Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 10 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 Oh, diese Widerspenstigen, dieses Volk mit dem harten Nacken. Dieser Undank! Von dem Befreier wenden sie sich ab, und dem Schreier wenden sie sich zu. Eile Moses und beschwichtige dieses Volk." Jethro und Zippora (zugleich): „Laß'sie, komm' mit uns, fliehe, ehe es zu spät wird. Steinigen wollen sie ihren Erlöser." Moses (groß und erhaben): „Kleine Seelen, kehrt zu Eurem Frieden zurück. Ich aber ziehe in den Kampf. Nur, wer kämpft, wird auch überwinden. Ich habe den Pharao überwunden, und Korah ist kein Pharao." (Zu Josua): „Körnrn\ treuer Diener, geleite mich, es geht zum Kampfe und zum Siege." (Ein heller Blitz zuckt auf und beleuchtet den Sinai.) 2. Szene. (Offener Platz im Lager. Das Volk in hellem Aufruhr. Korah in der Mitte des Volkes. Tiefes Dunkel, nur durch zuckendes FackelliCht erleuchtet. Man hört aus der Ferne den Donner vom Sinai her. Brodem und Dunst steigen von der Erde auf, Schwüle erfüllt die Lüfte. Korah (das Antlitz verzerrt, voll Leidenschaft): „Und diesem Moses folget Ihr. Aus Mizraim hat er Euch befreit. Das Land der Knechtschaft nennt er es. Aber stürzt er Euch nicht in eine schwerere Sklaverei, als die war, aus der er Euch erlöste? Betörte Masse! Merket Ihr nicht, daß es nur Ehrgeiz und Eigennutz ist, was diesen „Volksbefreier" erfüllt. Das Joch, das Pharao Euch auferlegte, will er mit einem ganz anderen, schwereren, vertauschen. Es ist das Joch seines Gottes. Wie werdet Ihr unter diesem Joche seufzen! Was steht Euch bevor! Befreiet Euch von diesem Manne, der nur an sich, an seine Herrschaft, nicht aber an Euch, Euere Weiber und Kinder denkt. Wer ist dieser Mann Moses? Ist er nicht aus derselben Familie, der auch ich entstamme? Habe ich nicht dasselbe Recht, Euer Führer zu sein, wie er? Aber dieser Mann besitzt die große Anmaßung, sich zu Euerem Herrn und Führer auf zuwerfen. Aus Aegypten, dem schönen, sonnigen Lande, hat er Euch hieher geführt in die Wüste. Aus einem Lande, so fruchtbar, so gesegnet, wie ein prächtiger Garten, führte er Euch in das öde Land, in dem nichts wächst, kein Tropfen erfrischenden Wassers Euch erquickt. Die Freiheit, sagte er, habe er Euch gegeben. Ich danke aber für eine Freiheit, bei der man verhungern und verdursten kann. Und nun will er Euch das Joch seines Gesetzes auferlegen. Wie werdet Ihr unter diesem seufzen und stöhnen. Darum, folget mir, wählet mich zu Euerem Oberhaupte, besser ist es uns, wir kehren zurück nach Mizraim, als daß wir hier sterben in der Wüste, besser uns, wir sterben als Knechte Pharaos, denn als Sklaven eines Moses und seines Gesetzes." (Beifälliges Gemurmel des Volkes. Die Empörung äußert sich immer lauter. .Wählen wir uns Korah zum Oberhaupte und kehren wir nach Mizraim zurück!") Moses tritt auf. (Das Gemurmel verstummt Im Osten erhellt sich der Himmel. Tiefes Schweigen, nur von fernem DonneTgetöse unterbrochen.) Josua zu Moses gewendet: „Sieh' Dein Volk, das Du aus Mizraim geführt. Einem Korah wendet es sich zu." Moses: „Beruhige Dich, mein Sohn." (Zum Volke gewendet.) „Höret mich, Ihr Abtrünnigen und Du, Korah, der Du diese Betörten aufwiegelst. Sklaven wäret Ihr dem Pharao. Wie hat Euch der Tyrann erniedrigt. Auf dem Felde arbeitetet Ihr wie Tiere, seine Pyramiden habt Ihr ihm erbaut, an deren Steinen Euere Schweiß- und Blutstropfen kleben. Wie habt Ihr unter der schweren Arbeit geseufzt. Da erschien ich, vom Herrn gesandt. Schwere Plagen kamen über Pharao und sein Land. Anfangs hörtet Ihr nicht auf meine Stimme, denn beengt war Euer Geist vom schweren Joche der Sklaverei. Nun seht Ihr die Größe Eueres Gottes. Er führte Euch aus dem Hause der Knechtschaft, er spaltete vor Euch das Meer. Und Pharao, mit Roß' und Reitern, ging in ihm unter. Erkanntet Ihr nicht die Allmacht jenes Gottes, der Pharaonen stürzt und Meere trocknet? Sagtet Ihr nicht: Alles was der Herr redet, wollen wir tun?" (Stimme aus dem Volke: »Wir sagten es.") Moses: „Und nun seid Ihr so bald abgewichen von dem Wege, den ich Euch gewiesen. Warum, weil ein Korah Euch mit gleißnerischen Worten verführt? Ein Volk Gottes wollt Ihr sein und jeder Volksverführer gewinnt Macht über Euch? Sagt an: Welchen Lohn habe ich von Euch verlangt, daß ich meine Familie verlassen, meinen Frieden mir gestört und Euch alle zu meiner Familie weihte? Auch mir leben Weib und Kinder. Aber nichts bedeuten sie mir, da ich Euch alle beglücken will. Beglücken mit einer Lehre, welche die Größe des Herrn verkündet und Euch allen die Menschenrechte geben soll, 'jedem das ihm angeborene Recht auf alle Volks- und Menschengüter. Wollt Ihr diese Rechte mit der Sklaverei vertauschen, tut es. Ich lege Euch vor Leben und Tod, Segen und Fluch, Freiheit und Knechtschaft. Wählet, wählet — zwischen mir und Korah!" (Es ist immer heller geworden. Im fahlen Morgenlichte weitet sich die Wüste. Der Berg Sinai ist vom dichten Gewölke umhüllt. Manchmal zucken aus diesem helle, grelle Blitze hervor. Das Volk erbebt, erschreckt folgt es den Worten Mosis. Korah hat sich verborgen,) Josua (begeistert zu Moses aufschauend): „Sprich Du zu uns, großer Lehrer, wir aber wollen Dein großes Wort hören und es ausführen." (Plötzlich ist's, als öffneten sich die Himmel, Engelscharen steigen hernieder. Cherubim und Seraphim stimmen wunderbare Chöre an und schmücken Moses mit einer herrlich, glänzenden Krone.) Moses (begeistert): „Und nun: Auf mein Volk, schreite vorwärts zum Sinai. Sieh' wie sein Gipfel flammt! Hörst Du das Geschmetter der Posaunen? Sie verkünden: Der Herr ist herniedergestiegen zum Menschen, der Himmel hat sich der Erde genähert. Dunkel bedecket noch die Völker, Nebel und Finsternis die Nationen, über Dir aber erstrahlt der Herr und Seine Herrlichkeit, über Dir wird sie sichtbar. Völker werden erstehen und vergehen, Throne werden erzittern und vernichtet werden, das Wort aber, das nun Dir verkündet wird, mein Volk, besteht ewiglich. Dieser Tag ist der Tag der Erlösung. Offenbar wird an ihm die Herrlichkeit des Herrn, er verkündet Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und, was alles besiegt, die Liebe." (Das Volk steht rings um den Sinai. Groß und Klein, Alt und Jung, Vornehm und Gering. Eine große Familie. Und die Geister der Dahingeschiedenen grüßen aus seligen Höhen das Volk. Korah aber entflieht und verbirgt sich in einer finsteren Höhle. Mosis Antlitz erstrahlt im verklärten Glänze. Ihm ist's als spiäche er mit seinem Gotte. Schweigen ringsherum. Es verstummt jegliche Kreatur, da der Herr sein Wort spricht. Da naht sich Jethro dem Moses. Stumm fällt er vor ihm nieder. Jethro „Ich erkenne es, Dein, Euer Gott, ist der Größte, der Mächtigste!" Moses (ihn überaus mild anblickend): „Der Mächtigste ist er, denn, was er verkündet, ist Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschenliebe!" Dr. Max Grünfeld.