Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 4 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N5Ü5 WCiONflL-ZEICUNG XIV. JAHRGANG. WIEN, 23. FEBRUAR 1912. Nr. 4. Werner Sombart und die Zukunft der Juden 4. Von Rabbiner Dr. D. Feuchtwang. Werner Sombart, der Verfasser des Buches „Die Juden und das Wirtschaftsleben" hat es für nötig gefunden, sein Bekenntnis in einer Druckschrift, unter dem Titel „Die Zukunft der Juden"*) abzulegen. Es hat ihm nicht genügt, ein „wissenschaftliches" Werk über die Bedeutung der Juden im Wirtschaftsleben zu schreiben, das berechtigte Aufsehen, Staunen, Verwunderung und heftigen Widerspruch erregte. Der „Erfolg" — und auf diesen kam es Sombart an — war da. Wir Juden wußten offenbar vorher nicht, welche Holle wir in der wirtschaftlichen Entwicklung der Welt spielen und waren glücklich, daß es uns ein Nichtjude und noch dazu ein deutscher Professor sagte. Die wissenschaftliche Bewertung dieses Werkes können wir ruhig den Fachkreisen überlassen. W i r haben aber hoffentlich noch Geistesklarheit und Ehrgefühl genug, uns durch die blendende Darstellung und Scheinlogik Sombarts nicht täuschen zu lassen, der uns in den Grund lobt und zu Tode preist. Wissenschaft aber bleibe Wissenschaft. Werner Sombart genügt es jedoch nicht mehr, Gelehrter zu sein; der Geist der Wanderprediger ist über ihn gekommen und er sehreibt nicht nur, er spricht von Ort zu Ort über „die Zukunft der Juden"; und hat „Erfolg". Der Einfluß der Juden auf Sombarts „Wirtschaftsleben" macht sich ihm angenehm bemerkbar. Ich will nicht darüber rechten, ob es taktvoll ist, wenn ein Nichtjude, auch wenn er sich seit Jahren mit der „Judenfrage" beschäftigt, vor Juden hintritt und sie rücksichtslos bei lebendigem Leibe zerfasert. In jedem Falle zeigen die Juden einen Grad von Selbstverleugnung, der hart an die Grenze der Selbst Verachtung reicht, wenn sie sich ruhigen Blutes sagen lassen: „Ich habe keine Sympathie für Euch. Ihr seid ein Wüsten- und Wandervolk." Und Sombart ist — ich sage es auf die Gefahr, ihm Unrecht zu tun — unser Feind, unser gefährlicher Feind. Werner Sombart hat nun auch in Wien vor Juden — denn Nichtjuden waren wohl in verschwindender Minderzahl zugegen — über die „Zukunft der Juden" gesprochen.*) Er folgte in seinem Vortrage Schritt für Schritt dem Gedankengange und Wortlaut der gleichnamigen kurz zuvor erschienenen Schrift — bis zu e i n e r Grenze. Der „kluge" Sombart, der sich weit vorwagt und der die „Eigenheiten" der Juden genau kennt, zu denen auch offenbar Selbstbeherrschung und Wahrung des Gastrechtes gehört, dieser kluge, deutsche Professor ist in seinem Vortrage, gerade demjenigen aus dem Wege gegangen, was in seiner Druckschrift die größte Entrüstung und sittliche Empörung jedes „aufrechten Juden" hervorrufen muß, wenn nicht jedes Atom von Vernunft und Ehre in ihm verdorben und erstorben ist. Ein arischer Professor würde ein solches Vorgehen wahrscheinlich feige nennen; doch davon später. In der „Zukunft der Juden" bespricht Sombart zunächst die Judennot. Wer kennt sie nicht? Er teilt sie in eine östliche und westliche. Man kann im einzelnen anderer Meinung sein, im Ganzen aber liegen die Dinge so, wie er sie schildert. Die Judennot der sieben Millionen Ostjuden besteht und schreit zum Himmel. Und diese Millionen wollen Juden sein und bleiben. Daß da Abwanderung ') Veriag von Duncker & Htrmblot, Leipzig 1912. *) Der Vortrag famd am 18. ds. im Sofiensaale statt und wurde v<m einem Unternehmer gemeinsam mit einer zionistischen Zeitung veranstaltet. Die Redaktion.