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Neue Nationalzeitung · 1912-05-03 · Heft 9 (3.5.1912) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 9 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Seite 1 1 „ —' Da, seht ihr?" ruft ihm Prokop zu und zeigte mit dem Finger auf etwas. Fischel hebt die Augen (ganz vorsichtig, versteht sich) und guckt und guckt. Sehen kann er nichts. Absolut nichts. Das heißt: nicht nichts. Er sieht nur Yv'asser, Wasser; Wasser ohne Ende. „— Da kommt ein Block! Man muß ich eilen. Zurück geht's nicht mehr." So sagt Prokop und mächtig, aber gemütlich greifen seine Arme aus. Und der Kahn gleitet wie ein Fisch durch die Fluten. Ein eisiges Zittern kriecht Fischel durch alle Glieder. Er möchte gern reden. Aber er hat Angst. So fängt also der Fährmann wieder an: „Wenn wir nicht eine Sekunde früher durch sind, dann ist's böse." Da kann sich Fischel nicht mehr halten und mit Todesverachtung fragt er: „Was ist böse, sagt!" „— Böse heißt: Wir sind verloren!" sagt Prokop. „ „Verloren?" " „Verloren!" „Noch einmal! Was heißt: „verloren"? fragt Fischel. „Verloren heißt: er wird uns zerreiben." „Zerreiben?" „Zerreiben!" Den Sinn der Worte begreift Fischel noch immer nicht: Verloren. Zerreiben. Aber er fühlt, diese Worte klingen so nach jener Welt. Ein kalter Schweiß dringt ihm aus allen Poren. Und noch einmal schiebt sich jener Satz aus dem Siegessang vom Roten Meer vor seine Seele: „Wie Blei versanken sie in den gewaltigen Wassern." Da erzählt ihm Prokop — zu seiner Beruhigung! — eine Geschichte aus früheren Jahren. Es war auch eine Zeit wie jetzt. Der Bug war über die Ufer getreten. Die Fähre konnte nicht gehen. Und da war ein Steuererheber gekommen von Uman, ein feiner Mann, dem es auf paar Rubel nicht ankam. „Teufel, hatten wir da eine Geschichte mit zwei furchtbaren Eisblöcken. Ich wollte zwischendurchfahren. Da gab's einen Stoß. Und — bautz! — lagen wir im Wasser. Wahres Glück, daß ich schwimmen kann. Der Steuererheber ist dabei kaput gegangen. Mein Pech: ich bin noch dabei um den Rubel gekommen." Ein Rubel verloren! Prokop seufzte, als er seine schöne Geschichte schloß . . . Schöne Geschichte. Fischel bekam eine Gänsehaut dabei. Seine Kehle war wie vertrocknet. Nicht ein Wort, nicht einen Pips konnte er herausbringen. Als sie gerade mitten auf dem Flusse waren, beim besten Fahren, zog Prokop plötzlich die Ruder ein und blickte flußaufwärts. Dann holte er sich aus dem tiefsten WTinkel seiner Tasche eine Flasche. Zwei, drei Schluck — kräftige! — und er streckte die wesentlich erleichterte Flasche wieder in die Tasche zurück. „Ja, zwei, drei Tropfen vom „Bittern" muß ich auf dem Wasser immer nehmen; sonst wird mir schlecht", sagte Prokop wie entschuldigend. Dann aber griff er nach den Rudern, blickte wieder flußaufwärts: „Nun müssen wir aber machen, daß wir ausrücken!** „Was heißt: ausrücken? Vor wem ausrücken?" so fragte Fischel. Das heißt: so hätte er gern fragen wollen, wenn er sich getraut hätte, zu reden. Die Wörter rochen direkt nach Todesengel. Denn Prokop hatte sich auf die Knie gestellt und sich mit aller Kraft gegen die Ruder gestemmt: „Legt euch schnell auf den Boden!" Sich lang legen — Fischel ließ sich das nicht zweimal sagen. Von der Ferne sah er eine ganze Schwadron Eisblöcke auf sie zuschwimmen. Ein Weltall aus Eis. Und schnell schloß er die Augen, warf sich mit dem Bauch auf den Schiffsboden — zitternd wie ein Lämmlein und sagte die Sterbegebete. „Nicht einmal ein jüdisches Begräbnis!" Er sah sich tief unten am Grunde des Wassers. Da, da kommt ein großer Fisch und verschlingt ihn, wie einst den Propheten Jona, als er nach Tarsus floh. Das Gebet der Propheten kommt ihm in den Sinn, und er singt es leise, und die Tränen rieseln und rieseln: „Die Wasser haben mich gepackt bis in die Seele. Der Abgrund umgibt mich ganz." So singt Fischel, der Lehrer, still vor sich hin und die Tränen rieseln. „Arme Basschewa. Eine Witwe wirst du und Waise werden die Kinder sein." Kräftig arbeitet Prokop und singt sich so wohlgemut, als war er daheim, ein Liedchen dabei: Ach, ihr Dohlen, Ach, ihr schwarz beflügelte, Schwarz beflügelte. Und Fischeis flehender Singsang und Prokops Liedchen fließen ineinander zu einem seltsamen Duett, wie ihn der Bug wohl noch nie gehört hat. Wenigstens so lange er Bug heißt . . Seltsame Gedanken schwirrten durch Prokopens Schädel. Um sie aber in ihrem Laufe nicht zu 'hemmen, holte er aus dem Abgrund seiner Tasche den „Bittern" hervor und machte ein, zwei (wahrscheinlich drei) kräftige Züge und kaute dazu ein paar schwarze, ganze Pfefferkörner. „Was hat dieser Jude nur für Angst vor dem Tode? Dies arme Würmchen, elend und abgerissen. Nicht ein Brett von meinem Kahn geb ich für den ganzen Kerl und zittert so vor dem Tod . . ." Dabei gibt er dem zitternden Wurm einen Tritt mit dem Absatz. Und lacht sich eins. Fischel aber hört nichts: Fischel betet, Fischel sagt das Sündenbekenntnis des Sterbenden, sagt Kaddisch nach seiner eigenen Seele und sinnt über ein jüdisches Begräbnis nach . . . „Steh' auf, dummer Rabbi. Wir sind schon in Chatschewate!" Also schreit Prokop und weckt Fischel wie aus tiefem Schlaf. Und Fischel hebt den Kopf, behutsam, vorsiehtiglich und blickt mit verweinten, roten Augen um sich: „Chatschewate? . .?" „Ja. Chatschewate! Gebt schon den halben Rubel." Fischel kriecht aus dem Kahn. Wirklich daheim?! Was sollte er jetzt tun? Er wußte es nicht. Nach Haus laufen? Oder tanzen? Oder erst dem lieben Gott danken, der ihn aus schwerer Not gerettet? Er bezahlt den Fährlohn, nimmt sein Päckel unter den Arm und fängt an zu laufen, zu laufen. Plötzlich aber bleibt er stellen und wendet sich zum Fährmann: „Hör nur, liebster Prokop. Morgen kommst du auf ein Glas Branntwein und gute Fisch zu Fischel, dem Lehrer. Du hörst?" Und im Vorgeschmack der künftigen Branntweinwonnen läuft Prokop das — Wasser im Munde zusammen.--- Als Fischel daheim ankam, fragte ihn Basschewa (— und ein seltsames Feuer glühte in ihrem Ge-

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