Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 24 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 24 Ein fürchterlicher Schlag für die junge Familie. Marek Lewinstein ließ nichts unversucht, er wandte sich an alle möglichen Persönlichkeiten, um seine Existenz, sein tägliches Brot zu retten, aber die Zeit war zu kurz. Er konnte nichts mehr ausrichten. Dann klopfte er überall an die Türen seiner einflußreichen Klienten, damit sie sich für ihn wegen Aufhebung des Ausweisungsbefehles verwenden. Aber überall begegnete man ihm nur mit einem bedauernswrten verbindlichen Lächeln. Und er bekam oft die Worte zu hören: „Weißt du, Marek Pawlowitsch, du bist ein kluger und netter Mensch — ganz anders wie die andern Juden. . . . Geh, sei nicht dumm, laß dich taufen und werde einer von den unsern! Wir haben dich wirklich alle in unser Herz geschlossen. Es wäre wirklich schade, wenn du uns verlassen solltest! Sei auch diesmal klug und werde unser Bruder! ..." Wenn Marek dann erwiderte, seine Frau würde dies nie tun, sich nie taufen lassen, wenn e r sich auch zu einem solchen Schritt entschließen könnte, so erhielt er die Antwort: „Was? Das wäre doch noch schöner! Was ist denn so ein Weib? Man gibt seiner Frau einen Befehl und damit basta! Sie hat blind zu gehorchen. Und darum, Marek, wollen wir uns jetzt mit dir verbrüdern!" Bei diesen Worten klopften sie ihm freundlich auf die Schultern und sprachen sich so in die russische Rührseligkeit hinein, daß ihn einer gar küßte. ... Wie von Sinnen durchstreifte Lewinstein diese vier Wochen die Straßen Petersburgs. Irgendwo wollte er eine Protektion auftreiben. Alles, was er erreichen konnte, war aber nur eine kurze Aufenthaltsverlängerung. Blutenden Herzens mußte er d;e Möbel verkaufen, konnte nicht einmal seine Außenstände eintreiben und mußte in die Welt hinauswandern. . . . Nun hatte er sich gerade diesen Ort ausgesucht, weil er hier vor einigen Jahren gewesen war und sich erinnerte, daß in dieser Gegend viele Gutsbesitzer wohnten, die mit Juden in Geschäftsverbindung standen. Damals wohnten hier auch reiche jüdische Kaufleute, die seine Eltern kannten. Mit den in Petersburg zusammengebrachten 10.000 Rubeln glaubte er mit seiner Familie in diesem gottverlassenen Nest ein Haus führen zu können, wie sie es gewohnt waren, und Rachel brauchte dann nicht mehr in steter Unruhe wegen der Entziehung des Wohnrechts zu leben. In der ersten Zeit fühlten sie sich in der neuen Umgebung ganz zufrieden. Wie man sich eben in einer neuen Stadt fühlt. Dazu kam hier noch das ruhige und billige Leben, das Gefühl der Sicherheit, daß man nicht über Nacht die Stadt verlassen müßte. Als sich Lewinstein aber daran machen wollte, in der Stadt Umschau zu halten, als er sich die Menschen näher ansah, nach seinen alten Bekannten ausschaute, da gab es ihm einen Stich ins Herz. Die Gutsbesitzer, auf die er seine Hoffnungen gesetzt hatte, waren wie ausgestorben, und die noch da waren, hatten gerade gar keine Geschäfte mit Juden. (Fortsetzung folgt.) LITERATUR UND THEATER Dr. D Feuchtwang: Das Wasseropfer und die damit verbundenen Zeremonien. Wien 1911. Das Wasserfest (Simchath beth haschoevah) wurde zu einem der wichtigsten religiösen Volksfeste in Jerusalem erhoben, seit Simon ben Schatah und J u d a ben Tabai aus der Verbannung, die sie sich unter dem Zwange der Verhältnisse selbst gewählt hatten, zurückgekehrt waren. Am Hofe der gerechten und weisen jüdischen Königin Salome Alexandra haben sie eine so hervorragende Iiolle gespielt, daß sie in der Lage waren, nicht nur das jüdische religiöse Leben zu restaurieren, sondern ihm auch den Stempel und das Gepräge ihres Geistes aufzudrücken. Ueber dieses Wasserfest, das nach talmudischen Berichten unter Entfaltung großen Pomps gefeiert wurde, hat der Wiener Rabbiner Dr. David F e u c h t w a n g die vorliegende gelehrte Studie veröffentlicht. Der Verfasser führt alle Stellen aus der alten jüdischen Literatur an, welche auf die Wasserlibation Bezug haben und tritt so mit großem Erfolg den Beweis an, daß der Brauch des Wasseropfers zwar sehr alt, aber nicht biblisch sein könne. Der geistige Zusammenhang zwischen dem Wasserfeste, das am siebenten Tage des Laubhüttenfestes gefeiert wurde und zwischen dem feierlichen Gebete um Regen, das am Schmini Azereth verrichtet wird, ist nach der klaren Darlegung des Verfassers nicht mehr in Abrede zu stellen. Die etymologische Auseinandersetzung über Sitin (Tr. Thaanith 25 b), die hochinteressante Interpretation der Bedeutung des Eben stijah sind sehr beachtenswert. Hat nun auch das jüdische Wasserfest, im Gegensatze zu vielen Behauptungen anderer Forscher (Hanneberg) mit den Dionysosfesten nichts gemein, so muß aber andererseits dem Verfasser vorliegender Schrift in dem Punkte zugestimmt werden, daß der Ursprung der Wasserlibation zwar kein jüdischer sei, daß er aber ein jüdisches Gepräge erhielt. Zum Schlüsse sei dem Referenten gestattet, in bezug auf Eben stijah darauf hinzuweisen, daß auch Poseidon, der Meeresherrscher, Erschütterer und zugleich Befestiger der Erde war. Rabbiner Dr. Kaufmann, Virovitica. * * * Tolstoi in hebräischer Uebersetzung. Der Verlag „Misrach U-Maarab" (Ost und West) in Wilna gibt eine Auswahl von Tolstois Werken in hebräischer Uebersetzung heraus. Als erster Band dieser hebräischen Tolstoi-Ausgabe erschien vor kurzem der Roman „Kindheit". Dem Buche gehen als Einleitung zwei literarische Essays voraus: „Tolstois Lebensgeschichte" von J. Ch. Rawnitzky und „Tolstoi der Künstler" von Dr. J. Eljascheft. Fast gleichzeitig mit der hebräischen Ausgabe von Tolstois „Kindheit" ist im Verlage „Jepeth" in Jaffa eine hebräische Uebersetzung der btkannten Tolstoischen Erzählung „Der Tod des Iwan Ilitsch" erschienen. Eine italienische Anthologie der neuhebräischen Lyrik. Armando Sorani, ein junger italienischer Schriftsteller und Hebraist, von dem vor Jahresfrist eine italienische Uebersetzung ausgewählter Gedichte von Ch. N. Bialik erschienen ist, veröffentlicht jetzt eine Studie über Saul Tschernichowsky mit Proben aus seinen Dichtungen Demnächst gedenkt Sorani eine italienische Anthologie der modernen hebräischen Lyrik herauszugeben. * * * Eine Darstellung der neuhebräischen Dichtung in französischer Sprache. Soeben ist im Verlage des Mercure de France in Paris ein beachtenswertes Buch erschienen: „La poesie lyrique hebrä'fque Contemporaine 1882—1910" von Dr. Nahum Slousch, Privatdozent für neuhebräische Literaturgeschichte an der Sorbonne. Dr. Slousch hat bereits vor zwei Jahren eine Geschichte der modernen hebräischen Literatur („La Renaissance de la litterature hebrai'que," Paris 1909) herausgegeben. erieurs ■■ ■ B ■ - zeitgemäss *^ m mm Möbelfabrik und und niÄhllOn vornehm IflDYlVlll* Architektur: VI. Bezirk, iüros Hilf Ii HCl 1 preiswert mUIM Mariahilterstrasse Nr. 31.