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Neue Nationalzeitung · 1912-04-05 · Heft 7 (5.4.1912) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 7 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 7 „Neue Vorbeter, zu singen beginnt, seine Stimme austoben läßt, daß sie immer stärker und stärker anschwillt, fast bis in den Himmel hinein und wenn dann Frauke still an seines Vaters Seite steht und so andächtig betet, dann quillt die Freude aus Fischeis Herzen. Ein Jubel ist in seiner Seele: Was für ein liebes, frommes Kind ist doch Frauke. Und dann der Heimweg. Die Tafel ist festlich geschmückt. Die vier Becher, die bitteren Kräuter, die Eier und alle die Siebzehn Dinge, die zu einem Sederabend gehören, stehen auf dem Tisch. Zwei Bänkchen mit einem großen Kissen sind zum Herrscherthron gerichtet; und bald wird Fischel ein König sein, bald wird er sich auf dem Thron seiner Herrlichkeit niederlassen, angetan mit dem weißen Kittel. Und Basschewa, die Königin, sitzt mit ihrem neuen Umhängetuch neben ihm. Frauke, der Prinz, und die Prinzessin Röserl im Schmuck ihres Zöpfchens ihnen gegenüber. Respekt muß sein. Fischel, der Lehrer, hat sich zum Herrschen hingesetzt. Chatschewater Burschen, die sich über die ganze Welt und nun gar über Fischel, den Lehrer, lustig machen und ihren Schabernack treiben, haben die Nachricht verbreitet, daß Fischel einmal zum Pessach seinem Weibe die folgende Depesche geschickt hat: „Schulrekruten gesammelt, Geld ist da, mach Kugel, ich reise, um meine Herrschaft anzutreten." Diese Depesche, erzählen die Spötter, hat man in Balta auf dem Postamt festgehalten. Bei Basschewa wurde eine Haussuchung gehalten, aber gar nichts gefunden; Fischel wurde, weiß Gott, per Etappe nach Hause geführt. Verdächtige Depesche! Aber ich kann auf Ehre und Gewissen versichern: Alles ist Lug und Trug. Erstens hat Fischel in seinem ganzen Leben keine Depesche geschickt, zweitens hat man bei Basschewa keine Haussuchung gemacht und drittens hat man Fischel niemals per Etappe nach Hause geführt . . . Das heißt, per Etappe hat man ihn tatsächlich einmal fortgeführt, nur war das nicht von Balta, sondern von Jehupitz, und es war nicht im Frühling zur Vorpassahzeit, sondern mitten im Sommer. Das war nämlich so gekommen. Er wollte sich in Jehupitz Schüler suchen und hatte vergessen, sich einen Paß zu nehmen. Denn er meinte, es sei wie in Balta. Ach, ist er hineingefallen? Die spätesten Generationen hat er beschworen, sich in Jehupitz niemals Schüler zu suchen. Seit jener Zeit fährt er nach Balta, um dort zu unterrichten. Und wenn der Pessah naht, sucht er beizeiten fertig zu werden und fängt an, sich rechtzeitig vorzubereiten, um wenigstens noch den Sabbath vor dem Feste daheim zu sein. Doch wann ist ihm dieser Plan geglückt? Dann muß der Weg wirklich ein Weg sein, man muß einen Wagen bekommen, man muß über den Bug kommen können, entweder über das Eis oder mit einer Fähre. Wie ist's aber zum Beispiel, wenn der Schnee zu schmelzen beginnt, und man im Schmutz versinkt? Ein Wagen ist nicht zu haben, der Bug ist voll reißenden Wassers, die Fähre geht noch nicht und mit einem Kahne zu fahren, ist gar gefährlich. Und das Fest rückt einem auf den Leib — ja, was tut man dann?... Ja, das ist ebenso, wie wenn man am Freitag von nal-Zeitung" Seite 11 Machnifke nach Berditschew, oder von Sohatschew nach Warschau in finsterer Nacht einen Berg herauffährt — der Regen fällt in Strömen, und man stirbt fast vor Hunger und es bricht noch eine Wagenachse. Was macht man da? Wahrlich, das ist nicht gut. Was ist da weiter zu reden? . , . Und Fischel, der Lehrer, kennt den Geschmack dieses „es ist nicht gut" nur zu genau. Was hat er nicht schon alles erfahren und gelitten in seinem Leben, seitdem er ein Lehrer ist und von Chatschewate nach Balta fährt und von Balta nach Chatsehewate! Alles hat er schon durchkosten müssen! Den halben Weg zu Fuß gehen und helfen, den Wagen schieben. Er hat die Wonne schon ausgekostet, mit einem Pfaffen zusammen im Schmutz zu liegen (der Pfaffe lag oben — natürlich! — und er unten.) Er hat schon vor einem Rudel Wölfe flüchten müssen, die von Chatschewate bis Petschane hinter dem Wagen herliefen, bis sich schließlich die Wölfe als ganz gewöhnliche Hunde zu erkennen gaben. Was hat er alles leiden müssen auf diesen Heimreisen? Aber diesmal fürwahr, das war schon das ärgste. Das Unheil kam vom Bug. Das Eis war zu spät geschmolzen (d. h. zu spät für Fischel) und der Fluß war über die Ufer getreten gerade zu der Zeit, als Fischel, der Lehrer, nach Hause eilte. Und er hatte sich sehr beeilt, denn es war Freitag -- vor Sabbath und vorPessach . . .In diesem Jahre nämlich fiel der Rüstetag des Pessach gerade auf den Sabbath. Zum Bug hatte ihn ein christlicher Fuhrmann gebracht — Donnerstag abend. Das heißt nach seiner Rechnung sollte er Dienstag früh ankommen, denn aus Balta ist er Sonntag nach dem Markt herausgefahren. Aber ein böser Geist hat ihn auf den Markt getrieben und ihn nach einem Wagen suchen lassen. 0, wäre er doch mit dem wilden Jankel gefahren (einem Balfaer Fuhrmann) und wäre es auch nur rücklings auf dem Wagen, die Füße herabbaumelnd, bis ihm das Herz aus dem Leibe gerüttelt würde. Es wäre besser gewesen. Er wäre längst daheim und hätte längst die schöne Reise vergessen. Aber er wollte eben billig fahren. Und das ist doch schon die alte Regel: Alles Billige ist teuer. Jone, der Trinker* der in Balta die Fuhren vermittelt, hatte ihm aber gesagt: Folgt mir, mein lieber Vetter! Gebt lieber zwei Rubel, dann könnt Ihr bei Jankel im Wagen sitzen und vor Pessach ... In diesem Jahre nämlich fiel der Rüstetag des Pessach gerade auf den Sabbath. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten der Redaktion. Leopoldstädter WShler. Daß Herr Dr. Schwarz- Ii i 11 e r just am Dienstag, dem 2 Pessacbabend, eine Versammlung der drei liberalen, lies jüdischen Vereine der Leopoldstadt veranstaltet, ist eine Rücksichtslosigkeit gegenüber den jüdischen Wählern. Allein die liberalen Wahlmacher wissen z.n genau, daß die Juden als T Stimmvieh* sehr verläßlich und leicht zu treiben sindsie sehen sich daher selbst der Rücksichten auf das religiöse Empfinden der Jaden enthoben. — Dr. R. K. Die Verbitterung der zionistischen Presse in Wien und Lemberggegen die Auswanderungsenquete ist allzu begreiflich; d e Herren wurden nicht eingeladen. Dr. Straucher gilt allerdings für die ganze Qeffentlichkeit als zionistischer Abgeordneter, allein er gehört nicht zur Clique, und dämm wird auch seine Teilnahm» an der Enquete totgeschwiegen — P. S. und R. P. Leider nicht aktuell. — Auf mehrere Anfragen Der Verhandlungstermin ist. noch nicht ausgeschrieben.

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