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Neue Nationalzeitung · 1911-12-29 · Heft 26 (29.12.1911) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 26 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 26 ,Neue National-Zeitung" Seite 9 Lektüre betrifft, nehme 1 man ebenfalls auf den Gottesdienst Rücksicht. Man lese mit den Schülern die Festabschnitte, leichtere Haphtarastücke, nehme Rücksicht auf deren ethischen Gehalt, ein Hauptbuch aber werde für sie das der Psalmen, aus denen man die Gottesdienstlichen auswähle. Aber ist dies alles im Rahmen der kärglich zubemessenen Zeit für den Unterricht möglich? Immer und immer wieder stoßen wir auf dieses Hinderais. Undjso wird wohl, wenn wir den Unterricht im Hebräischen nicht ganz illusorisch machen wollen, die Forderung aufgestellt werden müssen: Jede Gemeinde errichte Bibelschulen, in denen, natürlich unentgeltlich, Unterricht im Hebräischem erteilt v/erde. Wir verkennen nicht, daß auch diese Maßregel ein Allheilmittel nicht ist. Wer kann die Eltern zwingen, ihre Kinder in diese Schule zu schicken? Kann man den Unterricht in solchen Schulen zu einem obligatorischen machen? Und, woher die Lehrer nehmen, die es verstehen, den Unterricht in diesen Schulen so einzurichten, daß er das Interesse unserer Jugend erregt. Diese zu belehren, ist heute schwieriger, denn je. Unsere Jünglinge haben meist „schrecklich viel gelesen." Mit der alten Cheder- Weisheit richtet man bei ihnen nicht viel aus. Wie man sieht, ist der Unterricht im Hebräischen wirklich ein Problem zu nennen und ein schwieriges noch obendrein. Wir müssen heute mit dem Geiste der Zeit, der Herren eigenem Geiste, rechnen. Es muß dem sich vielfach anders, als in vergangenen Tagen, äußerndem Bildungsdrange Rechnung getragen werden, man muß die so leichtfertige Uebertrittsbewegung beachten, die nicht allzu eifrige Unterstützung von seite des Hauses erwägen, wenn man diesem Probleme nahe rückt. Aber eines muß gefordert werden, und das ist: Wirklich gebildete, pädagogisch geschulte Lehrer. Nicht ein jeder, der nicht Rabbiner werden konnte, ist schon ein Lehrer. Der Mann mag ja vielleicht sogar Kenntnisse im Talmud besitzen, mag sicli auch solche in Bibel und Grammatik und den Kommentaren erworben haben, deshalb muß er noch kein Lehrer sein. Wer unsere Jugend durch einen verständigen, warmen, anziehenden, ja temperamentvollen Vortrag nicht zu fesseln vermag, wird auf keinem Unterrichtsgebiete etwas leisten, am wenigsten auf dem des Religionsunterrichtes und insbesondere nicht auf einem doch so ferne liegendem Gebiete, wie dem des Unterrichtes im Hebräischen. Wir bedürfen gebildeter, pädagogisch tüchtiger Lehrer, die mit der Macht des Wortes unsere Jugend zu gewinnen verstehen. Mag diese eine Konjugation, einen Status constructus, eine Stammbildung nicht gleich begreifen, so sehe der Lehrer darauf, ihr die Anschauung von der lebendigen Kraft, der blendenden Schönheit, dem hehren Adel, der Bilderpracht der hebräischen Sprache beizubringen. Ein trockener Pedant, ein Grammatikfuchser, ein in Fachsimpelei versunkener Schulmeister, und vor allem ein über einen enggezogenen Kreis nicht hinausblickender, ungebildeter Mensch, kann, nicht Lehrer der Religion und des Hebräischen für unsere heutige Jugend sein. Was wir nicht im Herzen besitzen, dafür werden wir auch nicht die jungen Herzen erwärmen. — Der Hebräisch- Unterricht hat seine unverkennbaren Schwierigkeiten. Aber diese wird, wenigstens teilweise, immer überwinden, der vielseitig gebildete und tüchtige Lehrer. GEMeiN£>e=<JNO VSRGiNSNÄlftRiCWW Wien. Chanukafeier im jüdischen Schulverein für den 9. Bezirk. Vorige Woche veranstaltete der Vorstand des jüdischen Schul Vereines für den 9. Bezirk in den Vereinslokalitäten, IX., Seogasse 16, eine Schiiler-Chanukafeier, welche einen glänzenden Verlauf nahm. Zu der Feier hatten sich eingefunden der gesamte Vereinsvorstand, Ehrenpräsident des Vereines Herr Dr. Gustav K o h n, zahlreiche Religionslehrer, Vertreter verschiedener Vereine usw. Die Festlichkeit begann mit einer Begrüßungsansprache des Vereinsobraannes, worauf Vereinslehrer Bronner eine, die Bedeutung des Chanukafestes für die jüdischen Schüler würdigende inhaltsreiche Festrede hielt. Die darauffolgenden Schülerproduktionen fanden reichlichen Beifall, die mit echtem Pathos und innigem Verständnis vorgetragenen nationalen und religiösen Lieder legten beredtes Zeugnis ab, daß die Bestrebungen der Vereinsleitung wahre Religiosität und Stammesbewußtsein in die Herzen der Schuljugend zu streuen, von bestem Erfolg begleitet waren. Wien. Verein „Esrath Israel". Dieser Verein hat im Hause IL, Floßgasse 9, unter großen Opfern eine koschere Suppen- und Teeanstalt errichtet, die eine wahre Wohltat für die arme jüdische Bevölkerung bildet. Die Anstalt ist auch gleichzeitig eine Wärmestube, Um das Zustandekommen des geräumigen Lokales und seiner Instandsetzung hat sich besonders der Obmann, Herr S. Komet, verdient gemacht. Wien. Chanukafeier des Hietzinger b rauenwohltätigkeitsvereines. Unter den vielen Festen, die in Wien zu Chanuka gefeiert werden, verdient das des Hietzinger Frauen wohl tätigkeitsvereines, welches am 19. Dezember 1911 in Hopf ners Parkhotel Schönbrunn veranstaltet wurde, besondere Würdigung. Der Vorstand des Vereines hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen 200 verlassene Kinde-, die auf Küsten von Behörden in FamilienpHege in Wien untergebracht sind, stetig zu inspizieren, sie mit allem, was an Kleidern, Wäsche und Schuhen brauchen, zu versehen und ihnen vor allem Liebe und Freude zu bieten. 30 Damen sind an diesem Liebeswerk beteiligt, die mütterlichen Schätzerinnen und Freundinnen der armen, entweder beider Eltern oder eines Elternteiles beraubten Kinder. Zu Chanuka erhielten diese ihre ganze, neue Ausstattung 5 Bilder rührender Freude und inniger Rührung boten sich dar, wenn oie Kleinen in veränderter, äußerer Gestalt aufmarschierten. Am 19. wurden 231 Kinder — andere kleine Gäste waren mit eingeladen worden — mit Spielsachen, Büchern und Backwerk beschenkt und im herrlichen Saale des Parkhotels mit einer Festjause von den Damen selbst bewirtet. Die mächtige Bewegung der Kinderfürsorge findet im Hietzinger Frauenwohltätigkeitsvereine unter Leitung der Frauen Laura Krenberger, XIII., Auhofstraße 221, Gisela Zirner, XIII., Neue Weltgasse 9 und Hermine Bernfeld, XIII., Suppegasse 10, werktätige Hilfe. Berlin. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums hat soeben ihren neunten Jahresbericht herausgegeben. Er beginnt mit einem Nachruf auf das im Berichtsjahre dahingeschiedene Mitglied des Ausschusses, Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein (Stettin). Der Mitgliederbestand ist abermals um nahezu hundert gewachsen. Die Finanzen haben sich im ganzen günstig entwickelt. Der Bericht erwähnt sodann die kostenlose Erteilung mehrerer Werke an die Mitglieder der Gesellschaft und deren neueste Publikationen, von denen wir den II. Band der Talmudischen Archäologie von K rauß und den III. Band der neuesten Geschichte des jüdischen Volkes von Philip pson hervorheben; letzteres Werk ist mit diesem Bande abgeschlossen. Die großen wissenschaftlichen Unternehmungen der Gesellschaft schreiten weiter fort; für bestimmte wissenschaftliche Aufgaben hat die Gesellschaft sich mit dem Gesamtarchiv der deutschen Juden zu gemeinsamer Arbeit vereinigt. Der Bericht erwähnt zum Schlüsse die reichen Erfolge, die von der Gesellschaft ausgehen und die sich nicht nur in ihrem äuseren Erstarken und dem Anwachsen ihrer Mitgliederzahl, sondern auch in dem zunehmenden Verständnis für das Judentum und seine Wissenschaft, in jüdischen wie auch in christlichen Kreisen dokumentieren. Die Mitgliederversammlung der Gesellschaft, welche dem Andenken Ludwig Philippsons aus Anlaß der 100. Wiederkehr seines Geburtstags gewidmet ist, findet in Berlin am 3. Jänner 1912 statt; die Festrede hält das Mitglied des Ausschusses, Herr Dozent Dr. I. E1 b o g e n.

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