenen Flußflügel folgend, auf dem Reiher und Tauben nach ihrem Morgenmahl sich ruhten. Fischer Nepht, der Nachbar, besichtigte seine Netze, und legte Karpfen, Aeschen und Welse in die verschieden großen Fächer des Bootes. Amram grüßte und wollte einige Worte zum Zeichen der Freundschaft sagen: — „Der Nil hat aufgehört zusteigen?", sagteer. — „Bei zehn Ellen stehen geblieben! Das ist die Hungersnot!" — „Weißt du, warum er nur fünfzehn Ellen steigen kann, Nepht?" — „Weil wir sonst ertrinken würden", antwortete der Fischer einfältig. — „Ja, allerdings, und das dürfen wir nicht. Der Nil hat also einen Herrn, der über den Wasserstand herrscht, und er, der das Sternengewölbe ausgemessen und den Erdboden entworfen, hat dem Wasser eine Mauer gesetzt, und diese Mauer, die wir nicht sehen, ist fünfzehn Ellen. Denn bei der großen Flut imLand unserer Väter, dem Land Ur in Chaldäa, stieg das Wasser bis fünfzehn Ellen, nicht mehr, nicht weniger." — „Ja, Nepht, ich sage wir, denn du bist von unserm Volk, wenn du auch eine andere Sprache sprichst und fremde Götter verehrst. Einen guten Morgen wünsche ich dir.Nepht, einen sehr guten Morgen l" Er verließ den beschämten Fischer, ging weiter und warf sich in die Vorstadt hinein, wo die Häuser der Bürger aus Nilziegel und Holz anfingen. Der Handelsmann und Wechsler Eleazar öffnete eben das Ladenfenster, während sein Bursche draußen die Straße begoß. — „Ein gesegneter Morgen, Eleazar, Vetter," grüßte Amram. — „Kann nicht sagen," antwortete der Kaufmann mürrisch. „Der Nil ist stehen geblieben und beginnt zu sinken; es sind schlechte Zeiten. — „Auf schlechte Zeiten folgen gute Zeiten, das wußte unser Vater Abraham schon; und als Josef, Jakobs Sohn, die sieben mageren Jahre voraussah, riet er Pharao, in die Scheunen zu sammeln ..." •'=') Einem lebhaften Wunsche aus unseren Leserkreisen folgend veröffentlichen wir hier mit gütiger Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung Georg Müller in Leipzig eine Erzählung aus dem in der vorigen Nummer unseres Blattes von Herrn Prof. Dr. G r ü n f e 1 d eingehend besprochenen Bande der Werke August Strindbergs „Historische Miniaturen". (Deutsche Gesamtausgabe unter Mitwirkung von Emil Schering als Uebersetzer vom Dichter selbst veranstaltet. III Abteilung : Novellen, VII. Band). Die Redaktion. — „Mag sein, aber das ist jetzt ganz vergessen!" — „Ja, du hast auch die Verheißung vergessen, die der Herr seinem Freund Abraham gab . . ." — „Die vom Land Kanaan? Darauf haben wir vierhundert Jahre gewartet, und jetzt sind statt dessen Abrahams Kinder Leibeigene geworden ..." — „Abraham glaubte in guten und bösen Tagen, in Lust und in Leid, und das ward ihm zur Gerechtigkeit angerechnet." „Ich glaube überhaupt nicht," unterbrach ihn Eleazar. „Doch, ich glaube, daß er rückwärts geht, und daß ich den Laden schließen muß, wenn es Mißwachs gibts ..." Amram ging betrübt weiter und kam zum Markt, wo er sich ein Durrabrot, ein Stück Aal und einige Zwiebeln kaufte ... Als die Verkäuferin das Geldstück nahm, spuckte sie darauf; als Amram Wechselgeld zurückbekam, tat er es auch. „Spuckst du auf dasGeld, Hebräer?" schnaubte die Höckerin. — „Man nimmt die Sitten des Landes an!" erwiderte Amram. — „Antwortest du, unreiner Hund?" — „Auf Anrede antworte ich; aber nicht auf Schimpfwo te." Der Hebräer ging weiter, denn es rottete sich Volk zusammen. Er traf den Barbier Enoch, und sie grüßten sich mit einem Zeichen, das die Fremdlinge erfunden und bedeutete: Wir glauben an Abrahams Verheißung und warten geduldig in Hoffnung. Amram erreichte schließlich den Tempelplatz, ging durch die Allee der Sphinxe und stand vor einer kleinen Tür des linken Pylons. Er schlug siebenmal mit der Hand dagegen; ein Diener zeigte sich, nahm Amram beim Arm und führte ihn hinein. Ein junger Priester band ihm eine Binde um die Augen, und nachdem man seinen Sack untersucht hatte, faßte man den Ebenholztischler bei der Hand und führte ihn in den Tempel. Bald ging es Treppen auf, bald ging es Treppen ab, bald geradeaus. Man wich Pfeilern aus und Geriesel von Wasser war zu hören. Einmal rochs nach Feuchtigkeit, ein andermal nach Weihrauch. Schließlich blieb man stehen und die Binde wurde Amram von den Augen genommen. Er befand sich in einer kleinen Kammer mit bemalten Wänden, einigen Bänken und einem Schrank. Eine reich geschnitzte Tür aus Ebenholz trennte die Kammer von einem größeren Saal, der sich auf der einen Seite mit einer breiten Treppe zu einer Terasse nach Osten öffnete. Der Priester ließ Amram allein, nachdem er ihm gezeigt, daß die Tür ausgebessert werden sollte, und ihm mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde Schweigen und Verschwiegenheit auferlegt hatte. Als Amram allein blieb und sich zum erstenmal innerhalb der heiligen Mauern befand, die einem Hebräer keine Ehrfurcht einflößen konnten, wurde er doch von einem gewißen Entsetzen vor all dem Geheimnisvollen ergriffen, von dem er seit seiner Jugend hatte erzählen hören. Um die Furcht vor dem Unbekannten loszuwerden, beschloß er, seine Neugier zu befriedigen, auf die Gefahr hin, hinausgewiesen zu werden, wenn er jemand traf. Zum Schein nahm er einen Feinhobe] in die Hand, als er in den großen Saal hinaustrat.

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